Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste danken lernt.

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„Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste danken lernt.“

Friedrich von Bodelschwingh (der Ältere)
Da wird es hell in unserem Leben, F. v. Bodelschwingh - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Friedrich von Bodelschwingh der Ältere (1831-1910) war ein deutscher evangelischer Pastor und Theologe. Als Verwalter eines Gutshofes wurde er erstmalig mit der Not der landlosen Bevölkerung konfrontiert. Der Wunsch, Menschen zu helfen, bestimmte seinen weiteren Lebensweg. 1872 wurde er Leiter der Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische bei Bielefeld, die er in den Folgejahren stetig erweiterte.

Schicksalsschläge sind nicht das Ende

Friedrich von Bodelschwingh ging als „Helfer der Menschheit“ in die Geschichte ein. So zumindest steht es auf einer im Jahr 1951 herausgegebenen Briefmarke. Doch sein Leben verlief keineswegs „glatt“. Im Gegenteil: er musste auch mit schweren Schicksalsschlägen umgehen.

Verlust aller vier Kinder

Das Jahr 1869 war für Friedrich von Bodelschwingh und seine Ehefrau Ida ein von Trauer geprägtes Jahr. Innerhalb von nur zwei Wochen starben im Januar 1869 alle vier Kinder an Diphtherie, wobei das älteste Kind nur knapp sechs Jahre alt wurde.

Die Diphtherie, eine vor allem im Kindesalter auftretende, akute Infektionskrankheit wird durch eine Infektion der oberen Atemwege hervorgerufen. In etwa fünf bis zehn Prozent der Krankheitsfälle kann die Diphtherie tödlich verlaufen. Eine Herzmuskelentzündung oder eine starke Verengung der Atemwege sind dafür häufige Ursachen. Erst 1893 wurde vom Mediziner und Nobelpreisträger Emil von Behring eine passive Impfung mit Serum als vorbeugende Impfung eingeführt. Für das Ehepaar von Bodelschwingh und ihre Kinder kam dies leider zu spät.

Wer selbst ein Kind durch den Tod verloren hat, kann nachempfinden, wie sich das Ehepaar von Bodelschwingh gefühlt haben mag. Die Trauer ist fast unendlich. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Auch die Eltern mögen das Gefühl haben, dass ihr Leben vorbei ist. Eine innere Lähmung kann wahrgenommen werden. Hoffnungen und Träume für die Zukunft werden zerstört. Auch wenn der Verlust eines Kindes individuell unterschiedlich erlebt wird, gibt es einen gemeinsamen Nenner: der Verlust und die Trauer darüber tun extrem weh. Und es mag sein, dass es ein Leben lang dauert, den Tod eines Kindes zu verkraften. Der Verlust eines Kindes wird im Grunde nicht verarbeitet, sondern „bearbeitet“.

Ein unplanmäßiger Umzug

Einige Jahre zuvor, im Jahr 1864, erkrankte Ida von Bodelschwingh nach der Geburt des ersten Kindes an Wochenbettdepression. Dem ärztlichen Rat folgend zog die Familie von Paris nach Deutschland, nach Dellwig/Ruhr, um.

In Paris wirkte Friedrich von Bodelschwingh seit 1858 zunächst als Hilfsprediger und dann als Pfarrer in der deutschen Gemeinde in Paris. Damals lebten dort rund 80 000 deutsche Auswanderer, von denen viele ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner (z. B. als Gassenkehrer) verdienten. Um die armen deutschen Familien kümmerte er sich fürsorglich. In Deutschland sammelte Friedrich von Bodelschwingh Spenden zum Bau einer Kirche und einer Schule auf dem Montmartre.

Soweit bekannt, hatte Friedrich von Bodelschwingh keine Pläne, seine Stelle in Paris aufzugeben. Er war dort bereits verwurzelt und mit seinen Aufgaben als Pfarrer sowie der Realisierung seiner Vorhaben beschäftigt. Die Entscheidung, dem ärztlichen Rat zu folgen, brachte andererseits mit sich, seine Tätigkeit aufzugeben und seine Vorhaben in Paris nicht mehr vor Ort weiterverfolgen zu können.

Welche Reaktion wäre vorstellbar?

