Wenn der Weg vor dir klar ist, dann bist du … auf dem eines Anderen

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„Wenn der Weg vor dir klar ist, dann bist du wahrscheinlich auf dem eines Anderen.“

Carl Gustav Jung
Wenn der Weg vor dir klar ist, C.G. Jung - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Carl Gustav Jung (1875-1961), war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie. In dieser von ihm begründeten analytischen Psychotherapie ist die Auseinandersetzung mit unbewussten Aspekten der Psyche, wie sie z. B. in den psychischen und somatischen Krankheitssymptomen, in Träumen, Fantasien und Symbolen zum Ausdruck kommen, ein wichtiger Bestandteil.

Eine fiktive Geschichte von Tim, dem Fußballtrainer

Tim (Name erfunden) ist Fußballtrainer bei einem unterklassigen Verein. Er ist Trainer mit Begeisterung und er will es bis ganz nach oben schaffen. Sein Traum ist, einmal die Champions League, den wichtigsten Klubwettbewerb der Welt, zu gewinnen.

Vor seinem geistigen Auge sieht er sich mit seiner siegreichen Mannschaft bei der Siegerzeremonie mit Pokalübergabe. Weltweit sitzen oder stehen unzählige Menschen vor den Bildschirmen. Der große Moment ist gekommen. Der Pokal wird dem Mannschaftskapitän überreicht, der ihn gleich voll Freude und Stolz in die Höhe hebt. Alle jubeln ausgelassen. Dann, etwas später, ist auch Tim dran. Jetzt hält auch er den Pokal in seinen Händen, den glanzvollen Lohn seiner Arbeit. Und er sieht sich, wie er von seiner siegreichen Mannschaft hochgehoben, in der Horizontalen nach oben geworfen und von starken Armen wieder aufgefangen wird. Er genießt diese Momente unbändig.

In der Saison ging es durch Höhen und Tiefen. Es gab unerwartete Niederlagen, aber auch unerwartete Siege. Manchmal musste bis zum Abpfiff regelrecht gezittert werden. Schließlich konnte immer alles Mögliche passieren. Es steht Unentschieden. Der Gegner bekommt kurz vor dem Abpfiff einen Freistoß an der Strafraumgrenze zugesprochen. Der Ball ist scharf geschossen, berührt das Bein eines eigenen Spielers, wird unglücklich abgelenkt und geht am verdutzten Torhüter vorbei ins Tor. Kurz nach Wiederanpfiff beendet der Schiedsrichter das Spiel. Am Ende steht die Niederlage, egal wie gut die Mannschaft gespielt hat.

Aber jetzt löst sich im Freudensturm alles auf. Tim hat es geschafft. Sein Name steht jetzt in den Geschichtsbüchern des Fußballs. In den Zeitungen wird er rund um den Globus als Erfolgstrainer gefeiert. Die Medienvertreter reißen sich um Interviews mit ihm.

Tim löst sich jetzt wieder von seinem inneren Erfolgsfilm. Vor sich sieht er seine Mannschaft, die sich auf das Training vorbereitet. Gleich wird er das Training leiten und er wird versuchen, es genauso zu machen wie der weltweit jedem Fußball-Fan bekannte Erfolgstrainer, der sein großes Vorbild geworden ist. Sein Vorbild hat dieses höchste Ziel eines jeden Trainers schon erreicht. In dessen Erfolgsbilanz stehen Aufstieg in die erste Bundesliga, Meisterschaften in Top-Ligen mehrerer Länder, Pokalsieger – und Sieger der Champions League.

Penibel hat sich Tim aus allen möglichen Quellen immer wieder informiert, wie sein großes Vorbild das Training gestaltet. Nahezu jedes Spiel seines Trainervorbilds hat er sich als Video angeschaut, manchmal auch mehrmals. Unzählige Stunden hat er investiert, manchmal bis in die frühen Morgenstunden, um dessen Spielphilosophie zu verstehen und zu verinnerlichen. Und natürlich hat er auch verfolgt, welche Spielertypen sein Vorbild in die Mannschaft holte, um seine Spielphilosophie umzusetzen.

Während er das Training leitet, gibt sich Tim genauso wie sein großes Vorbild. Mimik und Gestik, Haltung und Bewegung usw. hat sich Tim von ihm abgeschaut. Auch sein Äußeres hat er seinem Vorbild angeglichen. Haarschnitt, Kleidungsstil usw. lassen es erkennen.

