Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne … Dunkelheit denkbar

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„Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar; und das Wort ‚Glück‘ würde seine Bedeutung verlieren, hätte es nicht seinen Widerpart in der Traurigkeit.“

Carl Gustav Jung
Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ... Dunkelheit denkbar, C.G. Jung - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Carl Gustav Jung (1875-1961), war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie. In dieser von ihm begründeten analytischen Psychotherapie ist die Auseinandersetzung mit unbewussten Aspekten der Psyche, wie sie z. B. in den psychischen und somatischen Krankheitssymptomen, in Träumen, Fantasien und Symbolen zum Ausdruck kommen, ein wichtiger Bestandteil.

Ein Autounfall mit Todesfolge – zwei Kinder sterben

Es geschah in den 1960-er Jahren. Paul und Renate (Namen geändert) hatten eine Familie gegründet und freuten sich über ihre beiden Kinder. Eines Tages nahm Paul die Kinder auf eine Fahrt mit dem Auto mit und dabei geschah ein folgenschwerer Unfall. Beide Kleinkinder verloren ihr Leben. Paul kam mit Verletzungen davon.

Autos verfügten seinerzeit kaum über Sicherheitseinrichtungen. Sicherheitsgurte gab es zwar schon, aber sie wurden noch nicht serienmäßig eingebaut. Eine Einbaupflicht in Neuwagen galt erst ab 1974. Auch Kopfstützen zählten noch keineswegs zur Serienausstattung. Erst 1999 wurde die Kopfstütze in Deutschland zur Pflicht. Von Airbags, wie man sie heute kennt, war noch überhaupt keine Rede. Und schließlich war auch die Verglasung noch keineswegs auf dem heutigen Stand der Technik. Autos waren bis Ende der 1970-er Jahre noch überwiegend mit Windschutzscheiben aus Einscheiben-Sicherheitsglas ausgestattet.

Kindersitze hätten vielleicht das Leben der beiden Kinder schützen können. Der weltweit erste Auto-Kindersitz kam jedoch erst im Jahr 1963 auf den Markt. Nach heutigen Maßstäben handelte es sich bei den damaligen Kindersitzen um relativ primitive Schutzvorrichtungen. Aber immerhin hätten die beiden Kinder vielleicht überlebt.

Das Leben muss weitergehen

Paul und Renate gingen nach dem Unfall durch eine schwere, dunkle Zeit. Paul musste sich einem Gerichtsverfahren stellen und wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Das Gericht befand, dass er durch den Verlust der beiden Kinder schon hart genug bestraft sei.

Renate hielt zu Paul und gab ihm wieder Hoffnung. Sie würden wieder Kinder haben. Mit dieser Perspektive versuchte sie, Paul in dieser für sie und ihn so dunklen Zeit zu helfen. Wie mag Paul in dieser Zeit mit sich gehadert haben? „Hätte ich doch besser aufgepasst“, „Wäre ich doch nur …“, selbstanklagende Gedanken dieser Art mögen ihm wohl unzählige Male durch den Kopf gegangen sein. Wie oft wälzte er sich wohl nachts in seinem Bett und konnte keinen Schlaf finden? Doch der Unfall und der Verlust der geliebten Kinder waren nicht mehr rückgängig zu machen.

Paul und Renate wurden wieder Eltern von zwei Kindern. Jahre später wurden sie Großeltern. Und schließlich erlebten sie den Tag der diamantenen Hochzeit, 60 gemeinsame Ehejahre.

Wenn man sich mit Paul unterhielt, hatte man nicht den Eindruck, mit einem gebrochenen Menschen zu sprechen. Gelegentlich erwähnte er das in den 1960-er Jahren Geschehene. Traurigkeit schwang unterschwellig stets mit. Das damalige Geschehen ließ ihn nie los. Wie sollte er es auch jemals verdrängen können?

