Im normalen Leben wird einem oft gar nicht bewusst …

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„Im normalen Leben wird einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht.“

Dietrich Bonhoeffer
Im normalen Leben wird einem, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein deutscher Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christen, und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Aus der Bahn des Lebens geworfen

Diese Zeilen schrieb Dietrich Bonhoeffer im September 1943 in einem Brief an seine Eltern Karl und Paula Bonhoeffer. Seit April 1943 war er inhaftiert und blieb es bis zu seiner Hinrichtung im April 1945. Er war gewissermaßen aus der Bahn des Lebens geworfen worden.

In den letzten Jahren seines Lebens lebte Dietrich Bonhoeffer in einer Zeit des Mangels. Sein Lebensraum war eine Gefängniszelle, nur wenige Quadratmeter groß. Alle seine Lebensaktivitäten ließen sich leicht kontrollieren. Er bekam gerade einmal das Lebensnotwendige, Nahrung und Kleidung.

In der Zeit des Mangels wird man unweigerlich an die besseren Tage erinnert. Schmerzlich wird bewusst, was man alles nicht mehr hat, was man verloren hat.

Was war das normale Leben für Dietrich Bonhoeffer?

Was war für Dietrich Bonhoeffer das normale Leben? Ein gewisser Einblick lässt sich gewinnen, wenn man die familiären und verwandtschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Welche Menschen standen ihm nahe?

Des Weiteren lässt sich ein gewisser Einblick über seine persönliche Biographie und die Menschen, mit denen er zu tun hatte, erlangen. Aber betrachtete er sein Leben als ein normales Leben?

Familie und Verwandtschaft

Dietrich Bonhoeffer wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Sein Vater, der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer, wurde zum Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin berufen. Er war zudem Direktor der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten der Charité in Berlin. Seine Mutter, Paula Bonhoeffer (geb. von Hase), hatte das „Lehrerinnenexamen für höhere Mädchenschulen“ erfolgreich absolviert, was seinerzeit sehr ungewöhnlich war.

In der Familie und in der weit verzweigten Verwandtschaft waren verantwortungsvolle und einflussreiche Positionen gewissermaßen Normalität. Es würde definitiv zu weit führen, die familiären und verwandtschaftlichen Beziehungen vollständig auszuleuchten. Einige kurze Streiflichter vermitteln jedoch einen Eindruck davon, in welchem Umfeld sich Dietrich Bonhoeffer bewegte und wie für ihn das „normale Leben“ ausgesehen haben könnte.

Dietrich Bonhoeffers ältester Bruder Karl-Friedrich war Professor für physikalische Chemie und ab 1949 Direktor des Instituts für Physikalische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen. Walter, sein zweitältester Bruder, fiel 1918 im Ersten Weltkrieg. Sein ebenfalls älterer Bruder Klaus arbeitete als Rechtsanwalt und war ab 1935 Chefjustitiar der deutschen Lufthansa. Klaus war ebenfalls am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt und wurde kurz vor Kriegsende hingerichtet.

Seine älteste Schwester Ursula war mit Rüdiger Schleicher verheiratet, während der NS-Zeit Leiter der Rechtsabteilung im Reichsluftfahrtministerium und des Instituts für Luftrecht an der Berliner Universität. Seine zweitälteste Schwester Christine war mit Hans von Dohnanyi verheiratet. Dieser war während der NS-Zeit Leiter der politischen Abteilung im Stab des Admirals Canaris, der für die Abwehr zuständig war. Seine Zwillingsschwester Sabine war mit Gerhard Leibholz, seit 1931 Ordinarius für Staatsrecht an der Universität Göttingen, verheiratet. Beide flohen vor Kriegsbeginn nach England, nachdem Gerhard Leibholz als Juden das Betreten der Universität untersagt worden war. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik war er ab 1951 für viele Jahre als Bundesrichter am Bundesverfassungsgericht tätig. Seine jüngere Schwester Susanne war mit dem Theologen Walter Dress verheiratet, dem an der Berliner Universität auf Grund des sog. Kommunistenparagraphen die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Nach Kriegsende wurde er wieder an die Universität auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte berufen.

