Auch sich selbst hören zu können, ist eine Vorbedingung dafür, dass …

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„Auch sich selbst hören zu können, ist eine Vorbedingung dafür, dass man auf andere hören kann; bei sich selbst zu Hause zu sein ist die notwendige Voraussetzung, damit man sich zu anderen in Beziehung setzen kann.“

Erich Fromm
Auch sich selbst hören zu können ist eine Vorbedingung, E. Fromm - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Erich Fromm (1900-1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe. Er versuchte, psychologisches und soziologisches Denken zu verbinden. Für Fromm ist die Freiheit zentrales Kriterium der menschlichen Natur.

Sein Hauptinteresse galt der Erforschung der psychischen Voraussetzungen für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben. Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben ihn als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert.

Sich selbst nicht erleben – fehlt Lebenstiefe?

In seinem 1947 erschienenen Werk „Man for Himself – An Inquiry into the Psychology of Ethics” (deutscher Titel: „Psychoanalyse und Ethik – Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie), dem auch dieses Zitat entstammt, schrieb Erich Fromm: „Wir treffen heute Menschen, die wie Automaten handeln und fühlen. Sie erleben nie etwas, das wirklich ihre eigene Erfahrung ist; auch sich selbst erleben sie nur als die Person, die sie nach der Meinung anderer sein sollten; Lächeln hat das Lachen ersetzt, bedeutungsloses Geschwätz eine mitteilsame Unterhaltung, und stumpfe Verzweiflung ist an die Stelle echter Trauer getreten.“.

Was würde Erich Fromm wohl heute schreiben? Schließlich sind seitdem mehrere Jahrzehnte vergangen und in dieser Zeit ist sehr viel geschehen. Der technologische Fortschritt beeinflusste das menschliche Leben ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massiv. Insbesondere die „Digitale Revolution“ führte seit Ausgang des 20. Jahrhunderts zu einem Wandel in nahezu allen Lebensbereichen. Veränderungen in Wirtschafts- und Arbeitswelt, in Öffentlichkeit und Privatleben geschahen und geschehen in großer Geschwindigkeit. Kommunikationsverhalten, Sozialisationsprozesse und Sprachkultur erleben fortlaufend kleinere und größere Umbrüche, hin zu einem digital vernetzten Lebensstil.

Soziale Medien – Mittel zur Selbstentfremdung?

Seit Mitte der 1990-er Jahre gewinnen soziale Medien immer größere Bedeutung und sind aus der heutigen Lebensweilt nicht mehr wegzudenken. Nutzer sozialer Medien können sich im Internet miteinander vernetzen, sich untereinander austauschen und mediale Inhalte erstellen und weitergeben. Prinzipiell ist jeder Nutzer weltweit sichtbar und Mitteilungen können weltweit eingesehen werden, wobei sich jedoch durch entsprechende Einstellungen im Nutzerprofil die Sichtbarkeit einschränken lässt.

Heute nehmen soziale Medien bei vielen Menschen einen hohen Stellenwert im Alltag ein und sind fester Bestandteil ihres täglichen Lebens. Wenn man soziale Medien, wie beispielsweise Facebook, Instagram oder Twitter, intensiv nutzt, setzt man sich auch einem sozialen Vergleich aus. Andere Nutzer werden wahrgenommen, denen es vermeintlich sehr viel besser geht als einem selbst. Diese zeigen ihr Leben von der Sonnenseite. Doch wie lässt sich erkennen, ob die Außendarstellung anderer Menschen tatsächlich der Wirklichkeit entspricht? Beispielsweise können Profilbeschreibungen geschönt und Bilder nachbearbeitet sein. Leider ist der Unterschied zwischen Fassade und Wirklichkeit meist nicht erkennbar.

Beugt man sich einem Konformitätsdruck?

Mit der verstärkten Nutzung sozialer Medien geht auch die Gefahr einher, sich einer Art Konformitätsdruck zu unterwerfen. Wird Ansichten und Urteilen von Meinungsführern und Influencern ein höherer Stellenwert zugemessen als den eigenen? Ändert man in der Folge seine eigene Kommunikation und verliert dadurch Authentizität? Ist man dabei, Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, die eigenen Bedürfnisse jedoch zu vernachlässigen?

