Buchrezension: Der lange Schatten der Kindheit …

Buchdetails

Der lange Schatten der Kindheit ... - Foto: Patmos Verlag
Der lange Schatten der Kindheit …, Patmos Verlag

Titel: Der lange Schatten der Kindheit – Seelische Verletzungen und Traumata überwinden

Autor: Christian Firus

Verlag: Patmos Verlag, 2018

Seiten: 172 (Print)

Preis: 17,00 Euro (Print), 12,99 Euro (eBook)

ISBN: 978-3-8436-1015-5 (Print)

ISBN: 978-3-8436-1016-2 (eBook)

Motivation

In Gesprächen erlebe ich relativ oft, dass früher oder später Erlebnisse aus der Kindheit angesprochen werden. Meist handelt es sich aus Sicht der Gesprächspartnerin bzw. des Gesprächspartners um negative Erlebnisse. Die Erinnerung daran ist manchmal diffus und es fällt zumindest anfangs oft nicht leicht, überhaupt darüber zu reden.

Der lange Schatten der Kindheit kann bis ins hohe Alter reichen. Doch wie ist es möglich, aus diesem Schatten herauszutreten? Das Buch „Der lange Schatten der Kindheit – Seelische Verletzungen und Traumata überwinden“ verspricht hierauf eine Antwort. Also für mich Anreiz genug, mir das Buch anzuschaffen, um daraus möglicherweise hilfreiche Erkenntnisse für meine eigene Tätigkeit als Coach zu gewinnen.

Autor

Dr. med. Christian Firus ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychiatrie und Traumtherapie. Seit 2004 ist er Oberarzt in der Rehaklinik Glotterbad bei Freiburg. Die Behandlung von Traumata zählt zu den Schwerpunkten in der therapeutischen Arbeit.

Zielgruppe

Das Buch eignet sich für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen und sich einen umfassenden Überblick verschaffen möchten:

  • Personen, die sich aus eigener Betroffenheit heraus mit ihrem individuellen Schatten der Kindheit auseinandersetzen möchten und sich selbst besser „auf die Spur kommen“ wollen,
  • Personen (z. B. Freunde, Angehörige), die unter ihrem „langen Schatten der Kindheit“ wahrnehmbar leidende Menschen besser verstehen lernen möchten,
  • Personen, die in sozialen Berufen (z. B. als Sozialarbeiter) tätig sind, die sich über seelische Verletzungen und Traumata einen ausführlichen Überblick verschaffen möchten,
  • Personen (z. B. Coaches, Lebensberater u. ä.), die im Gespräch mit Klienten immer wieder auf das Thema stoßen und sich einen Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand, auch als Basis für die weitere fachliche Vertiefung, verschaffen wollen.

Durch den weitgehenden Verzicht auf spezifische Fachsprache richtet es sich also nicht speziell an Fachleute, die den Berufsgruppen der Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten angehören. Gleichwohl bietet es auch für diese Fachleute einen guten und kompakten Überblick, insbesondere wenn sie nicht schwerpunktmäßig in diesem Therapiebereich tätig sind.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  • Kindheit und ihre Spuren (einschl. den Schwerpunkten „transgenerationale Weitergabe von Traumata“ und „Dissoziation“),
  • Verletzungen überwinden und Heilungsprozesse anstoßen,
  • Praktische Strategien und Handlungsmöglichkeiten für die Selbstfürsorge im weiteren Sinn.

Der erste Schwerpunktteil liefert einige statistisch belegte Fakten verschiedener Formen von Gewalt vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter. Der Autor hält fest, dass Gewalt krank macht, und zwar nicht nur die Seele, sondern auch den Körper. Im Kindes- und Jugendalter erlebte Gewalt birgt das erhöhte Risiko in sich, dass auch im späteren Leben erneut Beziehungsgewalt mit all ihren Folgewirkungen seelischer und körperlicher Natur erlebt wird.

