Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl als zu spüren, dass man …

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„Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann.“

Dietrich Bonhoeffer
Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein deutscher Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christen, und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Wer mag schon einen Griesgram leiden?

Wer kennt ihn nicht, den ständig schlecht gelaunten, mürrischen oder abweisenden Menschen? Manchmal hat man den Eindruck, dass er Menschen geradezu hasst. Er ist der typische Griesgram (oder der Grantler, wie er im bairisch-österreichischen Sprachraum genannt wird), der subtil einfordert, seine Launen zu respektieren und ihn zum Zentrum der Aufmerksamkeit zu erheben.

Nicht wenige Menschen sind im Grunde mit sich selbst unzufrieden und dann neigen sie dazu, sich dafür zu rächen – an den Mitmenschen. Friedrich Nietzsche, Philologe und Philosoph, drückte es so aus: „Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen.“. Und Paul Watzlawick, Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Philosoph, bringt den Aspekt der Machtlosigkeit als Grund für Rache ins Spiel: „Rache ist eine Handlung, die man begehen möchte, wenn und weil man machtlos ist: Sobald aber dieses Gefühl des Unvermögens beseitigt wird, schwindet auch der Wunsch nach Rache.“.

Das Bild des Griesgrams wird recht gut von der fiktiven Figur des Ebenezer Scrooge in der sehr bekannten und verfilmten Novelle „A Christmas Carol“ von Charles Dicken verkörpert. Ebenezer Scrooge ist zu Beginn der Novelle ein kaltherziger Geizhals, der eine negativ wertende Haltung gegenüber der Menschheit einnimmt und sich deshalb unmenschlich gegenüber seinen Mitmenschen verhält. Die Novelle erzählt, wie aus dem einsamen, griesgrämigen und geizigen Ebenezer Scrooge ein warmherziger Mensch wird. Dazu ist allerdings die tatkräftige Mithilfe dreier Geister notwendig, die ihm gewissermaßen den Spiegel vorhalten und ihn mit seinem Verhalten konfrontieren.

Ein Griesgram ist etwas für seine Mitmenschen – nur was? Er ist der Nörgler, der Miesmacher, der in seinem Charakter geprägte Menschenhasser, wie stark dieser Menschenhass auch ausgeprägt sei. Einem Griesgram geht man jedenfalls gerne aus dem Weg, denn er hat nichts Positives von sich zu geben. Er kann nur die Stimmung nach unten ziehen, wenn man ihn denn lässt. Mit jemand, der für seine Mitmenschen nichts Positives ist, verbindet man sicherlich kein beglückendes Gefühl.

Wer kann für andere etwas Positives sein?

Dieterich Bonhoeffer hatte alles andere als den typischen Griesgram vor Augen, als er seine Gedanken in Worte fasste. Vielmehr dachte er an Menschen, denen ihre Mitmenschen wichtig sind. Mitmenschen werden nicht nur geduldet – sie bedeuten einem viel. Menschen können sogar als wichtiger im Leben als alles andere betrachtet werden, wichtiger als Geld, Wohlstand, Ansehen usw.

Der Gegenpol des typischen Griesgrams ist menschenzugewandt und warmherzig, ein realistischer Menschenfreund. Ein derartiger realistischer Menschenfreund weiß auch um die menschlichen Schwächen – er kennt sie schließlich auch bei sich selbst – und bleibt trotzdem menschenzugewandt und warmherzig. Er ist nicht mit sich unzufrieden und fühlt sich auch nicht machtlos. Deshalb verspürt er auch nicht das Bedürfnis, sich an anderen zu rächen.

Den Menschenfreund findet man zu allen Zeiten in der Menschheitsgeschichte. Ganz unterschiedliche Menschen hinterließen ihre ganz eigenen Spuren. Sie konnten etwas für ihre Mitmenschen sein, um es im Einklang mit Bonhoeffers Worten auszudrücken. Dass man diesen Menschentypus mit Namen verbindet, wie beispielsweise Albert Schweitzer („Urwaldarzt“, der im heutigen Gabun in Äquatorialafrika ein Krankenhaus für die einheimische Bevölkerung erbaute und betrieb) oder Henri Dunant (Gründer des Roten Kreuzes), liegt nahe.

