Was immer geschieht, an uns liegt es, Glück oder Unglück …

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„Was immer geschieht, an uns liegt es, Glück oder Unglück darin zu sehen.“

Anthony de Mello
Was immer geschieht an uns liegt es, Glück oder Unglück darin zu sehen. A. de Mello - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Anthony de Mello (1931-1987) war ein indischer Jesuitenpriester, spiritueller Lehrer und Psychotherapeut. Sein in späteren Lebensjahren ausgeprägter pantheistischer Ansatz stieß in der katholischen Kirche zunehmend auf Widerstand und Kritik.

Glück oder Unglück?

Glück im Unglück – Unglück im Glück ist eine der bekanntesten Parabeln aus der chinesischen Philosophie. Eine sehr bekannte Geschichte illustriert dies:

Ein rechtschaffener Mann lebte nahe der Grenze. Ohne Grund entlief ihm eines Tages sein Pferd auf das Gebiet der Barbaren. Alle Leute bedauerten ihn. Sein Vater aber sprach zu ihm: „Wer weiß, ob das nicht Glück bringt?“

Mehrere Monate später kam sein Pferd zurück mit einer Gruppe guter, edler Barbarenpferde. Alle Leute beglückwünschten ihn. Sein Vater aber sprach zu ihm: „Wer weiß, ob das nicht Unglück bringt?“

Ein reiches Haus hat gute Pferde und der Sohn stieg mit Freuden auf, liebte das Reiten. Dabei fiel er und brach sich ein Bein. Alle Leute bedauerten ihn. Sein Vater aber sprach zu ihm: „Wer weiß, ob das nicht Glück bringt?“

Ein Jahr später fielen die Barbaren über die Grenze ein. Die erwachsenen Männer bespannten ihre Bögen und zogen in den Kampf. Neun von zehn Grenzbewohnern wurden dabei getötet, mit Ausnahme des Sohnes wegen seines gebrochenen Beins. Vater und Sohn waren geschützt und überlebten beide.

Unterschiedliche Perspektiven

Was sieht man und wie sieht man es? Die Rubinsche Vase im Bild ist dafür ein gutes Anschauungsbeispiel. Der Betrachter sieht in den weiß und schwarz gehaltenen Flächen mit ihren Konturen entweder eine Vase oder zwei gegenüberliegende Gesichtsprofile. Was sieht er zuerst? Dies ist nicht vorherzusagen.

In ähnlicher Weise verhält es sich mit Ereignissen und Situationen unseres Lebens. Manchmal beurteilen wir Dinge in der aktuellen Sicht und in einer späteren Rückschau völlig unterschiedlich. Was in der aktuellen Situation als Unglück erscheint, kann sich später als Glück herausstellen. Umgekehrt gilt dies natürlich auch. Was gerade als Glück gewertet wird, kann im Rückblick als Unglück gesehen werden.

Diese Geschichte verdeutlicht, dass es schlichtweg unmöglich ist, alle Konsequenzen eines Ereignisses oder einer Situation in Raum und Zeit zu erkennen. Als Folge daraus kann man also im jetzigen Augenblick nicht wirklich wissen, was Glück und was Unglück ist.

In der Geschichte liegen zwischen den einzelnen Glücks- oder Unglücksereignissen längere Zeiten. Es mag also durchaus sein, dass man ein Glücks- oder Unglücksereignis über längere Zeit hinweg als solches einstuft. Eine solche Einstufung ist jedoch in Unkenntnis der Zukunft nur vorläufig und auf ein Ereignis bezogen Im Lebenszusammenhang betrachtet, würde man auf das Leben wie durch ein Schlüsselloch schauen.

Erst der Rückblick macht erkennbar, was in Wirklichkeit Glück bzw. Unglück war. Man muss das Ganze, das große Bild seines Lebens, sehen. Erst dann, vielleicht sogar erst viele Jahre später, kann man für sich klarer einschätzen, was wirklich Glück und was wirklich Unglück war.

Welche Ereignisse oder Situationen hat man selbst schon erlebt, als sich Glück später als Unglück herausgestellt hat? Und umgekehrt? Was kann man daraus lernen, wenn man selbst schon die Erfahrung gemacht hat, dass man in der Rückschau ein Ereignis oder eine Situation anders einschätzt?

