Buchrezension: Männliche Depression …

Buchdetails

Männliche Depresion - Foto: Beltz Verlag
Männliche Depression …, Beltz Verlag

Titel: Männliche Depression – Warum verletzte Helden anders ticken und eigene Auswege brauchen

Autor: Jens-Michael Wüstel

Verlag: Beltz Verlag, 2018

Seiten: 247 (Print)

Preis: 18,95 Euro (Print), 17,99 Euro (eBook)

ISBN: 978-3-407-86510-6 (Print)

ISBN: 978-3-407-86547-2 (eBook)

Motivation

Depression ist in unserer heutigen Gesellschaft ein brandaktuelles Thema, natürlich auch bei Männern. Wenn es geschlechterspezifische Ursachen gibt, die die Entwicklung einer Depression begünstigen – und die gibt es -, dann können sie am besten von einem Vertreter des jeweiligen Geschlechts verstanden und beschrieben werden. Gleiches gilt natürlich für die Behandlung einer Depression.

Für mich war diese explizit männliche Sichtweise eines Psychotherapeuten mit langjähriger Praxiserfahrung auf das Thema „Männliche Depression“ Anreiz genug, mir das Buch zu kaufen. Und natürlich stand auch die Erwartung im Hintergrund, mich hinsichtlich meiner eigenen Tätigkeit als Coach weiterbilden zu können.

Autor

Dr. med. Jens-Michael Wüstel ist seit über 20 Jahren als Therapeut in eigener Praxis tätig. Nach diversen Weiterbildungen in Neurologie, Intensivmedizin und Naturheilkunde arbeitet er heute mit den Schwerpunkten Narrative Therapie, EMDR und Chinesische Psychosomatik. Dabei stehen chronische Schmerzerkrankungen, psychische Störungen und Trauma-Folgestörungen im Vordergrund.

Zielgruppe

Das Buch eignet sich für alle, die sich mit dem Thema Männliche Depression beschäftigen und sich einen Überblick verschaffen möchten:

  • Männer, die sich in der Thematik männlicher Depression und Persönlichkeitsentwicklung orientieren möchten, und für sich erkennen wollen, wo sie jetzt gerade in ihrem Leben stehen,
  • Personen (z. B. Partnerinnen, Familienangehörige), die das Seelenleben des Mannes besser verstehen lernen möchten,
  • Personen, die in sozialen Berufen (z. B. als Sozialarbeiter) tätig sind, und die sich über das männliche Seelenleben eingehend informieren möchten,
  • Personen (z. B. Coaches, Lebensberater, Heilpraktiker (Psychotherapie)), die sich über speziell für männliche Klienten geeignete Zugänge und psychotherapeutische Ansätze informieren und sich einen Überblick verschaffen möchten. Insbesondere das im Buch beschriebene 5-Schritte-Programm ist für dieses Zielgruppensegment lesenswert.

Das Buch ist in leicht verständlicher Sprache geschrieben. Psychologisches Vorwissen ist nicht erforderlich. Fachleute, die den Berufsgruppen der Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten angehören, werden von diesem Buch folglich weniger profitieren.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel:

  • Männer in der Krise,
  • Mythos und Wahrheit der männlichen Depression,
  • Männerdepression – eine neue Sichtweise,
  • Wege aus der Krise.

Das erste Kapitel geht zunächst der Frage nach, weshalb bei Frauen eine Depression bis zu drei Mal häufiger diagnostiziert wird als bei Männern und arbeitet Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Krisenverhalten und den geschlechtertypischen Bewältigungsstrategien heraus. Sodann wird der Frage nachgegangen, was Männer depressiv macht und wie sich Depressionen beim Mann äußern können. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund eines in den letzten Jahrzehnten veränderten Rollenbildes des Mannes im sozialen Gefüge.

