Was zählt als Nahtoderfahrung? – Welche Kriterien lassen sich anlegen?

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Für Nahtoderfahrungen typisch sind bestimmte Wahrnehmungen, Gefühle, Zustände und Zustandsübergänge. Zu den Wahrnehmungen zählen beispielsweise die eines bewussten Seins ohne physischen Körper, die der Schmerzlosigkeit,  die des Hineingezogenseins in einen Tunnel und die einer Begegnung mit bereits verstorbenen, jedoch schon zu Lebzeiten bekannten Menschen. Im Hinblick auf Gefühle werden oft Liebe, Frieden und Geborgenheit, und seltener Angst und Bedrängnis genannt. Menschen mit Nahtoderfahrungen können sich an diese Empfindungen erinnern, nachdem die Körperfunktionen, meist durch erfolgreiche Wiederbelebungsmaßnahmen, wiederhergestellt wurden. Nahtoderfahrungen werden unabhängig von Weltanschauung und religiöser Bindung in nahezu allen Kulturen und Gebieten der Erde berichtet.

Was zählt als Nahtoderfahrung - Gestaltung: privat
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Mit einem von Bruce Greyson, einem US-amerikanischen Psychiater und Neurowissenschaftler, entwickelten Fragebogen („Greyson Near-Death Experiences Scale“) wird der Versuch unternommen, mittels Antworten auf 16 vorgegebene Fragen Klarheit zu gewinnen. Für jede der Fragen, wie beispielsweise „Haben Sie Augenblicke aus der Vergangenheit erneut erlebt?“, „Hatten Sie ein Gefühl unerklärlicher Freude?“ oder „Waren Sie von ihrem Körper getrennt“, werden je nach Antwort unterschiedlich viele Punkte vergeben. Beispielsweise gibt es für die Frage „Haben Sie Augenblicke aus der Vergangenheit erneut erlebt?“ drei mögliche Antworten: Nein (0 Punkte), „Ich habe mich an frühere Ereignisse erinnert“ (1 Punkt) und „Meine Vergangenheit ist an mir vorbeigezogen, ohne jede Kontrolle“ (2 Punkte). Ab 7 von 32 Punkten gilt es als sicher, dass es sich tatsächlich um eine Nahtoderfahrung gehandelt hat.

Eine Nahtoderfahrung nach der Greyson-Skala setzt keinen objektiv messbaren Zustand fehlender Hirnaktivität (Nulllinien-EEG) voraus. Die subjektive Einschätzung eines Befragten repräsentiert in der Konsequenz eine individuell wahrgenommene Nahtoderfahrung, bei der nicht unbedingt eine unmittelbare Todesgefahr bestanden hat.

In den letzten Jahrzehnten wurden einige wenige breiter angelegte Untersuchungen angestellt, um mehr Licht in das Phänomen der Nahtoderfahrung zu bringen. Zwei dieser Untersuchungen seien an dieser Stelle kurz skizziert.

Erkenntnisse aus einer bundesweiten Umfrage

Der Soziologe Hubert Knoblauch führte Ende der 1990-er Jahre auf Basis eines strukturierten Fragebogens eine bundesweite repräsentative Umfrage durch, die Aufschluss darüber geben sollte, wie viele Menschen eine Nahtoderfahrung machen. Der Fragebogen deckte sich nicht mit dem 1983 von Bruce Greyson entwickelten Fragenkatalog.

Mehr als 2 000 zufällig ausgewählte Menschen wurden persönlich aufgesucht und von Interviewerinnen und Interviewern befragt. Die Ergebnisse wurden u.a. auch in seinem Buch „Berichte aus dem Jenseits: Nahtod-Erfahrungen“ veröffentlicht.

Die Anzahl der Menschen, die nach ihren Angaben sicher waren, schon eine Nahtoderfahrung gemacht zu haben, lag bei 4,3 %. Projiziert auf die damalige Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland erlebten somit rund 3,3 Millionen Deutsche eine Nahtoderfahrung. Das Durchschnittsalter der Befragten lag zum Befragungszeitpunkt bei 35,6 Jahren. Im Durchschnitt lag die Nahtoderfahrung 13 Jahre zurück.

Im Hinblick auf die Geschlechter zeigten sich kaum Unterschiede. Ebensowenig waren nennenswerte Unterschiede zwischen den Regionen (West, Ost, Nord, Süd) oder zwischen dicht oder dünn besiedelten Regionen zu erkennen. Selbst zwischen den Religionen (evangelisch, katholisch) zeigten sich nur marginale Unterschiede. Schließlich spielte auch das indviduelle Wohlstandsniveau keine nennenswerte Rolle. Arme wie reiche Menschen erlebten gleichermaßen Nahtoderfahrungen.

