Polytheismus kontra Offenbarung

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Wie konnte sich in verschiedenen Regionen der Erde ein Polytheismus entwickeln? Wäre dies nach den Schöpfungsnarrativen der Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) nicht ein überflüssiger Irrweg gewesen?  

Was geschieht mit mir wenn ich sterbe - Gestaltung: privat

Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Was geschieht mit mir wenn ich sterbe?
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Der Begriff „Offenbarungsreligion“ deutet an, dass eine mit Autorität versehene Instanz etwas offenbart. Bei der Zielgruppe einer Offenbarung mag es sich um die gesamte Menschheit oder auch einen bestimmte Gruppe von Menschen handeln.

Von dem Aspekt der Entwicklungsgeschichte aus betrachtet stellt sich die Frage, wann im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine solche Offenbarung erfolgte. Geschah die Offenbarung schon am Anfang der Menschheitsgeschichte oder geschah sie erst später? Wenn sie bereits am Anfang geschah, hätten es beispielsweise primitive Gottesvorstellungen schwer gehabt, zumindest wenn die Offenbarung für die menschlichen Sinne eindrücklich erfolgt wäre. Anderenfalls hätten sich beliebige Vorstellungen über übernatürliche oder göttliche Mächte entwickeln können, die dann in einen Polytheismus, die religiöse Verehrung einer Vielzahl von Göttinnen, Göttern und sonstigen Gottheiten oder Naturgeistern, mündeten

Wie bereit erwähnt, postulieren die Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) einen außerhalb der Erde existenten souveränen und schöpfungspotenten Gott. Im Buch der Tora, in Genesis 1 und 2, aber auch im Koran, Sure 2, Vers 35, wird von einer hörbaren Kommunikation zwischen Gott und Mensch berichtet. Unter diesem Vorzeichen, der Erschaffung der ersten Menschen auf der Erde, stellt sich die Frage, weshalb sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte ein Polytheismus entwickeln konnte.

Es wäre davon auszugehen, dass der Schöpfer den ersten Menschen das Wissen über sich direkt vermittelte, zumal eine Kommunikation zwischen Gott und Mensch möglich war und auch erfolgte. Des Weiteren wäre davon auszugehen, dass den Überlebenden der späteren Sintflut (Noah und seine Frau, seine drei Söhne mit ihren Frauen) aufgrund ebenfalls verbaler Kommunikation ein „Grundwissen“ über Gott in ihr weiteres Leben mitgegeben wurde.

Religion und Spiritualität scheinen dem Menschen gewissermaßen schon „in die Wiege gelegt“ worden zu sein. Neurowissenschaftler konnten nachweisen, dass Spiritualität und Religion im periaquäduktalen Grau, einem ziemlich alten Teil des menschlichen Gehirns, verankert ist. Dieses Grau, auch als zentrales Höhlengrau bezeichnet, ist an ganz grundlegenden Gefühlen beteiligt, wie Schmerz, Angst und Fluchtreflexen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Spiritualität und Religion tief in der menschlichen Natur verwurzelt sind. Sie stehen auch in Beziehung mit Ängsten, Krankheit und Gesundheit.

Anders als zu erwarten scheint um das Jahr 4000 v. Chr. vielerorts ein Polytheismus verbreitet gewesen zu sein. Geschichte und Ausprägungen des Polytheismus werden beispielhaft und verkürzt im Hinblick auf zwei Religionen skizziert: die mesopotamische und die altägyptische Religion. Während die mesopotamische Religion zeitlich schon vor der in der Tora beichteten Schöpfung (vereinfacht auf das Jahr 4000 v. Chr. datiert) entstand, entwickelte sich die altägyptische Religion zeitlich wohl etwas später. Die Frage stellt sich nun, ob Polytheismus und Schöpfungsnarrative (Bibel, Koran) miteinander vereinbar sind.

Mesopotamische Religion

Mesopotamien gilt, zusammen mit Anatolien, der Levante im engeren Sinne und dem Industal als eines der wichtigen kulturellen Entwicklungszentren des Alten Orients. Am mittleren Euphrat, heute auf dem Staatsgebiet des Irak, lassen sich die ältesten archäologischen Besiedlungsspuren für die Mitte des 11. Jahrtausends v. Chr. nachweisen.

