Das individuelle Selbst – lokal oder nichtlokal – oder beides?

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Ist das individuelle Selbst (Gesamtheit von Geist, Seele, Bewusstsein, Gedächtnis) im Gehirn verkapselt? Oder befindet es sich gar außerhalb des Gehirns? Oder befindet es sich sowohl im Gehirn als auch außerhalb?

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Was geschieht mit mir wenn ich sterbe - Gestaltung: privat

Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Was geschieht mit mir wenn ich sterbe?
Grobes Inhaltsverzeichnis

Die dargestellten Phänomene (Stimmenhören, die innere Stimme, der innere Film, intensive Gewissheit usw.) werfen die Frage auf, ob das individuelle Selbst als Teil des Gehirns zu betrachten und auf dieses begrenzt ist oder ob ihm eine eigenständige Substanzialität – in welcher Form auch immer – zugesprochen werden kann. Befindet sich, bildlich gesprochen, das individuelle Selbst ausschließlich im Gehirn, kann von einem lokalen individuellen Selbst gesprochen werden. Befindet sich hingegen, ebenfalls bildlich gesprochen, das individuelle Selbst außerhalb des Gehirns, handelt es sich um ein nichtlokales individuelles Selbst.

Hirnforscher sprechen nicht vom individuellen Selbst, sondern vom Bewusstsein. An dieser Stelle wird jedoch gelegentlich auch der Begriff des individuellen Selbst verwendet, um damit die Gesamtheit dessen zu bezeichnen (Geist, Seele, Bewusstsein, Gedächtnis), was nach dem biologischen Tod in einen extrauniversalen Existenzraum migrieren und sich dort mit einem „Geistleib“ verbinden könnte. Dann entstünde ein im extrauniversalen Existenzraum wiedererkennbares Wesen. Viele Menschen, die eine Nahtoderfahrung erlebten, schildern, dass sie Verstorbene wiedererkennen konnten.

Gleichzeitig wird auch das Problem unscharfer Definitionen umgangen. „Was genau ist das Bewusstsein?“, lautet beispielsweise eine Frage. Eine exakte Antwort ist nicht möglich, denn Bewusstsein ist weder beobachtbar noch messbar. „Was genau ist die Seele?“, lautet eine andere Frage, auf die bis heute ebenfalls keine exakte Antwort gegeben werden konnte.

Lokales individuelles Selbst

Wenn davon ausgegangen wird, dass das individuelle Selbst keine eigenständige Substanzialität aufweist, ist mit dem Hirntod sein Schicksal endgültig besiegelt. Das individuelle Selbst kann ohne das Gehirn in seiner Funktion als Sauerstoff- und Nährstoffversorger nicht existieren. Es ist Teil des Gehirns und stirbt mit ihm. Von einem Verstorbenen bleibt nur der physische Körper zurück, der unweigerlich in Verwesung übergeht, es sei denn, dieser Prozess wird künstlich aufgehalten. Der Mensch als solcher ist in seiner Ganzheit nicht mehr existent: die Vitalfunktionen sind unumkehrbar erloschen. Das Gehirn wird nicht mehr benötigt. Schließlich gibt es keine Notwendigkeit mehr, die Ausführung irgendwelcher physischer Körperfunktionen zu veranlassen und diese zu koordinieren.

Auf dieser Linie bewegt sich die Sichtweise, dass das individuelle Selbst ein biologischer Prozess ist, der ausschließlich in den neurologischen Strukturen im Gehirn abläuft. Das individuelle Selbst ist folglich eine Art dynamisches Produkt des Gehirns. In dieser rein materialistischen Sichtweise reicht das Gehirn aus, um das individuelle Selbst zu „produzieren“.

Selbstverständlich ist das Gehirn unbedingt erforderlich, um beispielsweise die Verbindung zwischen dem zwischen dem individuellen Selbst und den Körperfunktionen herzustellen. So muss etwa der Gedanke, etwas essen zu wollen, in eine wahre Vielzahl von Körperfunktionen umgesetzt werden.

