Hoffnungslosigkeit aber darf es nicht geben, wenn Menschen mit …Lesezeit: 8 Min.

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„Hoffnungslosigkeit aber darf es nicht geben, wenn Menschen mit Menschen leben.“

Karl Jaspers
Hoffnungslosigkeit aber darf es nicht geben, K. Jaspers - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Karl Theodor Jaspers (1883-1969) war ein deutscher Psychiater und Philosoph. Als Arzt trug er grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie bei. Sein umfangreiches philosophisches Werk gewann insbesondere in den Bereichen der Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie und der Interkulturellen Philosophie große Bedeutung.

Katastrophe mit weltweiten Auswirkungen

Im April 1815 brach auf der östlich von Java gelegenen indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora, ein aktiver Stratovulkan, aus. Der Ausbruch erreichte eine Intensität von 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex. Dies war die größte Eruption seit dem Ausbruch des Taupo in Neuseeland vor etwa 26.500 bis 22.500 Jahren. Die Explosion war noch auf den Molukken, rund 1.400 Kilometern entfernt, zu hören. Die durch die Eruption freigesetzte Energie entsprach Schätzungen zufolge 170 .000 Hiroshima-Bomben. Zehntausende Menschen starben an den direkten und indirekten Auswirkungen der Eruption.

Vor seinem letzten Ausbruch war der Tambora noch 4.300 Meter hoch. Heute beträgt seine Höhe noch rund 2.850 Meter. Neueren Schätzungen zufolge wurden beim Ausbruch etwa zwischen 30 und 50 Kubikkilometer Magma ausgeworfen. Bis in die Stratosphäre (schätzungsweise bis zu 43 km Höhe) geschleudertes vulkanisches Material verteilte sich mit den dort vorherrschenden atmosphärischen Strömungen rund um den Erdball. Dadurch wurde eine atmosphärische Trübung verursacht, die in der Folge dazu führte, dass weniger Sonnenstrahlung zur Erdoberfläche gelangte. Über mehrere Jahre hinweg waren deshalb regional deutlich herabgesetzte Temperaturen zu verzeichnen.

Weil Aschewolken die Sonne verdeckten, wurde im Umkreis von mehr als 600 Kilometern der Tag zur Nacht. In einigen Gebieten fiel überdurchschnittlich viel Niederschlag, während in anderen das Gegenteil der Fall war. Die Welt stand vor einer Klimakatastrophe, die dann im Jahr 1816 Wirklichkeit wurde. Dieses Jahr ging als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein.

Der Sommer bleibt aus

Die Auswirkungen dieser Klimakatastrophe waren weltweit zu spüren. China litt unter großer Kälte und gewaltigen Überschwemmungen. In Indien fiel der Monsun aus. In den USA zeigten sich starke Temperaturschwankungen. Im August schwankten dort die Temperaturen zwischen Hitze am Tag und Frost in der Nacht.

Weiten Teilen West- und Mitteleuropas bescherte das Jahr 1816 einen sehr nassen und zudem sehr kalten Sommer. In Mitteleuropa kam es Aufzeichnungen zufolge des Öfteren zu starken Überschwemmungen. Im Adriaraum und im westlichen Russland war es hingegen sehr trocken.

Auch in Deutschland kam es zu Überschwemmungen und darüber hinaus herrschten Kälte und Dunkelheit. Die Niederschläge waren vielfach mit Hagel verbunden. In der Schweiz schneite es auch im Sommer, bis hinunter in die Täler.

Bedingt durch die äußerst ungünstigen klimatischen Bedingungen reiften während der Vegetationsperiode viele Bestände landwirtschaftlicher Kulturen nicht aus. Sie faulten oder wurden durch Überschwemmungen oder Hagelschlag geschädigt oder gar vernichtet. Die Ernte fiel in den betroffenen Regionen gering oder ganz aus und/oder war von schlechter Qualität.

Verschärft wurde die Situation noch dadurch, dass schon in den Sommern zuvor kühle Witterung herrschte. Deshalb war häufig schon das Saatgut für das Jahr 1816 von minderer Qualität. Teilweise war es auch von vornherein nicht in ausreichender Menge vorhanden.

