Treue ist irgendwo absolut oder sie ist gar nicht.

„Treue ist irgendwo absolut oder sie ist gar nicht.“

Karl Jaspers
Treue ist irgendwo absolut, K. Jaspers - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Karl Theodor Jaspers (1883-1969) war ein deutscher Psychiater und Philosoph. Als Arzt trug er grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie bei. Sein umfangreiches philosophisches Werk gewann insbesondere in den Bereichen der Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie und der Interkulturellen Philosophie große Bedeutung.

Ist Treue absolut?

In der Zeit des Dritten Reiches verlor Karl Jaspers aufgrund seiner politischen Einstellung seine Ämter an der Universität Heidelberg, wurde zunächst zwangspensioniert und durfte später nicht mehr publizieren. Er und seine jüdische Frau Gertrud mussten um ihr Leben fürchten. Wohl nur dank des rechtzeitigen Einmarschs der US-Armee in Heidelberg entgingen sie der bereits geplanten Deportation in ein Konzentrationslager.

Für den Fall einer Deportation hatte Jaspers vorgesorgt und für sich und sein Frau Zyankali beschafft, um sich der Deportation durch gemeinsamen Suizid zu entziehen. Im Mai 1942 notierte Jaspers in seinem Tagebuch: „Wenn ich Gertrud nicht schützen kann gegen Gewalt, so muss ich sterben. […] Treue ist irgendwo absolut oder sie ist gar nicht.“

Ermutigung und Inspiration: Übersicht aufrufen

Wohl die allerwenigsten Menschen stehen jemals in ihrem Leben vor einer derart existenziellen Frage wie Karl Jaspers. Absolute Treue bedeutete für ihn, seine Ehefrau nicht ihrem Schicksal zu überlassen und notfalls sein eigenes Leben zu beenden.

Gleichwohl beschäftigt die Frage nach dem Stellenwert der Treue irgendwann die meisten Menschen in ihren Beziehungen. Ist Treue wirklich absolut oder ist sie es nicht? Der Antwort auf diese Frage lässt sich wohl mit einer anderen Frage auf die Spur kommen: Kann man ein bisschen treu sein? Wohl kaum. Entweder man ist treu oder man ist es nicht.

Wie weit reicht „absolut“? Dies ist eine weitere Frage. Karl Jaspers beantwortete sie in seiner ganz besonderen Situation auf seine Weise. Ist es für Menschen, die in „normalen“ Zeiten eine Beziehung miteinander eingehen, eine Sache gegenseitiger Vereinbarung, etwa nach dem Muster eines Vermählungsspruchs? Beispielsweise hat „Ich verspreche Dir die Treue in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet.“, von beiden gesprochen, den Charakter eines Vertrags und definiert, was „absolut“ für die Beziehung bedeutet.

Welchen persönlichen Stellenwert hat Treue?

Für manche Menschen kommt ein Treuebruch der Partnerin bzw. des Partners einer Katastrophe gleich. Sie können sich eine Beziehung nicht länger vorstellen und trennen sich. Andere wiederum leiden ebenfalls sehr stark unter einem Treuebruch, sind jedoch bereit, der Partnerin bzw. dem Partner zumindest einmal zu verzeihen und die Beziehung fortzusetzen. Wieder andere stellen keine hohen Ansprüche an Treue, behalten sich selbst vor, in der Beziehung untreu zu werden, und haben im Hinblick auf Treue auch keine hohen Erwartungen an die Partnerin bzw. den Partner.

Dass Menschen zum Thema Treue sehr unterschiedliche Einstellungen haben, ist nichts Ungewöhnliches. Aber weshalb bewerten Menschen Treue so unterschiedlich? Und welche Rolle spielt das „Beziehungsvermögen“?

Einen Hinweis gibt der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm in seinem sehr lesenswerten Buch „Haben oder Sein“*. Er skizziert den sogenannten „Marketing-Charakter“, der auf dem „Persönlichkeitsmarkt“ zur Ware wird. „Da der Erfolg weitgehend davon abhängt, wie gut man seine Persönlichkeit verkauft, erlebt man sich als Ware oder richtiger: gleichzeitig als Verkäufer und zu verkaufende Ware.“. Fromm schreibt dem Marketing-Charakter, der sein Ich ständig nach dem Prinzip „Ich bin so, wie du mich haben möchtest“ ändert, Beziehungsunfähigkeit und Gleichgültigkeit zu. Dinge als solche haben keine Substanz. „Sie sind total austauschbar, ebenso wie Freunde und Liebespartner, die genauso ersetzbar sind, da keine tieferen Bindungen an sie bestehen.“.

Ist die „gefühlte“ Austauschbarkeit der Partnerin bzw. des Partners ein Kriterium für Treue? Wenn man sie oder ihn als nicht austauschbar empfindet, d. h. man auf sie oder ihn keinesfalls verzichten möchte, wiegt ein Verlust der Beziehung äußerst schwer. Es wäre ein starker Anreiz gegeben, absolut treu sein zu wollen, denn etwas Kostbares will man schließlich nicht verlieren. Im Gegensatz dazu besteht bei fehlender tieferer Bindung kein oder nur geringer Anreiz zur Treue. Weshalb sollte man treu sein, wenn der Andere oder man selbst immer in der Gefahr steht, ausgetauscht zu werden?

Wie will man es mit der Treue in der Beziehung halten?

Treue ist keine rein individuelle Angelegenheit – sie betrifft immer die Lebensrealität und ‑qualität zweier Menschen. Die Kraft der Treue kann das Leben in einer Beziehung sehr bereichern, ein Treuebruch kann die Beziehung sehr belasten oder sogar zerstören. Wäre es dann nicht hilfreich, sich schon zu Beginn einer Beziehung darüber auszutauschen, welchen Stellenwert das Thema Treue für einen hat? Das Ergebnis des Austauschs könnte eine Art „mündlicher Vertrag“ sein. Es würde jedenfalls dabei helfen, sich spätere Enttäuschungen zu ersparen.

* Fromm, Erich, Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, dtv Verlagsgesellschaft, Ausgabe 1979

Außerdem interessant:

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.