Selbstvergebung? Unbedingt!

Selbstvergebung ist mit dem Thema Schuld eng verknüpft. Und Schuld, ob reale Schuld oder vermeintliche Schuld, löst häufig Schuldgefühle aus. Wie können wir mit Schuld und Schuldgefühlen umgehen?

Fabian (nicht sein richtiger Name) hatte es in seinem Leben zu etwas gebracht. Eine Familie, ein Eigenheim, ein gutes soziales Umfeld, Erfolge im Beruf. Und doch machte er sich selbst Vorwürfe. Beim Zurückblicken auf sein bisheriges Leben stieß er immer wieder auf Defizite.

Da war zum einen seine Tochter, von der er Vorwürfe hörte, er sei in ihrer Kindheit und Jugendzeit nicht genügend für sie dagewesen. Auch seine Frau beklagte immer wieder, dass er für sie und die Familie nicht genügend Zeit gehabt habe.

Aber auch er selbst machte sich beim Zurückblicken auf sein bisheriges Leben Vorwürfe. „Warum habe ich meiner Familie zu wenig Zeit gewidmet?“ oder „Warum habe bei der Berufswahl nicht intensiver nachgedacht? Vielleicht hätte ich in einem anderen Beruf mein Potenzial noch besser ausschöpfen können.“ oder „Warum habe ich diese Investition gegen mein Bauchgefühl durchgezogen? Warum habe ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört?“ Je mehr er nachdachte, desto mehr reale und vermeintliche Fehlentscheidungen, Unterlassungen, Nachlässigkeiten, Boshaftigkeiten usw. kamen ihm ins Bewusstsein.

Fabian ist beileibe nicht der einzige Mensch auf der Welt, dem Schuld und Schuldgefühle Unruhe bereiten. Es ist ein Thema für jeden von uns.

Ich habe Fehler gemacht und mache immer wieder Fehler

Ich habe Fehler gemacht, mache immer wieder Fehler, manchmal mit schwerwiegenden Konsequenzen. Es mag sein, dass nicht nur ich selbst, sondern auch andere darunter zu leiden haben. Vielleicht stecke ich gerade in einer schweren Krise, die ich selbst verursacht habe.

Schuldgefühle - Foto: Kleiton Silva, Unsplash
Schuldgefühle – Foto: Kleiton Silva, Unsplash

Zum einen gibt es die reale Schuld. Ich erlebe sie immer dann, wenn ich einen oder mehrere andere Worte tatsächlich geschädigt habe, sei es durch Worte, durch Handlungen oder auch Unterlassungen.

Zum anderen gibt es eine Form der vermeintlichen Schuld. Ich mache mir intensive Gedanken, dass ich einer oder mehreren anderen Personen geschadet habe. Es mag sein, dass ich indirekt beteiligt war, indem ich beispielsweise nicht den Mut aufbrachte, mich auf die Seite eines Kollegen zu stellen, als dieser unberechtigt vom Chef abgekanzelt wurde. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, etwas richtig zu stellen, habe sie aber nicht genutzt, um selbst in besserem Licht zu erscheinen. Beispiele für solche Situationen, in denen ich möglicherweise jemand indirekt schade, gibt es viele. Vielleicht ist aber durch mich überhaupt kein Schaden entstanden. Trotzdem kann es sein, dass mich Schuldgefühle plagen.

Schließlich kann ich auch Schuld mir selbst gegenüber empfinden. Auch Fabian litt unter solchen Schuldgefühlen. Manchmal treten Selbstbeschuldigungen in typischen Sätzen zutage:

  • Bin ich mal wieder doof!
  • So blöde kann doch nur ich sein!
  • Das hätte mir nie passieren dürfen!
  • Das geschieht mir mal wieder recht!

Schuld und Strafe

Das Prinzip von Schuld und Strafe ist wohl jedem Menschen von frühester Kindheit an vertraut. Eltern, Großeltern, Erzieher, Lehrer, Ausbilder usw. weisen uns Schuld zu. Sie sanktionieren Fehlverhalten bzw. das, was sie als Fehlverhalten ansehen, und bewirken in uns Schuldgefühle. „Du bringst mich noch ins Grab“ oder „Ich habe so viel für dich getan, und das ist jetzt der Dank“, diese Sätze haben so oder ähnlich schon sehr viele Menschen gehört. Schuldgefühle werden leider allzu oft als Erziehungs- oder Disziplinierungsmittel eingesetzt. Sie sollen vermitteln: „Du bist nur dann OK, wenn dein Verhalten meinen Vorstellungen oder Erwartungen entspricht“.

