Was andere Menschen von dir denken ist nicht dein Problem.

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„Was andere Menschen von dir denken ist nicht dein Problem.“

Paulo Coelho
Was andere Menschen von dir denken, P. Coelho - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Paulo Coelho de Souza (geb. 1947) ist ein brasilianischer Schriftsteller und Bestsellerautor. Seine Bücher verkauften sich bisher weit über 200 Millionen Mal.

Nachdem ihn Anfang der 1970er Jahre eine zweijährige Reise durch mehrere Kontinente führte, schrieb er, wieder in Brasilien, Theaterstücke und verfasste provokative Songtexte. Mehrere Gefängnisaufenthalte unter der in den siebziger Jahren herrschenden Militärdiktatur waren die Folge. Coelho war Zeit seines Lebens politisch engagiert und setzte sich für mehr Freiheit und Selbstbestimmung ein.

Sein Engagement für die weniger privilegierten Menschen brachte ihm ebenso hochrangige Auszeichnungen ein wie sein literarisches Werk. So wurde er unter anderem 1996 zum UNESCO-Sonderbotschafter und 2007 zum UN-Friedensbotschafter ernannt.

Wer kennt die ganze Wahrheit?

Wer kann die eigene Lebensgeschichte vollständig kennen? Das kann man nur selbst. Keine andere Person kann das wissen, was man selbst weiß. Niemand sonst kann überhaupt wissen, was man in seinem Leben schon alles an Höhen und Tiefen erlebt hat, womit man sich schon intensiv auseinandergesetzt hat, was man schon alles gedacht hat, usw.

Wenn man nicht die ganze Wahrheit kennt, kann man kein objektives Urteil bilden. Mit anderen Worten: was andere Menschen von einem denken, kann nicht objektiv sein. Und was man selbst von anderen Menschen denkt, kann auch nicht objektiv sein. Ist es in der Konsequenz dann nicht eine Anmaßung, wenn ein Mensch einen anderen Menschen auf Basis eines unvollständigen Bilds bewertet oder über ihn urteilt?

Eine subjektive Bewertung, ein subjektives Urteil, ist das, was es ist: eine subjektive Sicht, die nicht die ganze Wahrheit sieht. Weshalb sollte man dann eine Teilsicht anderer für sich gelten lassen?

Würde man überhaupt erfahren, was andere denken?

Angenommen, man würde andere direkt fragen, was sie von einem denken. Was würde man über sich erfahren? Drei Möglichkeiten sind im Grunde denkbar:

  • Man bekommt die jeweils subjektive Wahrheit zu hören, offen und ehrlich. Jedoch sind die subjektiven Wahrheiten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht deckungsgleich. Schließlich kann jeder Mensch nur seine subjektive Sicht einbringen;
  • Was man zu hören bekommt, ist etwas Allgemeines und Unverfängliches. Andere möchten es sich schließlich mit einem nicht verderben;
  • Man bekommt zu hören, was der Andere meint, was man selbst gerne hören möchte. Der Andere gibt sich Mühe, aber lügt letzten Endes und täiuscht einen, denn das, was er sagt, entspricht nicht dem, was er denkt.

Die Wahrscheinlichkeit, eine offene und ehrliche subjektive Wahrheit zu hören, steigt mit der Beziehungsintensität. Ein Lebenspartner oder ein enger Freund wird eher seine ungeschminkte subjektive Wahrheit preisgeben, da er weiß, dass die Beziehung dies aushält. Ein Bekannter wird hingegen eher zurückhaltend sein und sich auf unverfängliche Floskeln und Phrasen zurückziehen.

Welche Vorstellung entwickelt sich im eigenen Kopf?

Vielleicht hat man Scheu, andere zu fragen, was sie von einem denken. Dann macht man sich selbst Gedanken, was andere von einem denken könnten – und begibt sich in das Reich der Vermutungen.

Wie kann man wissen, was andere über einen denken? Was denken andere über einen jetzt gerade, in diesem Moment? Und wie denken sie grundsätzlich über einen? Dazwischen besteht ein großer Unterschied.