Albert Schweitzer und Henri Dunant haben es in die Geschichtsbücher geschafft. Über die meisten Menschen, die für Ihre Mitmenschen etwas Positives sind, ist in den Geschichtsbüchern jedoch nichts zu lesen. Nichtsdestotrotz bringen sie in der Gesellschaft ihre Menschenfreundlichkeit zum Ausdruck, vielleicht auch in ihrem Beruf als Arzt/Ärztin, Krankenpfleger/-schwester, Altenpfleger(in) usw. Sie lieben ihren Beruf und sehen ihn nicht in erster Linie als Verdienstquelle. Oder sie drücken ihre Menschenfreundlichkeit einfach durch ihr Sein aus, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen.

Als Theologe hatte Dietrich Bonhoeffer sicherlich vor Augen, dass der Mensch vor Gott Ansehen und Würde besitzt, unabhängig von seiner Leistung und wie er sein bisheriges Leben geführt hat. Auf dieser Basis kann der Mensch die wertschätzende Liebe Gottes an seine Mitmenschen weitergeben. Er kann und wird für andere etwas Positives – bildlich gesprochen, ein heller Punkt im Leben – sein.

Für andere etwas sein – Leben im Sein

Viele Menschen denken von sich selbst gering. Dabei haben sie wohl vor allem ihre Leistung vor Augen. Was hat man im Leben schon geleistet? Was leistet man gerade? Wieviel Geld verdient man? Wieviel besitzt man? Was kann man sich alles leisten? Wie schneidet man andern gegenüber ab?

Wenn man sich mit anderen vergleicht, wird man immer feststellen, dass andere mehr haben oder etwas besser gemacht haben. Dann ist der Weg zur Selbstabwertung kurz. Søren Kierkegaard hat es treffend formuliert: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“.

Es gibt auch eine andere Perspektive, und die fokussiert auf das „Sein“. Diese Perspektive hat Dietrich Bonhoeffer im Blick. Dann könnte man einige der vorstehenden Fragen entsprechend umformulieren, etwa so: Was ist man im Leben schon gewesen? Was ist man gerade im Leben? Was ist man für andere?

Wenn es um das „Sein“ geht, muss niemand arm sein. Jeder kann für einen oder mehrere Mitmenschen etwas sein und ihr/sein Leben bereichern. Beispielsweise den Mitmenschen bewusst wahrnehmen, ihm ein Lächeln schenken, kostet nichts. Vielleicht ist es für die Person das einzige Lächeln, das sie an diesem Tag erfährt.

Möglichkeiten, für andere etwas zu sein, gibt es in vielerlei Gestalt. Manchmal ist es auch nur das kurzzeitige da-sein, das einen anderen in einer für ihn kritischen Zeit bereichert. Und es kann auch die jahrelange vertrauensvolle und tiefe Freundschaft sein. Oder es kann auch eine Rolle sein, die man in seinem Leben übernehmen möchte, beispielsweise die Rolle des Mutmachers oder die des Helfers.

Der Mutmacher

Ist man manchmal enttäuscht, niedergeschlagen oder entmutigt und wünscht sich einen Menschen, der einem einfach ein gutes Wort sagt? Dann ist der Mutmacher gefragt. Er kann einem die andere Seite der Medaille zeigen, die man selbst gerade nicht sehen kann. Man kann nur das Negative wahrnehmen, aber der Mutmacher weist auf das Positive hin. Und so können beim Anderen die eigenen Stärken und das, was man im Leben bisher schon geschafft hat, wieder in das Blickfeld kommen. Aus einer seelischen „Schieflage“ kann wieder ein seelisches Gleichgewicht werden und man hat wieder einen anderen Blick auf sich selbst.

