Da wo Liebe ist, ist der Sinn des Lebens erfüllt. – Dietrich Bonhoeffer

Home » Ermutigung und Inspiration » Da wo Liebe ist, ist der Sinn des Lebens erfüllt. – Dietrich Bonhoeffer

„Da wo Liebe ist, ist der Sinn des Lebens erfüllt.“

Dietrich Bonhoeffer
Da wo Liebe ist, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein deutscher Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christen, und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Was haben Liebe und Sinn des Lebens miteinander zu tun?

Über die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ wurde und wird viel und intensiv nachgedacht. Für die Philosophen der Antike bestand der Sinn des Lebens darin, eine Art von Glückseligkeit durch eine gelungene Lebensführung zu erlangen. Der Begriff „Eudaimonia“ geht auf Aristoteles zurück und bedeutet in freier Übersetzung so etwas wie „in Übereinstimmung mit meinem wahren Selbst leben und mein Potenzial erfüllen“.

Letzten Endes muss jeder für sich eine individuelle Antwort auf diese komplexe Frage finden. Ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Antwort kann die Frage sein: „Was ist sinnstiftend für mein Leben?“ Auch diese Frage lässt sich nur individuell beantworten. Dennoch werden sich bei den meisten Menschen einige Teilantworten überdecken. Wahrscheinlich werden viele an Folgendes denken: Beruf, Familie, Freunde, Hobby und soziales Engagement.

Vielleicht denkt man zunächst nicht an Liebe. Aber ist Liebe nicht zutiefst sinnstiftend? Dabei ist nicht nur an die Liebe zwischen zwei Menschen gedacht, sondern ganz allgemein an Liebe zwischen Menschen. Zum einen geht es um selbst geliebt zu werden, zum anderen um selbst zu lieben.

Man kann auch etwas mit Liebe tun. Vielleicht kommen einem Redewendungen, wie beispielsweise „der Tisch wurde mit Liebe gedeckt“ oder „der Blumenstrauß wurde liebevoll gebunden“, bekannt vor. Es wird sichtbar und wahrnehmbar, wenn etwas mit Liebe getan wird. Und es bleibt nicht unbeachtet.

Wenn Liebe sinnstiftend ist, haben Liebe und der Sinn des Lebens etwas miteinander zu tun. Dann ist Liebe eine der ganz praktischen Ausprägungen des Lebenssinns.

Das Gefühl, geliebt zu werden, lässt sich natürlich nur erleben, wenn jemand da ist, der einen liebt. Und selbst Liebe zu geben lässt sich auch nicht ohne andere Menschen denken. Liebe setzt Beziehung voraus.

Liebe – ein menschliches Grundbedürfnis

Dass Liebe und Zuneigung zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählen, stellt wohl niemand ernsthaft infrage. Wenn Liebe und Zuneigung schon im Kleinkindalter vorenthalten wurden, bleibt dies bei den meisten Menschen nicht ohne schwerwiegende Langfristfolgen. Negative Selbstwahrnehmung, Unsicherheit, Angst vor Zurückweisung, anderen Menschen nicht vertrauen können und schwach entwickelte soziale Fähigkeiten sind nur einige der Symptome, die sich in unterschiedlich starker Ausprägung zeigen können.

Was ein Kind im Kleinkindalter erlebte und von Vater und/oder Mutter hörte, wird nie wieder vergessen. Da ist beispielsweise die Frau, die in ihrer Jugendzeit von ihren Eltern erfuhr, dass sie nicht gewollt war. Der Abtreibungsversuch schlug fehl. Die Eltern empfanden das Kind als Fremdkörper, wollten es nicht und behandelten es entsprechend. Das Kind empfand sich als lediglich geduldet und gab sich sogar gewissermaßen die Schuld dafür, dass es existierte. Es verwundert nicht, dass die Frau auch noch im reiferen Erwachsenenalter unter der mangelnden Liebe und Zuneigung litt. Ihr ganzes Leben war von diesem Mangel an Liebe und Zuneigung überschattet. Welche Schuld laden Eltern auf sich, die ihrem Kind Liebe und Zuneigung vorenthalten?

„Du bist es wert, geliebt zu werden“, so sollte jeder Mensch von früher Kindheit an empfinden. Dann kann er sich auch selbst annehmen und lieben, eine notwendige Voraussetzung, um auch andere Menschen lieben zu können. Wenn man andererseits nur andere Menschen lieben kann, nicht aber sich selbst, dann kann man überhaupt nicht lieben. So drückte es der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ aus.

