Jeder Tag bringt seine Geschenke mit. Man braucht sie nur auszupacken.

„Jeder Tag bringt seine Geschenke mit. Man braucht sie nur auszupacken.“

Albert Schweitzer
Jeder Tag bringt seine Geschenke mit, A. Schweitzer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Albert Schweitzer (1875-1965) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Pazifist. Schweitzer, der „Urwaldarzt“, gründete 1913 ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften.

Wo sind die Geschenke?

Manchmal ist es ein „gebrauchter“ Tag, der hinter einem liegt. So gut wie alles ist schiefgegangen. Über vieles hat man sich geärgert. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Man mag nicht so recht an morgen denken.

Was war an diesem Tag überhaupt gut? Hat der zurückliegende Tag irgendwelche Geschenke mitgebracht, irgendetwas, an dem man sich so richtig freuen konnte? Gab es wirklich keine Geschenke oder hat man sie einfach übersehen und nicht wahrgenommen?

Wo bekam oder fand Albert Schweitzer Geschenke?

Wovon sprach Albert Schweitzer, als er über die Geschenke eines Tages reflektierte? In dem Buch „Selbstzeugnisse“ finden sich ausgiebige Schilderungen des Alltags aus dem Leben Albert Schweitzers. Sie erhellen die äußeren Umstände und Verhältnisse, in denen er tätig war.

In seinem Arbeitsgebiet in Äquatorialafrika waren die klimatischen Bedingungen sehr herausfordernd. Die Hitze, die Luftfeuchtigkeit, Insekten, wie beispielsweise die Tsetse-Fliege (Überträgerin der gefürchteten sogenannten „Schlafkrankheit“) oder Moskitos (Stechmücken, Überträger von Malaria), Schlangen, aber auch die Unwegsamkeit im Urwaldgebiet, machten zu schaffen.

Die menschliche Leistungsfähigkeit war in Äquatorialafrika deutlich eingeschränkt. Er schrieb: „In den Tropen leistet der Mensch höchstens die Hälfte von dem, was er in einem gemäßigten Klima ausführen kann. Wird er von einer Arbeit in die andere gezerrt, so verbraucht er sich so schnell, dass er nach einiger Zeit wohl noch da ist, aber keine wirkende Kraft mehr repräsentiert.“.

Kulturelle Herausforderungen

Auch an die unterschiedliche Kultur und Mentalität der einheimischen Bevölkerung musste sich Albert Schweitzer erst gewöhnen. Für den Betrieb des Krankenhauses war er auf einheimische Arbeitskräfte angewiesen. Deren Zuverlässigkeit ließ jedoch sehr zu wünschen übrig. Dazu schrieb er: „Der Neger ist nicht faul, sondern er ist ein Freier. Darum ist er immer nur ein Gelegenheitsarbeiter, mit dem kein geordneter Betrieb möglich ist. Dies erlebt der Missionar auf der Station und in seinem Hause im Kleinen und der Pflanzer oder der Kaufmann im Großen. Wenn mein Koch Geld genug beisammen hat, um die Wünsche seiner Frau und seiner Schwiegermutter zu befriedigen, geht er davon, ohne Rücksicht darauf, ob wir ihn notwendig brauchen. Der Plantagenbesitzer wird von seinen Arbeitern gerade in der kritischen Zeit verlassen, wo es gilt, die dem Kakao schädlichen Insekten zu bekämpfen. Wenn gerade aus Europa Depesche auf Depesche um Holz kommt, findet der Holzhändler keine Leute zum Holzhauen, weil das Dorf sich zur Zeit auf den Fischfang begibt oder eine neue Pflanzung anlegt. Alle werden wir von Ingrimm gegen die faulen Schwarzen erfüllt. In Wirklichkeit liegt aber nur vor, dass wir sie nicht in der Hand haben, weil sie nicht auf den Verdienst bei uns angewiesen sind.“.

Hinzu kam dann noch die Sprachbarriere. Jedes Wort, jeder Satz musste in die jeweiligen Sprachen der einheimischen Bevölkerung übersetzt werden und umgekehrt. Diese umständliche Verständigung bildete eine weitere Hürde. Es ist leicht nachvollziehbar, dass beispielsweise das Aufnehmen einer Anamnese alles andere als einfach war.