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Schwierigkeit, eine Depressionsdiagnose auf Basis eines gut geeigneten diagnostischen Rasters zu stellen, nicht zuletzt auch angesichts einer deutlich unterschiedlichen Konfliktverarbeitung bei Frauen und Männern. Den Hintergrund bilden bis heute fehlende exakte Kenntnisse zu Krankheitsursache, -entstehung und zur Beschreibung des Krankheitsverlaufs einer Depression. Kulturgeschichtliche, medizinische und pharmazeutische Hintergründe vervollständigen den Betrachtungsrahmen. Eine Betrachtung unterschiedlicher Reaktionen bei Männern und Frauen auf Stress und Traumatisierung schließt das Kapitel ab.

Das dritte Kapitel ist einer neuen Sichtweise auf die Männerdepression gewidmet. Die „Heldenreise“ wird als zentraler Therapieansatz vorgestellt. Dem Autor zufolge erlaubt er es, sich intuitiv den männlichen Denk- und Empfindungsmustern zu nähern. Eine Drehbuch-Metapher wird propagiert, d. h. der Mann kann sich in seinem Privat- und Berufsleben als Regisseur begreifen, im Gegensatz zu einem Akteur, der lediglich eine Art Gebrauchsanleitung abarbeitet. Mehrere Phasen männlicher Reifung werden mit typischen phasenspezifischen Verletzungen dargestellt. Außerdem wird die Frage: „Arschloch (mit Ich-zentrierter Werte-Welte) oder Held“ aufgeworfen und diskutiert.

Im vierten und letzten Kapitel werden die Forderungen an eine typisch männliche Therapie zusammengefasst. Zunächst werden Punkte benannt, die sich auf Basis der Schwierigkeit, in der Psychotherapie an Männer wirklich heranzukommen, Hinweise geben, wie männerorientierte Krisenbegleitung gelingen kann. Der Autor stellt die Narrative Therapie und EMDR vor und skizziert kurz den Mehrwert einer Kombination von Narration und EMDR. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildet das 5-Schritte-Programm als dauerhaft angelegtes Selbsthilfe-Programm, das individuell angepasst und umgesetzt werden kann. Bei diesem Programm handelt es sich also nicht um eine Therapie, sondern um Lebenshilfe für sich selbst. Das Programm umfasst die folgenden fünf Schritte: Ernährung, Bewegung und Fitness, Selbst-Coaching hinsichtlich Gelassenheit, Imagination und Selbst-EMDR.

Mein Eindruck

Das Buch bietet einen guten Einblick in geschlechterspezifische Verhaltens- und Bewältigungsmuster bei Stress und Depression. Frauen können ein sehr gutes Verständnis gewinnen, wie Männer im Allgemeinen „ticken“.

Der Autor skizziert typisch männliche Verschiebungs- und Verdrängungsmuster, männliches Verdrängungs- und Verleugnungsverhalten, das versuchte Aufrechterhalten der Fassade. Er beschreibt anschaulich, was Männer depressiv machen kann und wie sich Symptome seelischer Überlastung bei Männern zeigen können (häufig in verdeckter Aggression, Schuldzuweisung an andere Personen). Die darauf ausgerichtete Sozialisation des Mannes, Gefühle für sich zu behalten, entwickelt eine eigene Dynamik, die im Buch immer wieder angesprochen wird.

Als sehr hilfreich für das Verständnis erweist sich die Beschreibung im Zeitverlauf veränderter Geschlechterrollen, die sich durch das gesamte Buch zieht. Die sich durch das veränderte Rollenbild des Mannes und der Frau ergebenden Identitätsprobleme bei Männern und deren Folgen im sozialen Leben werden gut begründet.

Die wohltuend kritische Auseinandersetzung mit den diagnostischen Bewertungskriterien vermittelt einen Einblick in die Schwierigkeiten, Depressionen konkret zu fassen. Die Feststellung, dass viele Aspekte der Depression bis heute noch nicht wirklich in ihrer ganzen Tiefe verstanden werden, verwehrt, sich zu vorschnellen Diagnosen verleiten zu lassen.

Die Depression wird vom Autor vorwiegend anhand weniger klassischer Symptome (Niedergeschlagenheit, Antriebshemmung, Grübelneigung und Schuldgefühle) beschrieben. Hinsichtlich der Mechanismen der Entstehung einer männlichen Depression unterscheidet er in Leere-, Lähmungs- und Erschöpfungsdepression als wesentliche Kategorien. Diese Art von Gliederung beabsichtigt wohl eine bessere Veranschaulichung.