Es mag sein, dass ein Bekannter mit den Augen rollt, wenn man sich seiner Ansicht nach im Moment gerade komisch verhält. Dies mag bedeuten, dass er mit dem nicht einverstanden ist, was gerade ist. Aber dies bedeutet nicht unbedingt, dass er grundsätzlich negativ über einen denkt.

Im eigenen Kopf entwickelt sich eine Vorstellung. Aber wie kann man wissen, ob diese Vorstellung stimmt? Man achtet zwar auf Mimik und Gestik, aber man kann sich auch täuschen. Eigentlich müsste man die Gedanken des Anderen lesen können – oder ihn fragen.

Welche Rolle spielt der Zeitgeist?

Ansichten und Meinungen sind oft den Zeitgeist gebunden. Was ist gerade aktuell? Was muss man tun oder unterlassen, um mit der Welle des Zeitgeistes zu schwimmen?

Auch das, was andere über einen denken oder sagen, kann stark vom Zeitgeist geprägt sein. „Was, du hast noch kein Tattoo?“, mag beispielsweise ein Kollege denken und dann fragen, der der Meinung ist, man müsse unbedingt mindestens ein Tattoo auf dem Körper haben. Vielleicht hätte man selbst auch Sympathien für ein Tattoo, fragt sich jedoch, wie das Tattoo im Alter von achtzig Jahren aussehen könnte.

Der Zeitgeist verändert sich, oft in rasantem Tempo. Und so mag sich auch das verändern, was andere über einen denken. Möchte man indirekt den Zeitgeist über sich bestimmen lassen?

Weshalb achtet man so sehr auf andere?

Angenommen, gemocht und geliebt werden spiegelt ein natürliches menschliches Grundbedürfnis wider. Deshalb ist man geneigt, sein Verhalten anzupassen und anderen keinen Anlass zu geben, einen nicht zu mögen.

Wie sehr achtet man auf andere? Es gibt durchaus einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass man zu sehr auf das achtet, was andere von einem denken. Was trifft ggf. auf einen zu?

  • Man möchte nicht negativ auffallen oder anecken. Deshalb hält man mit der eigenen Meinung zurück und achtet auf unverfängliche Formulierungen;
  • Man denkt immer vorher darüber nach, welche Auswirkungen das eigene Handeln haben könnte. Deshalb ist man darauf bedacht, einen möglichst sicheren und allgemein akzeptierten Weg zu gehen. Auch wenn man einen besseren Weg kennt, hält man sich zurück;
  • Man versucht, es anderen Menschen möglichst recht zu machen. Man möchte ihnen gefallen und ihren (vermeintlichen) Ansprüchen genügen. Und man stellt deren (vermeintliche) Einstellungen, Ansprüche und Wertmaßstäbe über die eigenen;
  • Man passt sich an, um dazuzugehören, achtet nicht auf die eigenen Bedürfnisse. Man macht mit, auch wenn man es nicht wirklich möchte.

Wenn man zu sehr auf andere achtet und auf das, was sie möglicherweise von einem denken, beginnt man damit, vermutete fremde Erwartungen zu erfüllen. Man verstellt sich und ist nicht mehr sich selbst.

Aber könnte man es überhaupt jedem rechtmachen? Die klare Antwort ist: nein! Und selbst wenn man es könnte, würde man sich selbst verlieren.

Sind andere Menschen fehlerlos und vollkommen?

Jeder Mensch hat ein Weltbild, das sich schon seit der Kindheit geformt hat. Von den Eltern wurden Verhaltensmaßstäbe (was man macht, wie man sich verhält) und Wertvorstellungen weitergegeben. Später wandelten sich Verhaltensmaßstäbe und Wertvorstellungen durch eigenes Nachdenken, aber auch unter dem Einfluss anderer Menschen. Charakter und Weltbild formten sich. Wer sagt, dass dieses Weltbild richtig und maßgeblich ist?

Wer beispielsweise positiv denkt, wird an anderen Menschen eher etwas Positives entdecken als Menschen, die eher negativ denken. Wer tolerant ist, wird anderen Menschen eher etwas nachsehen als ein Mensch, der in einem engen Korsett von Wert- und Moralvorstellungen lebt.