Auch im Erwachsenenalter gilt weiterhin, dass auf Schuld eine Strafe folgt. Wer beispielsweise einen Bankraub begeht und gefasst wird, erhält dafür eine Strafe. Nach Verbüßung der Strafe kann sich der Straftäter wieder frei und ungehindert bewegen.

Im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen werden häufig die Muster der Kindheit weitergeführt. Ein Fehlverhalten kann mit Liebesentzug, Schweigen, Beschimpfungen oder Abbruch des Kontakts sanktioniert werden. Nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Körperhaltung, Blickrichtung und Klangbild der Stimme wirken verstärkend.

Idealerweise folgt der Strafe eine Versöhnung durch Vergebung. Die Schuld ist gewissermaßen gesühnt und getilgt. Jetzt kann der vorherige Zustand wiederhergestellt werden. Beziehung ist wieder möglich. Das Fehlverhalten ist zwar nicht wirklich aus dem Gedächtnis ausgelöscht, aber es belastet die Beziehung nicht mehr.

Was aber, wenn keine Versöhnung folgt, wenn die bestrafte Person sich ungerecht behandelt fühlt und sich rächt? Dann entsteht neue Schuld, die einen Kreislauf auslösen kann. Und wo bleibt dann die Liebe?

Selbstabwertung als Strafe

Was ist die Strafe, wenn ich mich selbst beschuldige? Die in der frühen Kindheit schon erlernten Muster fordern die bekannte Reaktion auf Schuld: eine Bestrafung. Häufig besteht die selbst auferlegte Strafe in Selbstabwertung. Dann bleibt die betreffende Person gewissermaßen im System „Schuld – Strafe“. Aber wo bleiben Versöhnung und Vergebung? An die Stelle von Versöhnung und Vergebung kann die Aggression gegen sich selbst treten. Das System „Schuld – Strafe – Versöhnung und Vergebung“ verändert sich zu „Schuld – Strafe – Aggression“.

Selbstabwertung bedeutet Angriff gegen das eigene Selbst. In der Folge wird das Stresssystem aktiviert und die sogenannten Stresshormone (Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol) werden ausgeschüttet. Wenn der Stresspegel häufig erhöht ist, wird das Immunsystem geschwächt. Insofern ist nicht verwunderlich, dass die Aggression gegen sich selbst zu körperlichen Symptomen führen kann.

Selbstvergebung als Lösungsweg

Fabian hatte sich bei seiner Tochter und auch seiner Frau entschuldigt. Doch seine Schuldgefühle gegenüber sich selbst mussten noch bearbeitet werden. Er musste noch für sich selbst eine Lösung finden.

Das Rad der Zeit konnte er nicht mehr zurückdrehen. Es gibt schließlich keine Möglichkeit, eine „Zurückspulen“-Taste zu drücken. Die Erinnerungen sind schmerzhaft und sie bleiben.

Eine Ursache dafür, dass es schwerfällt, aus bekannten Mustern auszubrechen, kann in unbewusst gelebten Glaubenssätzen bestehen. Glaubenssätze werden in der frühen Kindheit von nahestehenden Bezugspersonen (Eltern, Großeltern usw.) übernommen und nicht hinterfragt. Es lohnt sich solche Glaubenssätze aufzuspüren und sie bewusst zu verwerfen.

Fabian war klar, dass er durch die Selbstanklage „Wie konnte ich nur …?“ nichts mehr verbessern konnte. Ganz im Gegenteil: er würde verhindern, dass er aus dem System “Schuld – Strafe – Aggression“ herausfindet. Und er würde überdies zulassen, sich in Aggression gegen sich selbst und vielleicht auch Selbstmitleid einzuigeln und seine Energien zu binden.

Er übernahm die Verantwortung für die eingetretene Situation vor anderen aber auch vor sich selbst. Er stellte sich zu seiner Geschichte. Jetzt konnte er den Schritt, sich selbst zu vergeben, in Angriff nehmen.