Wie kann der Sinn des Lebens erfüllt werden?

Für Dietrich Bonhoeffer trifft sich seine Verwurzelung im christlichen Glauben mit der Sinnfrage. Als Theologe kannte er natürlich Aussagen in der Bibel zum Thema „Liebe“. Ihm war vertraut, was Jesus Christus auf die Frage, was denn das wichtigste Gebot im jüdischen Gesetz sei, antwortete: Gott von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe und mit ganzem Verstand. Und ihm war auch vertraut, dass Jesus Christus ein zweites als ebenso wichtig erklärte: „Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!“ (siehe Bibel, Neues Testament, Matthäus 22, 36-40). Mit diesen beiden Geboten, so Jesus Christus, sei alles Geforderte gesagt.

Wenn im christlichen Glauben die Liebe als derart wichtig angesehen wird, liegt es nahe, Liebe und Lebenssinn, Sinn des Lebens, miteinander in Beziehung zu setzen. Liebe wäre demnach ein Ankerzentrum des Lebens. Es gäbe nicht das „bewirtschaftete“ Leben, das sich hauptsächlich um die Dinge des täglichen Lebens, die Erhaltung der Existenz mit Geldverdienen, Wohlstandsfürsorge usw. dreht, und die Liebe zu Gott und den Mitmenschen als ein Extra sieht.

Im Leben wäre täglich erfahrbar, dass man geliebt wird, und man würde selbst „Liebesspender“ sein, damit andere erfahren können, dass sie geliebt werden. Nächstenliebe soll und darf gewiss nicht einfach alles zudecken und sie hat ihre Grenzen. Beispielsweise muss Fehlverhalten benannt werden. Und Nächstenliebe darf einen auch selbst nicht kräftemäßig überfordern. Dennoch ändert dies nichts an der sinnstiftenden Kraft der Liebe.

Weshalb nicht nur sinnvoll, sondern sinnstiftend?

Wenn etwas sinnvoll ist, dann hat es eine Bedeutung oder einen Nutzen und ist nicht vergeblich. Beispielsweise ist es sinnvoll, die Wohnung oder das Haus sauber zu halten. Diese Aufgabe hat einen Nutzen und ist nicht vergeblich. Sie ist jedoch nicht sinnstiftend, denn sie steht mit dem Sinn des Lebens in keinerlei Beziehung. Wohl niemand ist der Auffassung, dass es Sinn des Lebens ist, Wohnung oder Haus sauber zu halten.

Liebe ist beides: sinnvoll und sinnstiftend. Sie ist sinnvoll, da sie eine Bedeutung oder einen Nutzen für andere hat und nicht vergeblich ist. Und Liebe ist auch sinnstiftend, denn sie gibt dem Leben einen Sinn. Wenn man sinnstiftend tätig ist, findet man in dem was man tut Erfüllung und weiß um die Bedeutung dessen, was man tut.

Der Aspekt der sinnstiftenden Liebe wird noch dadurch verstärkt, dass man einen großen Freiraum hat, wie man Liebe konkret ausdrücken will. Man kann selbst gestalten, persönliche Werte ausleben und sich in gewisser Weise selbst verwirklichen. Man kann seine Individualität, Fähigkeiten, Kompetenzen, Kreativität und sein Wissen zur Geltung bringen. Und in seiner Individualität ist man einzigartig und nicht austauschbar.

Wie lässt sich sinnstiftende Liebe umsetzen?

Die Frage, wie sich sinnstiftende Liebe ganz praktisch umsetzen lässt, kann nicht allgemein beantwortet werden. Jeder Mensch wird auf Basis seiner Vorlieben, Neigungen, Fähigkeiten und Kompetenzen seine ganz individuellen Möglichkeiten finden.

In Geschichte und Gegenwart lebten und leben unzählige Menschen ihre ganz individuelle Version einer sinnstiftenden Liebe. Zwei Beispiele seien herausgegriffen und kurz skizziert.

Adolph Kolping

Da ist beispielsweise Adolph Kolping, ein katholischer Priester, dem im Deutschland des 19. Jahrhunderts die soziale Frage ein großes Anliegen war. Als Schuhmachergeselle war er selbst Handwerker und nahm die oft menschenunwürdigen Lebensbedingungen und Lebensweisen vieler auf Wanderschaft befindlicher Handwerksgesellen wahr.