Eine aus dieser Vielzahl von Funktionen ist beispielsweise das Bewegen des Löffels aus dem Suppenteller in den Mund. Das Gehirn muss alle Bewegungen dergestalt koordinieren, dass der Löffel in die Suppe eingetaucht, dann angehoben und zielsicher in den Mund geführt wird. Dabei muss sichergestellt werden, dass der Löffel so bewegt wird, dass die aufgenommene Suppe auf dem Weg in den Mund nicht aus dem Löffel ausläuft. Die Bewegung darf nicht zu schnell erfolgen und der Löffel muss auch einigermaßen waagerecht gehalten werden.

Wohl niemand denkt beim Essen darüber nach, welche Aufgaben das Gehirn gerade bewältigt. Diese Funktionen werden gewissermaßen automatisiert ausgeführt.

Erweitertes Bewusstsein

Gelegentlich wird der Begriff des „erweiterten Bewusstseins“ verwendet, um damit auf Zeiten und Zustände außergewöhnlichen Erlebens hinzuweisen. Durchaus viele Menschen können von Zuständen oder Phasen eines erweiterten Bewusstseins in ihrem Leben berichten. Allerdings gibt es bis dato keine allgemein anerkannte Definition dafür, was eine Bewusstseinserweiterung ausmacht.

Allgemein wird unter einem erweiterten Bewusstsein ein gegenüber dem „Alltagsbewusstsein“ mehr oder weniger stark gesteigertes sinnliches und soziales Erleben verstanden. Ein dergestalt „erhöhtes“ sinnliches und soziales Erleben lässt sich gezielt hervorrufen, kann aber auch über einen Menschen, bildlich gesprochen, hereinbrechen. Eine Nahtoderfahrung ist ein typisches Beispiel für eine „ungeplante“ Bewusstseinserweiterung. Die Einnahme einer psychotropen Substanz, wie beispielsweise das sehr bekannte LSD, ist ein Beispiel für eine Methode, die Erfahrung eines erweiterten Bewusstseins gezielt auszulösen.

Biochemische Reaktionen im Gehirn

Wenn die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung im Gehirn gestört ist und zu einer Unterversorgung der Großhirnrinde führt, kann dies Bewusstseinsveränderungen, Halluzinationen oder sensorische Ausfälle hervorrufen. Ist der für die Verortung des Körpers im Raum zuständige Scheitellappen in der Großhirnrinde betroffen, wird die Eigenwahrnehmung gestört. Es ist beispielsweise möglich, dass ein Schwebegefühl erlebt wird.

Irreale Sinneseindrücke können auch bei einer Unterversorgung des unteren und inneren Temporallappens auftreten. Plötzlich sind Geräusche oder sogar Musik zu hören, man sieht Bilder. Auch ein Gefühl der Euphorie kann sich einstellen.

Menschen, die unter epileptischen Anfällen leiden, können ebenfalls frühere Ereignisse oder Gefühlszustände wiedererleben. Wahrscheinlich ist eine Reizung des für Erinnerungen zuständigen Hippocampus der Auslöser dafür. Ähnliche Flashbacks können auch von außen gesteuert durch Reizung mit Elektroden hervorgerufen werden.

Es ist bekannt, dass eine psychotrope Substanz, wie beispielsweise LSD, einen psychedelischen Rauschzustand auslösen kann, der oft als bewusstseinserweiternd erlebt wird. Unter Einfluss einer derartigen Substanz werden auffällige Gehirnaktivitäten beobachtet. Häufig wird durch eine psychotrope Substanz die Selbstwahrnehmung beeinflusst, wodurch sich auch eine Auswirkung auf die Persönlichkeit einstellt.

Die Welt wird anders wahrgenommen. Der Blick in eine Welt wird geöffnet, die größer als die eigene erscheint. Es wird von der Entdeckung neuer Räume außerhalb der eigenen Persönlichkeit berichtet. Es mag sich die Wahrnehmung einstellen, dass die Grenze zwischen dem Selbst und der Welt verschwimmt. Während dieses Transzendenzerlebnisses, dem Herausgelöst sein aus dem bisherigen Bezugsfeld, kann das Gefühl erlebt werden, einen höheren Bewusstseinszustand erreicht zu haben und eine neue Sichtweise auf etwas bekommen zu haben. Kreativität wird besonders lebhaft erfahren.

