Ich bin frei, denn ich bin einer Wirklichkeit nicht ausgeliefert …

„Ich bin frei, denn ich bin einer Wirklichkeit nicht ausgeliefert, ich kann sie gestalten.“

Paul Watzlawick
Ich bin frei, denn ich bin einer Wirklichkeit, P. Watzlawick - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Paul Watzlawick (1921-2007) war ein österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Philosoph und Autor. Er entwickelte verschiedene gesprächsanalytische Theorien und gilt als einer der populärsten Theoretiker der menschlichen Kommunikation. Seine Arbeiten hatten Einfluss auf die Familientherapie und allgemeine Psychotherapie.

Wirklich frei?

Torsten (*) und Lisa (*) sind miteinander verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder. Torsten hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag und erzielt den Hauptteil des Einkommens. Die beiden bewohnen ein eigenes Haus, das sie vor wenigen Jahren erworben und zu einem Großteil mit Fremdmitteln finanziert haben. Zins- und Tilgungsleistungen machen einen bedeutenden Teil des monatlichen Einkommens aus.

Sind die beiden wirklich frei? Von der wirtschaftlichen Perspektive aus betrachtet sind sie es nicht. Wenn Torsten seine Arbeitsstelle verlieren würde, gäbe es ein Problem. Zumindest die regelmäßigen Tilgungsraten für das Eigenheim wären nicht mehr zu stemmen.

Wie frei ist Torsten in der Gestaltung seines Lebens, seiner Wirklichkeit? Er muss Einkommen erwirtschaften und könnte sich von sich aus nicht einfach mal dazu entschließen, eine Weile nicht zu arbeiten. Also ist Torsten auf eine Arbeitsstelle angewiesen, die ihm ein regelmäßiges Einkommen ermöglicht.

Bettina (*) ist verheiratet. In ihrer Beziehung kriselt es schon eine ganze Weile. Sie hat studiert, aber das Studium nicht abgeschlossen. Während des Studiums lernte sie Alexander (*) kennen. Bald war das erste Kind unterwegs. Bettina kümmerte ich um das Kind und verzichtete auf eine Berufstätigkeit. Später kam ein weiteres Kind hinzu. Jahrelang füllte Bettina die Rolle der Hausfrau aus. Mittlerweile sind die Kinder keine Kinder mehr, sondern erwachsen.

Wenn sie sich von Alexander trennen würde, so Bettinas Überlegung, müsste sie sich wahrscheinlich mit einer gering bezahlten Arbeit abfinden. Das Studium liegt schon einige Jahre zurück und außerdem hat sie keinen Abschluss vorzuweisen. Ihre beruflichen Perspektiven wären nicht gerade rosig.

Soll sie nicht doch bei Alexander bleiben? Er ist Gutverdiener und sie müsste sich nicht einschränken. Dafür würde sie in Kauf nehmen, dass sie mit einem Partner zusammenlebt, mit dem sie eigentlich nicht mehr zusammen sein will. Wie frei ist Bettina in der Gestaltung ihres Lebens, ihrer Wirklichkeit?

Maria (*) leidet an Multipler Sklerose. Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen, um sich fortbewegen zu können. Für manche Verrichtungen und Tätigkeiten benötigt sie fremde Hilfe. Wie frei ist Maria in der Gestaltung ihres Lebens, ihrer Wirklichkeit?

Die Wirklichkeit der Lebensumstände

Wie empfindet man die Wirklichkeit der Lebensumstände subjektiv? Die Lebensumstände können wie ein Korsett empfunden werden. Man muss funktionieren, um den Lebensunterhalt zu verdienen und sich Wünsche, die Geld kosten, zu erfüllen. Und man soll sich in einer bestimmten Weise verhalten, propagierten Normen der äußerlichen Erscheinung entsprechen usw.

Wie frei kann man über seine Zeit verfügen? Bestimmen andere, wie man seine Zeit einsetzt oder ist man selbst Herr über seine Zeit? Wieviel Zeit wird in der Wirklichkeit fremdverplant und wieviel Zeit bleibt einem selbst?