Der Bogen spannt sich über im Kindesalter erlebte Bindung und Bindungstraumata, über emotionale Vernachlässigung und emotionalen Missbrauch, über die transgenerationale Weitergabe von Traumata, bis hin zu Dissoziation. In der Konsequenz macht der Autor auch eine Dimension politischer und gesellschaftlicher Verantwortung bewusst.

Im zweiten Schwerpunktteil richtet der Autor das Augenmerk auf Verletzungen und einen Lernprozess zu deren Überwindung. Der Lernprozess im weiteren Sinne besteht darin, das Schweigen zu brechen, Unrecht zu benennen und anzuerkennen, Verlust und Leid zu bedauern und zu betrauern, die eigenen Kompetenzen zu erkennen und nutzen zu lernen, und schließlich die Opferrolle zu verlassen und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Der dritte Schwerpunktteil ist hilfreichen Instrumenten gewidmet, die über das Reden hinausgehen. Der Autor beschreibt zwei prinzipielle Ansätze: zum einen die Top-down-Regulation bei der die Fähigkeit des „Wachstums“, die Körperempfindungen zu beobachten, gestärkt wird.  und zum anderen die Bottom-up-Regulation, bei der das autonome Nervensystem modifiziert wird.

Was zunächst sehr theoretisch klingt, erhält bei der Top-down-Regulation u.a. mit Achtsamkeitsmeditation, Selbstfürsorge (essen, trinken schlafen) und Selbstberührung einen praktischen Ausdruck. Körperorientierte Erholungstechniken, die Atmung, Bewegung und Berührung mit einbeziehen, stärken die Selbstberuhigungskompetenz und stehen für die Bottom-up-Regulation.

Ein weiterer Abschnitt in diesem Schwerpunktteil widmet sich der Frage, wie sich das schlechte Gewissen als guter Ratgeber nutzen lässt, und ein letzter dem Themenbereich Verbundenheit und In-Beziehung-sein.

Das Buch wird durch eine kurze vergleichende Darstellung der Besonderheiten der Traumtherapie gegenüber anderen Methoden der Psychotherapie abgerundet.

Das Buch enthält einige Links bzw. Internet-Adressen, die sich insbesondere für Betroffene als hilfreich und nützlich erweisen dürften.

Mein Eindruck

Der Buchtitel enthält das Wort „überwinden“ und weckt auf diese Weise Hoffnungen und verspicht viel. Gibt es wirklich Hoffnung, seelische Verletzungen und Traumata zu überwinden oder gibt es bloß Hoffnung auf eine mehr oder weniger ausgeprägte Verbesserung?

Ich komme auch mit Menschen in Berührung, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie trotz Psychotherapie nicht wirklich „vom Fleck kommen“. Sie sind irgendwie stecken geblieben. Deshalb weckt der Buchtitel Neugier, wie Überwinden ganz praktisch geschehen kann.

Viele plastische Fallbeispiele aus der therapeutischen Praxis bieten eine Veranschaulichung für die Argumentationsstränge des Autors. Sie vermitteln ein konkretes Bild, worum es geht und von konkreten Vorgehensweisen. Diese plastischen Fallbeispiele erweisen sich für das Verständnis immer wieder als sehr hilfreich.

Der Autor lässt an vielen Stellen Erkenntnisse der Neurobiologie, der Epigenetik, der Neurologie, der Psychoneuroimmunologie und der Hirnforschung einfließen. Dies verhilft zu einem besseren Überblick und Verständnis komplexer Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Und diese Erkenntnisse helfen auch dabei, sich selbst und die eigenen „eingeübten“ Verhaltensweisen besser zu verstehen.

Das Thema „Beziehung“ und dessen Wichtigkeit, bei weitem nicht nur in der frühkindlichen Entwicklung, zieht sich durch das gesamte Buch. Der Mensch wird als Beziehungswesen in seinen unterschiedlichen Facetten gewürdigt, wobei zwischenmenschliche Beziehungen und die Erfahrung von Gemeinschaft als lebenswichtige Elemente herausgestellt werden.