Zufriedenheit im Leben – trotz allem

Von Glück in seinem Leben sprach er nicht. Von außen betrachtet hätte er sehr wohl gebührenden Anlass dazu gehabt: langjährige harmonische Ehe, wieder Kinder, Enkelkinder, Freunde, Gesundheit, gute Arbeitsstelle, schönes Eigenheim mit Garten … Statt von Glück sprach er von Zufriedenheit. Und Zufriedenheit stellte er noch über die Gesundheit. Vor allem aber wurde er nicht müde zu betonen, dass seine Frau eine starke Frau sei und dass sie damals bei ihm geblieben war. Die Freude darüber, seine Ehefrau nicht auch noch durch eine Trennung verloren zu haben, war deutlich wahrnehmbar.

Glück ohne Traurigkeit – ist das möglich?

Immer wieder kann man in den Medien von Menschen lesen, hören und sehen, in deren Leben Glück und Dunkelheit schroff nebeneinanderstehen. Da ist beispielsweise das junge Paar, das sich endlich gefunden hat und das große Glück miteinander erlebt. Dann plötzlich kommt der einer der beiden ums Leben und der Andere fällt in ein tiefes Loch und erlebt Dunkelheit und Trauer. Oder da ist beispielsweise die Familie, die aufgrund einer Naturkatastrophe alles verliert und urplötzlich nichts mehr besitzt.

Es ist zutiefst menschlich, immer nur auf der Sonnenseite des Lebens stehen zu wollen. Man möchte gerne glücklich sein, das Leben unbesorgt auskosten und in vollen Zügen genießen können. Doch kann dieser Wunsch überhaupt für irgendeinen Menschen Realität werden?

Wohl jeder kennt auch selbst in seinem Leben Zeiten der Dunkelheit und Traurigkeit. Ein sehr nahestehender Mensch ist gestorben, eine schwere Krankheit wurde diagnostiziert, der berufliche Erfolg bleibt trotz aller Anstrengung aus, man ist verliebt, aber die Liebe wird nicht erwidert, man erfährt soziale Ablehnung durch das Umfeld, … Die Anlässe sind sehr vielfältig. Dauer und Intensität von Dunkelheit und Traurigkeit mögen sich unterscheiden. Doch jeder Mensch geht irgendwann im Leben, ein- oder mehrmals, durch eine solche Zeit.

Auch Carl Gustav Jung erlebte eine mehrere Jahre andauernde tiefe persönliche Krise mit Zeiten von Dunkelheit und Traurigkeit. Mit dieser Zeit setzte er sich in einer Art Selbsttherapie intensiv auseinander.

Traurigkeit – wenn andere betroffen sind?

Individuell erfahrenes Leid kann in eine von Dunkelheit und Traurigkeit erfüllte Zeit führen. Doch wie steht es um Kummer und Schmerz, der einen selbst nicht direkt betrifft?

Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm spannt den Bogen weiter. Er schrieb (Erich Fromm, Gesamtausgabe, herausgegeben von Rainer Funk): „Ein lebendiger und empfindender Mensch kann gar nicht umhin, oftmals in seinem Leben bekümmert und traurig zu sein. Hieran sind nicht nur die vielen unnötigen Leiden schuld, die auf die Unvollkommenheit unserer gesellschaftlichen Einrichtungen zurückzuführen sind, sondern es liegt im Wesen der menschlichen Existenz begründet, dass es unmöglich ist, dass wir nicht mit mannigfachem Schmerz und Kummer auf das Leben reagieren. Da wir lebendige Wesen sind, müssen wir uns voll Trauer darüber klar sein, dass zwischen dem, was wir erreichen möchten, und dem, was wir in unserem kurzen, mühsamen Leben erreichen können, eine tiefe Kluft besteht. Da der Tod uns vor die unvermeidliche Tatsche stellt, dass entweder wir vor denen, die wir lieben, sterben werden oder sie vor uns – da wir täglich um uns herum unvermeidliches wie auch vermeidbares und überflüssiges Leiden mit ansehen müssen, wie können wir es da vermeiden, Kummer und Traurigkeit darüber zu empfinden? Das ist uns nur möglich, wenn wir unsere Sensitivität, unsere Offenheit und unsere Liebe reduzieren, wenn wir unser Herz verhärten und unsere Anteilnahme und unser Gefühl den anderen wie auch uns selbst entziehen.“.

