Die Schönheit in einem Menschen zu sehen ist dann am nötigsten …

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„Die Schönheit in einem Menschen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise kommuniziert, die es am schwierigsten macht, sie zu sehen.“

Marshall B. Rosenberg
Die Schönheit in einem Menschen zu sehen, M. Rosenberg - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Marshall B. Rosenberg (1934-2015) war ein US-amerikanischer Psychologe. Er entwickelte das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), englisch: Nonviolent Communication (NVC). Dieses soll Menschen ermöglichen, dergestalt miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss auf Grundlage wertschätzender Beziehung zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. 1984 gründete Rosenberg das gemeinnützige Center for Nonviolent Communication. Als Mediator war er international tätig.

Die Schönheit sehen – zu viel verlangt?

Laura (*) wird von Thomas (*), ihrem Partner, immer wieder gedemütigt und „klein gemacht“. Er benutzt sie, hart ausgedrückt, gewissermaßen als seine Dienstmagd und auch für seine sexuellen Bedürfnisse. Auf ihre Bedürfnisse nimmt er keine Rücksicht. Sie hasst ihn, aber gleichzeitig liebt sie ihn auch. Es gelingt ihr nicht, sich von ihm zu trennen. Er wiederum weiß ganz genau, welche „Knöpfe“ er bei ihr drücken muss, um sie bei sich zu halten.

Thomas kommuniziert auf mehreren Ebenen. Zum einen kommuniziert er verbal, und das tut er Laura gegenüber oft abfällig. Zum anderen kommuniziert er nonverbal über seine Körpersprache, die sich in Mimik, Gestik, Körperhaltung usw. ausdrückt. Auch seine nonverbale Kommunikation macht klar, dass er in Laura keine Partnerin auf Augenhöhe sieht.

Eigentlich ist Thomas ein egoistischer „Kotzbrocken“, der Lauras Furcht vor dem Alleinsein schamlos ausnutzt. Genau davor fürchtet sich Laura nämlich insgeheim: dass sie, zumindest vorübergehend, alleine ist. Sie sagt sich: „Lieber der, als gar keiner!“. Dafür nimmt sie Demütigungen in Kauf und eine Beziehung, in der sie beide nicht auf Augenhöhe miteinander umgehen.

Laura hat Bedürfnisse. Sie wünscht sich, von Thomas als Frau gesehen, geachtet, respektiert und geliebt zu werden. Und sie wünscht sich, dass er sie glücklich macht. Sie ist in sich selbst nicht glücklich. Deshalb wünscht sie sich, dass er dieses Defizit gewissermaßen ausgleicht.

Dass sie von Thomas nicht erwarten kann, sie glücklich zu machen, ist ihr nicht wirklich bewusst. Für ihr Glücklichsein ist sie selbst zuständig. Dennoch ist das Bedürfnis da. Aber Laura ist noch nicht soweit, zu erkennen, dass Thomas überhaupt nicht dazu in der Lage ist, sie wirklich glücklich zu machen. Er kann dazu beitragen, dass sie gemeinsam schöne Zeiten und eine harmonische Beziehung erleben, aber mehr nicht.

Was ist Schönheit in einem Menschen?

Welche Schönheit könnte Laura in Thomas entdecken? Um dies herauszufinden, müsste sie ihren Partner gewissermaßen „entkernen“. Schließlich geht es nicht um äußere Schönheit, sondern um innere Schönheit, um die Schönheit von Seele und Geist. Auf dem Weg, hinter seine Fassade, sein Machogehabe zu schauen, würde ihr wahrscheinlich sein Geltungsdrang, seine Minderwertigkeitsgefühle, oder was immer es sonst sei, bewusstwerden.

Wie alle Menschen, so war auch Thomas einmal ein kleines Baby, das völlig auf andere Menschen angewiesen war, zuallererst natürlich auf die Mutter. Als Baby konnte Thomas noch nicht Gut und Böse voneinander unterscheiden, war gewissermaßen ein unschuldiges Kind. Alle, die ihn in seinem Bettchen anschauten, hätten sehr wahrscheinlich gesagt: „Ein schönes Kind!“.

Seine Eltern hatten ihm über ihre Gene Veranlagungen mit ins Leben gegeben. Mit zunehmendem Lebensalter würde er seinen Charakter immer weiterentwickeln und seinen eigenen Weg im Leben finden. Und er würde zunehmend Verantwortung für sich übernehmen.

