Vorgehensweise beim Finden der Lebensaufgabe

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 8 der Reihe Lebensaufgabe finden und umsetzen

Was ist meine Vorgehensweise beim Finden der Lebensaufgabe? Wie kann ich meine Lebensaufgabe möglichst zielsicher finden und Irrwege vermeiden?

Im Gesamtzusammenhang geht es nach der Klärung der Motivation um die Vorgehensweise. Ohne Frage: Meine Vorgehensweise ist entscheidend wichtig. Deshalb ist es unabdingbar, mir genügend Zeit zu geben und zu nehmen, um meine Vorgehensweise zu klären. Zum Nachdenken und Prüfen benötige ich Zeit, und es wäre unklug, mir diese Zeit nicht zuzugestehen.

Eine zu klärende Grundsatzfrage ist: kommt für mich ein säkularer oder ein spiritueller Ansatz infrage? Oder möchte ich beide Ansätze miteinander kombinieren?

Der säkulare Ansatz ist vollständig auf mich gerichtet. Im Wesentlichen kann ich meiner Lebensaufgabe auf drei miteinander kombinierbaren Wegen näherkommen:

  • Ausgehend von meinen Begabungen und Fähigkeiten: ich analysiere, welche Begabungen, Fähigkeiten und Talente ich habe, und überlege, wie ich diese am besten in einer Lebensaufgabe nutzbar machen kann;
  • Am Bedarf orientiert: ich erkenne einen bestimmten, dauerhaft bestehenden Bedarf (z. B. den Bedarf, kranken Menschen zu helfen), den ich mit meinen Begabungen und Fähigkeiten abdecken kann;
  • Interessenorientiert: ich interessiere mich dauerhaft für etwas ganz bestimmtes (z. B. Menschen dabei zu unterstützen, ihre Potenziale auszuschöpfen). Diesem besonderen Interesse, einem Herzensanliegen, möchte ich mich mit meinen Begabungen und Fähigkeiten widmen. Gewissermaßen unter der Oberfläche ist es meine Seele, die meine Interessen bestimmt.

Dieser säkulare Ansatz orientiert sich sehr stark an meinen Talenten, Begabungen und meinen Fähigkeiten, meinem Kompetenzenbündel. Ich alleine bestimme letzten Endes, wie ich über meine Begabungen und mein Kompetenzenbündel verfüge.

Meine Lebensaufgabe werde ich nicht nur auf einem dieser kurz skizzierten Wege finden. Der Verstand denkt eher ressourcen- und bedarfsorientiert. Aristoteles drückte dies im Hinblick auf die persönliche Berufung so aus: „Wo deine Talente und die Bedürfnisse der Welt sich kreuzen, dort liegt deine Berufung.“

Wie kann das ganz praktisch aussehen? In dem Buch „Selbstzeugnisse“ ist beschrieben, wie der spätere Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, seit 1902 Dozent für Theologie an der Universität Straßburg, dazu kam, seinem Leben eine völlig neue Richtung zu geben und Arzt im Urwald zu werden. Er schreibt:

„Ich hatte von dem körperlichen Elende der Eingeborenen des Urwaldes gelesen und durch Missionare davon gehört. Je mehr ich darüber nachdachte, desto unbegreiflicher kam es mir vor, dass wir Europäer uns um die große humanitäre Aufgabe, die sich uns in der Ferne stellt, so wenig bekümmern. […] Unsere Gesellschaft als solche muss die humanitäre Aufgabe als die ihre erkennen. Es muss die Zeit kommen, wo freiwillige Ärzte, von ihr gesandt und unterstützt, in bedeutender Zahl in die Welt hinausgehen und unter den Eingeborenen Gutes tun. Erst dann haben wir die Verantwortung, die uns als Kulturmenschheit den farbigen Menschen gegenüber zufällt, zu erkennen und zu erfüllen begonnen.

Von diesen Gedanken bewegt beschloss ich, bereits dreißig Jahre alt, Medizin zu studieren und draußen die Idee in der Wirklichkeit zu erproben. Anfang 1913 erwarb ich den medizinischen Doktorgrad. Im Frühling desselben Jahres fuhr ich mit meiner Frau, die die Krankenpflege erlernt hatte, an den Ogowe in Äquatorialafrika, um dort meine Wirksamkeit zu beginnen.“

Die Seele leitet nach meinen Interessen und auch nach meinen Sehnsüchten. Meine Seele spricht also mehr oder weniger bewusst ein gewichtiges Wort mit. Wofür brenne ich, oder – etwas anders ausgedrückt – wofür brennt mein Herz? Wofür kann ich mich dauerhaft begeistern? Was kann mich über den Tag hinaus zutiefst erfüllen?