Allerdings wird dringend davon abgeraten, psychotrope Substanz an psychisch instabile Menschen zu verabreichen. Der wesentliche Grund besteht in der Gefahr, dass sich eine psychische Erkrankung, beispielsweise eine Psychose, entwickelt.

Biochemische Reaktionen im Gehirn können durchaus Erfahrungen auslösen, die Nahtoderfahrungen sehr ähnlich sind. So lassen sich beispielsweise Schwebezustände und die Wahrnehmung von Bildern aus der eigenen Vergangenheit als Folge biochemischer Reaktionen erklären. Bestimmte biochemische Reaktionen lassen sich durch Reizung bestimmter Hirnareale, beispielsweise der linken und rechten Schläfenlappen, vom Prinzip her in gewisser Weise wiederholbar hervorrufen.

Erklärbarkeit beobachtbarer Phänomene

Die Frage stellt sich, ob sich bereits betrachtete Phänomene, wie beispielsweise Nahtoderfahrungen und terminale Geistesklarheit mit biochemischen Reaktionen erklären lassen, wenn von einem lokalen individuellen Selbst ausgegangen wird. Beispielhaft sei kurz das Phänomen des Lebensrückblicks dargestellt, der bei Nahtoderfahrungen häufig, jedoch nicht immer, erlebt wird.

Die US-amerikanische orthopädische Chirurgin Mary C. Neal berichtet in ihrem Buch „7 Botschaften des Himmels“ von einer Nahtoderfahrung bei einem Unfall mit ihrem Kajak in Südamerika. Sie habe eine Art Panoramablick auf ihr Leben wahrgenommen und bei intensiverer Betrachtung von Lebensereignissen auch Einblick in die Lebensgeschichte beteiligter Personen erhalten.

Als ich jeden Aspekt eines Ereignisses betrachtete, konnte ich im Nu die Lebensgeschichte der beteiligten Personen erkennen. Ich begriff vollkommen ihre Gemütszustände, Motivationen und Stimmungen. Ich erfasste ihren Standpunkt, was sie zur Situation beitrugen und wie dadurch ein jeder von uns verändert wurde.

Dann nahmen die Dinge konkretere Gestalt an. Wut und Verwirrung, die ich angesichts körperlicher Gewalt als Kind empfunden hatte, wurden ersetzt durch Mitgefühl, während ich mit ansah, wie die betreffenden Personen infolge ihrer Verletzungen, Erwartungen und Hoffnungen zu einer solchen Tat getrieben worden waren. Die persönliche Entwicklung beeinflusste ihre Verhaltensweisen und Reaktionen, und mir wurde klar, wie gerade jene Situation ihre Zukunft tiefgreifend veränderte. Der jahrzehntealte Groll gegen einen Nachbarsjungen, der mich als junges Mädchen belästigt hatte, löste sich auf in einer von Einfühlsamkeit und Versöhnlichkeit geprägten Haltung. Wieder und wieder verwandelte die Einsicht in die Vorgeschichte eines Menschen – seine Erfahrungen, Lebensumstände, Kümmernisse – meine Auffassung von ihm, worauf ich nun mit unbedingtem Wohlwollen reagierte.“ (S. 37).

Wenn davon ausgegangen wird, dass diese Schilderung – wie auch viele andere ähnlich gelagerte Schilderungen – nicht einfach nur frei erfunden ist, ergibt sich unmittelbar die Frage, wie ein „Hineinschauen“ in das individuelle Selbst anderer Individuen möglich sein kann. Das Gehirn kann, wie bereits angedeutet, durchaus Zustände eines erweiterten Bewusstseins produzieren, doch lassen sich Beweggründe, Seelenzustände und Geschichte anderer Individuen nicht nur kognitiv, sondern auch emotional erfassen? Dies erscheint völlig unmöglich. Eine Art „Offenbarung“ eines offenbarungswilligen Subjekts ist erforderlich.