Niemand wird als fertiger Mensch geboren, und schon gar nicht als vollkommener Mensch. Kurzum: Jeder Mensch hat seine Begrenzungen, Fehler und Schwächen. Wenn dies so ist, dann bedeutet dies: Was eine andere Person über einen denkt oder sagt, sagt auch einiges über die andere Person aus. Vielleicht sagt es sogar mehr über die andere Person aus als über einen selbst. Dann ist es in der Konsequenz auch nicht das eigene Problem, was die andere Person von einem denkt.

Was hat das alles mit dem Selbstwertgefühl zu tun?

Die eigene Selbstwertschätzung und, darauf aufbauend, das Selbstwertgefühl bestimmen ganz wesentlich mit, wie wichtig es einem ist, was andere über ihn denken. Wer kennt sie nicht, die Menschen mit einem starken Selbstwertgefühl? Sie scheinen sich nicht darum zu scheren, was andere von ihnen denken oder über sie reden. Sie sind und bleiben bei sich. Und dann gibt es am Gegenpol auch die Menschen, die sich verstecken und einen unsicheren Eindruck machen. Sie scheinen Anerkennung und Wertschätzung bei anderen zu suchen. Ihre eigentliche Persönlichkeit ist kaum erkennbar, da sie sich immer wieder verstellen, um anderen zu gefallen.

Je geringer die Selbstwertschätzung, desto eher wird man auf andere schauen und sich nach ihnen richten. Und man tendiert dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Weil man im Vergleich immer irgendwo den Kürzeren zieht oder zu ziehen meint, wertet man sich in der Konsequenz selbst ab und projiziert die Selbstabwertung dann in die Gedanken der anderen.

Wenn das Selbstwertgefühl schwach ausgeprägt ist, besteht ein Anlass, es zu stärken. Man gewinnt wieder ein Gefühl für die eigene Stärke. Man findet mehr zu sich selbst und zu seiner Mitte. Und man gewinnt mehr Unabhängigkeit von anderen Menschen. Thomas von Kempen, Mystiker und geistlicher Schriftsteller des 15. Jahrhunderts, drückte es treffend so aus: „Wenn du darauf achtest, wie du bei dir im Inneren bist, wirst du nicht mehr sorgen, was die Leute über dich reden. Dein Friede sei nicht im Munde der Menschen. Sei es nun, dass sie gut, dass sie schlecht von dir reden, du bist darum kein anderer Mensch.“.

Thomas von Kempen lenkt den Blick auf einen weiteren wichtigen Aspekt. Man wird durch das, was andere von einem denken, nicht zu einem anderen Menschen. Man ist und bleibt derselbe Mensch. Aber es besteht die Gefahr der Selbstabwertung, wenn man nicht bei sich selbst, im Inneren, ist.

Wessen Problem ist es?

Was andere Menschen von einem denken, unterliegt ausschließlich deren Kontrolle. Man hat darauf keinen Einfluss. Zwar kann man auf verschiedene Art und Weise versuchen, Einfluss auszuüben, aber mehr als ein Versuch kann es nicht sein.

Andere Menschen können frei entscheiden, wie sie über einen denken. Diese Freiheit kann auch niemand genommen werden. Und wenn die Entscheidung bei anderen liegt, dann liegt in der Konsequenz auch das Problem bei anderen – das Problem ihrer subjektiven und begrenzten Sicht.

Wenn man das Problem anderer zu seinem eigenen macht, zieht man folglich etwas an sich, was nicht zu einem gehört. Wenn man aber unabhängig davon, was andere von einem denken, derselbe Mensch ist und bleibt, weshalb sollte man sich dann deren Problem aufladen?

Lädt man sich das Problem anderer trotzdem auf die Schulter, macht man sich in weiterer Konsequenz von anderen abhängig und verletzlich. Man drückt anderen, bildlich gesprochen, die Fernbedienung zum Auslösen von Gefühlen in die Hand. Wenn man beispielsweise zu meinen glaubt, dass andere negativ über einen denken, fühlt man sich unglücklich, abgewertet, verkannt …

Darauf achten, wie man im Inneren ist, hilft dabei, sich unabhängig(er) von den Ansichten und Meinungen anderer zu machen. Dann wird man sich nicht darum sorgen, was andere über einen denken oder reden.

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt. Dies ist nicht geschlechtsspezifisch gemeint.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.