Wenn man diese Fragen mit einem „ja“ beantwortet, befindet man sich auf dem Weg, sich selbst zu verlieren. Man lässt sein Leben zu einem gewissen Teil fremdbestimmen. Und man ist bereit, mit dem Strom mitzuschwimmen und sich selbst nicht zu zeigen, beispielsweise durch eine konträre Meinung. Vielleicht ist man auf der Jagd nach „Likes“ und misst daran seine Bestätigung durch andere. Dabei hat man in Wirklichkeit seine tatsächliche Meinung vielleicht überhaupt nicht geäußert, sondern man hat etwas gepostet, was andere gerne hören möchten. In der Konsequenz hört man eher auf andere und weniger auf sich selbst. Man ist bei anderen, aber nicht bei sich selbst.

Entzieht man sich Zeiten des „bei-sich-seins“?

In Deutschland beträgt die durchschnittliche Nutzungsdauer von sozialen Netzwerken weit über eine Stunde pro Tag. Diese Zeit wird, wenn sie nicht anderweitig kompensiert wird, auf das „Aktivitätskonto“ gebucht, wie beispielsweise auch Zeiten beruflicher Tätigkeit. Das „Entspannungskonto“ kann ins Minus geraten, weil für Entspannung nicht mehr genügend Zeit bleibt. Der rhythmische Wechsel von Aktivität und Entspannung wird gestört.

Soziale Medien haben durchaus ihre positiven Seiten. Sie können aber auch zu einer Selbstentfremdung verleiten. Und man steht in der Gefahr, sich Zeit entziehen zu lassen, die man für sich selbst braucht, um produktiv sein zu können. Erich Fromm drückte es so aus: „Produktive Arbeit, produktive Liebe und produktives Denken sind nur dann möglich, wenn der Mensch auch ruhig und mit sich allein sein kann.“.

Was bedeutet es, sich selbst hören zu können?

Manchmal sind Geräusche oder Lärm so laut, dass man seine eigene Stimme nicht mehr hört. Möchte man sich mit jemandem sinnvoll unterhalten, muss man ein stilles Plätzchen suchen. Erst dann kann man in normaler Lautstärke miteinander sprechen und muss nicht befürchten, akustisch missverstanden zu werden.

Sinngemäß ganz ähnlich verhält es sich, wenn man auf sich selbst hören möchte. Man muss sich zurückziehen, damit man seine innere Stimme hören kann. Man muss ruhig mit sich allein sein können, bei sich selbst sein können, selbst wenn dies manchmal nur für kurze Zeit möglich ist.

Zeiten des Atemholens für Seele und Geist

Was Erich Fromm als wichtig erachtete, praktizierte er selbst. Er versuchte täglich, mit Hilfe von frühmorgendlichen Meditationsübungen von all dem frei zu werden, was ihn beschäftigte und umtrieb. Sein Ziel war es, einen Zustand zu erreichen, in dem er ein Gefühl von innerer Aktivität und Lebendigkeit wahrnahm.

Auch Albert Schweitzer, vielbeschäftigter „Urwald-Arzt“, empfahl, sich immer wieder Zeit für sich selbst zu nehmen. Er formulierte es so: „Suche Stunden der Sammlung, damit die Seele zu dir sprechen kann.“. Für ihn war es nicht mit wenigen Minuten getan, denn er wusste, dass die Seele nicht einfach „drauflossprudelt“. Manchmal mag es durchaus so sein, beispielsweise in Überlastungssituationen, wenn die Seele gewissermaßen schreit: „Es ist zu viel!“. Aber viel öfter regt sich die Seele leise.

Hören bedeutet zuhören – man kann nicht wirklich gleichzeitig hören und sprechen. Zuhören bedeutet auch, den anderen nicht sofort zu unterbrechen, sondern ihm Zeit zu geben, etwas auszudrücken, zu kommunizieren. Und sich selbst zuhören bedeutet, Regungen aus dem Innersten sich entfalten zu lassen.

Im Allgemeinen ist es hilfreich, sich von möglichen Störungen und Ablenkungen abzuschotten. Beispielsweise schafft ein Spaziergang in der Natur eine Distanz zum Alltag. Unabgelenkt fällt es leichter, sich selbst zu hören.