Sämtliche Phänomene, die den Grenzbereich von intrauniversalem und extrauniversalem Existenzraum berühren, legen in der Konsequenz die Frage nahe, ob das individuelle Selbst ausschließlich im Gehirn lokalisiert ist. Diese Phänomene scheinen nicht rational erklärbar zu sein, wenn konsequent dem Postulat des lokalen individuellen Selbst gefolgt wird. Legt dies andererseits und in der Konsequenz den Gedanken eines nichtlokalen individuellen Selbst nahe? Im postulierten Multiversum mit eng miteinander verwobenen Universen wäre diese Möglichkeit denkbar.

Phänomene im Zusammenhang mit Bewusstseinsstörungen

Zur Klärung der Lokalität des individuellen Selbst bietet sich eine eingehendere Betrachtung von Phänomenen an, bei denen das Bewusstsein nach medizinischen Erkenntnissen entweder vorübergehend „ausgeschaltet“ oder zumindest in seiner Funktionalität schwer beeinträchtigt ist. Die entsprechenden Phänomene sind die Nahtoderfahrung und die terminale Geistesklarheit.

Die vorgeburtliche Bewusstseinserfahrung, ein bisher nicht genanntes Phänomen, mag als Sonderfall gelten. Bei diesem Phänomen, auf das an dieser Stelle nicht näher eingegangen wird, werden Bewusstseinserfahrungen behauptet, die zum vorgegebenen Zeitpunkt aufgrund des Entwicklungsstands des Gehirns noch nicht möglich sind.

Nahtoderfahrungen

Erkenntnisse aus der Untersuchung von Nahtoderfahrungen zeigen, dass das Bewusstsein auch dann noch aktiv sein kann, wenn keine Hirnströme mehr messbar sind (sog. Null-Linien-EEG). Eigentlich müsste das Bewusstsein in diesem Zustand völlig „außer Betrieb“ sein. Doch dies ist nicht der Fall. In der Konsequenz stellt sich die Frage, wie dies möglich sein kann.

Wäre das Bewusstsein nur im Gehirn lokalisiert und gewissermaßen ein Produkt des Gehirns, könnte es Nahtoderfahrungen nicht geben: keine Hirnströme, keine Wahrnehmungen. Folglich ist eine alternative Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Sie lautet: Das Bewusstsein ist nicht – oder zumindest nicht ausschließlich – im Gehirn lokalisiert und es kann während der Zeit eines Null-Linien-EEG etwas wahrnehmen. Beide Möglichkeiten schließen sich gegenseitig aus.

Darüber hinaus werden Fälle berichtet, bei denen Blinde während einer Nahtoderfahrung ein gewisses Sehvermögen erlangten. In ihrem Beitrag „Near-Death and Out-of-Body Experiences in the Blind: A Study of Apparent Eyeless Vision” beschreiben Kenneth Ring und Sharon Cooper Fälle von Blinden, die eine Nahtoderfahrung erlebten. Das Sehvermögen entspricht nicht dem eines Menschen mit normalem Sehvermögen, sondern wird als „transzendentales Bewusstsein“ beschrieben, das unabhängig vom Gehirn funktioniert. Es muss jedoch durch das Gehirn mitgeteilt und in Sprache übersetzt werden. Dieser Übersetzungsprozess aus der „Sprache“ des „transzendentalen Bewusstseins“ in natürliche Sprache, um dieses „Sehen“ auszudrücken, hat in der üblichen menschlichen Kommunikation keine Entsprechung.

Terminale Geistesklarheit

Auch bei terminaler Geistesklarheit kommt es zu Situationen, die die Frage provozieren, wie Wahrnehmungen möglich sind. Als terminale Geistesklarheit wird eine Episode mit Prozess und Zustand einer spontanen und unerwarteten Rückkehr geistiger Klarheit und Erinnerung bei Menschen mit schweren psychischen oder neurologischen Erkrankungen relativ kurz vor ihrem physischen Tod verstanden. Zwar sind Hirnströme messbar, jedoch sind, je nach Krankheitsbild, Hirnbereiche schwer geschädigt.