Ein Mensch schaut in die Zeit zurück …

„Ein Mensch schaut in die Zeit zurück. 
Und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“
Eugen Roth

Im Jahr 1948 erschien der Gedichtband „Mensch und Unmensch“ von Eugen Roth, einem deutschen Lyriker und populären Autor meist humoristischer Verse. Dieser mit „Vieldeutung“ überschriebene Zweizeiler steht am Ende dieses Buches. Eugen Roth war damals 53 Jahre alt und blickte auf sein bisheriges Leben zurück.

Als Freiwilliger zog Eugen Roth 1914, damals 19-jährig, in den Ersten Weltkrieg. Schon Ende Oktober 1914 wurde er in Frankreich schwer verwundet. Die Kriegserfahrung führte ihn zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Krieg und Militär.

Nach seiner Rückkehr nach München begann er damit, Lyrik zu schreiben. Ab 1918 erschienen mehrere Gedichtbände, von denen der Gedichtband, „Der Ruf“ (1923) größere Bekanntheit erlangte.

Seit 1927 arbeitete Eugen Roth als Lokalredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten. Aufgrund seiner bekannten anti-militaristischen Haltung wurde er nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bereits im April 1933 fristlos entlassen. Nur die literarische, illustrierte Satirezeitschrift „Simplicissimus“ veröffentlichte noch die Verse des in Ungnade gefallenen Lyrikers.

Eugen Roth musste nach seiner Entlassung sein Einkommen mit Gelegenheitsarbeiten verdienen. Er schrieb seine ersten „Ein-Mensch-Gedichte“. Zehn Verlage lehnten eine Veröffentlichung ab. Erst der Verleger Alexander Dunker traute sich im Jahr 1935, den ersten Gedichtband unter dem Titel „Ein Mensch“ zu drucken. Der Inhalt war unpolitisch, aber er stammte eben von einem Verfemten.

Was zunächst wie ein Tiefpunkt erschien – die vielen Ablehnungen aus Gründen einer Ächtung – war in Wirklichkeit nicht das Ende. Im Gegenteil: Der Mut des Inhabers eines kleinen Verlags führte Eugen Roth zu einer völlig unerwarteten Erfolgsgeschichte. Gewissermaßen über Nacht wurde er zum erfolgreichen Lyriker. Von seinem Gedichtband konnten bis Kriegsende eine halbe Million Exemplare abgesetzt werden.

Eugen Roth bezeichnete seine Verwundung schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Nachhinein als seinen „zweiten Geburtstag“. Möglicherweise blieb ihm der Tod bei Kriegshandlungen erspart.

Fremd- und Eigenwahrnehmung können sich unterscheiden

Gibt es einen objektiven Maßstab, was Glück und was Unglück ist? Wohl nicht. Es kommt auf die subjektive Wahrnehmung an. Und es kommt darauf an, wer wahrnimmt. Die eigene Wahrnehmung und die Wahrnehmung anderer Personen können sich durchaus unterscheiden.

Ein Szenario: Angenommen, Herr Müller bekommt das Angebot, im Unternehmen eine andere Aufgabe zu übernehmen und in eine andere Abteilung zu wechseln. Dies kommt einer Beförderung gleich. Seine Familie, die Freunde und Bekannten beglückwünschen ihn, denn sie halten das Angebot für Glück. Er selbst sieht jedoch darin kein Glück. Er müsste mit einem neuen Vorgesetzten auskommen, mit dem die „Chemie“ nicht stimmt. Herr Müller empfindet gegenüber diesem Menschen eine starke Antipathie. Und er weiß auch aufgrund früherer Begegnungen, dass der mögliche neue Vorgesetzte auch ihn absolut nicht mag. Deshalb ist er sich sicher, dass er sich in der neuen Position mit diesem Vorgesetzten nicht glücklich fühlen würde.

Herr Müller kennt die Umstände und kann sie für sich einordnen. Seine Mitmenschen, darunter auch seine Partnerin, kennen die Umstände nicht. Sie können die Situation nur von außen betrachten, haben nur den Einblick, den Herr Müller kommuniziert. Sie nehmen die mögliche Beförderung als Glück wahr, weil sie die Gesamtsituation nicht hinreichend kennen.

