Wenn du deprimiert bist, lebst du in der Vergangenheit …

„Wenn du deprimiert bist, lebst du in der Vergangenheit. Wenn du besorgt bist, lebst du in der Zukunft. Wenn du in Frieden bist, lebst du in der Gegenwart.“

Wenn du deprimiert bist, Laotse - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Laotse (auch andere Schreibweisen, wie z. B. Laozi, sind bekannt) war ein legendärer chinesischer Philosoph und gilt als Begründer des Daoismus. Er soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, jedoch wird grundsätzlich infrage gestellt, ob er wirklich existiert hat.

Der Daoismus ist eine chinesische Philosophie und Weltanschauung. Ein zentrales Thema des Daoismus ist die Suche nach Unsterblichkeit.

Stochern in der Vergangenheit kann fatal enden

Franziska (nicht ihr richtiger Name) verfing sich in einer Depression. In ihrem Leben hatte sie Wege beschritten, die nicht gut für sie waren. Und dies hatte schmerzliche Folgen. Unter Anderem verlor sie ihre Wohnung und musste ausziehen.

Immer wieder drängten sich die Gedanken, was sie in ihrem Leben alles falsch gemacht hatte, in den Vordergrund. Jedes Mal, wenn sie diese Gedankenwelle überrollte, machte sie sich Selbstvorwürfe. „Ach hätte ich doch nur …“, so oder ähnlich fraß sie sich immer wieder in ihrer Vergangenheit fest. Und das eigentlich Schlimme: Aus ihrem Gedankengefängnis fand sie keinen Ausweg. Es war sie eine Spirale, die sich ständig ein kleines Stück weiterdrehte und sie immer mehr nach unten zog. Ihre Lebenssituation verschlechterte sich entsprechend.

Franziska lebte in der Vergangenheit. Es gelang ihr nicht, die unabänderliche Realität anzuerkennen. An ihrer Vergangenheit ließ sich nichts mehr ändern, ob sie sich nun selbst für ihre Fehler verdammte oder nicht. Es war einfach nicht mehr möglich, nachträglich einen anderen Kurs einzuschlagen und Geschichte umzuschreiben. Mit ihren Selbstvorwürfen konnte sie rein gar nichts dazu beitragen, dass es irgendwie besser werden könnte. Im Gegenteil: Sie machten alles nur schlimmer. Sie rächte sich gewissermaßen immer wieder an sich selbst. Kein Wunder, dass depressive Gedanken in ihrem Leben viel Raum einnahmen. Und als weitere Folge war ihre Selbstwertschätzung „den Bach runter gegangen“.

Erinnerungsinseln

Wir haben ein episodisches oder autobiografisches Gedächtnis, das sich im Kindesalter (im Alter von etwa 3 bis 5 Jahren) herausbildet. Es speichert Ereignisse, die uns unmittelbar betroffen haben. So halten wir den Kontakt zu unserer Vergangenheit. Schlimme Ereignisse, peinliche Missgeschicke einerseits, aber andererseits ebenso auch Momente des Glücks werden in ihrem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang abgespeichert.

In unserem autobiografischen Gedächtnis ragen wie in einem Meer Inseln hervor. Wir vergessen weniger Wichtiges sehr schnell. Wenn beispielsweise nichts Außergewöhnliches vorgefallen ist, haben wir keine Erinnerung mehr daran, bei welcher Kassiererin im Supermarkt wir unseren letzten Einkauf bezahlt haben. Wenn uns die Kassiererin jedoch deutlich zu wenig Wechselgeld zurückgegeben hätte und es zu einer längeren und lautstarken Auseinandersetzung gekommen wäre, dann würde sich eine Erinnerungsinsel bilden. Wir hätten dann noch nach Jahren eine Erinnerung an den Vorfall. Wir hätten ein inneres Bild, wüssten noch, wie wir uns gefühlt haben, wie die Auseinandersetzung verlief usw.