Wie würde sich innere Schönheit ausdrücken, nicht nur bei Thomas, sondern bei Menschen ganz allgemein? In erster Linie wäre an den Charakter zu denken. Verschiedene positive Charaktereigenschaften kommen in den Sinn, beispielsweise folgende: herzlich, heiter, optimistisch, zupackend, ausgeglichen, ungezwungen, anpassungsfähig, stressresistent, kreativ, fantasievoll, überlegt, konfliktfähig, arbeitsam, pünktlich, verantwortlich, sorgfältig, zuverlässig, kompromissbereit, warmherzig, mitfühlend, fürsorglich, nett und hilfsbereit. Begabungen und Kompetenzen vervollständigen das Bild. So kann beispielsweise in einer musikalischen Begabung Warmherzigkeit zum Ausdruck gebracht werden.

Wie kann man Schönheit in einem Menschen sehen?

Jeder Mensch weist nicht nur positive, sondern auch negative Charaktereigenschaften auf. Beispiele für negative Charaktereigenschaften sind: aggressiv, angeberisch, arrogant, eingebildet, jähzornig, manipulativ, skrupellos. So betrachtet, ist jeder Mensch schön, aber mit mehr oder weniger ausgeprägten Makeln, mit dunklen Seiten.

Sind negative Charaktereigenschaften Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse? Beispielsweise kann der gescheiterte Versuch, das Bedürfnis, ein Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden, zur Herabsetzung anderer Menschen führen. Über andere Menschen wird dann gelästert, sie werden gemobbt, belehrt, verurteilt usw.

Könnte man sich der inneren Schönheit eines Menschen nähern, wenn man positive und negative Charaktereigenschaften nicht gegeneinander aufrechnet, sondern sich seinen Bedürfnissen zuwendet? Dann stünde nicht das Ergebnis gescheiterter Kompensationsversuche (beispielsweise eines Minderwertigkeitsgefühls) im Vordergrund, sondern es wird mehr der „bedürftige“ Mensch gesehen. Und liegt es dann wirklich fern, diesen „bedürftigen“ Menschen als „schön“ zu betrachten?

In der Analogie hat man das neugeborene Baby vor Augen, das als schön empfunden wird und noch „unschuldig“ ist. Es hat Bedürfnisse, nach liebevoller Zuwendung, nach Nahrung, nach Körperpflege. Aber zunächst einmal ist es schön.

Wie kann man auf negative Kommunikation reagieren?

Laura erlebt immer wieder negative Kommunikation, verbal wie nonverbal. Damit ist sie nicht alleine. Wohl jeder Mensch erlebt im Lauf seines Lebens negative Kommunikation, die sich in Abwertung, Respektlosigkeit, offener Aggression usw. ausdrückt. Doch wie kann man auf negative Kommunikation reagieren?

Eine Möglichkeit besteht darin, die Schuld bei sich selbst zu suchen und sie sich dann auch zu geben. Vielleicht meint man, die Bedürfnisse eines Anderen nicht richtig erfüllt zu haben. Man betrachtet dessen Bedürfnisse als berechtigt und stellt eigene Bedürfnisse zurück. Diese Einstellung geht oft mit einem gering ausgeprägten Selbstwertgefühl, mit geringer Selbstwertschätzung, einher. Wenn einem dann der Andere zu verstehen gibt, dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt wurden, kann man nur selbst daran schuld sein, wäre die fatale Logik.

Man kann, als weitere Möglichkeit, auf negative Kommunikation mit Schuldzuweisung an den Anderen reagieren. Bildlich gesprochen schießt man zurück. Die eigenen Bedürfnisse haben Vorrang und deshalb ist der Andere oder sind andere schuld.

Eine dritte Möglichkeit besteht darin, auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu achten. Was empfindet man, wenn der Andere negativ kommuniziert, und wie verhält sich seine Kommunikation zu den eigenen Bedürfnissen? Dann geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, dem Anderen seine Gefühle und Bedürfnisse zu kommunizieren. „Das, was du gerade zu mir gesagt hast und wie du es gesagt hast, hat mich sehr verletzt. Ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst!“, wäre dafür ein Beispiel.

Schließlich, als vierte Möglichkeit, kann man darauf achten, welche Gefühle und Bedürfnisse in der negativen Kommunikation des Anderen versteckt sind. Ein wütendes „Das geht mir zu schnell. Ich lasse mich nicht überfahren!“, wäre beispielsweise eine Aussage, die darauf schließen lässt, dass der Andere mehr Zeit benötigt, um die möglichen Konsequenzen einer Entscheidung zu durchdenken.

