Das Leben ist viel zu kostbar, als dass wir es entwerten dürften …

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„Das Leben ist viel zu kostbar, als dass wir es entwerten dürften, indem wir es leer und hohl, ohne Sinn, ohne Liebe und letztlich ohne Hoffnung verstreichen lassen.“

Václav Havel
Das Leben ist viel zu kostbar, V. Havel - Gestaltung: privat
Das Leben ist viel zu kostbar, V. Havel – Gestaltung: privat

Václav Havel (1936-2011) war ein tschechischer Dramatiker, Essayist, Menschenrechtler und Politiker. Während der Herrschaft der kommunistischen Partei war er einer der führenden Regimekritiker der Tschechoslowakei und zählte zu den Initiatoren der Charta 77, einer 1977 gegründeten Bürgerrechtsbewegung.

Von 1989 bis 1992 war er der letzte (neunte) Staatspräsident der Tschechoslowakei und von 1993 bis 2003 der erste der Tschechischen Republik. Seine Versuche, die damalige Tschechoslowakei (Tschechische und Slowakische Föderative Republik) zu bewahren, waren erfolglos. Er gilt als einer der Wegbereiter der deutsch-tschechischen Aussöhnung.

Eine Entscheidung für das Schwimmen gegen den Strom

Václav Havel zählte während der bis zur Samtenen Revolution im Jahr 1989 andauernden Herrschaft der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei zu den Regimegegnern. Er musste damit rechnen, bei missliebigen Äußerungen verfolgt und arrestiert zu werden. In der Tat saß er wegen seiner Überzeugungen mehrmals und insgesamt fünf Jahre im Gefängnis.

Sein erstes selbstständiges Bühnenwerk, „Das Gartenfest“, entstand 1963 und wurde schon ein Jahr später in Berlin aufgeführt. Es folgten weitere Werke, die ihn einem breiteren Publikum, auch im Ausland, bekanntmachten. Bald erregte er auch politisches Aufsehen, als er öffentliche Kritik an der Zensur und der herrschenden Kommunistischen Partei übte.

Hätte Havel nicht ein bequemeres Leben haben können, wenn er sich einfach in das System eingefügt hätte, persönliche Überzeugung hin oder her? Vermutlich hätte es so kommen können. Aber er wollte sein Leben auf andere Weise füllen, mit Sinn, mit Liebe, mit Hoffnung. Aus seiner Sicht hätte es wohl bedeutet, sein Leben zu entwerten, wenn er nicht für seine Überzeugungen eingestanden wäre.

Das Leben ist kostbar

Angenommen, man würde rechtmäßig in den Besitz von etwas sehr Wertvollem und Kostbarem gelangen, beispielsweise indem man etwas Einmaliges und Unersetzbares erbt. Wie würde man damit umgehen? Würde man es achtlos behandeln? Oder würde man angesichts des hohen Wertes eher alles dafür tun, damit es nicht beschädigt werden, verloren gehen oder gar gestohlen werden kann?

Sehr wahrscheinlich würde man das kostbare und unersetzliche Erbstück sehr pfleglich behandeln. Und man würde wohl alle erforderlichen und sinnvollen Vorkehrungen treffen, damit es keinen Schaden erleidet und sicher aufbewahrt ist. Davon abgesehen würde man immer wieder nach dem Rechten schauen, um sich zu vergewissern, dass noch alles in Ordnung ist. Vielleicht würde man sich auch immer wieder Zeit nehmen, um das kostbare Stück zu betrachten und vielleicht sogar zu bewundern.

Im übertragenen Sinne ist auch das menschliche Leben einmalig und unwiederbringlich. Deshalb ist es kostbar! Diese Wertschätzung ist jedenfalls gerechtfertigt, wenn man der im westlichen Kulturkreis und auch im Christentum verankerten Vorstellung folgt, dass nach dem Tod keine Wiedergeburt (Reinkarnation) folgt. Würde man jedoch der im Hinduismus und im Buddhismus verbreiteten Vorstellung folgen, dass nach dem körperlichen Tod irgendwann eine Reinkarnation folgt, büßt ein Leben an Kostbarkeit ein. Das Leben ist dann im Wesentlichen eine mehr oder weniger lange Episode in einer Folge von Reinkarnationen. Man wechselt, bildlich gesprochen und vereinfacht ausgedrückt, von Reinkarnation zu Reinkarnation die Kleider.

Wie könnte ein entwertetes Leben aussehen?

