Die Freundschaft, die von der Lüge lebt, stirbt an der ersten Wahrheit.

„Die Freundschaft, die von der Lüge lebt, stirbt an der ersten Wahrheit.“

Hildegard Knef
Die Freundschaft, die von der Lüge lebt, H. Knef - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Hildegard Knef (1925-2002) war eine deutsche Schauspielerin, Synchronsprecherin, Chansonsängerin und Autorin. Der erste deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ (1946), in dem sie ihre erste Hauptrolle spielte, machte sie als Charakterdarstellerin auch international bekannt. Sie wurde zum ersten großen deutschen Nachkriegsstar. 1963 begann mit großem Erfolg eine zweite Karriere als Chansonsängerin, zum Teil mit eigenen Texten.

Wie geht’s dir – Wie antwortet man darauf?

Vorbemerkung: Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird in diesem Beitrag die männliche Form „Freund“ benutzt. Die Aussagen gelten selbstverständlich nicht nur für den Freund, sondern auch für die Freundin.

„Wie geht’s dir?“ – in einer Freundschaft eine häufig gestellte Frage. Doch wie oft wird die Frage wahrheitsgemäß beantwortet? Antwortet man, wenn es einem gerade nicht gut geht, seiner Stimmung und Gefühlslage entsprechend, vielleicht mit einem „Es geht mir gerade ganz besch…“ oder ähnlich? Oder versucht man mit einem „Danke, ganz gut soweit“ oder ähnlich, die aktuelle Stimmung und Gefühlslage zu überspielen und Nachfragen zu vermeiden?

Wohl jeder hat schon einmal mit „Gut, und wie geht’s dir?“ oder so ähnlich geantwortet, obwohl es einem selbst gerade überhaupt nicht gutging. Man hat etwas von der Wahrheit weggelassen, man wollte Nachfragen aus dem Weg gehen, man wollte gerade keine Schwäche zeigen, oder – einfach ausgedrückt – man hat gelogen.

Ermutigung und Inspiration: Übersicht aufrufen

Aber warum eigentlich? Weshalb sollte man vor einem Freund verbergen, wie es einem wirklich geht?

Wer ist ein Freund?

Mit den sozialen Medien, wie beispielsweise Facebook, hielt der Begriff des „friend“ Einzug. Oft wird „friend“ einfach, aber fälschlicherweise, mit „Freund“ gleichgesetzt. Im angloamerikanischen Raum hat jedoch „friend“ eher die Bedeutung von „Bekannter“. Wenn man einen wirklichen, einen engen Freund meint, spricht man eher von „close friend“ oder „intimate friend“.

Wer also ist ein Freund? Im allgemeinen Verständnis ist ein Freund ein Mensch, der mit einem auf der Grundlage gegenseitiger Neigung und gegenseitigen Vertrauens innerlich eng verbunden ist. Diese Beziehung zwischen Menschen, die Freundschaft, wird von gemeinsamen Werten, wie beispielsweise Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen, Treue usw., getragen.

Eine solche Freundschaft ist sehr belastbar, wenn sie auf tiefer gegenseitiger Zuneigung und einem von den Freunden akzeptierten Wertefundament ruht. Dann ist von der Grundstimmung her keine Situation zu schwierig, kein Aufwand zu groß, kein Weg zu weit. Die Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich drückte es so aus: „Die wahren Freunde sind die, die man morgens um vier Uhr anrufen kann.“.

Freundschaft – hält sie auch die Schattenseiten aus?

Wohl niemand würde sich selbst als perfekten Menschen bezeichnen. Jeder Mensch hat „schlechte“ Eigenschaften, hat seine Schattenseiten. Von einem wahren Freund wird er trotzdem geliebt und wertgeschätzt. Und selbst liebt man ja auch den Freund mit seinen Schattenseiten. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass man mit allem einverstanden ist, was der Freund denkt und tut.

Wenn der Freund beispielsweise politische Ansichten vertritt, die man selbst nicht teilt, dann kann und darf man sich abgrenzen, etwa so: „In diesem Punkt stimme ich mit dir nicht überein. Ich sehe es anders.“. Auch die Angewohnheiten eines Freundes, beispielsweise seine in den eigenen Augen übertriebene Sparsamkeit, muss man nicht gutheißen.