Erinnerungsinseln spiegeln bedeutende Lebensereignisse wider. Ungelöste Konflikte, kritische Lebensepisoden, Glücksmomente (wie beispielsweise der erste Kuss), wichtige Entscheidungssituationen und vieles mehr lässt die Zahl der Erinnerungsinseln anwachsen. Und es entstehen auch Brücken zwischen miteinander in Beziehung stehenden Ereignissen.

Wenn wir uns bei einer Rückbesinnung auf die Vergangenheit diesen Erinnerungsinseln annähern, können die erlebten Gefühle wieder zurückkommen, Der Film läuft wieder ab und kann, je nach Art des Ereignisses, Dankbarkeit, Freude, Zufriedenheit, aber auch Angst und vor allem Trauer auslösen.

Unsere Erinnerungen beeinflussen unser Selbstbild. Wie bei Franziska kann eine gefährliche Entwicklung einsetzen, wenn Erinnerungen den Blick auf das aktuelle Leben im Hier und Jetzt verstellen. Oft ist eine Endlosschleife oder Abwärtsspirale die Folge. Falsche Schlussfolgerungen wie etwa „Ständig mache ich schlechte Erfahrungen mit Männern und dieses Mal wird es nicht anders sein“, wirken sich prägend auf das Leben aus.

Menschen, die beispielsweise unter Beziehungsproblemen, Minderwertigkeitskomplexen oder gar Depressionen leiden, kommen typischerweise von alten Erfahrungen nicht los. Sie geraten immer wieder in gewohnte Verhaltensmuster. Es fällt ihnen schwer, neue Erfahrungen in ihr Selbstbild einzubinden.

Selbstvergebung

Es kann sehr hilfreich sein, therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn man merkt, dass man immer wieder in negative Endlosschleifen gerät. Sich aktiv mit Selbstvergebung zu beschäftigen, ist ein weiterer Weg, Lasten der Vergangenheit loslassen zu können.

Für Franziska war das Thema „Selbstvergebung“ ein Anstoß, sich von der Last zu befreien, sich für ihre Fehler der Vergangenheit immer wieder selbst zu bestrafen. Vergebung bricht den Zusammenhang zwischen Schuld und Sühne auf. Wenn Schuld vergeben wird, ist keine Sühne mehr erforderlich. In dem Moment, in dem sich Franziska selbst von Herzen vergeben kann, lässt sie ihre Last los.

Franziska kann Selbstvergebung mit einem Ritual verbinden. Sie könnte beispielsweise ihre Selbstvorwürfe zu Papier bringen und dieses Papier anschließend an einem besonderen Ort verbrennen. Damit schafft sie sich eine neue Erinnerungsinsel.

Zukunftssorgen können belasten

Hans-Joachim (nicht sein richtiger Name) ist besorgt, wenn er an die Zukunft denkt. Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Wird er im Alter ausreichende finanzielle Mittel haben, um seinen Lebensstandard halten zu können? Was ist, wenn sein Arbeitsplatz verloren geht und er altersbedingt keine adäquate Stelle mehr finden kann? Wird er gesund bleiben? Das sind nur einige der Fragen, die ihn immer wieder beschäftigen.

Wir empfinden eine Abhängigkeit von vielen Faktoren, auf die wir keinen Einfluss haben. Wird die Geldwertstabilität erhalten bleiben? Wird das Rentensystem stabil und finanzierbar bleiben? Wird die Wirtschaft weiterhin gut funktionieren? Das Gefühl, von anderen abhängig, ja ihnen gar ausgeliefert zu sein, ist nicht leicht zu ertragen.

Was lange Jahre als stabil und wohlstandsstützend galt, kann schnell infrage gestellt werden. Die Autoindustrie und der Bankensektor stehen für tiefgreifende Umwälzungen, die vor wenigen Jahren noch außerhalb jeglicher Vorstellung lagen. Viele Beschäftigte in diesen Branchen machen sich Gedanken, ob sie ihren Beruf bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber auch in Zukunft ausüben können oder ob ihr Name irgendwann auf einer Liste freizustellender Mitarbeiter erscheint.