Vielleicht denkt man instinktiv an Menschen, die ihren Mitmenschen bewusst und in voller Absicht Schaden zugefügt haben. Dadurch haben sie ihr Leben selbst entwertet, denn sie hätten ihren Verstand, ihre Energie und ihre Zeit sicherlich auch anders einsetzen und etwas Gutes zuwege bringen können.

Jeder Mensch ist von Beginn an eine ganz einzigartige Persönlichkeit mit individuellen Charaktereigenschaften. Und jedem Menschen werden individuelle Potenziale (Begabungen, Fähigkeiten und Kompetenzen) ins Leben mitgegeben. Diese Individualität birgt etwas Kostbares. Der Religionsphilosoph, Pädagoge und Schriftsteller Martin Buber drückte es so aus: „In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist.“.

Würde man sein Leben entwerten, wenn man seine Potenziale brachliegen lässt und sie nicht entwickelt? Würde man es entwerten, wenn man nicht an seinem Charakter arbeitet? Und würde man es entwerten, wenn man sich über seinen Lebenssinn keine Gedanken macht und einfach ziellos durch das Leben geht, ich einfach treiben lässt? Oder …?

Einen objektiven Maßstab für ein entwertetes Leben gibt es nicht. Es gibt keine Checkliste, auf der Positionen anzukreuzen oder abzuhaken wären.

Wer urteilt?

Wenn der objektive Maßstab fehlt, muss eine Instanz existieren, die eine Einschätzung geben kann. Wer könnte darüber urteilen, ob ein Leben als entwertet anzusehen ist? Und wäre ein Urteil subjektiv oder objektiv?

Selbsteinschätzung

Wohl jeder Mensch denkt im Lauf seines Lebens immer wieder darüber nach, wie das bisherige Leben verlaufen ist. Es gab Höhen und Tiefen, schöne Momente und peinliche Momente. Es gab Siege und Niederlagen. An manches erinnert man sich sehr gerne. Manches hingegen möchte man am liebsten aus seinem Gedächtnis eliminieren.

Leider haben viele Menschen keine gute Meinung von sich. Sie empfinden sich als „minderwertig“, „nicht genügend“ oder gar als „wertlos“. Ihre Selbsteinschätzung hat finalen Charakter, den Anschein eines endgültigen Urteils. Aber ist ein endgültiges Urteil gerechtfertigt? Oder müsste es nicht eher heißen: „Noch bin ich nicht so, wie ich sein will, aber es kann noch werden – ich habe es in meiner Hand!“?

Wenn man seiner negativen Selbsteinschätzung zustimmt, wertet man sich selbst ab. Man sieht darauf, was man aus der persönlichen Sicht schon alles falsch gemacht hat, was man hätte besser machen können oder gar müssen, wo man Chancen nicht genutzt hat, … Dabei kann man den Blick auf das Kostbare verlieren, das ja nach wie vor da ist.

Davon abgesehen ist das Selbsturteil natürlich subjektiv. Ein Mitmensch käme vielleicht zu einer völlig anderen Einschätzung. Man selbst tendiert dazu, das Negative zu überzeichnen. Dabei nimmt einen ein Mitmensch vielleicht ganz anders wahr und würde dem negativen Selbsturteil nie zustimmen.

Einschätzung durch Mitmenschen

„Du bist ein Stück Sch…!“. Leider bekommen dies oder ähnliches manche Menschen von Mitmenschen zu hören. Dieses Urteil lässt sich direkt in die Aussage übersetzen: „Dein Leben ist wertlos!“. „Vielleicht war dein Leben einmal wertvoll, aber jetzt ist es entwertet – aus meiner subjektiven Sicht“, so etwa würde die Langform lauten.

Will man wirklich zulassen, dass ein Mitmensch darüber urteilt, ob das Leben entwertet ist? Ein Mitmensch kann immer nur ein subjektives Urteil fällen, nie ein Objektives. Ein solches Urteil wird immer von den persönlichen Wertvorstellungen des Urteilenden geprägt sein. Wer sagt, dass diese Wertvorstellungen richtig sind? Vielleicht sind sie sogar vollkommen „schräg“. Weshalb sollte man ein solches Urteil annehmen?

Einschätzung durch eine höhere Instanz

Als höhere, dem Menschen übergeordnete Instanz käme Gott infrage – eine Person mit der Fähigkeit des Einblicks in das Denken und das Seelenleben der Menschen und des Überblicks über das gesamte Leben, von der Geburt bis zum Tod. Gott wäre aufgrund des Einblicks und des Überblicks zu einem Urteil nach seinem Wertesystem in der Lage.

