Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, und unsterblich, wo wir lieben.

Home » Ermutigung und Inspiration » Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, und unsterblich, wo wir lieben.

„Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, und unsterblich, wo wir lieben.“

Karl Jaspers
Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, und unsterblich, wo wir lieben, K. Jaspers - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Karl Theodor Jaspers (1883-1969) war ein deutscher Psychiater und Philosoph. Als Arzt trug er grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie bei. Sein umfangreiches philosophisches Werk gewann insbesondere in den Bereichen der Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie und der Interkulturellen Philosophie große Bedeutung.

Die unsterbliche Oma, der unsterbliche Opa

Bernd (Name geändert) denkt sehr gerne an seine Großmutter und seinen Großvater zurück. Seine Großeltern wohnten nur wenige Straßen entfernt. Bernd besuchte die beiden gerne und freute sich ebenso, wenn die beiden zu Besuch kamen. In ihrer Gegenwart fühlte er sich wohl und fühlte sich von ihnen bedingungslos angenommen und geliebt.

Die Großmutter starb und Großvater blieb alleine zurück. Bernd verlor auch in seinen Jugendjahren den Kontakt zu ihm nicht. Bernd wusste einiges aus dem Leben seines Opas und was er an Schlimmem erleben und durchmachen musste. Es faszinierte ihn, wie trotz alledem eine positive Einstellung zum Leben das Leben seines Großvaters durchzog. Schließlich starb auch der Großvater.

Heute ist Bernd selbst Opa. Immer wieder einmal erinnert er sich an seine Großeltern. Jahrzehnte sind seit ihrem Tod vergangen, aber in seinem Herzen sind die beiden unsterblich. „Wir sind […] unsterblich, wo wir lieben“ trifft für sie zu. Bernd möchte diese Liebe, die er selbst empfangen hat, auf seine Art an seine Enkel weitergeben. Er möchte in ihren Herzen unsterblich werden.

Wie kann man unsterblich werden?

Diese Frage ist beileibe nicht so unsinnig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Natürlich ist in physischer Hinsicht kein Mensch unsterblich. Jeder Mensch erreicht früher oder später ein natürliches oder leider auch unnatürliches Lebensende. Auch der gesündeste Lebensstil mit bester Ernährung, viel Bewegung und optimistischer Lebenseinstellung kann die Lebensspanne lediglich um einen begrenzten Zeitraum verlängern.

Obwohl das physische Lebensende unausweichlich ist, kann man trotzdem unsterblich sein – in der Erinnerung der Mitmenschen. Wenn man sich einen Augenblick Zeit nimmt und darüber nachdenkt, welche bereits verstorbene Person man für unsterblich hält, wer fällt einem dazu unwillkürlich ein?

Vielleicht sind es, wie bei Bernd, Menschen aus dem familiären Umfeld. Vielleicht kommen einem auch Menschen in den Sinn, die man einfach faszinierend findet. Je nach den eigenen Interessenlagen mag es vielleicht ein bedeutender Wissenschaftler sein, wie beispielsweise Albert Einstein oder Stephen Hawking. Vielleicht ist es eine Schauspielerin, wie beispielsweise Senta Berger oder Iris Berben. Oder vielleicht ist es ein Wohltäter der Menschheit, wie beispielsweise Albert Schweitzer oder Henri Dunant. Durchaus viele ganz unterschiedliche Menschen können einen derart faszinieren, dass man sich gerne an sie erinnert.

Diese Art der Unsterblichkeit kann an besondere Leistungen gebunden sein. Albert Einstein ging als Begründer der Relativitätstheorie in die Geschichte ein. Henri Dunant gilt als Initiator des Internationalen Roten Kreuzes, einer Organisation, durch die vielen Menschen das Leben gerettet wurde. Die Reihe ließe sich um viele weitere Menschen fortsetzen, die die Menschheit in der einen oder anderen Form mit ihren Leistungen bereicherten.

Beileibe nicht jeder kann in seinem Leben durch besondere Leistungen hervortreten und in die Geschichtsbücher eingehen. Aber muss man überhaupt besondere Leistungen vollbringen, um unsterblich zu sein? Kann man sich, vielleicht sogar zuallererst, auch durch sein Wesen unsterblich machen?

Liebevoll oder lieblos?

