Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.Lesezeit: 9 Min.

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„Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.“

Søren Kierkegaard
Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist, S. Kierkegaard - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Søren Aabye Kierkegaard (1813-1855) war ein dänischer Philosoph, Essayist, Theologe und Schriftsteller. Er gilt auch als richtungweisender Vertreter der Existenzphilosophie, einer philosophischen Richtung, die im Zentrum ihres Denkens die Existenz des Menschen im weitesten Sinne hat.

Wozu kann gescheiterte Liebe fähig sein?

Im Februar 2013 berichtete der „Stern“ über einen Mordprozess in München („Wie ein Mesner zum Mörder wurde“). Der Angeklagte ermordete seine Ehefrau in rasender Wut mit einer Vielzahl von Messerstichen. Selbst als sie schon schwer verletzt auf dem Boden lag, stach er noch weiter auf sie ein.

Die Beziehung – die beiden heirateten 2003 – geriet mit der Zeit in eine Krise. 2009 hörte der Angeklagte erstmals von seiner Frau, dass sie ihn nicht mehr liebe. Die Beziehung verschlechterte sich immer mehr. Im Sommer 2011 gab ihm seine Ehefrau zu verstehen, dass sie sich trennen wolle. Im Internet lernte sie kurz darauf einen anderen Mann kennen.

An einem Tag im Februar 2012 fühlte sich der Angeklagte nach dem Aufstehen aggressiv und gereizt. Nach seinen Angaben suchte er ein klärendes Gespräch mit seiner Frau. Er habe sich vor sie gekniet und ihr gesagt, dass er sie liebe. Doch seine Frau habe ihm klar gemacht, dass sie ihm nicht glaube. Sie habe ihren Ehering ausgezogen, weggeworfen und sei in Richtung Treppe gegangen. Daraufhin habe er zugestochen. Das für seine Tat benutzte Messer habe er sich zuvor schon bereitgelegt.

Wie entsteht Hass?

Hass, so definiert es Wikipedia, „ist ein intensives Gefühl der Abneigung und Feindseligkeit.“. Doch wie entsteht Hass? Und warum kann es in der Folge zu solch schrecklichen Taten kommen, wie beispielsweise in dem kurz skizzierten Ehedrama?

Mark Oliver Benecke, Kriminalbiologe und wissenschaftlicher Forensiker, zufolge hat Hass seine Wurzeln oft schon in der Kindheit. Im Patientenmagazin (Ausgabe 2/2019)  der Kassenärztlichen Bundesvereinigung schrieb er: „Menschen, die in jungen Jahren keine Geborgenheit erfahren, lernen, nur an sich selbst zu denken, und bauen keine sicheren Bindungen auf. So können sie mit ihren Mitmenschen nicht sinnvoll und erfüllend in Kontakt treten. Ihr unbefriedigtes Bedürfnis nach Nähe und Liebe verwandeln sie später oft in etwas Zerstörerisches: Hass.“.

Des Weiteren hat Hass seine Ursache oft auch in einer tiefen seelischen Verletzung, wie beispielsweise einer Trennung (was wohl auch den schon erwähnten Angeklagten dazu brachte, seine Ehefrau in blinder Wut zu ermorden). Man glaubt, man könne sich nicht wehren und sei etwas ausgeliefert. Ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht kommt hinzu. Gleichzeitig fühlt man sich bedroht, angegriffen oder seelisch sehr verletzt. Eine Erwartung bleibt (wiederholt) unerfüllt, wird enttäuscht, was zu einem Frustrationserlebnis führt.

Im Lauf eines Lebens können viele weitere Ursachen Hassgedanken und Hass auslösen: Neid, gekränkter Ehrgeiz, Eigennutz, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, das Gefühl, etwas oder jemanden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert oder von jemandem abhängig zu sein, gewaltsamer Entzug von etwas, Abwertung, Eifersucht, Abweisung (beispielsweise verschmähte Liebe). Die Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen.

Wenn eine Wurzel des Hasses vorhanden ist, treten Hassgedanken im Alltag immer wieder auf und nehmen sehr viel Raum ein. Stets kreisen die Gedanken um den Wunsch, dem anderen zu schaden, ihn zu verletzen, sich zu rächen. Wenn Hassgedanken reifen, verengt sich zunehmend das Denken. Wenn man schließlich hasserfüllt ist, ist man für vernünftige Argumente oder eine Sicht auf positive Eigenschaften des Gehassten kaum mehr zugänglich. Der Hass macht gewissermaßen blind.