Eine Freundschaft ist sehr belastbar. Man schätzt die ganze Person des Freundes, nicht nur die angenehmen Seiten. Davon abgesehen entwickelt sich jeder Mensch für sich weiter. Der Freund wird nicht so bleiben, wie er jetzt gerade ist, und selbst wird man auch nicht so bleiben, wie man jetzt gerade ist. Wer sagt, dass die Schattenseiten des Freundes so bleiben? Und an den eigenen Schattenseiten kann man arbeiten.

Und wenn man den Freund schonen will?

Manchmal geht es einem nicht so gut. Man hat vielleicht gerade eine Enttäuschung erlebt. Man hat sich vielleicht auf eine Stelle beworben, die so richtig gut zu einem passt und wo man sich beruflich gut entwickeln könnte. Nach dem letzten Vorstellungsgespräch hatte man einen guten Eindruck und ein gutes Gefühl. Und man hoffte, dass man „das Rennen macht“ und die Stelle bekommt. Doch dann kam die Absage. Die Enttäuschung muss man erst einmal verdauen.

Wie geht man dann damit um, wenn der Freund anruft? Sagt man ihm ganz offen, wie es einem gerade geht? Man sollte es tun. Es wird im Freund etwas auslösen. Er wird trösten und ermutigen wollen, den Kopf nicht hängen zu lassen und eine neue Chance zu suchen. Er wird auf die Stärken hinweisen, die man hat, aber selbst im Moment vielleicht nicht sieht.

Aber da mag auch die Sorge sein, den Freund zu belasten oder gar zu überfordern. Vielleicht geht es dem Freund gerade selbst nicht so gut und man möchte ihn schonen.

Es ist immer ein gewisses Wagnis, bei der Wahrheit zu bleiben und nichts vorzugaukeln. Auch der Freund hat seine ganz individuelle Belastungsgrenze, nicht nur was das Thema, sondern auch was seine Zeit angeht. Das Thema mag in ihm vielleicht Erinnerungen an etwas Schmerzliches in der eigenen Vergangenheit auslösen. Oder Anzahl, Häufigkeit oder Dauer der Gespräche werden ihm zu viel.

Man muss dem Freund zugestehen, einem deutlich machen zu dürfen, wann seine Belastungsgrenze erreicht ist. Gleichermaßen darf man aus Selbstfürsorge auch selbst auf seine Belastungsgrenze hinweisen. Wenn man den Eindruck hat, dass sich das Gespräch im Kreis dreht, kann man darauf hinweisen, das Gespräch einvernehmlich zum Ende bringen und das Thema später wieder aufgreifen. Oder wenn der Freund häufig anruft, kann man schon zu Beginn des Gesprächs einen zeitlichen Rahmen vereinbaren. Und wenn die vereinbarte Gesprächsdauer erreicht ist, darf man guten Gewissens darauf hinweisen und das Gespräch für diesmal zum Ende bringen.

Freundschaft und Lüge – passt das überhaupt zusammen?

Gibt es die Freundschaft, in der noch nie gelogen wurde? Wohl kaum. Der Freund hat vielleicht situativ etwas angesprochen. Man war überrascht, wusste nicht so richtig, wie man reagieren sollte und griff zur Lüge. Hinterher hat man sich vielleicht selbst Vorwürfe gemacht, weil es ja der Freund ist, den man belogen hat. Aber es ist nun einmal geschehen.

Man kann bei Gelegenheit darauf zurückkommen und sich entschuldigen. Der Freund, dem die eigene Fehlbarkeit sehr wohl bewusst ist, wird die Entschuldigung gerne annehmen. Die Freundschaft ist nicht gefährdet.

Völlig anders verhält es sich bei einer Freundschaft, die dauerhaft von der Lüge lebt. Mindestens einer der vorgeblichen Freunde ist in Wirklichkeit ein falscher Freund. Für ihn ist die Freundschaft vor allem nützlich. Und um sie so lange zu erhalten, wie sie ihm nützlich ist, muss er zumindest gelegentlich etwas vorspiegeln – also lügen.

