Der erste Schritt bei der Heilung besteht darin, die Konzentration …

„Der erste Schritt bei der Heilung besteht darin, die Konzentration auf das zu richten, was jetzt gerade lebendig ist, und nicht auf das, was in der Vergangenheit passiert ist.“

Marshall B. Rosenberg
Der erste Schritt bei der Heilung, M. Rosenberg - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Marshall B. Rosenberg (1934-2015) war ein US-amerikanischer Psychologe. Er entwickelte das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), englisch: Nonviolent Communication (NVC). Dieses soll Menschen ermöglichen, dergestalt miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss auf Grundlage wertschätzender Beziehung zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. 1984 gründete Rosenberg das gemeinnützige Center for Nonviolent Communication. Als Mediator war er international tätig.

Wenn der Blick in die Vergangenheit Schmerz auslöst

Hans (*) und Verena (*) waren bei ihrer Tochter Tanja (*) zu Besuch. Sie und ihr Ehemann Thomas (*) hatten mittlerweile Kinder und lebten in ihrem eigenen Haus. Wie aus heiterem Himmel nahm das Beisammensein eine Wendung. Tanja brachte Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugendzeit zur Sprache. Der Auslöser war im Nachhinein nicht mehr festzustellen. Sie fühlte Schmerz bei diesem Erinnern und machte ihren Eltern allerhand Vorwürfe. Auf einen kurzen Nenner gebracht: In Hans‘ und Verenas Wahrnehmung erhielten sie für ihre Erziehung die Schulnote 6.

Auch bei ihren Eltern wurde Tanjas Kindheit und Jugendzeit wieder lebendig. Sie hatten ein ganz anderes Bild vor Augen: das Bild der rebellischen Tochter, die ihre Eltern mit ihrem Verhalten und ihren Worten immer wieder verletzte, manchmal sogar sehr.

Ermutigung und Inspiration: Übersicht aufrufen

Der Besuch endete vorzeitig. Hans und Verena wollten eine Eskalation vermeiden und kein Öl ins Feuer gießen. Deshalb zogen sie es vor, nach Hause zu fahren. Der Abschied verlief etwas frostig.

Wie kann der Weg zur Heilung aussehen?

Heilung setzt eine Wunde voraus. Diese Wunde hat eine reale Ursache. Gleichzeitig ist eine Wunde nichts Normales. Sie behindert im Leben. Wenn man an die Wunde denkt, erinnert man sich wieder, wie es sich angefühlt hat. Vielleicht läuft wieder ein innerer Film ab. Geräusche, Gerüche usw. sind wieder präsent.

Eine Wunde schmerzt, mehr oder weniger intensiv. Und so schmerzt auch die Vergangenheit, d. h. der Blick in die Vergangenheit. Wie kann dann Heilung geschehen, wenn der Blick auf den Schmerz gerichtet ist?

Über die Vergangenheit sprechen, bringt für sich alleine keine Heilung. Rein intellektuelles Verstehen, was geschehen ist, führt nicht weiter. Empathie ist gefragt, d. h. die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Intellektuelles Verstehen ist keine Empathie. Und das (wiederholte) Erzählen vertieft den Schmerz nur.

Wenn man in der Vergangenheit festhängt, wird bewusst, dass der Blick auf die Vergangenheit einer Heilung im Weg steht. Dann ist es hilfreich, den Blick weg von der Vergangenheit auf das zu lenken. das zu erkennen, was gerade lebendig ist. Welche Gefühle und Bedürfnisse sind gerade lebendig?

Was ist gerade lebendig?

Hans, Verena und Tanja leiden in der Eltern-Kind-Beziehung. Auch Thomas leidet, wenn auch als nicht direkt Beteiligter. Bei allen sind ganz individuelle Gefühle und Bedürfnisse lebendig. Bei Hans sind es beispielsweise andere Gefühle und Bedürfnisse als bei Tanja. Und lebendig ist bei allen der mehr oder weniger stark ausgeprägte Wunsch, zu einer guten Beziehung zu finden. Hans und Verena wünschen sich eine gute Beziehung nicht zuletzt auch deswegen, weil sie gerne intensiven Kontakt mit ihren Enkelkindern halten wollen.

Wenn sich alle Beteiligten über ihre gerade lebendigen Gefühle und Bedürfnisse austauschen, und wenn sie im Hier und Jetzt ganz präsent sind, schaffen sie den ersten Schritt und können einen Weg zur Heilung finden. Wird es ihnen gelingen, sich empathisch aufeinander einzulassen? Wenn ja, finden sie zu einem gegenseitigen empathischen Verstehen und können ihre Gefühle und Bedürfnisse klären. Heilung schließt dann schließlich auch gegenseitige Vergebung mit ein.

Sich auf das konzentrieren, was gerade lebendig ist, hilft auch bei der Selbstheilung. Wenn man an die Vergangenheit zurückdenkt, kann man sich schnell in Selbstvorwürfen verlieren. „Wie konnte ich nur so dumm sein …“, so oder ähnlich beginnt dann eine Abwärtsspirale der Gedanken. Und dann kann sich auch schnell eine depressive Stimmung einstellen.

Welche Gefühle und Bedürfnisse sind gerade lebendig? Was möchte geheilt werden? Heilung beginnt mit einem ersten Schritt. Derartige Fragen sind ein guter Startpunkt für den Heilungsprozess, der dann auch Selbstvergebung mit einschließt.

* Name geändert

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.