Zur Einordnung der Ergebnisse dieser Umfrage ist wesentlich, dass sich nur rund 6 % der Befragten mit Nahtoderfahrungen sicher waren, klinisch tot gewesen zu sein. Zwar fühlten sich alle subjektiv dem Tod nahe, jedoch wurde dies nicht durch den objektivem körperlichen Zustand gedeckt.

Erkenntnisse aus der AWARE-Studie

Um mehr Klarheit im Hinblick auf das bereits erwähnte Paradox – das Bewusstsein ist nicht an Hirnaktivität gebunden – zu gewinnen, wurde im Rahmen der AWARE-Studie (AWAreness during REsuscitation) eine systematische Untersuchung durchgeführt (Parnia et al.: „AWARE—AWAreness during REsuscitation—A prospective study“, 2014). Sie war darauf angelegt, während eines bestimmten Zeitraums außerkörperliche Erfahrungen zu erforschen.

Die Studie, an der sich unter der Federführung desw britische Kardiologen Sam Parnia 15 Krankenhäuser in Großbritannien, USA und Österreich beteiligten, erstreckte sich über insgesamt viereinhalb Jahre, beginnend im Juli 2008. Um die Richtigkeit der visuellen Wahrnehmung wiederbelebter Patienten bestätigen zu können, wurden in allen beteiligten Kliniken Räume präpariert, in denen Wiederbelebungsmaßnahmen wahrscheinlich stattfinden würden. In jeder Klinik wurden zwischen 50 und 100 Regalbretter präpariert. Auf jedes wurde jeweils ein Bild gelegt, welches nur von der Oberseite aus zu sehen war. Die Motive unterschieden sich und umfassten eine Kombination aus nationalistischen und religiösen Symbolen, Menschen, Tieren und Schlagzeilen wichtiger Zeitungen. Um ein Bild erkennen zu können, musste ein Patient gewissermaßen unter der Raumdecke schweben.

Außerdem wurden auch ein Bild mit einem Dreieck unterhalb eines jeden Regalbretts angebracht. Auf diese Weise sollte ermittelt werden können, ob die Patienten mit Blick von unten nach oben ein Bild erkennen konnten.

Für die Studie wurden Patienten, die nach einem Herzstillstand mittels Herz-Lungen-Wiederbelebung reanimiert worden waren, mit standardisierten Methoden befragt. Von den insgesamt 2 060 Patienten, die einen Herzstillstand erlitten, überlebten 330 Patienten (16 %). Mit 140 der überlebenden Patienten wurden Interviews nach streng wissenschaftlichen Standards durchgeführt. 52 dieser Interviews wurden noch im Krankenhaus durchgeführt, die restlichen 90 nach der Entlassung.

In einer zweiten Phase wurde mit 101 Patienten ein weiteres, vertiefendes Interview durchgeführt. 39 Patienten konnten an der zweiten Phase hauptsächlich wegen einem erhöhten Ruhebedürfnis (Fatigue) nicht teilnehmen. 55 Patienten (39 %) beantworteten die Frage „Erinnern Sie sich an irgendetwas während der Zeit Ihrer Bewusstlosigkeit?“ mit einem „Ja“.

Von den 101 Patienten machten 9 (9 %) eine Erfahrung, die als Nahtoderfahrung gemäß der bereits erwähnten Greyson-NDE-Skala einzustufen war. Zwei Patienten konnten sich an tatsächlich während der Wiederbelebung stattgefundene Ereignisse erinnern, wobei die Erinnerung Hören und Sehen umfasste. Allerdings konnte die Nahtoderfahrung eines Patienten aufgrund schlechter Gesundheit nicht eingehend verifiziert werden. Bei dem Patienten, dessen Nahtoderfahrung verifiziert werden konnte, ließ sich auf eine bewusste Wahrnehmung von bis zu mindestens drei Minuten schließen. Er hörte zwei Pieptöne, die eine Maschine in Abständen von drei Minuten von sich gibt.

Obwohl in den Kliniken insgesamt rund 1 000 präparierte Regalbretter angebracht waren, erfolgten tatsächlich nur rund 22 % der Wiederbelebungsmaßnahmen nach Herzstillstand in präparierten Räumen. Auch die beiden genannten Patienten befanden sich nicht in präparierten Räumen.

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Weltweite Verteilung von Nahtoderfahrungen

Es fällt auf, dass bisher die meisten Nahtoderfahrungen von Menschen berichtet wurden, die sich zum Christentum bekannten bzw. bekennen. Davon wiederum stammen die meisten Berichte aus dem angloamerikanischen Raum. Von Hindus, Buddhisten und Moslems werden auffallend wenig Nahtoderfahrungen berichtet. Auch von Menschen, die sich selbst als Atheisten oder Agnostiker bezeichneten oder bezeichnen, liegen nur relativ wenige Berichte vor.