Das Wesen eines Menschen, seine Persönlichkeit, drückt sich in vielerlei Eigenschaften aus. Zu diesen Eigenschaften zählen beispielsweise „geduldig“, „großherzig“ und „liebevoll“ sowie deren Gegensätze „ungeduldig“, „engherzig“ und „lieblos“.

Wie steht es um den Gegensatz zwischen „liebevoll“ und „lieblos“? Wenn Unsterblichkeit und Sterblichkeit in der Erinnerung mit diesen Begriffen verknüpft sind, ist eine Klärung sehr hilfreich.

Im deutschen Sprachgebrauch hat das Wort „Liebe“ mehrere Bedeutungen. Im Allgemeinen steht das Wort „Liebe“ für ein starkes Gefühl, das in inniger und tiefer Verbundenheit wurzelt. Einer geliebten Person oder Personengruppe bringt man stärkste Zuneigung und Wertschätzung entgegen. „Lieben“ ist, vereinfacht ausgedrückt, die praktische Anwendung der Liebe. Mit geliebten Personen geht man deshalb liebevoll um und man kümmert sich um sie. Ihr Schicksal ist einem nicht gleichgültig.

Zu „liebevoll“, voller Liebe, bildet das Wort „lieblos“, ohne Liebe, den Gegenpol. Lieblos bedeutet laut Duden „auf eine die Gefühle, die Erwartung nach Zuneigung, Zuwendung verletzende Art unfreundlich, barsch, herzlos“. Das Wort bezeichnet in dieser Weise die Abwesenheit von Liebe, Fürsorge und Rücksicht. Eine weitere Bedeutung ist „ohne Sorgfalt; ohne innere Anteilnahme erfolgend“. Synonyme für lieblos sind abweisend, eisig und gefühlskalt.

Lieblosigkeit kann sich auch in Unterlassen ausdrücken. Manchmal kann man beispielsweise ohne nennenswerten Aufwand etwas dafür tun, die Situation eines anderen Menschen zu verbessern, etwa mit einer Geste, einem guten Wort, einem Lächeln oder auf andere Art und Weise. Unterlässt man es, kommt Lieblosigkeit zum Ausdruck.  

Gibt es im realen Leben diesen Gegensatz zwischen „liebevoll“ und „lieblos“ wirklich? Gibt es nur ein Schwarz-Weiß? Realistisch betrachtet hat im wirklichen Leben beides seine Anteile. Man mag als „liebevoller“ Mensch gesehen werden, aber man nimmt auch Lieblosigkeit bei sich wahr. Aber eines von beidem überwiegt. Die „Neutralstellung“ gibt es nicht.

Lieblos und trotzdem unsterblich?

Karl Jaspers scheint auf den ersten Blick widerlegt. Es gab und gibt unzählige Menschen, auf die das Attribut „lieblos“ durchaus zutrifft und die trotzdem ihren Platz in den Geschichtsbüchern gefunden haben und auf diese Weise gewissermaßen unsterblich sind. Die Geschichte ist durchzogen von Menschen, die ihre eigenen Vorhaben und Ziele rücksichtslos und mit ganzer Härte durchsetzten.

Wer denkt nicht unwillkürlich an die vielerlei Despoten, wie beispielsweise Adolf Hitler oder Josef Stalin, die für das Leiden unzähliger Menschen verantwortlich sind? Despoten sind in den Geschichtsbüchern in der Tat nicht unsterblich, aber man denkt an sie mit Abscheu. Und man wünscht sich vielleicht, dass es diese Menschen angesichts des vielfachen Leids, das sie in unzähligen Familien verursachten, nie gegeben hätte. Ihren Platz in den Geschichtsbüchern haben sie mehr oder weniger notgedrungen. Ohne sie wäre die Geschichte lückenhaft und Geschichte muss eben vollständig wiedergegeben werden.

An lieblosen Menschen möchte man sich, wenn man psychisch gesund ist, kein Beispiel nehmen. Schließlich wirkten sie nur destruktiv. Andere Menschen waren für sie nur Mittel zum Zweck. Nicht nur durch ihr Handeln, schon durch ihre Art schadeten sie ihren Mitmenschen, zumindest jenen, die sich ihnen nicht unterordneten.

Liebevoll und zu Recht unsterblich!

