Ich gebe keine Macht ab! – Ein praktisches Rezeptbuch

Ich gebe keine Macht ab ! Bei Konflikten für jeden wichtig, aber was bedeutet das konkret? Wenn sich schon Konflikte mit anderen Menschen nicht vermeiden lassen  –  wie ist es möglich, sich selbst wirkungsvoll zu behaupten und zu schützen?

Ein alltäglicher Konflikt, irgendwo in Deutschland. Es geht um einen Konflikt zwischen Nachbarn. Ein Nachbar, nennen wir ihn Bernd, beschuldigt den anderen – ihn nennen wir Alex. Es geht darum, dass Alex, seine Musikanlage zu laut aufgedreht haben soll. Bernd fühlte sich dadurch gestört.

Als sich die beiden am nächsten Tag begegnen, beginnt Bernd ein Gespräch. Er gibt Alex zu verstehen, dass er ein Problem habe. Sehr schnell wechselt Bernd die Lautstärke, beginnt zu schreien und Alex lautstark zu beschimpfen. Alex ist zunächst sprachlos. Er kommt nicht mehr dazu, etwas zu entgegnen, denn Bernd verschwindet schnell hinter seiner Tür.

Wenige Tage später wiederholt sich die Situation. Als Alex Bernd höflich „Guten Tag“ sagt, entgegnet Bernd, dass Alex ihn nicht mehr zu grüßen brauche. Wieder ist Bernd nach sehr kurzer Zeit äußerst lautstark zu vernehmen. Die Vorwürfe überschlagen sich und Bernd behauptet darüber hinaus Unwahres. Erneut hat Alex keinerlei Gelegenheit, etwas zu entgegnen, denn wiederum verschwindet Bernd hinter seiner Tür.

Beide ärgern sich

Alex ist wütend. Er erwartet, von seinem Nachbarn respektvoll behandelt zu werden. Schließlich hätte das Problem sehr wahrscheinlich einvernehmlich geklärt werden können, wenn es denn zu einem sachlichen Gespräch gekommen wäre. Das aber hat Bernd nicht zugelassen.

In den folgenden Tagen kommt in Alex immer wieder Ärger hoch. Einerseits ärgert er sich über das Verhalten seines Nachbarn, andererseits über sich selbst. Weshalb muss er immer wieder an diese Auseinandersetzungen denken? Allerdings ärgert sich Alex nicht nur. Wenn er vor seinem geistigen Auge nacherlebt, wie er Bernd schnell hinter seiner Türe verschwinden sieht, schmunzelt er unwillkürlich innerlich.

Ärger – worüber eigentlich?

Alex merkt, dass er der Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn Macht in seinen Gedanken einräumt. Als er überlegt, worüber er sich eigentlich tatsächlich ärgert, fallen ihm folgende Punkte ein:

  • Er fühlt sich von Bernd respektlos behandelt;
  • Bernd scheint wesentliche Defizite in seinem Sozialverhalten zu haben. Ein Mensch in der zweiten Lebenshälfte sollte in der Lage sein, einen Konflikt sachlich auszutragen;
  • Bernd macht nach seinem Empfinden aus einer Mücke einen Elefanten. Was ist wirklich passiert? Und: war die Musikanlage überhaupt zu laut?

Alex kommt es „dumm“ vor, sich eigentlich über das mangelhafte Sozialverhalten seines Nachbarn zu ärgern. Auf den Punkt gebracht, könnte er formulieren: „Ich ärgere mich darüber, dass es mein Nachbar nicht geschafft hat, in seinen über 50 Lebensjahren soziales Verhalten zu lernen“. Nun wird klar: die menschliche Unreife ist das Problem seines Nachbarn, nicht seines. Er wird seinen Nachbarn nicht ändern können. Er hat nur „Macht“ über eine einzige Person: sich selbst. Weshalb sollte er dann dieses Problem zu seinem machen und sich auch noch darüber ärgern?

Zu viel verlangt, entscheidet Alex. Er beschließt für sich, von sich aus seinem Nachbarn künftig keinen Anlass zur Beschwerde zu geben. Und er respektiert Bernds Wunsch, nicht mehr gegrüßt zu werden.

