Misslungener Suizidversuch – was offenbaren Nahtoderfahrungen?

Home » Lebensfragen » Misslungener Suizidversuch – was offenbaren Nahtoderfahrungen?

Was erleben Menschen, deren Suizidversuch misslingt und die während der Wiederbelebungsmaßnahmen eine Nahtoderfahrung machen? Was offenbaren derartige Nahtoderfahrungen?

Inhalte:

Was geschieht mit mir wenn ich sterbe - Gestaltung: privat

Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Was geschieht mit mir wenn ich sterbe?
Grobes Inhaltsverzeichnis

Die Gründe für einen Selbstmordversuch können sehr vielfältig sein. Meist, aber nicht immer, sind es sehr belastende Lebensereignisse, die einen aus subjektiver Sicht unerträglichen Leidensdruck und Schmerz verursachen. Es wird keine Hoffnung mehr gesehen, dass sich die Lebenssituation wieder zum Besseren wendet. Das Leben lohnt sich aus subjektiver Sicht nicht mehr, es ist sogar zur Qual geworden.

Schilderungen von Nahtoderfahrungen

Die Anzahl der anekdotischen Schilderungen von Menschen, die einen Selbstmordversuch überlebten, ist sehr niedrig. Insgesamt liegen weltweit schätzungsweise nur um die 200 Schilderungen über die mit dem Selbstmordversuch verbundene Nahtoderfahrung vor.

Begegnung mit den bereits verstorbenen Eltern

In „Nahtod – Grenzerfahrungen zwischen den Welten“ findet sich die Schilderung der Nahtoderfahrung eines Patienten namens Henry, der sich nach seinem missglückten Suizidversuch im Krankenhaus wiederfand (S. 31 ff.):

„»Ich fand mich auf einer üppigen Wiese mit Wildblumen wieder. Dort begrüßten mich meine Mama und mein Papa mit offenen Armen. Ich hörte, wie Mama zu Papa sagte: ‹Hier kommt Henry‹. Sie wirkte so glücklich, mich zu sehen. Aber dann sah sie mich direkt an, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie schüttelte den Kopf und sagte: ›O Henry, jetzt schau, was du getan hast!‹«“

Henry brachte zum Ausdruck, dass er sich für seinen Suizidversuch schäme, aber für seine Vision (die Begegnung mit den verstorbenen Eltern) dankbar sei. Bruce Greyson, sein behandelnder Psychiater, gibt seine Eindrücke wieder (S. 33): „Und er [Henry] wollte unbedingt mit anderen Patienten sprechen, um ihnen zu versichern, wie wertvoll und heilig das Leben ist. Was auch immer dazu geführt hatte, dass er seine Eltern sah, diese Vision half ihm eindeutig, mit seiner Trauer fertigzuwerden.“

Begegnung mit der bereits verstorbenen Cousine

Ebenfalls in „Nahtod – Grenzerfahrungen zwischen den Welten“ wird die Nahtoderfahrung einer Patientin namens Gina geschildert (S. 80 ff.). Zum Zeitpunkt ihres Suizidversuchs war Gina 24 Jahre alt und Polizeianwärterin. Von ihrem Vorgesetzten wurde sie sexuell belästigt. Das Ausmaß der Belästigung wurde für sie offenkundig derart unerträglich, dass sie keinen Ausweg mehr sah und sich zum Suizid entschloss. Sie nahm eine starke Überdosis Medikamente, überlebte und wurde in die Psychiatrie eingewiesen.

In mehreren Gesprächen vertraute sie ihrem Psychiater, Bruce Greyson, schrittweise ihre Erlebnisse während ihrer Nahtoderfahrung an. Im Krankenwagen nahm sie ihre vier Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommene Cousine Maria wahr, mit der sie eine emotionale Beziehung verband. Maria habe ihr gesagt, dass es für sie immer noch eine Menge zu tun gäbe und dass sie andere Möglichkeiten habe, als ihr Leben zu beenden. Die Cousine sei traurig gewesen, dass sie diese Überdosis genommen habe. Maria habe zu ihr gesagt, dass sie sie jetzt zurückschicke, damit sie ihren Sergeanten zur Rede stellen könne. „»Und sie sagte auch, wenn ich noch einmal versuchen würde, mich umzubringen, würde sie mir so was von in den Allerwertesten treten …«“.

Suizidversuch mit friedlicher Nahtoderfahrung

Schließlich weist eine weitere in „Nahtod – Grenzerfahrungen zwischen den Welten“ geschilderte Nahtoderfahrung (S. 258 ff.) auf den Aspekt der Sinnhaftigkeit des irdischen Lebens hin. Joel, einer von Bruce Greysons Patienten, hatte starke körperliche Schmerzen und wollte diese nicht mehr länger ertragen müssen. Obwohl er befürchtet hatte, als Folge eines Suizids in der Hölle (Ort der ewigen Verdammnis) zu landen, entschied er sich schließlich aufgrund seiner als unerträglich empfundenen Schmerzen dennoch zum Suizid. Er nahm eine Überdosis Medikamente.