Der heuchelnde Freund genießt die Sonnenseiten der freundschaftlichen Beziehung. Er erzählt einem gerne, was man hören möchte, bleibt dabei aber nicht immer bei der Wahrheit. Er ist ein Mensch mit zwei Gesichtern. Was er einem selbst sagt, entspricht inhaltlich oft nicht dem, was er anderen sagt. Einem selbst rät er beispielsweise zu, ein Vorhaben zu realisieren, über das man gemeinsam gesprochen hat. Anderen gegenüber gibt er, wenn das Vorhaben nicht in den geplanten Bahnen verläuft, zu verstehen, dass er doch schon von vornherein strikt davon abgeraten habe.

Der Nützlichkeitsfreund bleibt nur so lange ein Freund, so lange man für ihn nützlich ist. Der Freund verfolgt seine Ziele, die er nicht unbedingt offenbart. Vielleicht möchte er sich beispielsweise gesellschaftlich vernetzen und benutzt dazu die sozialen Kontakte des Freundes. Sobald er die von ihm gewünschten Personen kennengelernt hat, lässt er den Freund wie eine „heiße Kartoffel“ fallen.

Der Schönwetterfreund braucht einen als emotionaler Unterstützer. Er ist darauf bedacht, dass es ihm gut geht. Bei gemeinsamen Unternehmungen ist er gerne dabei. Wenn es ihm emotional gerade nicht gutgeht, scheut er sich nicht, einen anzurufen und seinen Frust abzuladen. Aber wenn man ihn bei einem emotionalen „Durchhänger“ selbst einmal braucht, hat er schnell eine Ausrede, warum er gerade überhaupt keine Zeit hat.

Lügen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise und in unterschiedlicher Form, sind pures Gift für eine Freundschaft. Sie führen zu einer Unwucht in der Beziehung. Und sie zerstören das Vertrauen. Die Lüge kann eine Zeit lang unerkannt bleiben, vielleicht auch weil man sie nicht sehen will. Aber wenn sie aufgedeckt ist, schlagen Enttäuschung und Schmerz durch. Das Ende der Freundschaft ist, wenn sie von der Lüge lebt, sehr wahrscheinlich.

Weshalb ist Lügen stressig?

Lügen erzeugt Stress. Wenn man ständig etwas vorgeben muss, was man eigentlich nicht ist oder nicht will, führt das zu Anstrengung und seelischer Anspannung: Stress. Davon abgesehen muss man sich, wenn man die Unwahrheit gesagt hat, genau merken, was man denn gesagt hat. Je öfters man die Unwahrheit sagt, desto mehr muss man sich merken und desto größer das Risiko, dass eine Lüge irgendwann aufgedeckt wird.

Hinzu kommt die ständige Sorge, dass eine Unwahrheit durch Zufall ans Licht kommen könnte. Es wäre schließlich denkbar, dass der Belogene zufällig jemand begegnet, der unwissentlich dazu beiträgt, die Lüge zu entlarven.

Aber man könnte sich auch selbst verraten. Menschen, die einander näher und längere Zeit kennen, entwickeln ein Gespür für die Stimmung des Anderen. Sie kennen das Normalverhalten. Nicht immer, aber doch manchmal können sie heraushören und/oder durch kleine Veränderungen des Gesichtsausdrucks erkennen, ob der Andere vom Normalverhalten abweicht und sie möglicherweise gerade belügt. Die Lüge ist schließlich immer komplizierter als die Wahrheit.

Muss die Freundschaft wirklich sterben?

Eine Freundschaft, die von der Lüge lebt, hat keine Chance! Sie muss und wird an der ersten Wahrheit sterben. Lügen ist für das Vertrauen ein absolut tödlich wirkendes Gift. Trauer und Wut bleiben zurück, oft auch Selbstvorwürfe, warum man sich mit diesem falschen Freund überhaupt eingelassen hat.

Wenn die Lüge der Ausnahmefall bleibt, hat die Freundschaft eine Chance. Auch eine Freundschaft lebt von der Vergebung. Die Lüge hat das Vertrauen unterminiert, aber die Vergebung entfaltet eine heilende Wirkung. Und das Wissen um die eigene Fehlbarkeit macht es leichter, dem Freund zu vergeben.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.