Schließlich ist man in ein soziales Netz eingebettet. Man sieht sich Erwartungen und Ansprüchen gegenüber, die man erfüllen soll oder gar muss. Oder man fühlt sich einsam und es fällt schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. Die Einsamkeit mag als Last empfunden werden. Wie sieht man die Wirklichkeit seiner sozialen Beziehungen?

Die Wirklichkeit des Denkens

Sandra (*) leidet an einer Psychose. Sie erzählt, dass sie in ihrer Wohnung abgehört wird. Und nachts würden Leute in ihr Zimmer eindringen, sie betäuben und anschließend missbrauchen. Für Sandra ist dies ihre Wirklichkeit. Sie ist völlig überzeugt, dass alle, die sie davon abbringen und überzeugen wollen, dass all dies nicht sein kann, eine falsche Wahrnehmung haben. Nur ihre Wirklichkeit gilt. Sie ist in ihrem krankhaften Denken gefangen.

Psychisch gesunde Menschen können ihr Denken steuern und sich durch ihr Denken eine individuelle Wirklichkeit gestalten. Wie denkt man über sich selbst? Wie denkt man über seine Chancen und Möglichkeiten? Wie denkt man über die Menschen, mit denen man mehr der weniger eng zusammenlebt? Wie denkt man über „Gott und die Welt“?

Das „Wie denkt man gerade?“ wird durch ein „Wie will man denken?“ ergänzt. Der Weg von der gedachten aktuellen Wirklichkeit hin zur sich vorgestellten Wirklichkeit verkapselt einen Veränderungsprozess. Denken kann das Leben verändern. Henry Thoreau drückte es so aus: „Indem wir unser Denken ändern, ändern wir unser Leben.“.

Wie kann man Wirklichkeit gestalten?

Wenn man frei sein und seine Wirklichkeit selbst gestalten will, braucht man Gestaltungsmacht. Wie weit sollte diese Gestaltungsmacht gehen?

Maria kann sich von ihrer Krankheit nicht selbst befreien. Für sie bedeutet Gestaltungsmacht etwas anderes als für Bettina. Bettina könnte ihr Leben frei gestalten, müsste allerdings einen gewissen Wohlstandsverlust hinnehmen. Und Sandra? Sie hat eigentlich keine Gestaltungsmacht. Sie ist gewissermaßen Opfer der Psychose. Für jede dieser Personen bedeutet Wirklichkeit und Gestaltungsmacht etwas anderes.

In der Konsequenz gibt es nur die individuelle Wirklichkeit. Watzlawick drückt es so aus: „Der Glaube, es gebe nur eine Wirklichkeit, ist die gefährlichste Selbsttäuschung.“. Ebenso verhält es sich mit der Gestaltungsmacht. Auch sie ist ganz individuell. Aber weil man Gestaltungsmacht hat, wie wenig es auch sei, ist man der Wirklichkeit nicht ausgeliefert. Man ist frei.

Nicht vergleichen – Vergleichen ist Gift!

Wenn es nur eine individuelle Wirklichkeit gibt, dann ist auch dem Vergleichen jegliche Grundlage entzogen. Wie wollte man individuelle Wirklichkeiten auch miteinander vergleichen?

Tappt man in die Falle und vergleicht sich dennoch mit anderen, gibt man in der Konsequenz Gestaltungsmacht über sich ab. Man würde sich selbst auf bestimmte Vergleichskriterien reduzieren, welche die individuelle Wirklichkeit nicht im Mindesten abbilden können. Derlei Vergleichskriterien beziehen sich auf bestimmte Vorstellungen, wie man aussehen, denken, sich verhalten sollte. Die Medien haben einen großen Anteil an der Verbreitung solcher Leitbilder. Doch will man wirklich Macht über sich an irgendeine Person oder irgendein Medium abgeben, wenn es vornehmlich wirtschaftliche Interessen sind, die ein bestimmtes Leit- oder gar Idealbild konstruieren?

Warum nicht zu sich selbst stehen? – und zu seiner eigenen individuellen Lebenswirklichkeit, die man gestalten kann?

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.