Schließlich kam noch eine unsichere politische Lage hinzu. Napoleon hatte Europa völlig umgestaltet. Viele Regionen in Europa waren durch die Auswirkungen der napoleonischen Kriege in Mitleidenschaft gezogen.

Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung

Es war abzusehen, dass es zu einer Hungersnot und auch einer noch schärferen Wirtschaftskrise kommen würde. Ganze Schichten verarmten schon in den Jahren zuvor, zum einen als Kriegsfolge, zum anderen aber auch durch Missernten seit dem Jahr 1812. Württemberg war das Armenhaus Europas.

Ein Zeitzeuge berichtete aus dem Jahr 1816: „Am Neujahrstag war es heiß wie im Sommer. Im Mai war es kalt wie sonst im Februar. Die Brunnen sind zugefroren, dass man kein Wasser holen konnte. Im Juni setzte dann ein Regen ein, der nicht enden wollte. Auf den Feldern verfaulte das Korn. Im Juli vernichtete ein Hagel alles, was gewachsen war.“. Auch die Viehhaltung war stark betroffen. Rund zwei Drittel des Viehs mussten wegen Futtermangels notgeschlachtet werden oder gingen ein.

Die Preise für Nahrungsmittel stiegen stark an und insbesondere Getreide war kaum mehr zu bezahlen. Damals musste rund die Hälfte eines Einkommens für Getreide aufgewendet werden. Deshalb mussten viele Menschen auf Baumrinde, Stroh und Kleie ausweichen, um dieses zu Brot zu verbacken. Sogar Gras und Heu wurden gekocht und gegessen. Die ärmsten Menschen versuchten sich von Schlüsselblumen, Sauerampfer, Brennnesseln, Klee, Moos oder Katzenfleisch zu ernähren. Vereinzelt kam es zu Plünderungen von Mühlen und Bäckereien. Viele Menschen zogen umher und bettelten.

Die Situation schien hoffnungslos. Es war nicht abzusehen, wann sich die Situation wieder bessern könnte. Viele Menschen suchten ihr Heil in der Auswanderung nach Russland, in die USA und in weitere Länder. So verlor beispielsweise Baden innerhalb eines kurzen Zeitraums etwa ein Fünftel seiner Bevölkerung.

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Gegen die Hoffnungslosigkeit

Es blieb nicht bei der Hoffnungslosigkeit. Mitten in der Hoffnungslosigkeit gab es auch Hoffnung. König Wilhelm I. von Württemberg leitete nach seinem Amtsantritt im Jahr 1816 umfassende Reformen ein. Mit verschiedenen Maßnahmen forcierte er den Ausbau der Landwirtschaft und rief 1818 ein landwirtschaftliches Fest ins Leben, das noch heute als Cannstatter Volksfest gefeiert wird.

Königin Katharina von Württemberg widmete sich vornehmlich der Armenpflege. Sie wandte sich an wohlhabende Männer und Frauen und auf ihre Initiative hin wurden in den Gemeinden Wohltätigkeitsvereine gegründet. Komitees und Vereine bildeten sich jedoch nicht nur in Württemberg, sondern an vielen Orten in ganz Europa.

Vielerlei Initiativen entstanden und gaben Menschen wieder Hoffnung. Wohlhabende Bürger schlossen sich zusammen und gründeten Kornvereine. Diese kauften Getreide in Russland, das von der Klimakatastrophe kaum betroffen war und über bedeutende Überschüsse an Getreide verfügte, und organisierten den Transport.

In der Rückschau und aus zeitlicher Distanz wird die existenzielle Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Menschen im Jahr ohne Sommer und der unmittelbaren Zeit danach nicht wirklich greifbar. Wenn man sich jedoch mitten in einer existenzbedrohenden Situation befindet, fühlt sich alles hoffnungslos an.

Die meisten Menschen, die von dieser Klimakatastrophe des Jahres 1816 betroffen waren, wussten nicht, wie sie Lebensmittel für sich und ihre Kinder beschaffen sollten. Sie konnten gewissermaßen nur von einem auf den folgenden Tag leben. Und sie konnten nicht wissen, wie lange ihre Not andauern würde.

1817 gab es endlich im Herbst wieder eine gute Ernte. Der Brotpreis sank kräftig und die Situation entspannte sich. Die Menschen hatten wieder genug zu essen.