Schwierige Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen Albert Schweitzers waren für heutige Verhältnisse überaus primitiv. Anfangs musste er seine Patienten wegen Platzmangels im Freien behandeln. Er beschrieb es so: „Dass ich keinen Raum zum Untersuchen und Behandeln der Kranken hatte, bedrückte mich sehr. […] Ich behandelte und verband also im Freien vor dem Hause. Wenn aber das abendliche Gewitter einsetzte, musste alles in Eile auf die Veranda zurückgetragen werden. Das Praktizieren in der Sonne war furchtbar ermüdend. In der Not entschloss ich mich, den Raum, den mein Vorgänger im Hause, Missionar Morel, als Hühnerstall benutzt hatte, zum Spital zu erheben. […] Zwar war es erdrückend schwül in dem kleinen, fensterlosen Raum, und den Tropenhelm musste man des fehlerhaften Daches wegen den ganzen Tag aufbehalten. Aber beim Eintreten des Gewitters brauchte ich doch nicht alles zu bergen. Mit Wonne hörte ich den Regen zum ersten Mal auf das Dach herniederprasseln, und es kam mir als etwas Unbegreifliches vor, dass ich nun ruhig weiter verbinden durfte.“.

Auch Operationen mussten unter primitiven Bedingungen erfolgen. Erst nach und nach konnte er die Bausubstanz verbessern, das Krankenhaus weiter ausbauen und die Verhältnisse positiver gestalten.

Ständig herrschte eine Mangelwirtschaft, die sich auf nahezu alle Bereiche erstreckte. Es gab Zeiten der Nahrungsmittelknappheit und finanzieller Engpässe. Baumaterial für die Erweiterung des Krankenhauses war nicht leicht zu beschaffen. Gleichzeitig musste auf die vorhandene Bausubstanz geachtet werden, die unter den klimatischen Verhältnissen schneller zu verfallen drohte als in gemäßigten Breiten. Auch Medikamente waren nicht einfach greifbar. Sie mussten in Europa bestellt werden. Normalerweise dauerte es drei bis vier Monate, bis eine Medikamentenlieferung ankam. Eine kluge und vorausschauende Disposition war deshalb unerlässlich.

Arbeiten wie in einem Gefängnis

Nicht zuletzt war der Bewegungsraum Albert Schweitzers begrenzt, wenn er sich auf seiner Station aufhielt. Er empfand seinen Wirkungsort als ein Gefängnis. Darüber schrieb er: „Die Missionsstation ist etwa sechshundert Meter lang und hundert bis zweihundert Meter tief. Beim abendlichen und beim sonntäglichen Spaziergang durchmisst man sie mehrmals nach allen Richtungen. […] Bewegung und Luft fehlen einem in Lambarene in gleicher Weise. Man lebt wie in einem Gefängnis.“.

Albert Schweitzers Arbeitsalltag war sehr ausgefüllt. Täglich behandelte er etwa 30 bis 40 Patienten. Zu Untersuchungen erschienen seine Patienten jedoch nicht zuverlässig. Und seine Anweisungen befolgten sie oft nicht. Oft hätte er berechtigten Grund gehabt, sich zu ärgern.

Die einheimische Bevölkerung und damit auch seine Patienten waren arm. Albert Schweitzer konnte von vornherein keine angemessene Gegenleistung für sein ärztliches Wirken erwarten. Seine Arbeit wurde mit Spenden finanziert. Anders wäre sie nicht möglich gewesen.

Geschenke in schwierigen Verhältnissen

Was also waren für Albert Schweitzer unter diesen Umständen die Geschenke, die jeder Tag mitbrachte und die es nur auszupacken galt? Sicherlich hatte er immer wieder Erfolgserlebnisse. Als Arzt konnte er Patienten mit den geeigneten Medikamenten und Hilfsmitteln von Schmerzen befreien und viele von ihnen auch heilen. Und er betrachtete manche dieser Heilungsgeschichten, darunter auch unerwartete, sicherlich auch als ein Geschenk für sich selbst. Und es waren wohl auch die vielen kleinen Dinge, Zeichen der Dankbarkeit und Zuneigung seiner Patienten, die ihm wie ein Geschenk vorkamen.

