In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis …

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„In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit. In ihr wird das Vergangene fruchtbar für die Gegenwart.“

Dietrich Bonhoeffer
In der Dankbarkeit gewinne ich, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein deutscher Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christen, und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Wie werden Weichen in der Kindheit gestellt?

Stefan (Name geändert) denkt dankbar an seine Kindheit zurück. Er wuchs in einem kleinen Dorf auf. Seine Eltern und seine Großeltern väterlicherseits lebten im selben Haus. Die Großeltern mütterlicherseits wohnten nur wenige hundert Meter entfernt. Mit seinem jüngeren Bruder teilte er sich ein Zimmer. In seiner Familie fühlte er sich geborgen.

Für seine unbeschwerte Kindheit ist Stefan sehr dankbar. Diese Dankbarkeit wird auch nicht dadurch getrübt, dass er mit seinem Vater nicht gut zurechtkam. Von ihm fühlte er sich nicht geliebt und wertgeschätzt. Aber neben seiner Mutter waren auch seine Großeltern da, bei denen er sich liebevoll angenommen fühlte.

Birgit (Name geändert) blickt hingegen alles andere als dankbar auf ihre Kindheit zurück. Von ihrem Vater wurde sie missbraucht. So sehr hätte sie sich gewünscht, dass ihre Mutter einschreitet, aber sie schwieg.

Noch heute, längst eine Frau in fortgeschrittenem Alter, leidet Birgit unter den seelischen Verletzungen in der Kindheit. Ihre Beziehung zu Männern war lange Jahre gestört und so kam es nicht zu einer dauerhaften Liebesbeziehung mit einem Partner. Es blieb ihr versagt, eine Familie zu gründen.

Stefan und Birgit stehen stellvertretend für Menschen, die ganz unterschiedlich auf ihre Vergangenheit, insbesondere die Kindheit, zurückblicken. Während Stefan eher Rückenwind für seine weitere Entwicklung spürte, erlebte Birgit Gegenwind.

Dankbarkeit für die Vergangenheit?

Es sind beileibe nicht nur wenige Menschen, die, wie Birgit, auf ihr bisheriges Leben zurückschauen und keineswegs dankbar sind. Sie erlebten als Kind vielleicht Vernachlässigung, Missbrauch, materielle Armut oder Vertrauensbruch. Solche Erlebnisse können das Leben tiefgreifend prägen und sich über viele Jahre hinweg als schwere Lebenshypothek erweisen.

Manche setzten schon früh alles daran, aus dem Elternhaus auszuziehen und ihrer Familie zu entfliehen. Das, was ein Zuhause war, war für sie kein emotionales Zuhause mit positiv besetzten emotionalen Bindungen. Sie hatten einen schwereren Start ins Leben.

Auf der anderen Seite stehen Menschen, die, wie Dietrich Bonhoeffer und auch Stefan, auf eine insgesamt glückliche Kindheit zurückblicken können. Sie erlebten Rückenwind, der sie auch in ihrem weiteren Leben begünstigte. Es fiel ihnen leichter, gute Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, Familien zu gründen, beruflich Fuß zu fassen usw. Vielleicht konnten sie ihr bisheriges Leben sogar überwiegend auf der Sonnenseite verbringen. Jedenfalls können sie mit Dankbarkeit auf das bisherige Leben schauen.

Was ist das rechte Verhältnis zur Vergangenheit?

Angenommen, man würde sich einige Minuten Zeit nehmen und sein bisheriges Leben an sich vorüberziehen lassen, von frühester Kindheit bis heute. Könnte man Anlässe finden, dankbar zu sein? Oder könnte man im Gegenteil sogar überhaupt keinen einzigen Grund finden, für irgendetwas dankbar zu sein?

Alles selbst verdient – oder doch nicht?