Entgegen seiner Erwartung erlebte Joel eine friedliche Nahtoderfahrung: „»Mir wurde gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber trotzdem geliebt werde. Ich bin nicht zur Hölle gefahren. Ich war irgendwo … Nun, ich weiß nicht genau, wo. Ich denke, man muss es himmlisch nennen.«“

Auf die Frage Greysons, ob er erneut über einen Suizid nachdenken würde, gab Joel trotz seiner positiven Erfahrung zur Antwort: „»Ich würde das nie wieder versuchen. Meine Überdosis war ein Fehler, aber ich wurde zurückgeschickt … für einen neuen Versuch.«“ Joel gab zu verstehen, dass er keine Angst mehr vor dem Tod habe, aber auch keine Angst mehr vor dem Leben. „»Ja, ich habe immer noch große Schmerzen und ich sehe derzeit keinen Ausweg. Aber ich sehe auch, dass mir meine Schmerzen und mein Leid aus einem bestimmten Grund gegeben werden. Ich sehe jetzt, dass alles, was passiert, eine Bedeutung hat und dass alle unsere Probleme einen Sinn haben. Ich wurde aus einem bestimmten Grund zurückgeschickt. Ich habe hier eine Aufgabe zu erledigen. Der Schmerz ist etwas, mit dem umzugehen ich lernen muss, nicht etwas, dem ich entkommen muss. Ich verstehe jetzt, dass ich mehr als eine Ansammlung von Molekülen bin. Ich habe eine tiefe Verbindung zu allem anderen im Universum. Die Probleme dieses Hautbeutels sind nicht so wichtig. Es hat einen Sinn und einen Zweck, wieder hier in diesem Körper zu sein.«“

Suizidversuch aus Verzweiflung

Die Datenbank der „Near Death Experience Research Foundation” (NDERF.org) enthält u. a. die Schilderung eines Mannes unter der Kennung „W“ (id: 1934). Dieser erlebte eine Nahtoderfahrung nach einem Suizidversuch im Jahr 1990.

W hatte seiner Schilderung zufolge kurz vor seinem eigenen Selbstmordversuch seinen besten Freund durch Suizid verloren. Mit diesem hatte W über seine eigenen Selbstmordpläne gesprochen. Sein Freund ging auf seine Gedanken ein, doch W unternahm wenig, um seinen Freund vom Suizid abzuhalten. Nun fühlte sich W schuldig und dachte, dass der Tod seines Freundes sein Fehler gewesen sei. W bat Gott voller Verzweiflung um Vergebung, hatte jedoch nicht das Empfinden, dass Gott seine Bitten erhörte. Daraufhin nahm er aus dem Medizinschrank seines Großvaters ein Fläschchen mit Coumadin-Tabletten (ein Medikament zur Blutverdünnung) und schluckte sämtliche darin enthaltenen Tabletten.

Als Folge erlebte W eine außerkörperliche Erfahrung. Er empfand sich als von einer Freude erfüllt, wie er sie noch nie zuvor erlebte. Er erkannte, dass das sterbliche Leben eine vorübergehende und kurze Erfahrung war, dass all der Schmerz, den er empfunden hatte, so harmlos und so mild war. Es war als ob es überhaupt keine Rolle spielte.

Während dieser Erfahrung wusste er, was in seinem Leben die größte Bedeutung hatte: Die Liebe, die er anderen zuwandte, das Mitgefühl, das er für andere empfand, die Freundlichkeit, die er gegenüber allen zeigte, und letztlich, wie viel er von sich selbst all jenen gab, die seine Wege in seinem zurückliegenden Leben kreuzten.

In seiner Schilderung bezeichnet W sich selbst als nicht sonderlich religiös. Sein Leben habe sich seit seiner Nahtoderfahrung deutlich verändert. Er fürchte das Sterben nicht mehr, sondern freue sich voller Erwartung auf jenen Tag. Suizid werde jedoch für ihn keine Option mehr sein. Er wisse, dass er, falls er diesen Weg einschlage, nicht mehr in der Lage sein könnte, das Empfinden von Liebe und Glück erneut zu erfahren. „Als Folge meiner Nahtoderfahrung bin ich jetzt eine völlig andere Person.“

Begegnung mit dem verstorbenen Großvater

Ebenfalls in der Datenbank der „Near Death Experience Research Foundation” (NDERF.org) findet sich die anekdotische Schilderung einer Frau namens Lilith (id: 2867). Sie wurde im Alter von 9 Jahren von ihrem Vater missbraucht, konnte jedoch die Erinnerung an das bzw. die traumatischen Erlebnisse verdrängen (möglicherweise dissoziative Amnesie). Als der Vater sie als 15-Jährige erneut missbrauchen wollte, kamen die Erinnerungen wieder zurück. Lilith verfiel in eine Depression, hörte auf, an Gott zu glauben und wollte sterben. Sie empfand Scham und Abscheu.