„Mein Weg vor mir ist klar. Wenn ich alles genauso mache wie mein Vorbild, dann werde ich auch diese Erfolge erreichen und genießen können“, denkt Tim. Und so ahmt er sein großes Vorbild in allem nach.

Jahre vergehen. Tim feiert im Kreis seiner Familie seinen 80. Geburtstag. Viele sind gekommen, um mit ihm zu feiern. Als alle wieder gegangen sind, setzt er sich mit einem Glas Wein in einen bequemen Sessel auf der Terrasse. Bilder aus seinem Trainerdasein formen sich vor seinem inneren Auge. „Das war nicht ich!“, kommt ihm in den Sinn.

Selbst- oder fremdbestimmter Weg?

Wer wünscht sich manchmal nicht, dass der eigene Weg durchs Leben deutlich überschaubar vor einem liegen möge? Es wäre schön, wenn man schon früh wüsste, wie der optimale berufliche Weg, der Weg zur idealen Beziehung, der Weg zum idealen Wohnumfeld usw. aussieht.

Vielleicht kennt man jemanden, die/der, von außen betrachtet, für sich einen in jeder Hinsicht guten Weg gefunden hat. Dann könnte man doch versuchen, denselben Weg einzuschlagen, den Anderen gewissermaßen zu kopieren. Oder? Dann müsste man den Fußspuren des Anderen nur noch folgen und der Weg vor einem wäre klar.

Es könnte funktionieren, wenn man ein Klon wäre. Menschliche Klone gibt es aber (noch) nicht. Jeder Mensch hat mit seinen Fähigkeiten, Kompetenzen, Einstellungen, Vorlieben, Abneigungen, usw. ein ganz individuelles und einzigartiges Profil. Kurz: jeder Mensch ist ein Unikat.

Deshalb kann es nicht funktionieren, den Weg eines anderen zu kopieren. Und, davon abgesehen, wäre es ein fremdbestimmter Weg. Der Andere hat schließlich seinen Weg nach seinen Vorstellungen und seinem Willen bestimmt. Somit bedeutete es, Autonomie zu opfern, wenn dem Weg eines Anderen gefolgt wird. Bildlich gesprochen liefe man einem anderen Menschen mit mehr oder weniger großem Abstand hinterher.

Jeder Weg hat normalerweise auf zwei Seiten jeweils eine Begrenzung. So ist er als Weg erst erkennbar. Selbst wenn es gelänge, einen Weg für sich zu kopieren, würde man die Wegbegrenzungen des Anderen ebenfalls übernehmen. Der Weg wäre zwar klar, aber eben auch die Begrenzungen, wie beispielsweise Einsamkeit (Führungskräfte in der Unternehmensspitze sind oft einsam) oder Beziehungsprobleme. Würde man dies wirklich wollen?

Original oder Kopie?

Was würde man außer der Gestaltungsautonomie für sein Leben noch preisgeben? Tim hat es in der fiktiven Geschichte angedeutet: „Das war nicht ich!“ – oder etwas anders ausgedrückt: „Ich war nicht ich!“.

Tim hat aus sich eine Kopie eines Erfolgstrainers gemacht und damit Authentizität eingebüßt. Unmittelbarer Anschein und eigentliches Sein befanden sich nicht in Übereinstimmung. Tim war nicht echt und das erkannte er selbst. Eigentlich hatte er über Jahre eine Rolle gespielt.

Welche Reaktionen erzeugte Tim in seinem engeren und weiteren Umfeld? Menschen nahmen seine Unechtheit wahr. Wäre er tatsächlich erfolgreich in die Fußstapfen seines großen Vorbilds getreten und rund um den Globus auf den Bildschirmen zu sehen gewesen, hätten ihn auch Fußballfans, die ansonsten nicht viel über ihn wussten, trotzdem als Kopie erkannt. Sein Vorbild war schließlich schon vorher da. In seinem engeren Umfeld wäre seine Unechtheit erst recht aufgefallen. Er hätte sich der Lächerlichkeit preisgegeben, weil er eine Persönlichkeit sein wollte, die er in Wirklichkeit nicht war. Er hielt krampfhaft daran fest, etwas vorzuspielen.