Wohl die allermeisten Menschen finden beim Zurückblicken durchaus viele und ganz unterschiedliche Gründe für Dankbarkeit. Vielleicht hat jemand ein gutes Wort für einen eingelegt und man konnte davon profitieren. Vielleicht hat einem jemand, von dem man es überhaupt nicht erwartet hätte, in einer schwierigen Situation Hoffnung gegeben. Oder vielleicht hat sich eine schwierige Situation zum Guten gewendet, ohne dass man eine eindeutige Ursache dafür erkennen kann. Anlässe und Gründe für Dankbarkeit gibt es viele.

Waren es ausschließlich die eigenen Leistungen oder die erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen, die einen dahin gebracht haben, wo man heute steht? Oder waren nicht oft auch andere Menschen in der ein oder anderen Form begünstigend beteiligt? Und war nicht vieles ganz einfach ein Geschenk, indem sich Dinge gefügt haben?

„Alle nicht entstellte Beziehung ist ein Schenken“, so drückte es der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno aus. Echte zwischenmenschliche Beziehungen und auch die wahre Liebe sind nicht käuflich. Zuneigung, Freundschaft und Liebe sind freiwillig. Sie sind ein Geschenk – für das man in der Konsequenz dann auch dankbar sein kann.

Hätte nicht im bisherigen Leben manches auch ganz anders kommen können? Vielleicht erzwang die Insolvenz des Arbeitgebers eine Umorientierung. Man musste eine neue Arbeitsstelle suchen und dabei entdeckte einen neuen beruflichen Weg, mit dem man jetzt viel zufriedener ist als vorher. Was zunächst wie ein großes Unheil erschien, stellte sich im Nachhinein als positiv und richtig heraus. Oder vielleicht zerbrach eine Liebesbeziehung. Man musste einen Menschen gehen lassen, aber später lernte man wieder jemand kennen und daraus entwickelte sich eine neue Liebesbeziehung, welche die frühere an Tiefe übertrifft. Wenn etwas nicht so gekommen ist, wie man gedacht, gehofft, erwartet hat, sondern etwas Besseres kam, ist auch dies ein Grund für Dankbarkeit.

Erkennen führt zu Dankbarkeit

Wenn man den Blick auf das bisherige Leben zurückschweifen lässt, geschieht ein Erkennen, dem in der Konsequenz die Dankbarkeit folgt. Oder im Umkehrschluss ausgedrückt: das Erkennen geht der Dankbarkeit voraus.

Was geschieht jedoch, wenn man in der Rückschau auf das bisherige Leben überhaupt nichts erkennt und deshalb auch für nichts dankbar zu sein braucht? Wenn man für nichts dankbar ist, hat man in seinem ganzen Leben nie auch nur ein einziges Geschenk erhalten. Alles hat man sich durch eigene Leistung verdient, und darauf kann man natürlich stolz sein! Auf die eigenen Leistungen und auch die erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen darf man sich dann auch etwas einbilden. Und auch die Beziehungen zu anderen Menschen sind dann in gewisser Weise „erworben“. Sie sind entstellt.

Es gibt wohl auf der ganzen Welt niemand, der in seinem Leben überhaupt nichts finden kann, das der Dankbarkeit wert ist. Selbst Menschen, die schon in ihrer Kindheit Schlimmes erfahren mussten, erkennen etwas, wofür sie dankbar sein können. Insofern ist Dankbarkeit ein Schlüssel, um ein realistisches Verhältnis zur Vergangenheit zu gewinnen.

Absolute Undankbarkeit wäre hingegen nicht nur unrealistisch, sondern auch eine Schwäche. Johann Wolfgang von Goethe formulierte es so: „Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, dass tüchtige Menschen undankbar gewesen wären.“.

Wie wird Vergangenes fruchtbar für die Gegenwart?

Dankbarkeit bringt vergangenes Erleben wieder in die Gegenwart zurück. Stefan ist sehr dankbar für all die Menschen aus seinem näheren und weiteren Umfeld, die ihn einfach so annahmen, wie er war. Er erinnert sich an gemeinsame Erlebnisse und dabei kommen in ihm angenehme Gefühle der Verbundenheit und Wertschätzung hoch.