Wäre es nicht verständlich und nachvollziehbar gewesen, wenn Friedrich von Bodelschwingh in eine Verbitterung gefallen wäre? Schließlich musste er seine Arbeitsstelle in Paris aufgeben und dann starben wenige Jahre später auch noch alle vier Kinder. Und wäre es nicht ebenso verständlich und nachvollziehbar gewesen, wenn er als Theologe seine Verbitterung auch gegen Gott gerichtet hätte? „Gott, wenn du doch angeblich ein liebender Gott bist, warum hast du das zugelassen?“, eine solche oder ähnliche Frage hätte nicht fern gelegen. Und es wäre auch nicht unvorstellbar gewesen, dass Friedrich von Bodelschwingh aus Enttäuschung über Gott und als Konsequenz daraus sogar seinen Pfarrerberuf aufgibt.

Verbitterung – eine natürliche Reaktion?

Man gerät in einen fremdverschuldeten Unfall, wird schwer verletzt und leidet für den Rest seines Lebens an den erlittenen Verletzungen, die zudem die Lebensqualität sehr einschränken. Der Vorgesetzte bevorzugt ständig und systematisch den Kollegen bzw. die Kollegin, aber man kann nicht einfach die Arbeitsstelle wechseln. Der Partner bzw. die Partnerin geht fremd und man bemerkt es erst nach längerer Zeit. Es gibt vielerlei Anlässe für Ungerechtigkeiten, Kränkungen und Enttäuschungen, die starken seelischen Schmerz auslösen. Wohl niemand erlebt derlei nie in seinem Leben.

Wäre es nicht verständlich, wenn man sich nach einem schwerwiegenden Ereignis oder einer Folge solcher Ereignisse der Verbitterung hingibt? Doch dann empfindet man sich als hilfloses Opfer, übernimmt die Opferrolle und ist nicht (mehr) in der Lage, das Geschehene zu bewältigen. Und dann ist man auch ein unglücklicher Mensch.

Terry Waite, im Libanon entführt, hätte sich auch als hilfloses Opfer fühlen können. Aber er wehrte sich aktiv gegen die Verbitterung. Er erkannte, dass er sich mit Verbitterung selbst am meisten schaden würde und drückte diese Erkenntnis so aus: „Wenn du verbittert bist, frisst es dich auf und richtet bei dir sehr viel größeren Schaden an als die Menschen, die dich verletzt haben.“.

Durch zugelassene Verbitterung vergiftet man sich selbst. Als Folge dieser Vergiftung verhärtet man sich und ist für seine Mitmenschen kaum noch zugänglich. Man entwickelt eine Art „Tunnelblick“. Tröstungsversuche, alternative Sichtweisen anderer Menschen usw. werden nicht (mehr) angenommen. Zudem kapselt man sich immer mehr ab und zieht sich aus seinem Netz sozialer Kontakte zurück.

Auf den ersten Blick mag die Verbitterung als nachvollziehbare, sogar als natürliche Reaktion erscheinen. Das ist sie jedoch keineswegs! Vielmehr ist Verbitterung ein „todsicheres“ Rezept, sich selbst Schaden zuzufügen und sich unglücklich zu machen.

Danken als Lernprozess?

Friedrich von Bodelschwingh empfand, dass Danken das Leben hell macht. Hell kann es nur werden, wenn Dunkelheit herrscht – eine Binsenweisheit. Es ist ebenfalls eine Binsenweisheit, dass Helligkeit kaum mehr wahrgenommen wird, wenn es ohnehin schon hell ist. Helligkeit kommt erst dann voll zur Geltung, wenn es vollkommen dunkel ist.

Wenn ein schlimmes Ereignis eintritt oder wiederholt auftritt (wie beispielsweise bei wiederholten Herabwürdigungen vor Kollegen durch den Vorgesetzten), kann sich eine Dunkelheit über das Leben legen. Diese Dunkelheit kann als schwarze Wolke, die einen vollkommen einhüllt, empfunden werden.

Doch wie kann man dann das Leben wieder hell werden lassen, gewissermaßen ein Licht im Leben anschalten?