Die damalige mesopotamische Religion unterschied sich fundamental von den heutigen großen Weltreligionen, nicht nur im Hinblick auf die geläufige Unterscheidung von Mono- und Polytheismus. Es gab keinen Religionsstifter und auch keine heiligen Schriften, die die wesentlichen Glaubensinhalte festlegen (siehe Barthel Hrouda, ‎Rene Pfeilschifter: „Mesopotamien: die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris“, C.H.Beck, S. 101). Heilige Schriften konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht existieren, da es an einem einheitlichen Schriftsystem (z. B. Keilschrift) noch mangelte. Glaubensinhalte konnten nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die mesopotamische Religion nicht in einer bestimmten Lehre verankert war, sondern eher im Staunen über Naturgewalten, scheinbar übernatürliche Phänomene und dem Bewusstsein der eigenen Machtlosigkeit.  Götter erschienen viel zu distanziert, übermächtig und erhaben. Es verwundert nicht, dass Furcht das Verhältnis zu den Göttern bestimmte. Schließlich ging alles, was auf der Erde geschah, von den Göttern aus.

Die Vorstellung mehrerer göttlicher Mächte korrespondierte mit der Unterscheidung verschiedener Arten von Naturphänomenen. Göttliche Mächte wurden menschenähnlich gedacht. Sie besaßen Häuser, Kleidung und Schmuck (ebd., S. 102), ernährten sich und glichen in ihrem Sozialverhalten den Menschen. Im Wesentlichen waren es Unsterblichkeit und unbegrenzte Macht, die Götter über den Menschen erhoben.

Die Übertragung menschlicher Eigenschaften und Verhaltens auf Götter weitete sich von der menschlichen auf die göttliche Gesellschaft aus. Machtumwälzungen in der irdischen Gesellschaft hatten in der Konsequenz auch eine Auswirkung auf die göttliche Gesellschaft. Götter konnten an Bedeutung gewinnen und sie auch einbüßen (ebd., S. 103). Einem geschlagenen Feind seine Götter zu nehmen, kam einer gravierenden Demütigung gleich.

Ursprünglich kannte die mesopotamische Religion wahrscheinlich mehr als 1 000 Gottheiten. Etwa zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr., am Anfang der Altbabylonischen Periode, nahm die Zahl der Gottheiten auf etwa 20 bis 30 stark ab. Wahrscheinlich ging diese Entwicklung mit der Erschaffung des ersten großen vorderasiatischen Reiches und der Vereinigung vieler Stadtstaaten einher. In der Altbabylonischen Periode (2000–1595 v. Chr.), gelangte die Stadt Babylon in den Mittelpunkt des Zeitgeschehens. Zwar änderte sich die Zusammensetzung der mesopotamischen Götterwelt, jedoch blieb das grundsätzliche Verhältnis zwischen Gott und Mensch unverändert. Auch der Polytheismus wurde nicht infrage gestellt.

Die mesopotamische Religion kannten zwar eine Unterwelt und nach Auffassung der Summerer und Akkader mit Nergal und seiner Gattin Ereškigal ein Herrscherpaar dieser Unterwelt. Jedoch wurde nicht zwischen Gut und Böse unterschieden und als Folge davon gab es auch keinen Anlass für ein Gericht über die Toten. Ebensowenig gab es eine Vorstellung von einem Paradies.

Altägyptische Religion

Vor dem Hintergrund des biblischen Schöpfungsnarrativs erscheint es etwas sonderbar, dass sich schon im frühen Ägypten, in relativer geografischer Nähe zu Israel, der Polytheismus behaupten konnte. Die altägyptische Religion gilt als eine der großen antiken polytheistischen Religionen des Mittelmeerraums. Ihre Ursprünge lassen sich auf die Zeit der Herausbildung des pharaonischen Staates in der letzten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. zurückverfolgen.