In Adolph Kolping erwuchs der Wunsch, sich weiterzubilden und Priester zu werden. Nach Theologiestudium und Priesterweihe trat er seine erste Stelle in Elberfeld als Kaplan und Religionslehrer an. Elberfeld war von der vehement einsetzenden Industrialisierung geprägt. Die nahezu ungebremste Dynamik der industriellen Entwicklung führte zu massiven sozialen Problemen.

Nach seiner Versetzung nach Köln gründete Adolph Kolping im Jahr 1850 den Kölner Gesellenverein, der wandernden Handwerksgesellen einen ähnlichen Halt geben sollte, wie ihn nach seiner Überzeugung nur die Familie bieten konnte. Gesellenhäuser boten nicht nur Unterkunft, sondern auch Schule. Damit war es den durchreisenden Handwerksgesellen möglich, sich fachlich, politisch und religiös zu bilden.

Der Gesellenverein erfuhr regen Zulauf. Wandernde Handwerksgesellen trugen die Vereinsidee von Adolph Kolping weiter und in die Welt hinaus. Die katholischen Gesellenvereine erlangten eine größere Verbreitung und gewannen eine große soziale Bedeutung. Heute zählt das daraus hervorgegangene Kolpingwerk zu den großen Sozialwerken der Katholischen Kirche.

Die Telefonseelsorgerin

Da ist beispielsweise die Telefonseelsorgerin. Sie sei Tina genannt, denn ihr wirklicher Name muss unbekannt bleiben. Ihr ist es ein Anliegen, dass Menschen jemanden haben, an den sie sich unter dem Schutz von Vertraulichkeit und Anonymität bei ganz persönlichen Fragen und Problemen wenden können. Und so wurde sie ehrenamtliche Mitarbeiterin bei einer Telefonseelsorgestelle in Deutschland.

Tina weiß, dass es vielen Menschen in der heutigen Gesellschaft an einem geduldigen und verständnisvollen Zuhörer fehlt. Sie haben niemand, an den sie sich wenden können, wenn sie für sich etwas klären möchten, das sie zutiefst bewegt. Oder sie möchten sich an niemand aus ihrem inneren sozialen Umfeld wenden, weil sie beispielsweise die Erfahrung gebrochenen Vertrauens gemacht haben. Oder sie haben ganz einfach etwas auf dem Herzen, worüber sie sprechen möchten.

Für diese Menschen möchte Tina etwas von ihrer Zeit schenken und eine Zuhörerin sein, die jedoch nicht nur zuhört, sondern, wenn gewünscht, auch eine andere Perspektive mit einbringt. Manchmal beschäftigt ein Problem derart, dass man keinen Ausweg mehr sieht. Aber die andere Perspektive kann einen gangbaren Weg zeigen, den man bisher selbst noch nicht gesehen hat.

Tina sieht sich bei der Telefonseelsorge am für sie richtigen Platz, denn hier kann sie ihre ganz individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen. Sie bildet sich kontinuierlich weiter, um Anruferinnen und Anrufern eine kompetente Ansprechpartnerin zu sein. Ihren zeitlichen Möglichkeiten entsprechend trägt sie sich in den Besetzungsplan ein.

Kann, nicht Muss!

Adolph Kolpings Leben hätte auch anders verlaufen können. Niemand hatte von ihm gefordert, sich um wandernde Handwerkgesellen zu kümmern. Er wollte es so und entschied sich aus freien Stücken dafür. Und auch Tina hätte in ihrem ganz normalen Leben genug zu tun. Bei beiden war es wohl eine Entscheidung des Herzens, die Liebe zum Mitmenschen als sinnstiftend wirksam werden zu lassen.

Liebe schenkt sich und ist strikt an Freiwilligkeit gebunden. Sie lässt sich nicht erzwingen. Liebe unter Zwang wäre keine Liebe (mehr). Sie wäre auch nicht mehr sinnstiftend und man könnte in dem was man unter Zwang tut, keine wirkliche Erfüllung finden. Da wo sich Liebe freiwillig schenken will und schenkt, gibt man dem Leben einen Sinn.

Alle Zitate von Dietrich Bonhoeffer
In der Dankbarkeit gewinne ich, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Jedes Werden in der Natur, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Im normalen Leben wird einem, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Die Liebe will nichts, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Wird geladen...
Zitate nach Quellen
Zitate-Suche *

* Sie können nach Text suchen, der in Zitaten vorkommt (Beispiele: „Glück“, „hoff“)

Außerdem interessant:

Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.