Gesunde Selbstwertschätzung als Schutzmechanismus der Seele

Wohl jeder wünscht sich eine gesunde Selbstwertschätzung, ein gesundes Selbstwertgefühl, als Schutzmechanismus der Seele. Doch wie viele Menschen verfügen über eine gesunde Selbstwertschätzung? Ein Blick auf Forschungsergebnisse und Statistiken lässt darauf schließen, dass mangelnde Selbstwertschätzung in der heutigen Gesellschaft ein Problem darstellt.

Symbolbild
Symbolbild – Quelle: pexels

Cornelia (nicht ihr richtiger Name) klagt über eine depressive Stimmung. Sie achtet sehr stark darauf, dass sie im Studium ihre Leistung erbringt, und es ist ihr sehr wichtig, was und wie andere über sie denken. Im Gespräch wird auch deutlich, dass ihr ihr Aussehen, ihr Erscheinungsbild, sehr wichtig ist. Über die Frage, wie sie über sich selbst denkt, ist sie erst einmal überrascht. Und dann stellt sich im Lauf des Gesprächs heraus, dass sie sich selbst nicht wertschätzt.

Mangelnde Selbstwertschätzung, mangelndes Selbstwertgefühl, scheint heute schon eine Art Volkskrankheit zu sein. Der Anhaltspunkt für diese Hypothese ergibt sich aus der Beziehung zwischen depressiven Erkrankungen und dem Selbstwertgefühl bzw. der Selbstwertschätzung. Depressive Erkrankungen hängen nach gesicherten Erkenntnissen der Psychologie eng mit dem eigenen Selbstwertgefühl zusammen. Die Depression gehört, gemessen an den Krankheitsjahren, zu den häufigsten und belastendsten Krankheiten weltweit[1].

Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken jedes Jahr in Deutschland insgesamt etwa 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen, unipolaren Depression[2] , der häufigsten Form der depressiven Erkrankung. Die Mehrheit der Deutschen ist im Lauf des Lebens entweder direkt aufgrund eigener Erkrankung (23 Prozent) oder indirekt als Angehöriger eines Erkrankten (37 Prozent) von einer Depression betroffen.

Vor dem Hintergrund des engen Zusammenhangs von Selbstwertschätzung und depressiver Erkrankung darf gefolgert und vermutet werden, dass ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung unter mangelndem Selbstwert leidet. Unter diesem Vorzeichen wäre anzunehmen, dass eine gesunde Selbstwertschätzung als Schutzmechanismus, gewissermaßen als Schutzschild, gegen eine depressive Erkrankung wirken kann. Selbstwertschätzung hätte dann nicht den Charakter eines Spiegels oder Barometers für das seelische Wohlbefinden, sondern würde aktiv als Ressource, als „seelisches Rückgrat“ dienen. In der Konsequenz würde ein hohes Maß an Selbstwertschätzung als „Airbag der Psyche“[3] wirken.

Worauf aber gründet die Selbstwertschätzung? Sie kann selbst- oder fremdbestimmt sein, sich auf innere oder äußere Quellen gründen. Bei jedem Menschen finden sich Anteile von beidem, wobei sich aber die Frage stellt, welcher Anteil überwiegt.

Menschen, die ihren Selbstwert darauf gründen, was andere über sie denken, und nicht auf ihren Wert als menschliches Wesen, zahlen dafür einen psychischen wie physischen Preis. Dies zumindest ist Forschungsergebnis und Erkenntnis von Dr. Jennifer Crocker, einer Psychologin am Institut für Sozialforschung der University of Michigan, USA.

Dr. Crocker arbeitete an einigen Studien mit und hielt als eines ihrer Forschungsergebnisse aus einer Langzeitstudie fest, dass College-Studenten, die ihren Selbstwert auf externe Quellen gründeten, darunter Erscheinungsbild, Wahrnehmung und Bestätigung durch andere oder auch ihre akademischen Leistungen, über eine Reihe von Problemen klagten. Dazu zählten mehr Stress, Ärger und Groll, Probleme in der akademischen Ausbildung und Beziehungskonflikte. Außerdem war bei ihnen ein höheres Niveau an Alkohol-, Arzneimittel- und Drogengebrauch sowie Symptome von Essstörungen festzustellen[4].

Hingegen waren Studenten, die ihren Selbstwert auf innere Quellen stützten, wie beispielsweise darauf, eine tugendhafte Person zu sein oder sich an moralische Normen zu halten, in ihrem Studium erfolgreicher. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit des Alkohol-, Arzneimittel- und Drogengebrauchs oder der Entwicklung von Essstörungen geringer.

Zahlreiche Studien untermauern die Erkenntnis, dass auf externen Quellen gegründete Selbstwertschätzung brüchigem Eis gleicht. Ein unvorhergesehenes schwerwiegendes Ereignis, wie beispielsweise ein Unfall oder eine plötzliche schwere Erkrankung, kann das Eis schnell einbrechen lassen. Der Selbstwertschätzung fehlt auf einmal die Basis.

In der Konsequenz erweist es sich somit als klug, die inneren Quellen zu bestimmen und dafür zu sorgen, dass diese Quellen, bildlich gesprochen, stets sprudeln. Jeder Mensch verfügt über seine ganz individuellen inneren Quellen. Die meisten Menschen benötigen beim Nachdenken etwas Zeit, um ihre Quellen zu erkennen. Aber die Anstrengung lohnt sich, damit eine gesunde Selbstwertschätzung als „Airbag der Psyche“ entwickelt werden kann.

Und so griff Cornelia den Impuls auf, den Weg zu gehen und ihre Selbstwertschätzung zu entwickeln, sich um ihren „Airbag der Psyche“ zu kümmern.

[1]WHO (World Health Organization), Depression and Other Common Mental Disorders: Global Health Estimates, Geneva, 2017
[2]Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Deutschland-Barometer Depression 2017
[3]Trautwein, U.. Schule und Selbstwert. Entwicklungsverlauf, Bedeutung und Kontextfaktoren auf die Verhaltensebene, 2003, S. 8
[4]Crocker, Jennifer, PhD, Journal of Social Issues, Vol. 58, Nr. 3, 2002, S. 597-615

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