Zu den Krankheitsbildern, bei denen zuweilen eine terminale Geistesklarheit beobachtet wird, zählt u. a. die Demenz. Bedingt durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn können Fähigkeiten, wie beispielsweise Lernen, Planen, Sprache, Erkennen, Orientierung und Gedächtnis – allesamt kognitive Fähigkeiten – im Verlauf der Erkrankung zunehmend beeinträchtigt sein. Gleiches gilt auch für emotionale und soziale Fähigkeiten. Zu Beginn der Erkrankung sind häufig Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit gestört. Später gehen auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses verloren.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es möglich sein kann, dass Betroffene eine Phase terminaler Geistesklarheit erleben können. Obwohl Nervenzellen im Gehirn bereits irreversibel abgestorben sind, werden kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten für eine gewisse Zeit wiederlangt. Auch das Gedächtnis scheint intakt. Anschließend fallen Betroffene wieder in den vorherigen Zustand zurück und sterben in der Regel bald danach.

Erklärungsansätze

Um einer Klärung der Frage näherzukommen, ob das individuelle Selbst ausschließlich im Gehirn verortet sein kann, erscheint es hilfreich zu sein, Szenarien zu entwerfen und diese zu analysieren. Die gewählten Szenarien sind:

  • Eine Nahtoderfahrung, wobei der Betroffene etwas wahrnimmt, obwohl keine Hirnströme mehr messbar sind,
  • Eine Erfahrung terminaler Geistesklarheit, wobei der Betroffene an schweren Hirnschädigungen leidet,
  • Eine vorgeburtliche Erfahrung, bevor sich ein Bewusstsein ausgebildet haben kann.

Nahtoderfahrung

Im Szenario erlebt ein Mensch – er sei Philipp genannt – einen Herzstillstand. Als Folge davon bricht der Blutkreislauf zusammen und dies führt unmittelbar zu einem Sauerstoffmangel im Gehirn. Nach etwa 10-20 Sekunden kommt es zur Bewusstlosigkeit. Auf dem Elektroenzephalogramm (EEG) ist die Null-Linie erreicht, d. h. es sind keine Hirnströme mehr messbar (sog. Null-Linien-EEG).

Nun macht Philipp eine Nahtoderfahrung. Ob sich Philipp unter der Decke des OP-Saals wahrnimmt und auf sich selbst nach unten blickt, ob er eine „Reise“ in den extrauniversalen Existenzraum unternimmt und dort schon verstorbenen Familienangehörigen begegnet, oder ob er irgendetwas anderes wahrnimmt, ist letztlich unerheblich. In allen Fällen nimmt Philipp etwas wahr, was er eigentlich nicht wahrnehmen kann. An das, was er während seiner Nahtoderfahrung wahrgenommen hat, kann sich Philipp jedoch später erinnern. Er kann beispielsweise einem Mediziner wirklichkeitsgetreu wiedergeben, was während der Wiederbelebungsmaßnahmen besprochen wurde. Wie ist dies möglich?

Rein „technisch“ gesehen ist anzunehmen, dass mit Eintreten der Bewusstlosigkeit ein Umschalten auf ein nichtlokales Bewusstsein stattfindet, das jedoch mit Philipps Identität verknüpft ist. Wo dieses nichtlokale Bewusstsein verortet und wie es implementiert ist (das Gehirn als „Träger“ scheidet aus), bleiben zunächst unbeantwortete Fragen. Das nichtlokale Bewusstsein, so wird weiter postuliert, hat Zugriff auf ein ebenso nichtlokales Gedächtnis, denn sonst könnten Erlebnisinhalte später nicht in das Langzeitgedächtnis in Philipps Gehirn übernommen werden. Schließlich kann sich Philipp nach erfolgreicher Wiederbelebung, und nachdem sein Gehirn wieder mit Sauerstoff versorgt wird, an Erlebnisinhalte während seiner Nahtoderfahrung erinnern.