In der ägyptischen Religion existieren keine geoffenbarten Schriften. Es gab eine Vielzahl von Göttern, die vielfach Tiergestalt aufwiesen. Sie waren auch durch bestimmte Schriftzeichen, Pflanzen oder die Sonnenscheibe charakterisiert. Neben lokalen und regionalen wurden auch gewissermaßen nationale Götter verehrt. Zu den bedeutenden „nationalen“ Göttern zählten Re, Isis, Amun und Osiris. Im Zeitverlauf nahm die Bedeutung bestimmter Götter zu oder auch ab.

Re war als Sonnen- und Schöpfergott der mächtigste Gott und wurde mit einer Sonne über dem Kopf dargestellt. Amun war der Wind- und Fruchtbarkeitsgott. Amun mag beispielhaft für die zunehmende Bedeutung eines Gottes stehen. Zunächst war er „Lokalgott“ von Theben, gewann jedoch später landesweite Bedeutung.

Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod stand in der ägyptischen Religion nicht infrage. Demzufolge verwundert nicht, dass es einen Gott des Jenseits (Totengott), der Wiedergeburt und des Nils gab, Osiris genannt. Er genoss große Verehrung und galt als Herrscher und Richter im Jenseits. Verstorbene mussten in einem Gerichtssaal vor ihm erscheinen. Er entschied über den Aufstieg ins himmlische Lichtreich oder den Abstieg in die lichtlose Unterwelt. Die Göttin Isis war gleichzeitig seine Schwester und seine Frau. Sie galt als sogenannte „Große Mutter“, die ewig liebende Gemahlin, die Himmelskönigin und Beschützerin der Familie.

Religion Israels

Das Internet-basierte wissenschaftliche Bibellexikon der Deutschen Bibelgesellschaft hält fest, dass in der Frühgeschichte Israels (von seinen Anfängen etwa 1900 v. Chr. im Alten Orient) die Religion Israels durchaus polytheistisch war. So legen die Erzelternerzählungen (u. a. Gen 31,53: Gott Nahors neben dem Gott Jakobs) nahe, dass jeder Stamm bzw. jede Familie einen eigenen Schutzgott verehrte, der für die Belange der Familie verantwortlich gemacht wurde.

Da Mesopotamien in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. besiedelt war, muss zumindest ein Teil von Noahs Familie oder der Nachkommen nach Mesopotamien gezogen sein. Der Polytheismus muss unter den Nachkommen schon sehr frühzeitig Einzug gehalten haben, da sich im Mesopotamien jener Zeit entsprechende Zeugnisse finden.

Im bereits erwähnten Kap. 31 des Buches Genesis wird erzählt, dass Rahel, Jakobs Frau, die Teraphime ihres Vaters Laban stahl. Als Teraphim wird ein Bild oder eine leicht transportable Figur eines Familiengottes semitischer Nomaden bezeichnet. In Mesopotamien galt, wie bereits erwähnt, derjenige als gedemütigt, dessen Götter gestohlen wurden.

Jakob lebte etwa im 18. Jahrhundert v. Chr. Seit der biblischen Sintflut (der Einfachheit halber auf das Jahr 2500 v. Chr. datiert) waren demnach rund 700 Jahre vergangen. Auf Anraten seiner Mutter Rebekka, einer Großnichte Abrahams, zog er zu Rebekkas Bruder Laban, um dort eine Frau zu finden. Er verliebte sich in Rahel, Labans Tochter und gleichzeitig auch Jakobs Cousine, und nahm sie zur Frau.

Laban gehörte zu dem Zweig der Familie, der in Mesopotamien blieb, als Abraham, der Stammvater Israels, nach Westen wanderte. Sein Vater Bethuel war ein Neffe Abrahams. An ihrem Wohnort waren sie den kulturellen Einflüssen Mesopotamiens ausgesetzt. Vermutlich ist der Einfluss des Polytheismus dadurch erklärbar.

Einige Jahrhunderte später begann in Ägypten gewissermaßen in neues Zeitalter der Religion Israels. Die Offenbarung des JHWH-Namens an Mose im brennenden Dornbusch in Ägypten markiert im Tanach, der hebräischen Bibel, den Beginn der besonderen Geschichte Israels mit seinem Gott JHWH (oft auch als Jahwe oder Jehova, Gott, bezeichnet). Jahwe machte sich im Verlauf der Geschichte seinem Volk bekannt und erwählte es zu seinem Bundespartner. Diese Geschichte begann noch vor dem Exodus, dem Auszug Israels aus Ägypten. Dem Buch Deuteronomium (Kap. 34,7) zufolge starb Mose im Alter von 120 Jahren auf dem Berg Nebo im Ostjordanland. Diese Offenbarung erfolgte somit wahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1500 und 1445 v. Chr.