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Welche Konsequenzen hat der Hass?

Dass Hass für einen Menschen tödliche Folgen hat, ist glücklicherweise die Ausnahme. Körperliche und seelische Gewalt, mit oft schweren körperlichen und seelischen Verletzungen, sind jedoch leider nicht so selten.

Wenn sich der Hass nicht gegen eine Sache, sondern gegen eine oder mehrere Personen richtet, unterliegt diesem zielgerichteten Hass immer eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen dem Hassenden und dem bzw. den Gehassten. Es mag beispielsweise eine Ideologie sein, wenn sich der Hass gegen Anhänger einer bestimmten politischen Partei richtet.

In zwischenmenschlichen Beziehungen wird ein Spannungsfeld zwischen Hass und Liebe deutlich. Emotional gesehen ist Hass die stärkste Form einer Abneigung, die man gegen etwas oder gegen eine Person empfinden kann. Im Gegensatz dazu ist Liebe die stärkste Form einer Zuneigung, zu der Menschen fähig sind.

Hass verursacht stets Leid und bringt seelischen Schmerz mit sich, sowohl für den Hassenden als auch für den Gehassten. Aber auch der Körper ist bei einem Hassausbruch durch Ausschüttung von Stresshormonen, insbesondere Adrenalin, beteiligt. Die innere Anspannung kann enorm sein und sogar so weit gehen, dass der Hassende den Gehassten vernichten will. Es verwundert nicht, dass Hass den Hassenden, auf Dauer gesehen, krank macht.

Davon abgesehen ist Hass destruktiv eingesetzte und letzten Endes vergeudete Energie. Er bringt keinerlei Nutzen hervor, sondern richtet nur Schaden an. In einer zwischenmenschlichen Beziehung reißt Hass tiefe Gräben auf und führt zur Entfremdung. Mit Hass schadet der Hassende aber nicht nur dem Gehassten, sondern, wie schon erwähnt, auch sich selbst.

Wie kann man mit seinem Hass umgehen?

Unverarbeiteter Hass kann ganz plötzlich explodieren. Ein kleiner Funke kann, bildlich gesprochen, das ganze Pulverfass zur Explosion bringen. Doch wie kann man mit seinem Hass umgehen, wenn man kein Unheil anrichten will?

Hass ist ein sehr starkes Gefühl. Doch ist man seinen Gefühlen wehrlos ausgeliefert? Oder kann man über seine Gedanken seine Gefühle beeinflussen? Die gute Nachricht ist: Man kann mit seinem Denken seine Gefühle beeinflussen. Könnte man es nicht, würde bei Hass ein Automatismus ausgelöst. Der Vernichtungswille würde unweigerlich zu „Mord und Totschlag“ führen.

Man kann negative und destruktive Gefühle ändern, indem man lernt, anders zu denken. Dies bedeutet, dass gewohnte, eingespurte Denkbahnen verlassen werden müssen.

Zitat des Tages

Das Glück ist ein Schmetterling, A. de Mello - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

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Hass nicht verdrängen

Kann man den Hass ganz einfach verdrängen? Es wird nicht gelingen. Und weil man den Hass nicht verdrängen kann, hat es auch keinen Sinn, etwas schön zu reden. Die Situation ist, wie sie ist. Deshalb ist es hilfreich, sich dem Gefühl des Hasses mit seinen Begleitgefühlen der Ohnmacht, Frustration usw. zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ebenfalls hilfreich ist es, seinen Hass einer anderen Person, der man vertrauen kann, beispielsweise einem Freund, anzuvertrauen, mit ihr darüber zu sprechen und gewissermaßen eine „Zweitmeinung“ einzuholen.

In der Auseinandersetzung mit seinem Hass kann es gelingen, diesen zu besiegen. Nelson Mandela, ein führender südafrikanischer Aktivist und Politiker im jahrzehntelangen Widerstand gegen die Apartheid, musste wegen seiner politischen Aktivitäten insgesamt 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft verbringen. Er stellte sich seinem Hass, setzte sich mit ihm auseinander und kam zu folgender bemerkenswerter Erkenntnis: „Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben.“.