An dieser Stelle bezieht der Autor auch Position im Hinblick auf Vereinzelungstendenzen in der Gesellschaft, die durch intensive Mediennutzung begünstigt werden. Hier wird wieder die politische und gesellschaftliche Dimension deutlich. Auch wenn der Autor diesen Aspekt nur relativ kurz behandelt, so klingt doch klar an, welche negativen Auswirkungen die Komplexe Digitalisierung und Mediennutzung auf das Zusammenleben in unserer Gesellschaft haben können.

Ebenso wird in dem Buch sehr gut herausgearbeitet, dass Menschen, auch wenn sie Schweres durchleben mussten, Gestalter sein bzw. werden können. Sie müssen nicht in der Opferrolle bleiben, sondern können aus ihr heraustreten. Sie können in der Tat die Rolle des aktiven Gestalters in ihrem Leben übernehmen.

Das Buch wird von einem positiven Grundton bestimmt, spürbar getragen von der durchscheinenden Überzeugung des Autors, dass auch bei schweren Schicksalen Veränderung zum Positiven möglich ist. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass bei einzelnen Praxisfällen am Ende (noch) kein „Überwunden“ steht.

Den Abschnitt über das schlechte Gewissen als guter Ratgeber empfand ich als besonders interessant und lesenswert. Der Gedanke, das schlechte Gewissen als guten Ratgeber zu betrachten, liegt schließlich alles andere als nahe. Der Autor geht auf den „inneren Kritiker“ ein, der uns immer wieder vorhält, zu wenig zu leisten. Das schlechte Gewissen kann als Indikator genutzt werden, bisherige und vertraute Verhaltensmuster zu hinterfragen und neu zu bewerten. In der Folge können die eigenen Grenzen abgesteckt und beachtet werden.

Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor auch Verletzungen aus der Kindheit aufgreift, die aus einem fragwürdigen Verständnis von Religion durch die Eltern oder andere Bezugspersonen herrühren. Auch hier kann die Kindheit lange Schatten werfen.

Zurück zur Eingangsfrage: Ist es möglich, seelische Verletzungen und Traumata zu überwinden? Der Autor liefert dafür viele überzeugende Hinweise. Das Buch ermutigt und enthält darüber hinaus viele Impulse, sich auf Kinder im eigenen Umfeld einzulassen und ihnen zusätzliche positive Bindungserfahrungen zu ermöglichen.

Mein Fazit

Nach meinem Eindruck ist das Buch insgesamt sehr gut gelungen. Keines der Kapitel fällt im Hinblick auf Gehalt und Aussagekraft ab. Die Sachverhalte werden auch für Nicht-Fachleute verständlich erläutert. Die jahrzehntelange praktische Erfahrung des Autors als Therapeut, die kompakte und verständliche Darstellung aktueller Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsgebieten, und die – wo sinnvoll und möglich – prozesshafte Darstellung konkreter Handlungsmöglichkeiten machen das Buch zu einer wertvollen Lektüre.

Das Buch hat meine Erwartungen erfüllt und ich habe es mit großem Gewinn gelesen. Es zählt zu den Büchern, die man nicht nur einmal durchlesen und dann aus der Hand legen kann. Ich werde – und die Gelegenheiten dazu bieten sich nicht selten – immer wieder darin nachschlagen. Deshalb hat es seinen Platz in Reichweite.

Das Buch verdient eine uneingeschränkte Empfehlung.

Meine Wertung:

  • Lesbarkeit und Verständlichkeit: 5/5 Punkte
  • Schlüssigkeit der Argumentation: 5/5 Punkte
  • Preis-/Leistungsverhältnis: 5/5 Punkte
Dieter Jenz
Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.