Bei dieser Entspannung blieb es nicht. Allen voran setzten sich der König, der mit dem absolutistisch-autoritären Regierungsstil seines Vaters und Vorgängers Friedrich I. brach, und die Königin (bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1819) für die Menschen ein. Aus dem rückständigen und bettelarmen Württemberg wurde ein aufstrebender Staat. Die Menschen hatten wieder Hoffnung. Einige Jahre später, in den 1830er Jahren, florierten Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Die Staatsverschuldung konnte abgebaut und Steuern konnten gesenkt werden.

Hoffnungslosigkeit ist nicht das Ende

Immer wieder geraten Menschen unverschuldet in nahezu hoffnungslose Situationen. Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Zeiten, in denen Menschen nicht mehr weiterwussten, ohne Hoffnung auf unmittelbare Besserung waren.

In der jüngeren Zeit ereignete sich beispielsweise die Hochwasser- bzw. Flutkatastrophe in Mitteleuropa im August 2002, die auch als Jahrhundertflut bezeichnet wird und sich auf die Länder Deutschland, Österreich und Tschechien erstreckte. Insbesondere in Sachsen und Böhmen gab es in jenem Monat ungewöhnlich starke Regenfälle. In der Folge kam es zu schweren Überflutungen, in Ost- und Norddeutschland insbesondere an der Elbe, in Bayern und Österreich an der Donau.

Viele Menschen erlitten schwere Verluste an Hab und Gut und bangten um ihre Existenz. In der akuten Situation machte sich bei vielen direkt Betroffenen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung breit. Doch es gab auch unzählige freiwillige Helfer, die teilweise aus weiterer Entfernung anreisten, ihre Unterstützung anboten und tatkräftig bei der Beseitigung der Schäden mithalfen. Sie halfen beim Abpumpen von Wasser, beim Wegschaufeln von Schlamm und beim Aufräumen. Sie versorgten Einsatzkräfte und Betroffene mit kleinen Mahlzeiten und Getränken. Und auch mit mutmachenden Worten vermittelten sie Hoffnung. Nicht zuletzt gab es auch in finanzieller Hinsicht Unterstützung. In einer der größten Spendenaktionen in der deutschen Geschichte kamen rund 130 Millionen Euro zusammen.

Gutes und Sinnvolles tun – ganz praktisch

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Hoffnung ist wie Sauerstoff

Jeder dieser Helfer trug mit Wort und Tat dazu bei – mit Karl Jaspers Worten gesprochen -, dass es Hoffnungslosigkeit nicht geben durfte, wenn Menschen mit Menschen leben. Und jeder versorgte betroffene Mitmenschen, bildlich gesprochen, auch mit dem Sauerstoff der Hoffnung. Hoffnung gibt Kraft zum Weiterleben. Wenn man in einer akuten Situation wahrgenommener Hoffnungslosigkeit einem oder mehreren anderen Menschen Hoffnung vermitteln kann, ist dies gleichbedeutend mit Erster Hilfe für die Seele.

Wenn man auf etwas hofft, dann entzieht sich das, worauf man hofft, der eigenen Kontrolle. Und das, worauf man hofft, liegt noch in der Zukunft und ist noch nicht sichtbar oder erkennbar. Man hat zwar eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung, aber mehr nicht. Hätte man alles in der eigenen Hand, bräuchte man nicht zu hoffen. Dann müsste man lediglich erwartungsvoll und optimistisch sein, dass alles gut gelingt.

Manchmal braucht man jemand, der einem selbst wieder Hoffnung gibt und dadurch die Zuversicht weckt, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, dass sich die Situation wieder ändern kann und dass wieder bessere Zeiten kommen. Eine vertraute Person, beispielsweise eine Freundin oder ein Freund, ist ein naheliegender Kandidat, um Erste Hilfe für die Seele zu leisten und mit dem Sauerstoff der Hoffnung zu versorgen.

Es mag sein, dass gerade niemand erreichbar ist, um einem Hoffnung zu geben. Dann besteht u. a. die Möglichkeit, die Telefonseelsorge (0800 1110111 oder 0800 1110222) anzurufen, um mit jemandem über seine Situation zu sprechen und die Sichtweise eines unvoreingenommenen Dritten einzubringen.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.