Muss man einen Mitmenschen näher kennen, um Mut machen zu können? Im Alltagsleben begegnet man schließlich oft Menschen, die man nicht oder nur flüchtig kennt. Selbst dann kann eine einfache Beobachtung, die man wohlwollend kommentiert, mutmachend wirken. Man mag beispielsweise wahrnehmen, dass eine Mitarbeiterin im Ladengeschäft ein Geschenk schön verpackt. Ein „Sie haben das sehr gut gemacht“ kann etwas bewirken. Schließlich kennt man die Situation dieser Mitarbeiterin nicht. Vielleicht hat sie kurz zuvor ebenfalls ein Geschenk verpackt und es gelang ihr nicht so gut. Sie war mit sich unzufrieden. Aber jetzt sieht sie wieder die andere Seite der Medaille, dass sie „es kann“. Anerkennung geben kann auch Mut machen.

Der Helfer

Der Helfer ist ein Mensch, der seinen Mitmenschen in den kleinen Dingen des Lebens zu Seite steht. Wenn er für einen Mitmenschen etwas tun kann und es sich mit seinen eigenen Wertvorstellungen deckt, verschließt er sich nicht. Vielleicht ist der gehbehinderte Nachbar froh, wenn man im Supermarkt für ihn etwas besorgt. Oder man kann sich ehrenamtlich engagieren und beispielsweise in der Lebensmittelausgabe der Tafel mitwirken. An Möglichkeiten, wie man sich als Helfer engagieren kann, mangelt es nicht.

Was hat man selbst davon?

Wenn man für seine Mitmenschen etwas ist, verändert man deren Leben. Man macht ihnen etwas leichter. Wäre man nicht präsent, würde etwas fehlen. Insofern wirkt man in der Tat lebensverändernd. Für Nelson Mandela, südafrikanischer Aktivist und Politiker, war dies sogar ein wesentlicher Aspekt für die Lebensbilanz. Er formulierte es so: „Was im Leben zählt, ist nicht, dass wir gelebt haben, sondern, wie wir das Leben von anderen verändert haben.“.

Für andere Menschen etwas zu sein – ohne erwartete Gegenleistung -, bereichert einen selbst. Doch wird man immer ein Gefühl spüren, das einen erfüllt, wenn man für einen Mitmenschen etwas sein konnte? Manchmal wird es so sein, manchmal nicht. Wenn die Menschenfreundlichkeit ein Grundzug des eigenen Charakters geworden ist, wird man diese nicht mehr als etwas Besonderes empfinden. Deshalb mag es durchaus sein, dass man für jemand etwas sein konnte, es aber selbst so nicht wahrnimmt. Vielleicht hat man einfach jemand einen schweren Koffer aus dem Zugwagen auf den Bahnsteig gehoben. Für einen selbst war es eine kleine Gefälligkeit, die man jemand erwiesen und nicht weiter darüber nachgedacht hat, aber für den Mitmenschen war es eine Erleichterung.

Kommt es darauf an, möglichst viel zu tun? Mit anderen Worten: Sind Zahlen entscheidend? Falls dies so wäre, ginge es doch wieder um Leistung. Doch nicht die Leistung steht im Mittelpunkt, sondern die Intensität. In der zwischenmenschlichen Interaktion kann man die Erfahrung machen, dass wirklich Beziehung entsteht, die sich manchmal rein verstandesmäßig nicht fassen lässt.

Muss man selbst in einer „guten“ Verfassung sein, um für andere etwas sein zu können? Vielleicht hat man es gerade selbst nicht leicht. Doch sogar dann, wenn es einem selbst nicht so gut geht, hat das „etwas sein“ für Mitmenschen den Charakter der Selbsthilfe. Martin Seligman, Begründer der Positiven Psychologie, machte die Erfahrung, dass zum eigenen Glück nichts so sehr beiträgt, wie andere glücklich zu machen.

Wenn es tatsächlich so ist, dass es kaum ein beglückenderes Gefühl gibt, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann, gibt es auch eine Konsequenz. Man nimmt sich selbst etwas weg, das beglückende Gefühl, wenn man für andere nichts sein will.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.