Für Erich Fromm ist bei dieser Betrachtung der Gegensatz zu Glück nicht Traurigkeit, sondern Depression. Die Depression bezeichnet er als die Unfähigkeit zu fühlen, als das Gefühl, tot zu sein. Man ist unfähig, froh zu sein, und man ist ebenso unfähig, traurig zu sein. Man ist nicht imstande, Freudigkeit und Traurigkeit zu fühlen, und empfindet deshalb den Zustand der Depression als unerträglich.

Das Glück nicht schätzen – ein großer Fehler!

Freude, Glück und Traurigkeit können gleichzeitig erlebt werden. Man erlebt selbst vielleicht gerade Freude und Glück, aber empfindet Traurigkeit beim Blick auf die Situation anderer Menschen. Oder Freude und Glück fehlen im eigenen Leben und Dunkelheit und Traurigkeit scheinen das gesamte Leben zu durchziehen.

Ist es dann nicht für den eigenen seelischen Zustand hilfreich, das selbst empfundene Glück wertzuschätzen? In Zeiten, in denen es einem gut geht, besteht immer die latente Gefahr, vieles als selbstverständlich hinzunehmen. Ein Dach über dem Kopf zu haben, genügend zu essen zu haben, sich ungehindert bewegen zu können, eine geliebte Partnerin/einen geliebten Partner zu haben, Freunde zu haben, in Freiheit leben zu können, seine Meinung äußern zu dürfen, und so vieles mehr, sind jedoch keineswegs selbstverständlich. Dies alles sind Aspekte persönlichen Glücks.

Wenn man, wie Erich Fromm es formuliert, Glück darüber hinaus als einen Zustand intensiver innerer Aktivität, das Erlebnis wachsender Lebenskraft und der Fülle wahrnimmt, dann kann man es nicht hoch genug wertschätzen. Wäre es nicht tragisch, einfach darüber hinwegzugehen?

Dankbarkeit auch in dunklen Zeiten erleben

Aus der bewussten Wahrnehmung von Glück entsteht Dankbarkeit. Aber wie verhält es sich, wenn man gerade Dunkelheit und Traurigkeit erlebt?

Auch wenn man gerade durch eine schwierige Zeit geht, kann man die Dunkelheit durch Dankbarkeit wenigstens etwas aufhellen. Dann können es die ganz kleinen Dinge sein, die einem vielleicht kaum auffallen, für die man dankbar sein kann. Friedrich von Bodelschwingh drückte es so aus: „Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste danken lernt.“. Er erlebte eine dunkle Zeit in seinem Leben und wusste, wovon er sprach, denn er musste zusammen mit seiner Frau innerhalb von nur zwei Wochen den Tod aller vier Kinder an Diphterie erleben.

Dankbarkeit lenkt den Blick hin auf das Gute und Schöne im Leben. Manches erarbeitet man sich und manches wird einem geschenkt. Wie viel wird einem geschenkt und man nimmt es nicht bewusst wahr? Man könnte sich für ein kleines Experiment öffnen und sich etwas Zeit nehmen, um sich zu fragen: „Was ist in diesem Augenblick das Kleinste, für das ich danken kann?“. Es lohnt sich, etwas nachzudenken, auch wenn man zunächst einen innerlichen Widerstand spürt.

Die äußere Situation hat sich durch die Hinwendung zur Dankbarkeit nicht verändert. Der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder was immer es sei, ist nicht rückgängig gemacht. Aber in einem selbst ist es heller geworden. In der Dunkelheit hat man selbst ein kleines Licht entzündet. Man nimmt es als wohltuend wahr.

Dankbarkeitsaspekte achtsam wahrnehmen

Das achtsame Wahrnehmen von Dankbarkeitsaspekten kann man aktiv unterstützen. Man kann beispielsweise ein Dankbarkeitstagebuch führen, in das abends eingetragen wird, wofür man an diesem Tag dankbar sein konnte. Oder man kann morgens in einer Tasche (z. B. einer Hosen- oder Jackentasche) einige Dinge, wie beispielsweise Münzen, verstauen. Jedes Mal, wenn man etwas wahrnimmt, wofür man dankbar sein kann, wandert eine Münze in eine andere Tasche. Abends wird dann gezählt. Nicht selten wird gestaunt, wie viele Münzen während des Tages gewandert sind.

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