Davon abgesehen machten ihm die Unterstützer, die Spender in verschiedenen europäischen Ländern, mit ihren Geldgaben Geschenke. Es ist leicht vorstellbar, wie sehr er sich über Finanzmittel freute, mit deren Hilfe er dringende Arbeiten durchführen und sein Krankenhaus weiter ausbauen konnte. Und es gab Menschen, die für eine begrenzte Zeit als freiwillige Helfer zu ihm in sein Krankenhaus kamen und ihn und sein Team tatkräftig unterstützen.

Sicherlich gab es auch die relativ ereignislosen Tage. Aber dennoch fand er jeden Tag ein kleineres oder größeres Geschenk, das er auspacken konnte.

Übersieht man Geschenke?

Auch heute erleben viele Menschen manchmal lange anhaltende Zeiten der Dürre und der Mangelwirtschaft. An manchen Tagen scheint man nur Nackenschläge zu bekommen, beispielsweise wenn man mehrere Absagen auf seine Bewerbungen bekommt. Und manche Tage scheinen nahezu ereignislos, ohne besondere Höhepunkte, zu verlaufen.

Wo sind die Geschenke, die der Tag mit sich bringt? Vielleicht ist man manchmal völlig fixiert auf etwas „Großes“, das große Geschenk. Man wartet darauf, dass etwas Großes geschieht, dass man etwas Großes bekommt. Es geschieht aber nicht.

Erwartete und unerwartete Geschenke

Bei einem Geschenk kann es sich um ein erwartetes oder ein unerwartetes Geschenk handeln. Einem erwarteten Geschenk fehlt jedoch der Überraschungseffekt, zumindest hinsichtlich des Zeitpunkts. Meistens steht es mit einem Anlass, beispielsweise einem Geburtstag oder dem Weihnachtsfest, in Verbindung. Der Schenker hat das Geschenk hergestellt oder bezahlt und vielleicht hat er einen ganz speziellen Wunsch erfüllt.

Unerwartete Geschenke kommen überraschend. Und man kann vorher keinen speziellen Wunsch äußern, was es denn sein soll. Wenn man nicht weiß, ob und wann man ein Geschenk bekommt und worin das Geschenk besteht, kann man es leicht übersehen. Vielleicht ist es klein und auf den ersten Blick überhaupt nicht als Geschenk erkennbar. Und das Geschenk ist nicht unbedingt aufwändig und schön verpackt. Vielleicht erkennt man es erst auf den zweiten Blick als Geschenk.

Oft handelt es sich bei einem unerwarteten Geschenk nicht um ein materielles Geschenk. Und ein unerwartetes Geschenk kann sogar etwas sein, an das man nicht im Entferntesten denkt – eine echte Überraschung. Deshalb besteht die Gefahr, dass man das Geschenk nicht wahrnimmt.

Vielleicht sind es die kurzen Begegnungen, die beiläufigen mutmachenden oder aufheiternden Worte, die man nicht wirklich wahrnimmt. Vielleicht kann man unerwartet Zeit mit jemandem verbringen, den man mag. Oder man bekommt ein unerwartetes Kompliment, ein Lob oder Aufmerksamkeit von jemandem, von dem man es nicht erwartet hätte. Man erkennt es als Geschenk. Oder vielleicht kann man selbst jemandem etwas Gutes tun und beschenkt damit letztlich auch sich selbst.

Achtsamkeit hilft dabei, Geschenke zu erkennen

Von außen betrachtet und mit Blick auf die Verhältnisse scheint es so als habe Albert Schweitzer an manchen Tagen seine Geschenke mit der Lupe suchen müssen. Aber jeder Tag brachte seine Geschenke mit und er erkannte sie. Er ging wohl sehr achtsam durchs Leben und achtete auch auf die kleinsten Dinge. Sonst wäre ihm wahrscheinlich vieles entgangen.

Achtsamkeit, aufmerksam im Hier und Jetzt leben, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass man unerwartete Geschenke erkennt. Ein solches Geschenk darf man gerne und dankbar annehmen. Und damit tut man auch sich selbst etwas Gutes: Dankbarkeit hebt die Stimmung.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.