Ein Onkel mütterlicherseits war Paul von Hase, Berufssoldat und ab 1940 Stadtkommandant von Berlin. Generalleutnant von Hase ließ am 20. Juli 1944, gleich nach dem (versuchten) Attentat auf Hitler, mit seinen Truppen das Regierungsviertel in Berlin abriegeln, um die Regierungsmitglieder zu verhaften. Er wurde nach dem gescheiterten Attentat noch am Abend dieses Tages verhaftet und einige Tage später hingerichtet.

Der Eindruck entsteht, dass sich Dietrich Bonhoeffer, was Familie und Verwandtschaft anbelangt, durchaus in gehobenen Kreisen bewegte. Die Bezeichnung der Familie Bonhoeffer als „Gelehrtenfamilie“ ist sicherlich nicht unzutreffend.

Lebensstationen und Menschen im Umfeld

Nach dem im Alter von 17 Jahren bestandenen Abitur begann Dietrich Bonhoeffer sein Theologiestudium in Tübingen. 1924 unternahm er zusammen mit seinem Bruder Klaus eine Reise nach Rom und setzte nach der Rückkehr sein Studium in Berlin fort.

Nach Abschluss seines Studiums verbrachte Dietrich Bonhoeffer ein Jahr als Vikar in der deutschen Gemeinde in Barcelona. Zurück in Berlin widmete er sich wieder der wissenschaftlichen Arbeit, bestand 1930 sein Zweites Theologisches Examen und habilitierte sich. Da er aufgrund seines damals noch zu geringen Alters keine Pfarrstelle übernehmen konnte, reiste er in die USA und belegte in New York ein Studienjahr.

Die Machtergreifung Adolf Hitlers Ende Januar 1933 führte zu einschneidenden Veränderungen im Leben Bonhoeffers. Von Beginn an stand er in der kirchlichen Opposition. Im Oktober 1933 übernahm Bonhoeffer ein deutsches Auslandspfarramt in London und suchte dort auch Kontakte zur Ökumene. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1935 übernahm er für die Bekennende Kirche die Ausbildung angehender Pastoren.

Über seinen Schwager Hans von Dohnanyi ergaben sich erste Kontakte zur Widerstandsbewegung um Militärs, wie vor allem Wilhelm Canaris, Hans Oster und Ludwig Beck. Dietrich Bonhoeffer schloss sich diesem Widerstandskreis an, begab sich aber in den Dienst des NS-Staats und war für die Abwehr tätig.

Im März 1943 unternahmen Angehörige der Gruppe um Admiral Canaris, Generalmajor Oster und seinen älteren Bruder Klaus Anschläge auf Adolf Hitler, die allesamt fehlschlugen. Dietrich Bonhoeffer geriet durch seine konspirative Tätigkeit immer mehr in das Fahndungsnetz der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und wurde schließlich am 5. April 1943 verhaftet und inhaftiert.

Dietrich Bonhoeffer begegnete sehr vielen Menschen, die teilweise sehr einflussreiche Positionen bekleideten. Dazu zählten unter anderem Karl Barth, Schweizer evangelisch-reformierter Theologe, George Kennedy Allen Bell, Bischof der Church of England (Anglikaner) und führender Vertreter der Ökumene, und natürlich auch die teils hochrangigen Mitglieder des Widerstands, die sich gelegentlich im elterlichen Haus trafen.

Was ist heute das „normale Leben“ – Gibt es überhaupt ein normales Leben?

Für Dietrich Bonhoeffer bestand das „normale Leben“ zu einem bedeutenden Teil in der Auseinandersetzung mit einem Regime, das es aus seiner Sicht zu beseitigen galt. Im Gegensatz dazu gestaltete sich beispielsweise das Leben eines damaligen Berliner Industriearbeiters völlig anders.