Eine Einordnung zum Schweregrad einer männlichen Depression findet sich im Buch leider nicht. Hier wäre es hilfreich gewesen, die Schweregrade einer Depression (z. B. nach ICD-11, der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (engl. International Classification of Diseases, ICD)), zumindest als grobe Orientierung mit aufzuführen. Das Spektrum zwischen einer leichten depressiven Episode und einer schweren depressive Episode mit psychotischen Symptomen (z. B. Wahnideen, Halluzinationen) ist schließlich recht breit.

Leider kommt zu kurz, wie Angehörige mit einem depressiven Mann umgehen können. Wie kann beispielsweise eine Frau mit ihrem depressiven Partner umgehen? Ergreift sie die Initiative und nimmt das Heft in die Hand, um mit klaren Regeln dem Mann Struktur und innere Ordnung zu vermitteln, so kommt es im Ergebnis oft zu Machtspielchen. Wenn der Mann in Opposition geht, wird hingegen die Kommunikation erheblich leiden. Wie also könnte sie sich konkret verhalten?

Auch zwischenmenschliche freundschaftliche Beziehungen zwischen Männern werden im Buch nicht weiter thematisiert. Deshalb bleibt auch die Frage offen, wie ein Freund, bei dem erste Anzeichen einer Depression vermutet werden, von einem Freund unterstützt werden kann.

Das vorgestellte 5-Schritte-Programm wird vom Autor nachvollziehbarerweise nicht als Therapie, sondern als allgemeine Lebenshilfe eingeordnet. Insofern hat es auch vorbeugenden Charakter und ist ganz allgemein im nichttherapeutischen Coaching jederzeit anwendbar. Obwohl ich dieses Programm noch nicht an mir selbst ausprobiert habe, bin ich überzeugt, dass es seine Wirksamkeit entfaltet.

Im Buch finden sich meines Erachtens angesichts seines Umfangs relativ wenige anschauliche Fallbeispiele aus der konkreten Praxis. Bei manchen ist auch kein direkter Bezug zu einer Depression oder depressiven Verhaltensmustern erkennbar. Weitere erläuterte Fallbeispiele kämen dem Nutzwert des Buches zweifellos zugute.

Die Argumentationsstränge des Autors erscheinen mir spontan nicht immer schlüssig und zielführend. Der Leser ist zuweilen gefordert, gedankliche Brücken zwischen Abschnitten zu schlagen und sein Assoziationsvermögen einzusetzen, um beispielsweise nachzuvollziehen, weshalb der „Furchtsame“ als Männertyp zum Typus „Arschloch“ zählen soll.

Mein Fazit

Das Buch vermittelt einen guten Einblick in die männliche Psyche. Insbesondere verhilft es Frauen zu einem guten Verständnis, wie Männer aus Sicht eines Psychotherapeuten mit langjähriger praktischer Berufserfahrung „ticken“.

Die vorherrschende Sichtweise ist die der Therapeut-Klient-Beziehung. Die Fragen, wie Angehörige, Freunde und gute Bekannte mit einem depressiven oder vermeintlich depressiven Mann umgehen, wie sie ihn einfühlsam unterstützen können, hätten im Buch eine eingehendere Betrachtung verdient. Dieser Schwachpunkt steht jedoch einer Empfehlung dieses Buches nicht im Weg. Es ist ein Buch, das ein grundsätzliches Verständnis vermittelt und einen Überblick verschafft; es ist schließlich keine Therapieanleitung. Als Einstieg in die Materie “Männliche Depression” ist es sehr gut geeignet.

Meine Wertung:

Lesbarkeit und Verständlichkeit: Rating 4 Sterne
Schlüssigkeit der Argumentation: Rating 4 Sterne
Preis-/Leistungsverhältnis: Rating 5 Sterne
Gesamteindruck: Rating 4 Sterne

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Dieter Jenz
Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.