Der Stämmebund („Zwölf Stämme Israels“) tritt in den Erzählungen der Bibel seit dem Buch Exodus als Volk „Israel“ unter einheitlicher Führung auf. Der biblischen Erzählung zufolge (Buch Exodus, Kap. 1–15), zogen die Israeliten, begünstigt durch die „Teilung“ des Roten Meers, aus der Sklaverei des Pharaos Ägyptens. Durch dieses göttliche Wunder konnten sich die Israeliten den Nachstellungen der Ägypter, die nach dem Zusammenfluten des Roten Meers ums Leben kamen, entziehen.

Etwa drei Monate nach dem Exodus (etwa 1445 v. Chr.) kamen die Israeliten in der Wüste Sinai an. Dort vermittelte Gott über Mose in verbaler Kommunikation die Zehn Gebote, mit denen er seinen Exklusivanspruch deutlich machte (Exodus 20,3-5): „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen.“

Nach einer vierzigjährigen Wüstenwanderung (ungefähr 1445–1405 v. Chr.) konnten die Israeliten unter ihrem Anführer Josua in das Land Kanaan westlich des Flusses Jordan gelangen und dort sesshaft werden. Nachgewiesen ist die Ansiedlung israelitischer Volksstämme in der Region des heutigen Palästina für die Zeit seit etwa 1250 v. Chr..

Jahwe wurde seit Beginn der Königszeit (der Beginn der Regierungszeit Sauls, des ersten Königs, wird auf ungefähr 1047 v. Chr. datiert) im Rahmen eines Staatskultes als Nationalgott verehrt. Dieser eine Gott stand wohl spätestens seit Salomo (Regierungszeit ca. 969–930 v. Chr.) in Jerusalem unter königlicher Protektion. Auch nach der Trennung in Nordreich (Israel) und Südreich (Juda) genoss Jahwe die Anerkennung als Nationalgott.

Die israelitischen Volksstämme befanden sich aufgrund der geografischen Lage stets im Spannungsfeld zwischen Ägypten und Mesopotamien. Die wechselvolle Geschichte der israelitischen Volksstämme erzählt von wiederholten Bedrohungen durch Invasoren mit anschließenden Niederlagen, Unterdrückung und Vassallenschaft, aber auch Erfolgen. Auch vom Abfall vom geoffenbarten Jahwe wird erzählt.

Wie konnte der Polytheismus entstehen?

Wenn Adam und Eva um das Jahr 4000 v. Chr., wie vereinfacht angenommen, als die ersten Menschen auf der Erde lebten, wäre zu erwarten, dass beide ihr „Wissen aus erster Hand“ über Gott an ihre Nachfahren und diese wiederum an ihre Nachfahren mündlich weitergaben. Wie bereits erwähnt, lebte Adam insgesamt 930 Jahre (Genesis 5,5). Damit lebte Adam noch zu Lebzeiten Lamechs, der 8. Generation nach ihm. Lamech wiederum starb, wie bereits erwähnt, erst relativ kurz vor der biblischen Sintflut. Eine mündliche Weitergabe des Wissens über den Schöpfergott von Generation zu Generation erscheint ohne weiteres möglich.

Im Lauf der Geschichte kommunizierte Gott nach biblischer Überlieferung direkt. Zu seinen „Gesprächspartnern“ zählten beispielsweise Adam und Noah vor der Sintflut sowie Abraham, Jakob und Mose nach der Sintflut. Das Wissen über Gott schien trotz dieser Rahmenbedingungen relativ schnell verloren gegangen zu sein. So sah sich Gott schließlich schon nach der 10. Generation dazu veranlasst, das moralisch und sittlich verkommene Menschengeschlecht mit der Sintflut auszulöschen. Diese Entscheidung Gottes reflektiert eine Erkenntnis, dass das Projekt „Menschheit“ schon relativ frühzeitig gescheitert war.