„Warum ahmst du jemand nach?“, „Warum hast du nicht den Mut, du selbst zu sein?“, „Warum bist du nicht Original, sondern eine Kopie?“ solche oder ähnliche Fragen wären Tim gestellt worden.

Im realen Leben gibt es in der Tat Menschen, die sich im weitesten Sinne zur Kopie machen. Aber was sind die Gründe? Im Allgemeinen ist geringes Selbstbewusstsein die Hauptursache. Solche Menschen sind sehr unsicher und haben wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Deshalb neigen sie dazu, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Sie passen sich stark an andere Menschen an, zeigen wenig Eigeninitiative und scheuen oft davor zurück, Verantwortung zu übernehmen. Auch neigen sie dazu, sich an Menschen zu klammern, die ihnen nahestehen. In Beziehungen können Trennungsängste stark ausgeprägt sein. In der Psychologie sind diese kurz skizzierte Symptome typische Merkmale einer sogenannten Abhängigen Persönlichkeitsstörung.

Mut zur Unklarheit

Wer authentisch sein und seinen Weg selbst bestimmen will, muss Unwägbarkeiten in Kauf nehmen. Schließlich hat niemand ein Anrecht auf Zukunft und kennt sie auch nicht. Das Einzige, was einem gehört, ist der Augenblick. Alles andere ist unklar. Deshalb muss man sich auf Unbekanntes einlassen. In der Umkehrung lauten Jungs Worte so: „Wenn der Weg vor dir nicht klar ist, dann bist du wahrscheinlich nicht auf dem eines Anderen.“.

Was kann dabei helfen, den Mut für den ganz eigenen Weg als Original zu finden? Sicherlich ist es zunächst hilfreich, sich so zu akzeptieren, wie man ist. Was würde es nützen, sich selbst etwas vorzugaukeln? Dann wird es hilfreich sein, sich seinem Selbstvertrauen zuzuwenden. Mit Selbstvertrauen, gegründet auf gesunder Selbstwertschätzung, fällt es leichter, sich auf die eigenen Fähigkeiten und Stärken zu verlassen.

Ist es nicht ein Grund für Dankbarkeit, (s)einen eigenen, ganz individuellen Weg gehen zu können? Die meisten Menschen haben heute, anders als zu früheren Zeiten, die Chance, ihr Leben weitgehend frei zu gestalten. Aber der Weg wird auch unklarer, denn der Wandel (gesellschaftlich, technisch usw.) vollzieht sich in immer schnellerem Tempo. Ständig muss Neues gelernt werden und man steht immer häufiger vor der Frage, wie der individuelle Weg weitergehen soll. Es scheint immer mehr individuelle Wegkreuzungen zu geben. Worauf will man sich einlassen? Wofür möchte man seine kostbare Zeit einsetzen?

Gibt es überhaupt noch Konstanten im Leben oder ist alles unklar? Schließlich verändert sich während des Lebens auch das eigene Wertesystem, denn man gewinnt immer mehr an Lebenserfahrung. Man ist vielleicht Zielen nachgejagt und hat sich dabei „die Nase angestoßen“ oder festgestellt, dass ein Ziel den Aufwand nicht lohnte. Oder vielleicht ist etwas, was einem früher einmal sehr wichtig war, es jetzt nicht mehr. Vielleicht hat man sich früher mit seinen Mitmenschen gemessen und verglichen. Einkommen, Besitz und Statussymbole waren wichtig, aber jetzt haben sie an Stellenwert eingebüßt. Und vielleicht ist einem mittlerweile sogar völlig gleichgültig, was andere über einen denken.

Äußere Gegebenheiten und eigene Wertevorstellungen wandeln sich. Das „wie“ und „wohin“ sind unklar. „Ab jetzt ist der Weg unklar“, lautet die nüchterne Konsequenz. Aber die eigenen Fähigkeiten und Stärken gehen in all dem Wandel nicht verloren. Sie bleiben und man kann sie entwickeln und weiter ausbauen. Und dass man dies kann, festigt wiederum das Vertrauen in die eigene Stärke.

Man ist einzigartig, ein wirkliches Unikat. Weshalb sollte man nicht trotz aller Unwägbarkeiten im Vertrauen auf seine Fähigkeiten und seine Stärke seinen ganz individuellen Weg gehen? Fähigkeiten und Stärke verleihen Mut, die Verantwortung für sein Leben in den eigenen Händen zu behalten.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.