Nachdem Philipps Gehirn wieder mit Sauerstoff versorgt wird, können Erlebnisinhalte vom nichtlokalen Bewusstsein in Philipps lokales Bewusstsein und vom nichtlokalen Gedächtnis in sein lokales Gedächtnis in seinem Gehirn übernommen werden. Somit ist Philipps Nahtoderfahrung in sein Leben integriert. Er kann sich an die Zeit davor, an die Zeit der Nahtoderfahrung und an die Zeit danach erinnern.

Nun stellt sich die Frage, ob es sich beim nichtlokalen Bewusstsein um eine Art „Zwischenbewusstsein“ und beim nichtlokalen Gedächtnis um eine Art „Zwischengedächtnis“ handeln könnte. Nach dem Umschalten auf Philipps lokales Bewusstsein und sein lokales Gedächtnis wären „Zwischenbewusstsein“ und „Zwischengedächtnis“ nicht mehr erforderlich und könnten gelöscht werden. Für die Umschaltaktionen bedarf es jedoch jeweils eines Signals. Woher kommt dieses Signal und wie wird es ausgelöst?

Terminale Geistesklarheit

In diesem Szenario wird ein Mensch – sein Name sei Timo – mit einer schweren geistigen Behinderung geboren und muss dauerhaft in einem Heim leben (wie im Fall der geschilderte geistig behinderten Käthe). Timo ist nach allen medizinischen Diagnosen und Einschätzungen nicht in der Lage, am normalen Leben teilzunehmen. Da er nicht sprechen lernte, kann er sich auch nicht artikulieren. Er wird nach Einschätzung des medizinischen Fachpersonals nie dazu fähig sein, ein selbstständiges Leben zu führen, und muss deshalb dauerhaft in einem Heim gepflegt werden. In Summe wird davon ausgegangen, dass sein Gehirn schwer geschädigt ist. Eine Untersuchung seines Gehirns mit bildgebenden Verfahren, wie beispielsweise Magnetresonanztomographie (MRT), ist nicht möglich, da diese Möglichkeiten zu Timos Lebzeiten noch nicht verfügbar sind.

Nach Jahren im Heim erlebt Timo für alle überraschend eine Phase terminaler Geistesklarheit. Plötzlich wird erkennbar, dass Timo in allen Jahren dennoch in irgendeiner Weise am Leben teilgenommen haben musste. Plötzlich kann Timo verständlich sprechen und er kann etwas wiedergeben, was er offenkundig in seiner Umgebung wahrnahm. Er kann es sogar in den Kontext einordnen. Es geht um seinen eigenen Tod, der für das medizinische Fachpersonal nicht absehbar zu sein schien, aber jetzt unmittelbar bevorsteht. Kurz nach dieser Phase terminaler Geistesklarheit stirbt Timo.

Wie ist es möglich, dass Timo unmittelbar vor seinem Tod zu etwas in der Lage war, was in der ganzen Zeit seit seiner Geburt nie beobachtet werden konnte? Wiederum rein „technisch“ betrachtet wäre davon auszugehen, dass Timo eine Art „Parallelbewusstsein“ und ein „Parallelgedächtnis“ hatte. Beides musste sich irgendwann vor oder nach seiner Geburt entwickelt haben. Kurz vor seinem Tod schaltete Timo – so könnte es sein – auf sein „Parallelbewusstsein“ und sein „Parallelgedächtnis“ um. Jetzt war es ihm möglich, auf früher Wahrgenommenes und Erlebtes zurückzugreifen und es wiederzugeben. Doch wie konnte er sich plötzlich verständlich artikulieren? Diese Frage bleibt ungeklärt.

Für die Umschaltaktion bedurfte es eines Signals. Dieses Signal kam offenkundig kurz vor seinem Tod, wovon Timo vermutlich nichts wusste. Doch woher kam es und wie wurde es ausgelöst?