Gedanken in den Griff bekommen

Alex kann nicht verhindern, dass sich die Erinnerungen an diese Auseinandersetzungn gelegentlich in seine Gedanken einschleichen. Aber er beschließt, diesen Gedanken keine Macht zu geben. Anders und konkreter formuliert: „Ich gebe meinem Nachbarn keine Macht über meine Gedanken!“

Immer wenn diese Erinnerungen und der Ärger wieder auftauchen, nimmt er es zu Kenntnis und sagt für sich: „Stopp! – Erledigt!“ Dann wendet er sich bewusst anderen Gedanken zu. Mit der Zeit gelingt Alex dies immer besser. Er grenzt sich ab.

Dieses kleine Beispiel aus dem Alltag steht stellvertretend für eine Unzahl kleiner wie großer Konflikte. Und es steht stellvertretend für eine Möglichkeit, selbstschonend damit umzugehen. Die Methode lautet: „Ich gebe keine Macht ab!“ Oder etwas ausführlicher ausgedrückt: „Ich lasse meine Lebensqualität nicht von einem anderen Menschen beeinträchtigen“.

Was ist wirklich passiert?

Ich gebe keine Macht ab! Wenn Emotionen hoch-kochen, fällt es nicht leicht, kühlen Kopf zu be-wahren. Etwas zeitlicher Abstand und eine Situationsbewertung helfen dabei, souverän zu handeln und weitere Konfliktverschärfungen zu vermeiden.

Die ersten Fragen können lauten: Was ist wirklich passiert? Ist jemand oder etwas zu Schaden gekommen? Falls ja, handelt es sich um einen dauerhaften oder um einen vorübergehenden Schaden? Am Beispiel des Konflikts zwischen Bernd und Alex fällt die Einordnung leicht. Niemand wurde verletzt und muss mit dauernden Schäden weiterleben. Auch Sachschäden sind nicht eingetreten.

Zur persönlichen Einordnung wird es sich immer als sehr hilfreich erweisen, ein einigermaßen objektives Maß für die Dimension des Konflikts zu finden. Im Vergleich zu den Problemen dieser Welt erscheint der Vorfall geradezu lächerlich. Tagtäglich müssen unzählige Menschen auf dieser Erde Hunger und Durst leiden, müssen ihre Heimat verlassen, leiden an bewaffneten Konflikten, haben schwere Krankheiten zu ertragen, werden gequält, geraten unverschuldet in Not. Die Aufzählung ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Kurzum, die Leiden der Menschen in dieser Welt sind in jedem einzelnen Augenblick unermesslich groß.

Für Bernd war die empfundene Belästigung jedoch ein riesiges Problem. Ob von der Sache her wirklich gerechtfertigt oder nicht, darüber macht sich Bernd keine Gedanken. Jedenfalls war das Problem für ihn so groß, dass er völlig die Beherrschung verlor. Bernds persönliche Einordnung des Konflikts ist zu respektieren. Aber Bernds Maßstab gilt nur für ihn persönlich, nicht für Alex.

Wie ordnet Alex die Situation ein? Wie sieht seine Skala zwischen „Super-GAU“, dem größten anzunehmenden Unglücksfall, und einem unbedeutenden Vorfall aus? Aus seiner Sicht wäre ein Beziehungskonflikt in seinem engsten familiären Umfeld sehr schlimm. Ihn beschäftigt auch gelegentlich die Befürchtung, dass ein Unfall oder eine Krankheit die Familie treffen könnte. Alex ist sich bewusst, dass das Leben am „seidenen Faden“ hängt. Im Vergleich dazu hat der Konflikt mit Bernd somit für Alex den Charakter einer Randnotiz.

Bei diesem kleinen Konflikt treffen zwei völlig unterschiedliche Bewertungen aufeinander. Auf einer Skala von 1 – 10 würde Alex vermutlich eine „1“ vergeben, Bernd vielleicht eine „8“. Beide Bewertungen sind zu respektieren. Sie dürfen auch so stehen bleiben, denn sie entsprechen der ehrlichen Einschätzung der Kontrahenten. Bei Bernd scheint mehr die gefühlsmäßige Bewertung den Ausschlag zu geben, bei Alex ist es mehr die rationale Einschätzung.