Nelson Mandela spürte wohl, dass er sich selbst gewissermaßen psychisch freilassen musste. Physisch war er bereits frei, aber die Seele musste sich von Verbitterung und Hass lösen, damit er wirklich frei sein konnte.

Hass nicht von Dritten schüren lassen

Vielleicht wird der eigene Hass von Dritten noch angestachelt und geschürt. „Da musst du doch etwas tun“, „Das darfst du dir doch nicht gefallen lassen“, so oder ähnlich hören sich Stimmen Dritter an, die den eigenen Hass noch verstärken können. Auf solche Stimmen sollte man keinesfalls hören, denn man lässt sich dadurch ein Stück weit fremdbestimmen.

Wenn man sich von anstachelnden Stimmen oder Ratschlägen Dritter leiten lässt, schadet man sich selbst nur noch mehr. Die destruktive Wirkung von Hass wird verstärkt. Es kann zu einer Eskalation kommen, zu der es ohne den Einfluss Dritter niemals gekommen wäre. Eine mögliche Schuld dafür bleibt an einem selbst hängen, während sich Aufwiegler möglicherweise sogar noch in das Argument flüchten: „Ich wollte dir doch nur helfen, dass du dich nicht unterkriegen lässt.“.

Sich in den Gehassten hineinversetzen

Besonders gut kann man Hass abschwächen, wenn man versucht, sich in den Gehassten und in seine Lage hineinzuversetzen. Damit es dazu kommen kann, muss man das Gespräch suchen.

Vielleicht hat man den Nachbarn zu hassen begonnen, der ständig spät nachts nach Hause kommt, noch Musik hört und einen in dem hellhörigen Haus aus dem Schlaf weckt. Wenn man ihn fragt, warum er denn immer so spät nach Hause kommt, würde er vielleicht antworten: „Ich habe einen Zweit-Job. Ich muss abends noch arbeiten, damit ich finanziell so einigermaßen über die Runden komme.“.

Wenn man die Situation des Gehassten besser kennt, kann man eher Verständnis aufbringen. Vielleicht erkennt man am Ende sogar, dass für den Hass kein wirklicher Grund besteht. Und vielleicht kann man eine Reglung finden, damit sich der Gehasste künftig anders verhält.

Und wenn die Liebe zu scheitern droht?

Jeder der Beziehungspartner hat seinen ganz eigenen familiären Hintergrund. Während Kindheit und Jugendzeit lernte man das Verhalten seiner Eltern kennen, beispielsweise wie sie Konflikte lösten, wie sie mit Enttäuschung und Frustration umgingen oder wie sie über andere Menschen redeten.

Erlernte und eigeprägte Muster mit ihren Verhaltensweisen kann man nicht so einfach abschütteln. Da die Partner ihre jeweils eigenen Verhaltensmuster mit in die Beziehung einbringen, können sich Konflikte verstärken – spätestens nach Ende der Verliebtheitsphase, wenn sich die Partner nicht mehr nur durch die „rosarote Brille“ sehen.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, dass irgendwann Liebe in Hass umschlägt, ist es auch wichtig, die Geschichte des Anderen zu verstehen. Damit dies gelingen kann, müssen die Partner dazu bereit sein, sich einander mitzuteilen und sich gewissermaßen „ins Herz schauen“ zu lassen.

In seinem Buch „Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch.“ beschreibt der Psychotherapeut Michael Lukas Moeller eine hilfreiche Methode, das „Zwiegespräch“. In einem solchen Zwiegespräch nehmen sich die Partner Zeit füreinander, während der sie sich nicht stören lassen, um in einer ungestörten Atmosphäre unabgelenkt miteinander zu kommunizieren.

Jeder spricht während seiner „Redezeit“ über das, was ihn bewegt, über seine Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche usw. Jeder bleibt bei sich und spricht ausschließlich über sich. Ich-Botschaften (beispielsweise „Ich habe wahrgenommen, dass du …“, „Ich wünsche mir …“ oder „Ich habe vermisst, dass …“) verhindern weitgehend, dass der andere sich angegriffen fühlt. Nur Verständnisfragen sind erlaubt. Ratschläge an den anderen sind verboten.

Liebe lässt sich nicht erzwingen, sie ist an Freiwilligkeit gebunden. Wenn man miteinander im Gespräch bleibt, sich einander mitteilt, tut man etwas dafür, dass die Liebe am Leben bleibt.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.