Letzten Endes werde ich alle drei Wege beschreiten. Wenn sie zu einem gemeinsamen Ziel weisen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich meine Lebensaufgabe gefunden habe.

Der spirituelle Ansatz bedeutet im Wesentlichen: ich bin grundsätzlich bereit, eine spirituelle Autorität anzuerkennen und dieser Autorität ein wie auch immer geartetes Mitspracherecht beim Finden meiner Lebensaufgabe einzuräumen. Die Mitsprache ist einerseits indirekt über Schriften (z. B. die Bibel), andererseits aber auch direkt durch persönliche Ansprache möglich. Somit lasse ich möglicherweise zu, dass diese Autorität mir eine ganz konkrete Lebensaufgabe zuweist.

Beide Ansätze kombinieren

Schließlich kann ich beide Ansätze miteinander kombinieren. Die Religion oder der spirituelle Erkenntnisweg übernehmen dann gewissermaßen die Rolle eines Wertesystems, das einen Bezugsrahmen für meine Suche nach der Lebensaufgabe setzt. Meine natürlichen Begabungen, Talente, Fähigkeiten und Interessen ordne ich in diesen Bezugsrahmen ein.

Der Versuch einer kurzen beispielhaften Darstellung anhand des Christentums und der Esoterik kann einen groben Eindruck vermitteln, welche Auswirkungen sich aus einer Kombination der beiden Ansätze ergeben können.

Das Christentum als Beziehungsreligion

Das Christentum kann als eine Beziehungsreligion bezeichnet werden (im Unterschied zum Judentum als Gesetzesreligion und dem Islam als Buchreligion). Gott sucht die Beziehung zu Menschen. Kurz gefasst wandten sich nach biblischer Lehre die ersten Menschen von Gott ab, zerstörten die Gemeinschaft mit Gott. Jesus Christus, der Sohn Gottes, stellte die Beziehung zu Gott wieder her. Nach seiner Himmelfahrt wurde der Heilige Geist als Stellvertreter gesandt. Auf diese Weise können Menschen direkt mit Gott in Beziehung treten und im Gebet mit ihm reden.

Nach biblischer Lehre ließ und lässt Gott jedem Menschen die Freiheit, sein Leben in eigener Verantwortung selbst zu gestalten. Gott gibt allgemeine Leitlinien vor (u. a. in den Zehn Geboten), die einen Rahmen setzen, wie nach seinen Maßstäben Leben gelingt. Dem Menschen ist die Freiheit gelassen, die Leitlinien Gottes unbeachtet zu lassen. Nach dem Tod, auch dies ist biblische Lehre, hat jeder Mensch gegenüber Gott Rechenschaft für das gelebte Leben abzulegen.

Die Kombination des sprituellen und säkularen Ansatzes bestünde im Beispiel des Christentums darin, die Begabungen und Fähigkeiten so einzusetzen, dass sie mit den Absichten Gottes im Hinblick auf die Beziehung zu ihm, zu den Mitmenschen sowie zum Lebensraum vereinbar sind. Diese Anforderungen sind prinzipiell leicht zu erfüllen, da sie in wesentlichen Teilen auch mit der gesellschaftlichen Werteordnung, zumindest in Westeuropa, übereinstimmen.

Demnach wäre etwa ausgeschlossen, dass ich meine Begabungen und Fähigkeiten dazu einsetze und meine Lebensaufgabe darin sehe, anderen Menschen zu schaden (beispielsweise durch Betrug, Diebstahl, Mord usw.). Andererseits bleibt großer Freiraum, meine Begabungen und Fähigkeiten zum Wohl meiner Mitmenschen und des Lebensraums einzusetzen.

Davon abgesehen bleibt es Gott in seiner Souveränität unbenommen, Menschen konkrete Lebensaufgaben zu geben. Da durch den Heiligen Geist ein direkter „Kommunikationskanal“ zwischen Gott und Mensch besteht, kann er direkt zu einem Menschen sprechen. Der Mensch hat die Möglichkeit, diese durch eine Art persönliche Offenbarung übermittelte Lebensaufgabe anzunehmen oder abzulehnen.

Die Esoterik als vielschichtiges Feld

Das Feld der Esoterik erscheint äußerst breit, vielschichtig und uneinheitlich. Es scheint von menschlichen Lehrern dominiert zu sein, die sehr unterschiedliche Konzepte (z. B. das Konzept der „Überseele“) vertreten. Die Lehren lassen sich mit wissenschaftlichen Methoden schwerlich bzw. überhaupt nicht überprüfen.

Ein Motiv für die Beschäftigung mit Esoterik scheint zu sein, in einen verborgenen Bereich menschlicher Existenz vorzudringen. Die Aussicht, mehr über sich zu erfahren, z.B. über ein mögliches vorhergehendes Leben, über die eigene Bestimmung, aber auch das „Anzapfen“ von Kraftquellen scheinen wesentliche Beweggründe zu sein.