Dankbarkeit als Gegengewicht

Wenn man immer wieder auf das Negative im Leben schaut, bekommt das Leben, bildlich gesprochen, Schlagseite. Je mehr man sich mit schwerwiegenden und für einen persönlich negativen Ereignissen beschäftigt, desto mehr Gewicht bekommen sie. Dankbarkeit bildet ein Gegengewicht.

Auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer erlebte dies so. In seinen beiden letzten Lebensjahren war er bis zu seiner Hinrichtung inhaftiert (April 1943 bis April 1945). Während dieser Zeit erlebte er die schmerzliche Trennung von der Familie, von seiner Verlobten, von seinen Freunden … Damals schrieb er: „Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ (Quelle: „Widerstand und Ergebung“).

Kann man, bildlich gesprochen, die Dankbarkeit einfach „anknipsen“ und das Leben (wieder) hell machen? Oder ist Danken eher ein Lernprozess, dem man sich bewusst und willentlich unterzieht? Friedrich von Bodelschwingh erlebte jedenfalls das Danken als etwas, das erlernt werden muss. Dankbarkeit lenkt den Blick auf das Gute und Schöne im Leben, das eben schon in den kleinsten Dingen auch da ist, auch wenn man es nicht bewusst wahrnimmt.

Dankbarkeit verändert die Gegenwart

Wofür kann man dankbar sein? Dankbar sein kann man für alles, worauf man keinen Anspruch hat. Mit einem Mal weitet sich der Blick und es fällt einem sehr viel ein, wofür man persönlich dankbar sein kann. Da gibt es die ganz kleinen Dinge, die Begebenheiten, die man bisher nicht beachtet hat. Sie werden bewusst und ein Gefühl der Dankbarkeit stellt sich ein.

Was könnte das Kleinste sein, für das man danken lernt? Der Antwort kommt man näher, wenn man sich vorstellt, dass nichts auf der Welt selbstverständlich ist. Wie wäre es, wenn man sich vorstellt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass man ein Dach über dem Kopf hat, dass man im Krankheitsfall bei Notwendigkeit in ein Krankenhaus eingeliefert werden kann, dass man jeden Tag genügend zu essen hat …? Doch dies sind bei weitem nicht die kleinsten Dinge.

Neuer Versuch. Wie wäre es, wenn man sich vorstellt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass man soeben eine Tomatenpflanze wahrgenommen hat, die essbare Früchte trägt, dass einem der Nachbar freundlich einen guten Morgen gewünscht hat, dass man nachts durchgeschlafen hat …? Der Fantasie, das Kleinste herauszufinden, für das man danken und sich darüber freuen kann, sind keine Grenzen gesetzt.

Vielleicht hat man Dankbarkeit nie gelernt oder man hat sie verlernt. Dann kann man das Danken wieder neu lernen. Man kann sie auch fühlend wahrnehmen. Und dadurch verändert sich auch der Gesichtsausdruck und spiegelt etwas von der Helligkeit wider, die durch Dankbarkeit in das Leben hineinkommt. Es wird (immer wieder) hell im Leben. Friedrich von Bodelschwingh geht sogar noch einen Schritt weiter. Auch dieses Zitat ist von ihm überliefert: „Wer danken gelernt hat, der ist gesund geworden.“.

Durch Danken verändert man seine Gegenwart. Der Autor Roy T. Bennet kleidete es so in Worte: „Kein Bedauern kann die Vergangenheit ändern. Keine Angst kann die Zukunft ändern. Dankbarkeit jedoch verändert die Gegenwart.“.

Dankbarkeit führt weiter als Verbitterung

Auf die Verbitterung ließ sich Friedrich von Bodelschwingh nicht ein. Vielmehr setzte er sein Wirken als Pfarrer in Dellwig fort. 1872 übernahm er die Leitung der Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische bei Bielefeld (heute von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel). Im Lauf der Zeit entwickelte es sich zum größten Sozialunternehmen in Europa und zugleich zum größten Hilfswerk der „Inneren Mission“, der diakonischen Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Friedrich von Bodelschwingh erlebte noch viele weitere Früchte seines Wirkens. Unter anderem gründete er im Jahr 1885 auch die erste deutsche Bausparkasse, die Bausparkasse für Jedermann.

Beim schmerzlichen Verlust der an Diphtherie verstorbenen Kinder blieb es nicht. Das Ehepaar bekam noch einmal vier Kinder.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.