In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist

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„In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist.“

Martin Buber
In jedermann ist etwas Kostbares, M. Buber - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Martin Buber (1878-1965) war ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph, Pädagoge und Schriftsteller. Sein besonderes Anliegen war es, dem Dialog zum Durchbruch zu verhelfen, sowohl in persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen als auch im politischen, sozialen und religiösen Bereich. Seinen Ausdruck fand dies vor allem im Bemühen um den Dialog mit dem Christentum, den Dialog zwischen den Generationen und der Verständigung zwischen Israelis und Arabern. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

Jeder ist kostbar und unersetzlich

Wenn ein Mensch geboren wird, dann bedeutet dies, dass die Welt um etwas Kostbares bereichert wird. Ein Individuum, etwas Erstes und Einziges, kommt zur Welt, etwas, was es zuvor noch nicht gab.

Der Bauplan des Lebens, der in den Chromosomen liegt, wird bei der Zeugung von den Eltern weitergegeben. Die Chromosomen sind die Strukturen in den Zellen, die die Gene enthalten. Jeder Elternteil gibt 23 Chromosomen an das entstehende Kind mit. Hinsichtlich der Anzahl der Gene pro Chromosom unterscheiden sich die Chromosomen deutlich. Während das größte Chromosom (Chromosom 1) nahezu 3000 Gene umfasst, sind es auf dem kleinsten (Y-Chromosom) nur 231.

Das menschliche Genom, d.h. die Gesamtheit der materiellen Träger der vererbbaren Informationen einer Zelle, umfasst mehr als 30.000 Gene. Bei vielen dieser Gene ist derzeit noch unbekannt, welche Funktion sie haben. Als gesichert kann gelten, dass Gene nicht nur rein körperliche Anlagen, sondern auch zu einem wesentlichen Teil die Persönlichkeit bestimmen. Dem Hirnforscher Gerhard Roth zufolge bestimmen die Gene zwischen 20 und 50 Prozent der Persönlichkeit eines Menschen.

Die Gene bleiben während des Lebens nicht gewissermaßen statisch, sondern unterliegen ständiger Veränderung. Die Seelenlage eines Menschen wirkt sich, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, auf seine Gene aus. Dies bedeutet: Wie man sein Leben gestaltet und was man in seinem Leben an Gutem wie Schlechtem erlebt, bildet sich in den Genen ab. Durch epigenetische Vererbung gibt man in gewisser Weise seine Erlebnisse nicht nur an die direkten Nachfahren, sondern auch noch an deren Nachfahren weiter. Dies zeigen Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie.

Von den Eltern werden in der Konsequenz nicht nur ihre eigenen Veranlagungen, sondern auch die ihrer eigenen Vorgängergenerationen an eine oder mehrere nachfolgende Generationen weitergegeben. Ein heranwachsendes Kind trägt somit auch in gewisser Weise die Erlebnisse der Vorgängergenerationen mit, ohne dass ihm dies bewusst ist. So konnte beispielsweise eine Untersuchung zeigen, dass die Enkel von Juden, die während des Holocaust in die USA geflohen waren, eine höhere Anfälligkeit gegenüber Angstneurosen zeigen als die Enkel der damals bereits in den USA lebenden Juden.

Eineiige (monozygotische) Zwillinge weisen die nahezu identische Genetik auf (zu 99,99 %). Sie verändern sich jedoch im Lauf des Lebens. Die sogenannten epigenetischen Codes entwickeln sich, durch unterschiedliche Erlebnisse bedingt, mit zunehmendem Lebensalter mehr oder weniger stark auseinander. Eineiige Zwillinge werden gewissermaßen immer einzigartiger.

Ab wann ist das Kostbare vorhanden?

Einzigartig ist man schon lange vor der Geburt, gewissermaßen schon gleich nach der Zeugung. Doch ist das Einzigartige gleichzeitig auch kostbar – und falls ja, auch schon vor der Geburt?

Eine seelenlose Biomaschine, die nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten funktioniert, wäre nicht wirklich kostbar. Ist sie funktionsgestört, wird sie einfach repariert und arbeitet anschließend wieder störungsfrei weiter. Doch der Mensch ist keine solche Biomaschine, die zudem auch noch austauschbar wäre.