Der Prozess der Selbstvergebung

Eine unterstützende Möglichkeit im Prozess der Selbstvergebung besteht darin, die reale oder vermeintliche Schuld konkret zu beschreiben. Beim Aufschreiben der Gedanken werden diese geordnet, reflektiert und konkretisiert. So wird klar, was genau vergeben werden soll.

Dieses Konkretisieren realer oder vermeintlicher Schuld muss nicht in einem Zug erfolgen. Zeitliche Unterbrechungen können durchaus hilfreich sein, da in der Zwischenzeit vielleicht noch weitere, bisher nicht so beachtete, Aspekte zutage treten und mit einbezogen werden können.

Wenn klar ist, was sich selbst vergeben werden soll, kann auch ein bewusstes „Ich vergebe mir selbst“ ausgesprochen werden. Damit löse ich mich aus der Vergangenheit, komme in der Gegenwart an und kann wieder an Zukunft denken. Meine Energien kann ich auf das Bewältigen der Gegenwart lenken. Ich kann wieder neue Chancen erkennen, kann mich selbst für Veränderungen aufschließen und wieder zur Lebensfreude finden.

Sich selbst vergeben bedeutet nicht das Vorgefallene vergessen. Es geht auch nicht um meine Persönlichkeit, mein Selbstwertgefühl, meine Selbstwertschätzung. Auch wenn ich schwerwiegende Fehler begangen habe, bin ich ein wertvoller Mensch. Mit anderen Worten: meine als falsch erkannten Wege beeinträchtigen meine Wertigkeit als Mensch nicht.

Ist Selbstvergebung ein einmaliger Akt? Oft ist dies nicht so. Immer wieder werde ich mit Vergangenem konfrontiert, vielleicht durch eine Begegnung, einen Steuerbescheid oder was auch immer es sei. Immer wieder steigen Gefühle der Wut, des Grolls in mir hoch. Dann muss ich mich wieder daran erinnern, dass ich mir schon selbst vergeben habe. Dann bekräftige ich meine Selbstvergebung. Um mich bei diesem Prozess zu unterstützen kann ich eine Art Tagebuch führen.

Gibt es eine Alternative zur Selbstvergebung?

Wenn ich mir nicht selbst vergeben kann, werde ich immer wieder in die Vergangenheit zurückgeworfen. Ich konserviere meine negativen Gefühle, entscheide mich für fortwährendes Leiden. Verbessere ich dadurch irgendetwas? Ganz im Gegenteil: ich schade meiner körperlichen und seelischen Gesundheit. Ich bereite einer Depression selbst den Nährboden. Depression ist nach innen, gegen mich selbst gerichtete Aggression. Mit Selbstvergebung ersetze ich hingegen das System „Schuld – Strafe – Aggression“ mit „Schuld – Vergebung“.

Selbstvergebung ist beileibe kein rein rationaler Akt. Gefühlen und Emotionen haben ihren Raum. Bei der Selbstvergebung darf ich mir selbst so liebevoll zureden, wie ich auch meinem besten Freund, meiner besten Freundin, zureden würde. Ich darf mich selbst als mein bester Freund verstehen.

Wenn ich mir selbst vergeben kann, trage ich aktiv zu meiner Selbstheilung bei. Ich vergebe mir selbst, ohne Geschehenes in irgendeiner Weise schön zu reden oder nachträglich abzuschwächen, um meiner Gesundheit und meiner Lebensqualität willen. Meine Energie kann sich auf die Gegenwart und Zukunft richten.

Selbstvergebung und Selbstannahme sind nicht dasselbe. Bei Selbstvergebung geht es mir um vergangene Vorfälle und Ereignisse, bei Selbstannahme geht es um mein Verhältnis zu mir selbst. Vielmehr setzt Selbstvergebung die Selbstannahme voraus. Selbstannahme ist das Fundament für Selbstvergebung.

Und Fabian?

Fabian hat heute einen anderen Blick auf den Wert von Beziehungen. Er hat sich vorgenommen, sich mehr Zeit für Beziehungen zu nehmen und beispielsweise mit seinen Enkeln Zeit zu verbringen, sie zu erleben.

Perfekt wird Fabian nie werden. Ihm ist bewusst, dass er immer wieder Fehler machen wird. Er wird bis zum Zeitpunkt seines Todes lernen und sich bei Fehlern und Versäumnissen immer wieder vergeben.

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.

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