Glücklicherweise gibt es auch unzählige Menschen, die als liebevolle Menschen in Erinnerung bleiben. Da sind beispielsweise Mutter Teresa und Albert Schweitzer, die für ganz praktische Nächstenliebe stehen.

Mutter Teresa war eine indische Ordensschwester und Missionarin. Sie gründete die Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe, die sich zunächst in Kalkutta um Sterbende, Waisen, Obdachlose und Kranke kümmerte. Im Lauf der Zeit wurde ihre Arbeit weltbekannt. Heute sind die Missionare der Nächstenliebe in weit über 100 Ländern der Erde tätig.

Albert Schweitzer war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Pazifist. Er nahm wahr, dass in der damaligen französischen Kolonie Französisch-Äquatorialafrika die humanitäre Aufgabe der medizinischen Versorgung der einheimischen Bevölkerung weitgehend unbeachtet blieb. So beschloss er, dort als Missionsarzt tätig zu werden. In Gabun gründete er unter vielen Entbehrungen das Urwaldhospital Lambaréné und konnte dort viele Menschen medizinisch betreuen. Von Albert Schweitzer ist u. a. folgendes Zitat überliefert, das seine Einstellung wiedergibt: „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“.

Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.

Albert Schweitzer

Auch man selbst kann sich sogar ein Denkmal setzen – in den Herzen anderer Menschen. Albert Schweitzer betrachtete es als das schönste Denkmal, das man überhaupt bekommen kann. Er formulierte es so: „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen.“.

Das eigene Geschichtsbuch

Jeder Mensch hat sein eigenes Geschichtsbuch, in dem die Lebensgeschichte kontinuierlich fortgeschrieben wird. In diesem lückenlosen Geschichtsbuch finden alle Menschen, denen man im Lauf seines Lebens begegnet, ihren Platz – die lieblosen wie die liebevollen.

Wer ist im persönlichen Geschichtsbuch im positiven Sinn unsterblich? Man könnte sich kurz Zeit nehmen und sich fragen: „Wer verkörperte früher oder jetzt gerade in meinem Lebensumfeld Liebe?“. Wer fällt einem zuerst ein?

Sehr wahrscheinlich sind es nahestehende Personen im engeren Familienkreis, an die man sich gerne erinnert. Von ihnen hat man viel Liebe erfahren. Sie haben in einem zuallererst den liebenswerten Menschen gesehen und nicht darauf geschaut, was man alles kann oder eben auch nicht kann. Für sie stand nicht Leistung im Vordergrund, sondern der Mensch. Sie haben einen mit allen Stärken und Schwächen angenommen. Und sie konnten tolerieren und vergeben.

Wie kann man selbst zu einem liebevollen Menschen werden?

Andere Menschen zu lieben ist nur möglich, wenn man sich auch selbst liebt. Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm drückte es in seinem Buchklassiker „Die Kunst des Liebens“ so aus: „Liebe zu meinem Selbst ist untrennbar mit der Liebe zu allen anderen Wesen verbunden.“. Und er kommt zu dem Schluss, dass man, wenn man nur andere Wesen lieben kann, sich selbst aber nicht, überhaupt nicht lieben kann.

In der Konsequenz ist Aufmerksamkeit und Fürsorge für sich selbst hilfreich. Die Liebe zu anderen Menschen beginnt mit Selbstannahme, der Annahme des Wesens, das man ist. Sie schließt die Akzeptanz eigener Stärken und Schwächen mit ein. Wenn man sich selbst angenommen hat, kann man sich auch selbst wertschätzen. Daraus erwächst eine gesunde Liebe zu sich selbst.

Für Augustinus Aurelius (Augustinus von Hippo), ein römischer Bischof und Kirchenlehrer, steht die Selbstliebe sogar an erster Stelle: „Lerne zuerst dich selbst lieben, dann Gott und schließlich den Nächsten!“ Wenn man sich auf dem Fundament von Selbstannahme und Selbstwertschätzung in einer gesunden Weise selbst liebt, strahlt man das auch aus. Wenn man für sich selbst Gutes will und tut, dann will und tut man es auch für seine Mitmenschen.

Zitate nach Quellen
Zitate-Suche *

* Sie können nach Text suchen, der in Zitaten vorkommt (Beispiele: „Glück“, „hoff“)

Außerdem interessant:

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.