Jeder Mensch hat eine durchaus empfindliche Seele. Er kann Gefühle zeigen, lieben, planen und so vieles mehr. Und er kann seinem freien Willen entsprechend Entscheidungen treffen – zumindest dann, wenn eine Wahlmöglichkeit bleibt. Über seine Seele kann der Mensch seine Individualität ausprägen und das Kostbare in ihm zum Ausdruck bringen.

Der im Körper seiner Mutter heranwachsende Mensch kann schon sehr frühzeitig an ihrem emotionalen Erleben Anteil nehmen. Über die Nabelschnur, die um die vierte Schwangerschaftswoche gebildet wird und ab der siebten Woche zu wachsen beginnt, wird der Embryo und später der Fötus mit Nährstoffen versorgt. Die Versorgung über die Nabelschnur beschränkt sich jedoch nicht auf Nährstoffe. Die Mutter gibt auch ihre Stimmungslage, wie beispielsweise Wohlbefinden, Stress, Angst und Aggression, an das Kind weiter. Sie transportiert ihr seelisches Geschehen und löst nicht nur physiologische Reaktionen, sondern auch seelische Regungen beim Kind aus.

Schon gegen Ende des Embryonalstadiums, um die achte Schwangerschaftswoche, entwickelt sich der Tastsinn. Der zu diesem Zeitpunkt etwa 2,5 cm große Embryo kann spüren, wenn sein Gesicht oder seine Lippen etwas berühren und darauf reagieren. Und es kann spüren, wenn eine Hand liebevoll auf den Bauch der Mutter gelegt wird. In der Folgezeit entwickelt sich die bidirektionale Kommunikation zwischen Mutter und Fötus stetig weiter.

Das einzigartige Kostbare ist schon im Mutterleib angelegt. Es muss sich nicht durch eine wie auch immer geartete Leistung beweisen. Es ist durch die Einheit von Körper und Seele einfach da. Und wenn ein Embryo sterben würde, ginge etwas Kostbares verloren.

Wie kann man das einzigartige Kostbare entdecken?

Martin Buber sieht für jeden Menschen einen Auftrag im Leben darin, das Einzige und Einmalige herauszubilden, auszugestalten und „ins Werk zu setzen“. Im Mutterleib ist schon alles angelegt. Doch ist man sich schon bewusst, was das einzigartige Kostbare bei sich selbst ist?

Es kann nicht um Leistung gehen. Der Leistungsaspekt macht vergleichbar. Nicht alle 100-Meter-Läufer sind gleich schnell. Nicht alle Fliesenleger leisten gleich gute Arbeit. Und nicht alle Friseure sind Meister ihres Fachs. Die Aufzählung ließe sich noch fortsetzen. Und man ist auch nicht immer in Hochform. Manchmal misslingt etwas. Wenn Einzigartigkeit auf Leistung beruhen würde, dann wäre wohl niemand einzigartig. Man ist nicht immer Erster oder Bester. Davon abgesehen lässt das Leistungsvermögen mit zunehmendem Alter nach.

Liegt dann das Kostbare in der Persönlichkeit, im Sein? Das Sein entzieht sich letztlich dem Vergleich. Und man kann es nicht verlieren. Persönlichkeitseigenschaften, Wertorientierungen und Überzeugungen bleiben, aber sie lassen sich im Zeitverlauf auch weiterentwickeln. So kann man das Einzige und Einmalige ausgestalten und „ins Werk setzen“.

Wenn man sich das Kostbare bei sich noch nicht bewusst gemacht hat, kann man sich dem mit einigen Fragen an sich selbst nähern:

  • „Was ist mein tiefster Wunsch für mich?“
  • „Welches Gefühl ist in mir am stärksten?“
  • „Was bewegt mein Innerstes besonders stark?“

Vielleicht gibt es ein Ereignis im Leben, durch das man auf das Kostbare bei sich gewissermaßen gestoßen wird. Oder vielleicht entdeckt es ein Mitmensch und sagt es einem. Aber meistens muss man sich das Kostbare selbst bewusst machen, um es dann weiter zu entwickeln.

Das, was das Innerste bewegt, wahrhaft zu erkennen, wird nicht in „ruhigen fünf Minuten“ gelingen. Man braucht dazu Zeit und Ruhe. Ablenkungen wären nur hinderlich. Doch hat man das Kostbare in sich wahrhaft erkannt, werden die Antworten auf die Fragen nach dem individuellen Lebenssinn, nach Berufung und Lebensaufgabe, sehr viel leichter fallen.

