Bedauern, Reue oder gar Selbstanklage können die …Lesezeit: 9 Min.

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„Bedauern, Reue oder gar Selbstanklage können die Vergangenheit im Nachhinein nicht mehr ändern.

Sorge, Angst oder Furcht können die Zukunft nicht in andere Bahnen lenken.

Doch schon das kleinste Körnchen Dankbarkeit verändert die Gegenwart.“

Dieter Jenz
Bedauern Reue oder gar Selbstanklage, D. Jenz - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Ein Alkoholproblem belastet Beziehungen

Martina (*) hat es in ihrer Ehe mit Sven (*) nicht leicht. Sven hat ein Alkoholproblem. Doch er will davon nichts wissen. Er behauptet, auch ohne alkoholische Getränke auskommen zu können. Doch das stimmt nicht. Sven belügt nicht nur Martina, sondern auch sich selbst und alle anderen Mitmenschen, mit denen er zu tun hat.

In Martinas Wahrnehmung ist Sven ein sogenannter „Pegeltrinker“. Pegeltrinker, auch als Spiegeltrinker bezeichnet, konsumieren täglich und über den Tag verteilt Alkohol, um einen bestimmten Pegel im Blut zu halten. Dass sie unter Alkoholeinfluss stehen ist nicht unbedingt sofort erkennbar, da kaum Anzeichen für einen Rausch erkennbar sind. Auch kommt es normalerweise nicht zu einem Kontrollverlust. Dabei kann der Promille-Gehalt im Blut bei manchen Pegeltrinkern durchaus dauerhaft bis zu 2,5 Promille (und in Einzelfällen sogar noch darüber) erreichen.

Sven ist nicht freiwillig zum Pegeltrinker geworden. Sein regelmäßiger Alkoholkonsum hat Folgen. Würde er jetzt abrupt mit dem Trinken aufhören, würden sich Entzugssymptome einstellen. Zu den typischen Entzugssymptomen zählen Unruhe, Kopfschmerzen, Angstzustände und das Verlangen nach Alkohol. Wahrscheinlich würde er anfangen, mehr oder weniger stark und unkontrolliert zu zittern. Bei ihm könnte es auch zu Schweißausbrüchen kommen. Darüber hinaus könnten sich bei ihm ein aggressives Verhalten und Konzentrationsschwächen zeigen. Je nach Menge des bisher gewohnten Alkoholkonsums könnten, allgemein ausgedrückt, bei Pegeltrinkern aber auch schwerwiegendere Symptome wie Krampfanfälle, Halluzinationen oder Delirzustände auftreten, wenn der Alkoholpegel nicht gehalten werden kann.

Svens Pegeltrinken hilft ihm dabei, Entzugssymptome zu verhindern. Wäre Sven ein typischer „Konflikttrinker“ (versucht, eine belastende Situation mit Alkohol zu bewältigen) oder ein „Gelegenheitstrinker“ (trinkt vorwiegend bei gesellschaftlichen Anlässen), müsste er keine Entzugssymptome fürchten. Sein Alkoholkonsum geschähe mehr oder weniger unregelmäßig, vielleicht sogar eher selten. Nun aber hat sich Sven selbst dazu verurteilt, regelmäßig trinken zu müssen, um seinen Alkoholpegel zu halten.

Einer Erhebung der DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.) aus dem Jahr 2018 zufolge ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik Deutschland etwa 1,6 Mio. Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren alkoholabhängig waren – eine beträchtliche Zahl. Doch nicht nur die Alkoholabhängigen selbst haben ein Problem. Sie schaffen auch Probleme in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen.

Das Wissen darum, dass sie leider nicht die Einzige ist, die mit einem Partner zurechtkommen muss, der sein Alkoholproblem herunterspielt und leugnet, tröstet Martina natürlich nicht. Für sie steht der tägliche Umgang mit einem Partner, der längst nicht mehr der ist, in den sie sich einmal verliebte, im Vordergrund.

Der reuevolle Blick in die Vergangenheit

Martina und Sven waren einmal ein glückliches Paar. Schon längere Zeit sind sie es nicht mehr.

Mittlerweile ist Martina in ihrer Beziehung dauerhaft unglücklich. Hat sie einen Riesenfehler begangen, als sie Sven heiratete? Hätte sie sich das alles nicht viel intensiver überlegen müssen? Hätte sie sich Svens Familienumfeld vor der Heirat nicht viel genauer anschauen müssen?