Vorgeburtliche Bewusstseinserfahrung

Eine vorgeburtliche Bewusstseinserfahrung wurde bisher im Zusammenhang mit einer Nahtoderfahrung von Kindern anekdotisch berichtet. Die Bewusstseinserfahrung wurde gewissermaßen nachträglich durch Befragung zur Nahtoderfahrung erschlossen.

Die Entwicklung des Bewusstseins setzt den meisten psychoanalytischen Theorien zufolge in der nachgeburtlichen Zeit der frühen Kindheit ein. Zwar beginnt die Entwicklung des Gehirns bereits in der dritten Schwangerschaftswoche, jedoch sind Gehirnaktivitäten erst zwischen der 20. bis 24. Schwangerschaftswoche messbar. Dann hat sich die Grundstruktur des Gehirns mit dem Thalamus, der den größten Teil des Zwischenhirns bildet, und seinen Verbindungen zum Großhirn bereits relativ weit entwickelt.

Wenn davon ausgegangen wird, dass sich ein Bewusstsein erst dann formen kann, wenn Gehirnaktivitäten messbar sind, schließt dies vorgeburtliche Bewusstseinserfahrungen vor diesem Zeitpunkt aus. Auch Erinnerungen an die Zeit davor sind nicht möglich. Wenn dennoch von Erinnerungen an Erfahrungen im Mutterleib während der ersten 20 bis 24 Schwangerschaftswochen berichtet wird, wäre dies nur mit einem „Parallelbewusstsein“ und einem „Parallelgedächtnis“ erklärbar.

In ihrem Buch „Wir waren im Himmel“ beschreibt P.M.H. Atwater Erinnerungen von Kindern an den Mutterleib (S. 57 ff.). Eine der anekdotischen Schilderungen bezieht sich auf die Erinnerung an die Zeit der embryonalen Entwicklung, während der das kleine Lebewesen Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen aufwies (S. 61). Die Trennung der Zehen und Finger erfolgt zwischen der 5. und 7. Entwicklungswoche des Embryos.

Sollte es so sein, dass eine bewusste Erinnerung an die Zeit im Mutterleib vor der Messbarkeit von Gehirnaktivitäten möglich ist, wäre dies nur mit zu diesem Zeitpunkt bereits vorhandenen „Parallelbewusstsein“ und „Parallelgedächtnis“ erklärbar.

Folgerungen

So bizarr und unglaublich es auf den ersten Blick erscheinen mag, so legen doch einige der geschilderten Phänomene ein nichtlokales individuelles Selbst (Gesamtheit der Aspekte Geist, Seele, Bewusstsein, Gedächtnis) nahe. Diese Phänomene lassen sich bei einer „technischen“ Betrachtung sonst schlicht nicht erklären. Wie sollte sich beispielsweise ein Mensch, der eine Nahtoderfahrung erlebt, an diese Erfahrung erinnern können, während sein Gehirn völlig lahmgelegt ist?

Die „technische“ Betrachtung führt zu zwei Alternativem:

  • Alternative 1: zwischen lokalem und nichtlokalem Bewusstsein und ebenso zwischen lokalem und nichtlokalem Gedächtnis kann situationsspezifisch umgeschaltet werden. Lokales Bewusstsein und lokales Gedächtnis werden aus nichtlokalen Inhalten nach „Wiederanlauf“ synchronisiert;
  • Alternative 2: nichtlokales Bewusstsein und nichtlokales Gedächtnis existieren dauerhaft, möglicherweise sogar ab der Zeugung. Das lokale Bewusstsein und das lokale Gedächtnis werden situationsspezifisch aus den nichtlokalen Inhalten synchronisiert.

Bei näherer Betrachtung erscheint die letztgenannte Alternative eher plausibel. Dies führt zu dem weitergehenden und durchaus verwegenen Gedanken einer doppelten Existenz des individuellen Selbst. Die eine Instanz dieses individuellen Selbst ist an einen physischen Körper gebunden, die andere an einen Geistleib.