Kann man es versäumen, dieses einzigartige Kostbare in sich zu entdecken und zu gestalten? Es ist möglich. Man kann gewissermaßen an sich selbst vorbeigehen. Tendenziell wird man sich dann eher zu einem Ich-bezogenen Menschen entwickeln. Das Schicksal der Mitmenschen ist einem zwar nicht gleichgültig, aber wenn man etwas für andere tut, schwingt oft das Konzept eines Handels mit (man erwartet in der einen oder anderen Form eine Gegenleistung). Man lässt Potenzial brachliegen, denn man hat das, was man an andere gewissermaßen „ausstrahlen“ kann, noch nicht wahrhaft entdeckt.

Wie wirken Einzigartigkeit und Kostbarkeit auf die Selbstwertschätzung?

Marin Buber war kein Naturwissenschaftler. Aber seine Aussage, dass mit jedem Menschen etwas Neues in die Welt kommt, was es noch nicht gegeben hat, trifft uneingeschränkt zu. Sie ließe sich erweitern: „was es noch nicht gegeben hat und auch nie wieder geben wird“.

Wenn man in Zeit und Raum ein Unikat ist, weshalb sollte man sich dann zu einer Kopie eines anderen Menschen machen? Würde man einen Mitmenschen nachahmen wollen, vielleicht weil man von ihm besonders fasziniert ist, würde man seine Einzigartigkeit und das Kostbare in sich geringschätzen.

Wie denkt man über sich und wie fühlt man sich, wenn man sich des einzigartigen Kostbaren in sich bewusst ist? Löst es ein Gefühl der Freude in einem aus, verwurzelt in der Dankbarkeit darüber? Oder bleibt man eher gleichgültig?

Ein kleines Experiment: Angenommen, man stellt sich vor einen Spiegel. Dann sagt man zu sich selbst voller innerer Überzeugung: „Ich bin einzigartig und in mir ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist“. Man schaut die Person, die da im Spiegel zu sehen ist, wohlwollend an. Wie hat sich die Körperhaltung schon verändert? Wie hat sich der Gesichtsausdruck schon verändert?

Es kann nicht ohne Wirkung auf einen selbst bleiben. Sehr wahrscheinlich wird man wahrnehmen, dass sich der Körper aufgerichtet hat. Und man wird entspannte Gesichtszüge wahrnehmen. Wenn zuvor vielleicht Verbissenheit wahrzunehmen war, so ist sie jetzt verschwunden. Das Selbstwertgefühl hat sich verändert und man schätzt sich selbst mit voller Überzeugung wert.

Wer „profitiert“ von dem einzigartigen Kostbaren, das in einem ist?

Wenn man sich des einzigartigen Kostbaren in sich bewusst ist und es zur Wirkung bringt, zündet man, bildlich gesprochen, ein Licht in sich an. Dieses Licht wirkt anziehend auf die Mitmenschen. Sie nehmen dieses Licht als menschliche Wärme und Zuneigung wahr.

Menschen die ihr einzigartiges Kostbares „ins Werk setzen“, wird oft zugesprochen, dass sie „ein großes Herz“ und/oder „ein offenes Herz“ haben. Im sozialen Miteinander geben sie etwas von diesem einzigartigen Kostbaren. Dadurch machen sie anderen die Bürde leichter. Charles Dickens, Schriftsteller und Verleger, drückte es so aus: „Niemand ist nutzlos in dieser Welt, der einem anderen die Bürde leichter macht.“. Sogar wenn sich jemand selbst für nutzlos hielte, wäre es de facto nicht so.

Wenn man das einzigartige Kostbare in einem Menschen wahrnimmt, fühlt man sich in seiner Gegenwart wohl. Und dieses Wohlbefinden strahlt wieder auf die Quelle zurück. Mit einem solchen Menschen möchte man gerne in Beziehung sein.

„In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist.“ Mit anderen Worten: Jeder Mensch ist im Grunde unersetzlich. Wenn jemand stirbt, bedeutet dies auch, dass der Welt etwas Kostbares und Unersetzliches verloren geht.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.