Wenn Martina in die Vergangenheit zurückblickt, findet sie genügend Gründe für Reue und auch Selbstanklage. „Ich hätte mir das alles ersparen können, wenn ich damals … hätte“ – dieser Rahmen lässt sich mit den verschiedensten Selbstanklagen füllen.

Nachdem sich Sven und Martina kennengelernt hatten, fiel Martina in den Begegnungen mit Svens Eltern durchaus auf, dass Svens Vater ein Alkoholproblem hatte. Svens Mutter schien sich damit arrangiert zu haben und es hinzunehmen. Martina rechnete damals nicht damit, dass Sven ebenfalls einmal ein Alkoholproblem entwickeln würde.

Für Sven war das Alkoholproblem seines Vaters und das stillschweigende Abfinden damit seiner Mutter gewissermaßen der Normalfall. So wuchs er auf und so lernte er es in seiner Kindheit kennen. Wäre es für ihn nicht erwartbar, dass sich Martina, seine Ehefrau, genauso mit seinem Alkoholproblem abfindet, wie es schon seine Mutter bei seinem Vater tat?

Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass Erfahrungsmuster aus der Kindheit in gewisser Weise auf den Partner bzw. die Partnerin übertragen werden. Auch Sven scheint – wie viele andere Alkoholabhängige auch -, stillschweigend zu erwarten, dass sich seine Ehefrau in die Verhältnisse fügt. Dass es Martina nicht gut geht nimmt er durchaus wahr, aber es geht ihm nicht wirklich zu Herzen.

Zitat des Tages

Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, E. Coue - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

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Der sorgenvolle Blick in die Zukunft

Svens Alkoholabhängigkeit kostet Geld. Ständig muss er für Nachschub an alkoholischen Getränken sorgen, um seinen Alkoholpegel halten zu können. Das dafür ausgegebene Geld fehlt dann natürlich an anderer Stelle. Alkohol bzw. alkoholische Getränke zum Nulltarif – das gibt es natürlich nicht! Auch wenn Martina und Sven nicht „am Hungertuch nagen“ müssen – sie könnten das Geld für die schönen Dinge des Lebens ausgeben, für einen schönen Urlaub, für ein Hobby oder für irgendetwas, was ihnen beiden Freude bereitet.

Für Martina stellt sich die Frage, wie sich Svens Alkoholabhängigkeit weiterentwickeln wird. Wird alles mehr oder weniger schleichend immer schlimmer werden? Ist sie in Svens Abwärtsspirale unweigerlich mitgefangen?

Martina kann Sven nicht ändern. Das kann nur er selbst – und er muss es wirklich wollen. Doch dafür kann Martina bei Sven keinerlei Anzeichen erkennen. Leider kann sie mit allen ihren Sorgen, Ängsten und Befürchtungen die Zukunft nicht in andere Bahnen lenken. Ihre Sorgen, Ängste und Befürchtungen können nur dazu führen, dass es ihr selbst immer schlechter geht je mehr Svens Alkoholabhängigkeit fortschreitet.

Mögliche Wege für Martina

Svens Alkoholproblem belastete schon lange die Beziehung mit Martina. Sie überlegte sich, wie die Beziehung wieder besser werden könnte. Eine Eheberatung erschien ihr als guter Weg. Doch Sven verweigerte sich. Er stritt seine Alkoholabhängigkeit ab und wollte bei sich kein Problem und somit auch keinen Bedarf für eine Eheberatung erkennen. Martina ging alleine zur Eheberatung, die aber nicht wirklich hilfreich sein konnte. Eine Eheberatung kann schließlich nur dann gelingen, wenn beide Partner sich offen einbringen und auch gewillt sind, aufeinander zuzugehen und gemeinsam Lösungen zu finden. Sven nahm der Eheberatung jedoch von Vornherein jede Chance und bemühte sich in dieser Hinsicht auch nicht um die eheliche Beziehung. Er ließ Martina gewissermaßen alleine „im Regen stehen“.

„Wenn du etwas nicht magst …“

Wenn du etwas nicht magst, ändere es. Wenn du es nicht ändern kannst, ändere deine Einstellung. Beschwere dich nicht.“ – so setzte sich Maya Angelou mit der Reaktion auf ungewollte Verhältnisse auseinander. Doch Martina kann nicht so einfach etwas ändern.