Wenn Gott existiert und sein Wertesystem bekannt ist (im Christentum sind es im Wesentlichen die Zehn Gebote), spielt es keine Rolle, ob man an Gott glaubt oder nicht. Sollte Gott über Menschen nach seinem Wertesystem urteilen und das jeweilige Urteil mit Konsequenzen verknüpfen, wie könnte sich der Mensch dem entziehen?

Zu klären ist allerdings, welcher Gott maßgeblich ist. Die verschiedenen Weltreligionen kennen unterschiedliche Gottesoffenbarungen bzw. Gottesvorstellungen, die nicht miteinander vereinbar sind. Einen gemeinsamen Nenner der Weltreligionen, einen „universalen Gott“, gibt es nicht (siehe auch: „Welcher Gott ist der Richtige? – Impulse zur Klärung“) und somit auch kein universales göttliches Wertesystem.

Das erfüllte Leben anstreben

Orientiert sich letzten Endes die Frage, ob man sein Leben entwertet oder ob man es erfüllt lebt, am Wertesystem des Gottes, den man für sich als den „richtigen“ Gott erkannt hat? Jedenfalls führt kein Weg daran vorbei, die Gottesfrage für sich zu klären. Wenn man persönlich davon ausgeht, dass Gott nicht existiert, richten sich Entwertung und Erfüllung nach den eigenen Maßstäben, dem eigenen Wertesystem. Ansonsten bildet das Wertesystem Gottes die Leitlinie.

Angenommen, man wollte ein erfülltes Leben führen, das auf dem Wertesystem der Bibel gegründet ist. Wie könnte ein solches Leben in groben Zügen aussehen?

Aus dem Schöpferdasein Gottes und der Gottebenbildlichkeit lässt sich ableiten, dass der Mensch ebenfalls schöpferisch tätig sein kann – es sei denn, er ist in seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten derart eingeschränkt, dass er dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Er kann seine individuellen Begabungen und Kompetenzen einsetzen, um Neues zu schaffen, d. h. produktiv zu sein.

Der Mensch kann seinem Leben einen ganz individuellen Sinn geben. Er kann sich beispielsweise einer bestimmten Lebensaufgabe widmen, in der er sich mit seinen spezifischen Begabungen und Kompetenzen entfalten kann. Und er kann Ziele entwickeln und seinem Leben eine an der Lebensaufgabe und den Zielen ausgerichtete Struktur geben. Außerdem kann er sich Gedanken über die Werte machen, die das Leben bestimmen sollen und von denen er nicht abrücken möchte.

Darüber hinaus kann sich der Mensch Gedanken machen, wie er die Beziehungen zu seinen Mitmenschen gestalten möchte. Die Liebe zu den Mitmenschen lässt einen als Frucht Zuneigung, Verbundenheit und Wertschätzung erleben.

Nicht zuletzt kann sich der Mensch dafür entscheiden, in der Hoffnung zu leben und auch in widrigen Umständen an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zuversichtliche innerliche Ausrichtung und positive Erwartungshaltung, verleiht Lebensenergie und stärkt das Immunsystem.

Was bedeutet es letztlich für einen selbst, ein erfülltes Leben anzustreben? Diese Frage lässt sich natürlich nur individuell beantworten. Aber es gibt einen kleinsten gemeinsamen Nenner: man entscheidet sich dafür, sein Leben nicht einfach verstreichen zu lassen, es aktiv zu gestalten. Und man lebt sein Leben, soweit es geht, selbstbestimmt und nicht von anderen fremdbestimmt.

Man entscheidet sich dafür, produktiv zu sein und seine spezifischen Begabungen und Kompetenzen einzusetzen und weiterzuentwickeln. Und man entscheidet sich dafür, wertschätzende Beziehungen zu seinen Mitmenschen zu pflegen. Mitmenschen sind dann nicht Mittel zum Zweck, sondern – im Einklang mit Martin Buber – kostbare Individuen. Und schließlich entscheidet man sich dafür, die individuelle Hoffnung festzuhalten.

Sinn, Liebe, Hoffnung machen das Leben kostbar, so kostbar, dass wir es, so Václav Havel, nicht entwerten dürfen. Und ein mit Sinn, Liebe und Hoffnung erfülltes Leben ist bunt.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.