Gedanken an die Zukunft lösen bei vielen Menschen konkrete Sorgen aus. Doch können Sorgen etwas an der Zukunft ändern? In manchen Bereichen ist dies möglich. Die Klimademonstrationen sind dafür ein Beispiel, wenn es gelingt, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung weltweit zu klimaschonendem Verhalten zu bewegen. In anderen Bereichen führen technische Veränderungen wie beispielsweise die Digitalisierung, zum Wegfall mancher Berufsbilder. Technischer Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.

An die Zukunft denken belastet viele Menschen mit Sorge. Kann es aber vernünftig sein, die Zukunft einfach auszublenden und bemüht sorglos in den Tag hinein zu leben? Das gesunde Maß ist gefragt: das tun, was heute, an diesem Tag, möglich ist.

Frieden in der Gegenwart? – eine Herausforderung

Wie kann in der Gegenwart zu leben gleichbedeutend mit „in Frieden leben“ sein? Für viele Menschen muss dieser Gedanke wie purer Hohn klingen.

Da ist die alleinerziehende Mutter, die von morgens bis abends schuftet und finanziell gerade so über die Runden kommt. Oder da ist eine von ihrem Ehemann wirtschaftlich abhängige Ehefrau, die entwürdigendes Verhalten ihres Ehemanns erduldet, weil sie sich dann doch nicht trennen möchte. Oder da ist der Lehrer, dem sein Beruf mittlerweile zuwider ist, für den aber ein Berufswechsel mit einem erheblichen wirtschaftlichen Risiko verbunden wäre. Und deshalb schleppt er sich bis zu seiner Pensionierung als Lehrer durch. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen.

Wie kann man in der Gegenwart in Frieden sein? Schon zu Laotses Zeiten gab es Unfrieden und Probleme, nur anders gelagert als heute. Laotse, wenn er denn wirklich existiert hat, lebte nicht in „Wolkenkuckucksheim“, sondern in seiner damaligen realen Welt.

Wahrscheinlich hatte Laotse das Leben „im Hier und Jetzt“ im Blick. Je mehr wir uns auf den Augenblick konzentrieren, je kleiner das Zeitfenster ist, das wir in den Blick nehmen, desto größer ist die Chance, Momente des Friedens zu erleben.

Die alleinerziehende Mutter erlebt vielleicht ein fröhliches Abendessen mit ihren Kindern. Die Kinder erzählen, was sie während des Tages erlebt haben und streiten einmal nicht miteinander. Die Stimmung ist harmonisch. Die Mutter freut sich über ihre Familie und die unwiederholbare Zeit, die sie gerade miteinander erleben. Vielleicht denkt die Mutter für einen Augenblick: „Im Moment ist alles gut. Jetzt gerade, jetzt in diesem Moment, fehlt nichts.“. In diesen Augenblicken kann zutreffen: „Wenn du in Frieden bist, lebst du in der Gegenwart.“. Und vielleicht entsteht eine Erinnerungsinsel.

Es sind die Momente im Hier und Jetzt, die zählen. Es ist möglich, solche Momente zu „erschaffen“. Da ist beispielsweise das Gespräch mit einer guten Freundin oder einem guten Freund, das guttut. Oder da ist der kurze Spaziergang. Man nimmt die Natur wahr und freut sich an ihr.

Aber wenn man beispielsweise niemand hat, mit der bzw. dem man reden kann? Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, die Telefonseelsorge anzurufen und mit einem Menschen über das zu sprechen, was einen gerade bewegt.

Ausbrechen ist möglich

Franziska kann aus ihren in die Vergangenheit gerichteten Gedanken ausbrechen. Sie kann ihren Blick immer wieder auf das Hier und Jetzt lenken. Dieses bewusste Erleben, auch als Achtsamkeit bezeichnet, lässt sich erlernen. Und so kann sie immer wieder Augenblicke erleben, in denen für sie alles stimmig ist.

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Dieter Jenz
Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.