Es war bereits Liliths dritter Suizidversuch. Sie nahm alle Tabletten, die sie im Haus finden konnte und spülte sie mit Whisky hinunter. In der Folge erlebte sie eine außerkörperliche Erfahrung als Element ihrer Nahtoderfahrung. In einem außerirdischen Raum begegnete sie ihrem weiß gekleideten Großvater. Er sagte ihr, dass er gekommen sei, um mit ihr zu sprechen. Er sei beauftragt worden, ihr zu sagen, dass ihre Zeit noch nicht gekommen sei und dass sie zurückgehen müsse. Sie werde noch gebraucht und ihre Fragen würden zur rechten Zeit beantwortet werden.

Der Großvater ließ sie wissen, dass ihr Vater krank sei, dass alle ihre selbstzerstörerischen Gedanken einen üblen Ursprung hätten, und dass diese sie nicht überwältigen dürften, da ihr Leben noch vor ihr liege. Er sagte ihr, dass sie es leben solle und dass sich alles ändern würde. Sie müsse jedoch geduldig und versöhnungsbereit sein. Des Weiteren sagte er ihr, dass ihre Großmutter noch nicht sterben würde, obwohl er sie nach wie vor vermisse. Sie würde die Operation überstehen. Ihr Großvater habe seine Hand auf ihre Wange gelegt. Seine Hand habe sie als kalt empfunden.

Lilith wollte nicht zurückgehen, doch es blieb ihr keine Wahl. Sie kehrte wieder in ihren Körper zurück.

Erkenntnisse und Folgerungen

Bruce Greysons Untersuchungen von Patienten, die einen gescheiterten Selbstmordversuch unternommen hatten, hatten zum Ergebnis, dass etwa 25 % von ihnen eine Nahtoderfahrung erlebten (S. 261 f.). Das Erlebnis und die damit einhergehende verringerte Angst vor dem Sterben weckte in den Befragten jedoch nicht den Wunsch, einen erneuten Suizidversuch zu unternehmen. Sie empfanden sich jetzt vielmehr als Teil von etwas Größerem. „Vor diesem Hintergrund scheinen ihre individuellen Verluste und Probleme weniger wichtig zu sein. Sie schätzen sich jetzt eher dafür, wer sie sind als für ihre Umstände. Sie glauben jetzt mehr, dass das Leben bedeutungsvoller, kostbarer und angenehmer ist, als vor ihrem Suizidversuch, und sie fühlen sich lebendiger als zuvor. Viele bringen ihr gesteigertes Selbstwertgefühl und ihr sinnvolleres Leben mit ihrer Überzeugung in Verbindung, dass der Tod nicht das Ende ist, und mit ihrem Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen.

Suizid und die Folgen, Nachtodkontakte - Gestaltung: privat

Nach einem vollendeten Suizid kann es zu einem Nachtodkontakt kommen. Erfahren Sie mehr darüber in diesem Beitrag:

Suizid und die Folgen – was offenbaren Nachtodkontakte?

Auch Jeffrey Long, der Gründer der „Near Death Experience Research Foundation“ (NDERF.org), weist in seinem Buch „Neue Beweise für ein Leben nach dem Tod“ darauf hin, dass nahezu alle Menschen, die nach einem Selbstmordversuch eine Nahtoderfahrung erlebten, ihren Suizidversuch rückblickend als schweren Fehler betrachten (S. 9).

In manchen Schilderungen ist von direkten Begegnungen mit Gott die Rede. Meistens erfolgt jedoch eine Begegnung mit Personen, mit denen zu deren Lebzeiten eine emotionale Beziehung bestand. Diese scheinen mit der Mitteilung beauftragt zu sein, dass die Zeit für den endgültigen Übergang in den extrauniversalen Existenzraum, das Jenseits, noch nicht gekommen sei.

In der Gesamtschau lässt die bereits erwähnte geringe Zahl der Schilderungen von Nahtoderfahrungen nach einem misslungenen Suizidversuch keine sicheren Schlüsse zu. Dennoch lässt sich spekulieren, dass Suizidversuche möglicherweise misslingen, weil „die Zeit noch nicht gekommen ist“.

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.