Die beiden letztgenannten Möglichkeiten sind dabei hilfreich, auf Gefühle und Bedürfnisse einzugehen und dabei die innere Schönheit einer Person (auch der eigenen) nicht infrage zu stellen.

Wie kann Laura gut für sich sorgen?

Bisher hat Laura es Thomas sehr bequem gemacht. Sie hat sich gefügt, obwohl sie es eigentlich nicht will, zumindest meistens nicht. Sie will geliebt werden, aber wirkliche Liebe bekommt sie nicht. Was sie bekommt, ist hin und wieder ein „Happen“ Zuneigung und schöne gemeinsame Erlebnisse mit Thomas. Wäre es aus Sicht von Thomas eine wirkliche Liebesbeziehung, würde er sich anders verhalten.

Was würde geschehen, wenn Laura versucht, seinen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen? Manche sind offensichtlich, beispielsweise das Bedürfnis nach Sex. Aber es gibt noch viele weitere, die er von sich aus nicht ohne weiteres preisgeben wird. Er möchte eine Fassade aufrechterhalten. Wenn sie seinen Bedürfnissen nachgeht, wird sie ihn besser verstehen lernen und ein anderes Bild von ihm bekommen. Dazu muss Laura kein Psychologiestudium absolviert haben.

Vielleicht würde sie am Ende in ihm ein verletztes Kind finden. Es gab aber einmal eine Zeit, da war das Kind noch nicht verletzt. Dann jedoch stellte sich ein Minderwertigkeitsgefühl ein, wozu der Vergleich mit anderen Menschen wesentlich beitrug. Thomas entwickelte Kompensationsstrategien, um sein Minderwertigkeitsgefühl zu beseitigen, aber diese scheiterten. Um seinen Selbstwert zu schützen, entwickelte er unbewusst Bedürfnisse nach Geltung, Macht und Überlegenheit.

Bleibt alles so wie bisher?

Wenn Laura dann Thomas‘ Bedürfnisse erkannt hat, hieße dies, dass anschließend alles so weiter läuft wie bisher? Die Unwucht in der Beziehung besteht ja weiterhin. Und sie hasst ja ihren Partner auch, zumindest war das bisher so. Aber nachdem Laura hinter seine Fassade geblickt hat, nimmt die Macht ihres Partners über sie ab. Bildlich gesprochen entweicht aus einem Luftballon die Luft. Es muss nicht so weiterlaufen! Jetzt, nachdem sie ihren Partner in einem anderen Licht sieht, kann sie mit ihm anders umgehen.

Was kann Laura für sich tun?

Was kann Laura für sich tun, wenn sie nicht mehr so weitermachen möchte wie bisher? Bisher hat sie sich mit Thomas‘ Bedürfnissen beschäftigt. Aber was ist mit ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen?

Wenn sich Laura ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zuwendet, erkennt sie das Bedürfnis nach Wertschätzung. Sie möchte von anderen wertgeschätzt werden. Doch schätzt sie auch sich selbst wert? Ihr Selbstwertgefühl ist bisher schwach ausgeprägt.

Wird sich Laura um ihre Selbstwertschätzung kümmern und ihr Selbstwertgefühl stärken? Wenn sie es tut, kümmert sie sich um eines ihrer wichtigen Bedürfnisse. In der Konsequenz wird Laura in der Beziehung stärker. Und sie wird nicht mehr Thomas‘ Untertan sein wollen, wenn sie im Kontakt mit ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen steht.

Vielleicht wird die bisherige Unwucht in der Beziehung sogar beseitigt und es wird eine Beziehung auf Augenhöhe. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es zur Trennung kommt. Schließlich kann Thomas sein Bedürfnis nach Geltung, Macht und Überlegenheit nicht mehr befriedigen. Deshalb würde er sich wahrscheinlich eine andere Partnerin suchen, bei der er seine Bedürfnisse wieder ausleben kann.

Wäre es für Laura ein großer Verlust, wenn die Beziehung zu Thomas in die Brüche ginge? Einerseits ja, denn sie hat keinen Partner mehr. Sie ist alleine. Auf der anderen Seite hat sie sich innerlich attraktiver gemacht, indem sie gut für sich selbst sorgt. Es wird ihr leichter fallen, einen Partner zu finden, mit dem eine Beziehung auf Augenhöhe möglich ist.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.