In der Fremdwahrnehmung ist Herrn Müllers Beförderung also Glück, in seiner subjektiven Wahrnehmung ist sie es nicht. Doch kennt Herr Müller die Zukunft? Schließlich könnte es sein, dass der ungeliebte neue Vorgesetzte seinerseits ein Angebot zum Wechsel in eine andere Position erhält oder dass er sogar ein attraktives Stellenangebot von außerhalb erhält und das Unternehmen verlässt. Dann würde sich das, was er im Moment subjektiv nicht als Glück wahrnimmt, doch als Glück erweisen.

Glück und Unglück mit zeitlicher Distanz bewerten

Wenn man in der subjektiven Wahrnehmung ein Unglück erlebt, mag es sein, dass man von negativen Gefühlen geradezu überschwemmt wird. Man empfindet Enttäuschung, Trauer, Wut, Frustration … Vielleicht hat sich der Partner bzw. die Partnerin nach längerer Beziehung getrennt. Vielleicht hat man sich auf eine bestimmte Arbeitsstelle beworben. Man hat gehofft, dass man die Stelle bekommt, aber dann kam die Absage. Vielleicht hat man viel Arbeit in ein Buchmanuskript gesteckt. Man hat das Manuskript mehreren Verlagen angeboten und hofft, dass es mit einem davon zu einem Verlagsvertrag kommt. Aber man erhält entweder keine Reaktion oder eine Absage.

            Wie kann man mit Unglück umgehen?

Wie kann man mit Situationen empfundenen Unglücks umgehen? Kann es helfen, gedanklich einen Schritt zurückzutreten und sich bewusst zu machen, dass man die Situation im Hier und Jetzt wie durch ein Schlüsselloch beurteilt? Man hat nicht den Gesamtüberblick über das Leben, denn vor einem liegt ja noch die Zukunft. Es mag also durchaus sein, dass man die Trennung später nicht mehr als Unglück, sondern als Glück bezeichnet. Und es mag auch sein, dass man die Absage auf die Bewerbung später nicht mehr als Unglück wahrnimmt. Schließlich mag es auch sein, dass auch die Ablehnung des Buchmanuskripts kein Unglück war. Lebensumstände haben sich anders gefügt, und in der Rückschau wurde aus Unglück sogar Glück.

Nicht selten vergehen Jahre, bis man vergangene Ereignisse anders einordnen kann als im Moment des Ereignisses und in der unmittelbaren Zeit danach. Doch wie kann man in der vielleicht langen Zwischenzeit einen Weg für sich finden, sich die Vorläufigkeit der subjektiven Einordnung bewusst zu machen?

Ein Weg besteht darin, sich selbst zu suggerieren, dass das (vermeintliche) Unglück einen Sinn haben kann, den man jetzt noch nicht erkennt. Vielleicht kann man sich an ähnliche Situationen in der Vergangenheit erinnern. Man hielt etwas für Unglück, aber dann stellte es sich doch nicht als solches heraus. So könnte man sich selbst zusprechen, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem man klarer sieht.

Vielleicht entpuppt sich das Unglück als Lektion, die man lernen musste. Hätte man sich verweigert und sie nicht gelernt, wäre man im Leben nicht weitergekommen. Dies lässt sich nur im Nachhinein so erkennen.

            Wie kann man mit Glück umgehen?

Ist es sinnvoll, auch Glück mit zeitlicher Distanz zu bewerten und Glück gewissermaßen „unter Vorbehalt“ anzunehmen? In der Tat kann sich auch Glück im Nachhinein eher als Unglück erweisen. Doch Glück ist mit positiven Gefühlen verbunden. Wenn man Glück erlebt, weshalb sollte man es nicht auskosten?

Die Weichen für das, was man jetzt als Glück empfindet, wurden schon in der Vergangenheit gestellt. Die Vergangenheit lässt sich rückwirkend nicht mehr ändern. Sollte es also doch dazu kommen, dass sich Glück in Unglück wandelt, hat man immerhin bis dahin Glück empfunden.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.