Außerdem fällt es auch leichter, zu unterscheiden, wer gerade spricht. Ist man es selbst oder sind es Anforderungen, Erwartungen oder Wünsche, durch die eine oder mehrere andere Personen sprechen? Manchmal sind es andere Menschen, die meinen zu wissen, was gut für einen ist. Will man ihnen zuhören?

Sensibilität entwickeln

Wenn man die Geduld aufbringt, sich selbst zu hören, entwickelt man auch die Sensibilität, auf andere zu hören. Das Gespür für Regungen des Anderen, ausgedrückt in Mimik, Lautstärke, Tonhöhe und Sprechrhythmus, wird geschärft. Man erfährt etwas über den Anderen, viel mehr als allein durch das Gesprochene.

Wenn man sich keine Zeit dafür nimmt, sich selbst zu hören, wie sollte man dann auf andere hören können? Ein solches Hören bliebe immer an der Oberfläche.

Was bedeutet es, bei sich selbst zu Hause zu sein?

Wenn man bei sich zu Hause in Haus oder Wohnung und alleine ist oder nur vertraute Personen um sich hat, kann man sich so geben, wie einem gerade zumute ist. Man kann sich von (s)einer Fassade lösen, die ansonsten oft notwendig ist. Vielleicht besteht im Unternehmen ein Dresscode, eine Kleiderordnung, und man muss aufgrund von Kundenkontakt formelle Kleidung tragen. In den eigenen vier Wänden kann man das tragen, was man selbst möchte. Zu Hause ist man von äußeren Zwängen frei. Man kann die Maske fallen lassen.

In der Geborgenheit der eigenen vier Wände kann man ehrlich und authentisch sein. Im übertragenen Sinn gilt das auch für die Seele. Man braucht sich selbst nichts vorzuspielen, achtet auch mehr auf seine Regungen: „Was tut mir gut?“, „Was brauche ich gerade?“, „Was kommt gerade zu kurz?“, „Worüber freue ich mich gerade?“, usw.

Mit anderen Menschen kann man sich auch in Beziehung setzen, wenn man nicht bei sich selbst zu Hause ist. Aber dann ist es eine oberflächliche Beziehung. Jede(r) trägt seine Maske. Wenn man jedoch bei sich selbst zu Hause ist, kann eine zwischenmenschliche Beziehung leichter an Tiefe gewinnen. Gegenseitig nimmt man Schwingungen und Resonanz wahr. Resonante Beziehungen basieren auf der gegenseitigen Wahrnehmung, dass man mit einer „echten“ Person spricht, nicht mit einer Fassade. Resonanzpartner empfinden Freude miteinander und aneinander.

Wie wirkt es sich auf die persönliche Ausstrahlung aus?

Wenn man bei sich selbst zu Hause sein kann, hat man sich schon intensiv mit sich selbst und seiner ganz persönlichen Geschichte beschäftigt. Man hat sich selbst schon entdeckt, und das kann durchaus anstrengend und schmerzhaft sein. Bildlich gesprochen hat man in seiner Seele aufgeräumt oder hat zumindest damit angefangen.

Bei sich selbst zu Hause sein, wenn das Zuhause unordentlich ist? Wenn man jemand besucht und es dort unaufgeräumt und unordentlich ist, fühlt man sich nicht besonders wohl. Man zieht Rückschlüsse auf den oder die Bewohner und die gefühlsmäßige Bewertung fällt nicht sonderlich positiv aus. Wie denkt man über sich selbst, wenn die eigene Seele (noch) nicht aufgeräumt ist?

Eine aufgeräumte Seele lädt dazu ein, bei sich selbst zu Hause zu sein. Man kennt sich selbst mit allen seinen Stärken und Schwächen. Und man hat sich selbst zutiefst angenommen. Auch andere Menschen kann man annehmen wie sie sind. Diese innere Aufgeräumtheit strahlt nach außen. Edith Stein drückte es so aus: „Je gesammelter ein Mensch im Innersten seiner Seele lebt, umso stärker ist seine Ausstrahlung, die von ihm ausgeht und andere in seinen Bann zieht.“.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.