Alex wird somit Bernds Wunsch, die nachbarschaftlichen Beziehungen „einzufrieren“, respektieren. Dieser Wunsch kam darin zum Ausdruck, nicht mehr gegrüßt werden zu wollen. Dies war Bernds freie Willensentscheidung. Sollte Bernd die Beziehungen wieder intensivieren wollen, ist Alex dafür offen, erwartet dann aber, dass Bernd die menschliche Größe aufbringt, sich zu entschuldigen. Solange dies nicht geschieht, wird Alex selbst kein „Öl ins Feuer gießen“ und von seiner Seite aus darauf achten, sich gegenüber seinem Nachbarn korrekt zu verhalten.

Wie reagiert Alex, falls Bernd ihn ansprechen sollte? Alex kann Bernd in ruhigem, sachlichem Ton fragen, worüber er denn sprechen möchte. Es liegt dann an Alex, für sich zu entscheiden, ob er sich auf ein Gespräch einlassen möchte oder nicht. Falls nicht, antwortet er Bernd etwa so: „Ich möchte darüber jetzt mit Ihnen nicht sprechen“. Mit dem Wörtchen „jetzt“ lässt Alex die Tür für ein künftiges Gespräch offen, ohne sich in eine Sackgasse zu manövrieren. Sollte Bernd jedoch erneut die Beherrschung verlieren, kann sich Alex zurückziehen und bleibt Herr der Situation.

Alternativ könnte Alex der Frage: „Worüber möchten Sie mit mir sprechen?“, eine Klarstellung anfügen: „Wenn Sie wieder ausfällig werden, breche ich das Gespräch sofort ab!“ Dann liegt es an ihm, zu bestimmen, wann er das Gespräch nicht mehr weiterführen möchte.

Bei beiden Varianten bleibt Alex bei seiner Linie, keine Macht über sich abzugeben. Er bestimmt, ob er mit Bernd reden möchte, und, falls ja, worüber und wie lange. Zugleich lässt er die Tür offen, falls Bernd die Beziehung wieder „entstören“, versöhnlichere Töne anschlagen und sich entschuldigen möchte.

Das Grundmuster des Umgangs mit diesem Konflikt lässt sich auch auf Konflikte wesentlich größerer Dimension und Bedeutung übertragen. Die Haltung des Kontrahenten wird respektiert, auch wenn sie aus subjektiver Sicht nicht zu verstehen und nachvollziehbar sein mag. Und Alex, der vielleicht noch in völlig anders gelagerte und in ihrer Dimension ungleich schwerwiegendere Konflikte einbezogen ist, bleibt ganz bei sich und behält das Heft des Handelns in der eigenen Hand.

Alex konzentriert sich auf die Sache, lässt sich nicht von Emotionen leiten. Seine Kommunikation bleibt auf der „Erwachsenenebene“. Er vermeidet sowohl in die Rolle des „Schulmeisters“ zu geraten, der Bernd von oben herab belehrt, als auch in die Rolle des „beleidigten Kindes“ zu schlüpfen.

Mögliche Reaktionsmuster

Ein Angriff, sei er verbal oder gar tätlich, provoziert verständlicherweise eine Reaktion. Wer lässt sich schon gerne beschimpfen, beleidigen, ungerechtfertigt beschuldigen oder auf andere Weise verletzen? Aber dann stellt sich die Frage, wie die (Gegen)reaktion ausfallen kann.

Meistens ist nicht nur eine Reaktion möglich und es muss sich auch nicht um eine Gegenreaktion im eigentlichen Sinn handeln. Alex kann im Grunde genommen auf drei verschiedene Arten und Weisen auf Bernd reagieren.

Wie Alex konkret reagieren kann, wird in kommenden Beiträgen eingehender besprochen. Die Reaktion soll schließlich nicht dazu führen, dass sich der Konflikt weiter verschärft. Und außerdem möchte Alex das Heft des Handelns in der Hand behalten.

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.