Nach einer „Sichtung“ der Menschheit fand nur Noah „Gnade in den Augen des Herrn“ (Genesis 6,8). Durch die berichtete Engführung der Sintflut geschah gewissermaßen ein Neuanfang der Menschheit mit Noah und seiner ebenfalls geretteten Familie, insgesamt acht Menschen. Im Buch Genesis (Kap. 8,23) heißt es dazu: „[…] der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.“ Das Grundproblem, die „Schlechtigkeit des Menschen“ und dass „alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war“ (siehe Genesis 6,5), blieb jedoch bestehen. Die Auswirkungen zeigen sich auf der Linie dieses Narrativs im weiteren Verlauf der Weltgeschichte bis heute.

Wenn eine Sintflut als geschichtliches Ereignis angenommen wird, stellt sich unweigerlich die Frage, wie in der Folgezeit ein Polytheismus entstehen konnte. Schließlich hatte Gott stets die Möglichkeit, seine Exklusivität als Schöpfer und Gott zu kommunizieren. Es wäre demnach zu erwarten gewesen, dass sich das Wissen über den Schöpfergott über die wenigen Generationen hinweg erhält und einem Polytheismus keinen Raum zur Entfaltung bietet.

Die Tatsache, dass in Mesopotamien und in Ägypten der Polytheismus verbreitet war, bildet einen Kontrapunkt. Unweigerlich stellt sich auch die Frage, welches Sintflut-Narrativ für plausibel erachtet wird. Fand das Gilgamesch-Epos Eingang in das biblische Sintflut-Narrativ? Da das Gilgamesch-Epos nach bisherigen Erkenntnissen einige Jahrhunderte früher entstand, wäre dies aufgrund der auffälligen Ähnlichkeiten in manchen Passagen naheliegend.

Wird das Gilgamesch-Epos als Bezugsnarrativ angesehen, fügt sich der Polytheismus gewissermaßen nahtlos in den Rahmen ein. Da in Mesopotamien der Polytheismus zur Zeit der Verschriftlichung des Gilgamesch-Epos bereits verbreitet war, verwundert nicht, dass der Polytheismus auch nach der Sintflut dominierte.

Anders verhält es sich jedoch, wenn das biblische Sintflut-Narrativ als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen dient. Gott hatte nach der Sintflut direkt mit Noah und seinen Söhnen kommuniziert. Wie Adam und Eva hatten sie „Primärwissen“ über Gott. Deshalb wäre davon auszugehen, dass der überlebenden achtköpfigen Familie klar war, dass der zu ihnen sprechende Gott der alleinige Gott ist. Wie konnte es dann dazu kommen, dass schon zur Zeit Jakobs, des Enkels Abrahams, Anzeichen von Polytheismus zu erkennen waren?

Auch in Ägypten hätte ein Polytheismus nicht entstehen können, es sei denn die Nachfahren Noahs, die nach Ägypten auswanderten, hatten im Lauf der Zeit alles Wissen über Gott „vergessen“ oder ihn nicht ernst genommen. Insbesondere wäre zu erwarten gewesen, dass Abraham, der Stammvater Israels, sein Wissen über Gott auf seiner Reise nach Ägypten gewissermaßen dorthin exportierte.

Die Tatsache, dass in Mesopotamien und Ägypten (jedoch nicht nur dort) bereits zur Zeit der Sintflut ein Polytheismus existierte, stellt die Datierung der Sintflut infrage. Falls sie stattfand, müsste sie wohl deutlich früher stattgefunden haben. Das Entstehen eines Polytheismus ließe sich mit größerem zeitlichem Abstand besser erklären, da das Wissen über Gott im Zeitverlauf tendenziell immer mehr verflacht und sich bei mündlicher Überlieferung über längere Zeiträume hinweg auch Ungenauigkeiten einschleichen. Die Sintflut war jedoch ein völlig außergewöhnliches Ereignis. Noah und seine Nachfahren hatten schließlich viele Mitmenschen vor Augen, die bei der Sintflut umkamen. Es war eine existentielle Erfahrung. Von daher wäre eher zu erwarten gewesen, dass sich dieses Wissen über längere Zeit erhält.

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.