Auch der Kontakt mit Geistern über Medien wird propagiert und praktiziert. Diese Geister scheinen jedoch nicht in die Zukunft schauen zu können. Wäre dies der Fall, so wäre es einem Geist ein Leichtes, beispielsweise die Lottozahlen für das kommende Wochenende vorherzusagen.

Vielen Menschen scheint es ein Bedürfnis zu sein, etwas über ihre Zukunft zu erfahren. Sie wenden sich deshalb an Wahrsager, erhalten aber nur sehr vage Auskünfte. Weshalb ist es nicht möglich, eine klare Aussage zu treffen, etwa so: „Am 15. Februar 2016 wirst du um 18 Uhr Peter treffen. Er ist 1,80 m groß und trägt eine graue Jeans …“?

Meine Lebensaufgabe kann ich (nach meinem Verständnis) auf dem Weg der Esoterik im Wesentlichen wohl auf zwei Wegen erkennen:

  • Auf einem Weg nach innen, auf dem ich Kontakt mit meinem innersten Ich aufnehme (beispielsweise mit meiner „Überseele“ in Kontakt trete). Ich versuche, in den Bereich meiner unbewussten Existenz und/oder sogar Präexistenz zu gelangen. Dies kann unter Anleitung einer „Lehrerin“ oder eine „Lehrers“ geschehen.
  • Durch Kontakt mit einem Geist oder Geistern über ein Medium. Der Geist bzw. die Geister geben mir Auskunft zu einer gestellten Frage.

Der erstgenannte Weg stellt mich vor die Frage: was würde ich konkret erwarten, wenn ich einen Kontakt hergestellt habe? Und wie kann ich sicher sein, dass ich wirklich den Kontakt mit meiner „Überseele“ bzw. meinem „Kontaktziel“ hergestellt habe und nicht mit irgendetwas anderem?

Den zweiten Weg würde ich nur gehen, wenn ich eine konkrete Lebensaufgabe erfahren möchte. Wie reagiere ich aber, falls die Lebensaufgabe nicht zu mir passen sollte? Wage ich es, mich der „Autorität“ entgegenzustellen?

Die Kombination eines säkularen und spirituellen Ansatzes auf dem Gebiet der Esoterik scheint schwer vorstellbar. Wenn spirituelle Weisung gesucht wird und eine wie auch immer geartete „Antwort“ erfolgt, stellt sich die Frage, ob dann die Freiheit des menschlichen Willens überhaupt noch gegeben ist. Handelt es sich nicht um eine Auslieferung an die „spirituelle Autorität“?

Gibt es einen hybriden spirituellen Ansatz?

Säkularer und spiritueller Ansatz vertragen sich durchaus miteinander. Gibt es darüber hinaus noch eine Art hybriden Ansatz? Kann ich beispielsweise Christentum und Esoterik miteinander „kombinieren“?

Die Bibel verschließt sich strikt einem solchen Ansatz. Bereits ziemlich am Anfang der biblischen Menschheitsgeschichte untersagt Gott mit deutlichen Worten Wahrsagerei und Zeichendeutung. Außerdem untersagt er, sich an Totengeister zu wenden (3. Mose, Kap. 19). Insofern besteht für einen hybriden spirituellen Ansatz kein Raum.

Intensives Nachdenken ist wichtig

Bevor ich mich auf den Weg zu meiner Lebensaufgabe mache, muss ich intensiv nachdenken. Welche Vorgehensweise ist für mich stimmig? Was überzeugt mich zutiefst? Die Antworten können schließlich über Jahrzehnte meines Lebens entscheiden. Es geht um nicht weniger als um eine Richtungsentscheidung.

Ein anderes Bild kann die Dimension veranschaulichen: Wenn ich eine Milliarde Euro zur Verfügung hätte und diese Milliarde zu investieren hätte, würde ich mir sehr intensive Gedanken machen. Ich würde mich sehr eingehend informieren, abwägen, Risikoanalysen anstellen usw. Kurzum: ich würde meine Entscheidung so gründlich wie möglich vorbereiten und sie dann nach Faktenlage und Zukunftsaussichten treffen.

Mit meinen Begabungen und Fähigkeiten verhält es sich ähnlich. Sie gleichen meinem Lebenskapital, das ich in eigener Verantwortlichkeit investieren kann und darf. Wenn ich mich für einen Ansatz entschieden habe kann ich konkretere Schritte in Angriff nehmen. Mehrere allgemeine Wege stehen zur Wahl, die ich auch wieder kombinieren kann:

So kann ich mich behutsam vorantasten, immer wieder in dem Bewusstsein, welches große „Kapital“ ich einzusetzen habe.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.