Soll sich Martina von Sven trennen und sich schließlich von ihm scheiden lassen? Das wäre eine Option, wenn sie nichts mehr für Sven empfinden würde und wenn sie nicht wirtschaftlich von ihm abhängig wäre. Doch Martina müsste sehr viel in ihrem Leben verändern, um wieder ein eigenständiges Leben zu führen. Vor Trennung und Scheidung scheut sie zurück. Die Frage: „Wer bin ich eigentlich ohne Sven?“ geht sie nicht an.

In der Konsequenz bliebe Martina nur die Möglichkeit, ihre Einstellung zu ändern. Doch worauf liefe dies hinaus? Sollte sie in ihrer Machtlosigkeit resignieren, weil Sven in die Beziehung nichts investiert und mit seiner Alkoholabhängigkeit alles immer noch schlimmer macht? Dies würde letztlich wahrscheinlich bedeuten, mit Sven in einer Art funktionaler Wohngemeinschaft zu leben. Ihr eigenes Leiden an der Situation würde dadurch allerdings nicht beendet. Stets stünde ihr vor Augen, wie es einmal war und was jetzt aus ihrer Beziehung geworden ist.

Gut für sich selbst sorgen

Eine alternative Möglichkeit, ihre Einstellung zu ändern, besteht darin, sich viel stärker als bisher um ihre seelischen Bedürfnisse zu kümmern. Sicherlich tut es Martina gut, soziale Kontakte zu pflegen. Sie könnte sich beispielsweise öfters mit Freundinnen treffen oder sich zusammen mit anderen Menschen ehrenamtlich engagieren.

Doch wie geht es Martina zu Hause, wenn gerade alles wieder einmal als dunkel erscheint? Als gute „Medizin“ erweist sich Dankbarkeit – natürlich nicht für die Situation, in der Martina gerade steckt, sondern in ihrer Lebenssituation. Dankbarkeit stärkt die seelische Widerstandskraft. Wie könnte Martina diese „Medizin“ gut für sich anwenden?

Das stärkste Mittel, das Gefühl der Dankbarkeit zu erleben und dadurch die seelische Widerstandskraft zu stärken, ist der Blick auf das Hier und Jetzt. Wofür kann man jetzt gerade, in diesem Moment, dankbar sein? Spontan fallen einige Dinge ein: das Dach über dem Kopf, frisches Wasser, die Natur, … – und der Augenblick!

Der Blick auf das Hier und Jetzt wirkt wie eine Art „Notprogramm“, um sich Dankbarkeit gewissermaßen zu erkämpfen. Manchmal fällt es in der aktuellen Lebenssituation alles andere als leicht, überhaupt für irgendetwas dankbar zu sein. Dann muss Dankbarkeit regelrecht erkämpft werden. Doch dieses Notprogramm hilft, negative Gefühle zu blockieren und vermittelt einen Impuls, wieder mehr am Leben teilzunehmen. Martinas Gegenwart wird verändert – oder, besser ausgedrückt, Martina verändert aktiv ihre Gegenwart.

Gutes und Sinnvolles tun – ganz praktisch

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Helligkeit ins Leben bringen

Dankbarkeit verändert die Lebenssituation nicht. Würde Martina sich dies erhoffen, würde sie sich selbst enttäuschen. Aber schon das kleinste Körnchen Dankbarkeit bringt Helligkeit in ihr Leben.

Viele Jahre vor Martina erlebte der Theologe Friedrich von Bodelschwingh (der Ältere) die Kraft der Dankbarkeit. Er kleidete sein Erleben und Erfahren in folgende Worte: „Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste danken lernt.“. Diese Worte waren nicht einfach so in einer schönen Stunde dahingesagt. Hinter ihnen steht tiefes Leid. Er und seine Frau erlitten den Tod aller vier Kinder innerhalb von nur zwei Wochen. Erlernte Dankbarkeit für die kleinsten Dinge war es wohl, was als ein „Kontrastprogramm“ wirkte und ihn schließlich auch vor Verbitterung bewahrte.

Martina darf nicht zu viel von sich erwarten. Sie kann nicht einfach den „Schalter umlegen“ und ab sofort Dankbarkeit empfinden. Es ist vielmehr ein Lernprozess, sich immer wieder von den reuevollen Gedanken an die Vergangenheit oder den sorgenvollen Gedanken an die Zukunft wegzuziehen und sich auf das Hier-und-Jetzt zu fokussieren. Aber es lohnt sich, dranzubleiben.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.