Vorstellungen und Realitäten eines „normalen Lebens“ unterscheiden sich sehr stark. In Deutschland sind sie völlig anders als beispielsweise in einem zentralafrikanischen Land. Es gibt noch viele weitere Unterschiede: zwischen Stadt und Land, zwischen berufstätig und nicht-berufstätig, zwischen gesund und krank, zwischen arm und reich, usw. Eine gemeinsame, gewissermaßen „normierte“ Vorstellung eines „normalen Lebens“ kann es nicht geben.

Davon abgesehen stellt sich die Frage: Wer könnte überhaupt beurteilen, was als „normales Leben“ anzusehen ist? Es gibt die eine Sicht, wie eine Person ihr Leben selbst sieht, und es gibt die andere Sicht, die Sicht von außen, wie andere das Leben einer Person wahrnehmen. Man mag beispielsweise sein Leben selbst als „normales Leben“ einstufen, während andere dies keineswegs als „normales Leben“ betrachten.

Das „normale Leben“ kann es nicht geben. Aber es gibt die Routine des Alltags, und diese ist es wohl, die Dietrich Bonhoeffer meinte. So ausgedrückt, liest es sich so: „In der Routine des Alltags wird einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt …“.

Das Ungleichgewicht von Empfangen und Geben bewusstmachen

Vielleicht sieht man sich auf der Schattenseite des Lebens. Anderen geht es ja so viel besser, so meint man. Sie haben mehr Geld, eine schönere Wohnung, mehr Freizeit und … Dazu kommt vielleicht, dass man mehr einsetzt und gibt als Andere, aber trotzdem zu kurz kommt. Man strampelt sich ab und kommt doch zu nichts. Das mag die empfundene Realität sein, die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite der Medaille existiert jedoch auch. Auf der Habenseite des Lebens stehen beispielsweise das Dach über dem Kopf, genügend zu essen, körperliche und seelische Gesundheit, ausreichendes Einkommen, Freunde, die einen wertschätzen und denen man vertrauen kann, Freiheit und … In der Tat gibt es unendlich vieles, was man empfängt, manches durch eigene Arbeit und manches auch völlig ohne eigenen Einsatz.

Am Dankbarsten ist man sicherlich, wenn man überhaupt nichts als selbstverständlich erachtet. Und bei genauer Betrachtung ist tatsächlich nichts selbstverständlich. Gesundheit ist nicht selbstverständlich, die demokratische Grundordnung ist es nicht, wirtschaftlicher Wohlstand ist es nicht usw. Urplötzlich kann man, selbstverschuldet oder nicht, in eine schwierige Situation geraten. Der Verlust des Arbeitsplatzes, der Herzinfarkt, der plötzliche Tod eines nahestehenden Menschen, was immer es sei, kann das Leben aus den Fugen geraten lassen.

Was möchte man sehen?

Man kann nur den Augenblick „besitzen“, mehr nicht. Die Zukunft hat niemand unter Kontrolle. Im Hier und Jetzt kann man ein Experiment machen: Man setzt sich bewusst die „Dankbarkeitsbrille“ auf und überlegt sich, was man gerade im Leben alles an nicht Selbstverständlichem empfängt. Die Chance, dass man tiefe Dankbarkeit empfindet, ist sehr hoch.

Möchte man in der Routine des Alltags bewusst sehen bzw. wahrnehmen, dass man überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als man gibt? Oder möchte man einfach darüber hinweggehen? Wenn man das Positive bewusst wahrnehmen möchte, lässt sich das Leben sehr viel besser bewältigen. Die positive Wirkung der Dankbarkeit wurde ausgiebig erforscht. Unter anderem wurden positive Auswirkungen auf das Immunsystem nachgewiesen.

Für Dietrich Bonhoeffer hat Dankbarkeit noch einen weiteren Aspekt: Dankbarkeit macht das Leben erst reich.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.