Wenn davon ausgegangen wird, dass grundsätzlich alle Menschen während ihres Lebens eine oder mehrere Nahtoderfahrungen machen können, stellt sich zwingend die Frage, weshalb ein derartiges Ungleichgewicht zugunsten von Nahtoderfahrungen mit christlichem Hintergrund zu verzeichnen ist. Unter der Annahme, dass eine Nahtoderfahrung kein überwiegend christliches Phänomen ist, müssten weltweit und in allen Regionen der Erde schon unzählige Nahtoderfahrungen gemacht worden sein, die unberichtet geblieben sind. Weshalb sind christlich geprägte Nahtoderfahrungen derart überrepräsentiert?

Mögliche Antworten auf die Frage müssen zwangsläufig auf Vermutungen und Spekulationen basieren. Wenn jemand eine Nahtoderfahrung macht, sie jedoch nicht berichtet, lässt sich natürlich auch kein Grund dafür ermitteln. Sie hat zwar in der Realität stattgefunden, bleibt jedoch der Weltöffentlichkeit verborgen, so als hätte sie nicht stattgefunden.

Auch wenn die Berichte zu Nahtoderfahrungen weltweit und auch unter den Religionen sehr ungleich verteilt sind, bedeutet dies keineswegs, dass diese Ungleichverteilung die Realität abbildet. Für die Ungleichverteilung lassen sich verschiedene Gründe vermuten.

Kulturelle Gegebenheiten und Gepflogenheiten

Ein möglicher Grund mag in kulturellen Gegebenheiten und Gepflogenheiten liegen. So spielen beispielsweise Kirche und Religion in den USA eine weitaus größere Rolle als in der Bundesrepublik Deutschland, einhergehend mit einer höheren Bereitschaft, offener über Themen mit gewissem religiösem Bezug zu sprechen. Wenn in einem Kulturkreis oder in einer Gesellschaft die Möglichkeit einer Nahtoderfahrung grundsätzlich bejaht wird, wächst auch die Bereitschaft, eine eigene Nahtoderfahrung zu offenbaren. Das Risiko, als Spinner oder Phantast bezeichnet zu werden, ist wesentlich geringer. Darüber hinaus fällt es leichter, seinen eigenen Bericht einer langen Reihe bereits vorhandener Berichte hinzuzufügen, zumindest wenn sie im Wesentlichen in ihrer Grundaussage auf deren Linie liegen.

Im Umkehrschluss fällt es in einer eher säkularen Gesellschaft schwerer, beispielsweise eine Nahtoderfahrung zu offenbaren, die einen Bezug zu Glaubensüberzeugungen einer bestimmten Religion herstellt. Die Gefahr, dass eine Nahtoderfahrung a priori als Hirngespinst eingestuft wird, ist umso mehr gegeben, je stärker sich das Erlebte vom „säkularen Konsens“ abhebt. Auch die Erwartung, sich möglicherweise lächerlich zu machen oder auch die Möglichkeit, eine Abkehr von bisherigen Überzeugungen eingestehen zu müssen, wirkt als Hindernis.

Eine Nahtoderfahrung, verknüpft mit einer individuellen Lebensrückschau, ist etwas Intimes. Darüber zu sprechen und möglicherweise in der Lebensrückschau bewusst gewordenes zu offenbaren, entspricht in vielen Teilen der Welt nicht den gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Infolgedessen wird eher nicht erwogen, eine Nahtoderfahrung zu offenbaren.

Widerspruch zu verwurzelten Überzeugungen

Ein weiterer Grund mag darin liegen, dass Nahtoderfahrungen nicht den landläufigen Überzeugungen in einem Kulturkreis oder Glaubensüberzeugungen einer Religion entsprechen. Angenommen, ein Hindu würde gemäß der Lehre seiner Glaubensrichtung davon ausgehen, dass Chitragupta (ein Gott in der hinduistischen Mythologie) dem Totengott Yama dabei hilft, sein Schicksal nach seinem Tod zu bestimmen. Chitragupta wird die Aufgabe zugeschrieben, als Gehilfe Yamas gewissermaßen ein „Logbuch“ des Lebens zu führen. Wenn dieser Hindu nun in einer Nahtoderfahrung erkennen würde, dass er Jesus Christus begegnet, stünde dies seiner bisherigen Überzeugung entgegen. Würde er seine Nahtoderfahrung offenbaren? Er hätte damit zu rechnen, zu einer Art Außenseiter erklärt zu werden.

Umgekehrt ergibt sich eine vom Prinzip her identische Konstellation. Wenn sich ein Christ während einer Nahtoderfahrung vor dem Totengott Yama sehen würde, wäre er vermutlich sehr verwirrt. Seiner bisherigen Glaubensüberzeugung wäre der Boden vollständig entzogen. Würde er von seiner Nahtoderfahrung berichten? Wenn er es tun würde, müsste er zumindest mit kritischen Nachfragen rechnen und sehr wahrscheinlich würde seine Erfahrung grundsätzlich infrage gestellt, da sie nicht der Lehrmeinung entspricht. Die Neigung, lieber nicht zu berichten, dürfte überwiegen.

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.