Nun stellt sich die Frage, wie sich die beiden Instanzen synchronisieren. Die lokale Instanz ist nicht „ausfallgeschützt“ – bedingt durch außergewöhnliche Ereignisse (z. B. Ausfall der Sauerstoffversorgung des Gehirns) können die Hirnfunktionen eingeschränkt sein. Im Unterschied dazu kann vermutet werden, dass die nichtlokale Instanz keinen physischen Einschränkungen unterworfen ist. Trifft die Vermutung zu, wäre letztere Instanz folglich geeignet, als Referenzinstanz zu dienen. Fällt die lokale Instanz aus, wird sie nach „Wiederverfügbarkeit“ (z. B. nach erfolgreicher Wiederbelebung) mit den Informationen der nichtlokalen Instanz synchronisiert.

Das Bild einer gespiegelten Festplatte mag zum besseren Verständnis hilfreich sein, obwohl es den Kern nicht exakt trifft. Das nichtlokale individuelle Selbst wäre auf Festplatte 1 gespeichert, das lokale individuelle Selbst auf Festplatte 2. Fällt nun Festplatte 2 vorübergehend aus, werden nach ihrer Wiederverfügbarkeit Informationen von Festplatte 1 übertragen. Nach der Informationsübertragung weisen beide Festplatten identische Inhalte auf.

Die Synchronisation von lokalem und nichtlokalem Selbst erfordert eine Schnittstelle und ein Protokoll und außerdem Synchronisationsfunktionalität. Wie diese beschaffen sind, lässt sich derzeit nicht erschließen. Schnittstelle, Protokoll und Funktionalität sind mit bildgebenden Verfahren (z. B. Magnetresonanztomographie) zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Gehirn nicht festzustellen. Die Folgerung, dass all dies mangels Nachweisbarkeit nicht existiert, ist jedoch voreilig, denn Schnittstelle, Protokoll und Funktionalität können im Gehirn durchaus vorhanden sein, wurden jedoch möglicherweise nur noch nicht entdeckt.

Es wäre durchaus denkbar, dass die nichtlokale Instanz des individuellen Selbst über zusätzliche Fähigkeiten verfügt, die der lokalen Instanz verschlossen sind. Wird dieser Denkansatz weiterverfolgt, lassen sich viele der bisher geschilderten Phänomene (z. B. Wiederverkörperung Verstorbener) erklären.

In der Konsequenz sprechen viele Indizien dafür, dass das menschliche Gehirn nicht alleiniger „Produzent“ des individuellen Selbst ist. Es übernimmt auch die Funktion des „Dienstleisters“ oder „Erfüllungsgehilfen“.

Existenzkonzepte der Religionen

Sowohl die Erfahrungsreligionen (Hinduismus, Buddhismus) als auch die monotheistischen Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) gehen davon aus, dass die Existenz des Menschen mit dem physischen Tod nicht ihr Ende findet. Vielmehr erfolgt ein Übergang in einen extrauniversalen Existenzraum, ein Jenseits. Wird dieser Gedanke aufgegriffen und die bisher gezogenen Schlüsse einbezogen, erscheint es als folgerichtig, dass sich um den Augenblick des physischen Todes das individuelle Selbst vom intrauniversalen in den extrauniversalen Existenzraum bewegt. Der physische Körper bleibt zurück und wird, bildlich gesprochen, nach dem Übergang in dieses Jenseits durch einen Geistleib ersetzt.

Die genannten Religionen kennen durchwegs das Konzept einer Beurteilung eines zurückliegenden Erdenlebens. In manchen Religionen (Christentum, Islam) wird diese Beurteilung auch als Gericht bezeichnet. Eine derartige Beurteilung wäre nicht möglich, wenn das individuelle Selbst beim biologischen Tod verlorengehen würde. Wie sollte eine Beurteilung möglich sein, wenn kein Zugang zum Gedächtnis und folglich kein Erinnerungsvermögen mehr vorhanden ist? Das nichtlokale individuelle Selbst ist gewissermaßen eine notwendige Bedingung.

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.