Stefan wird auch bewusst, dass er anderen Menschen viel zu verdanken hat. Manches in seinem Leben hätte auch ganz anders kommen können. Dies bewahrt ihn auch davor, alles seiner eigenen Leistung, seinem eigenen Können zuzuschreiben und sich darauf etwas einzubilden. Auf manches kann und darf er durchaus stolz sein, aber beileibe nicht auf alles. Vieles wurde ihm geschenkt, insbesondere auch manche zwischenmenschlichen Beziehungen.

Selbst die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen sind aus Stefans Sicht ein Geschenk. Zwar ist durch die elterlichen Gene vieles in ihm angelegt, aber es wurde ihm gegeben. Was in ihm angelegt ist, hat er nicht selbst „gemacht“. Er konnte darauf „aufbauen“ und seine Fähigkeiten und Kompetenzen weiterentwickeln.

Das Leben gewinnt an Ausstrahlung und Tiefe

Durch Dankbarkeit gewinnt das Leben an Tiefe. Und es gewinnt an Ausstrahlung. Es strahlt mehr Gelassenheit, Offenheit und eine gewisse Demut aus. Was würde im Gegensatz dazu ein zutiefst undankbarer Mensch ausstrahlen? Wäre es nicht Verbissenheit, Eingebildetheit, Verschlossenheit und Stolz? Und wäre ein undankbarer Mensch nicht in gewisser Weise für andere unerreichbar und in der Konsequenz einsam?

Dankbarkeit sucht den Geber

Als Theologe erweitert Dietrich Bonhoeffer den Gesichtskreis und verankert Dankbarkeit in Gott. Er argumentiert, dass Dankbarkeit über der Gabe den Geber (Gott) sucht. Dankbarkeit entspringe, so Bonhoeffer, nicht aus dem Vermögen des eigenen Herzens, sondern aus dem Wort Gottes. Dankbarkeit sei etwas, was gelernt und geübt werden müsse. Danken heiße, ja zu allem zu sagen, was Gott gibt, jederzeit und für alles. So umfasse Dankbarkeit auch den Schmerz und das Leid. Davon abgesehen werde für den Dankbaren alles zum Geschenk, weil er wisse, dass es überhaupt kein verdientes Gut gebe. Ohne die Dankbarkeit versinke die persönliche Vergangenheit ins Dunkle, Rätselgate, ins Nichts.

Für Erreichtes dankbar sein

Undankbarkeit beginnt, so Dietrich Bonhoeffer, mit dem Vergessen. Wenn man die eigene Vergangenheit nicht vergessen und damit gewissermaßen abschneiden will, führt kein Weg daran vorbei, eine Haltung kontinuierlicher Erinnerung zu kultivieren: an Gott, an Menschen, Erlebnisse und Dinge, für die man dankbar sein kann.

So vieles von dem, was man bisher im Leben an Gutem erlebt hat, ist letztlich, wie schon erwähnt, ein Geschenk. Aber man hat auch im Leben selbst schon etwas geschafft, wofür man dankbar sein kann. Die „Erinnerungskultur“ schließt auch ein, aus der Sicht heutiger Stärke eine Linie von der Gegenwart zur Vergangenheit zu ziehen. Beispiele sind:

  • „Obwohl ich in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin, habe ich es geschafft, ein Studium erfolgreich abzuschließen.“
  • „Obwohl meine Eltern in der Erziehung eigentlich alles falsch gemacht haben, was man nur falsch machen kann, habe ich es geschafft, selbst eine Familie zu gründen und meine Kinder gut zu erziehen.“
  • „Weil mir … zugestoßen ist, musste ich mein Leben überdenken. Ich habe es geschafft, meinem Leben eine neue Richtung zu geben.“

Auch in diesen Aussagen kommt Dankbarkeit für die Vergangenheit zum Ausdruck und Vergangenes wird fruchtbar für die Gegenwart. Man ist dankbar, dass es so gekommen ist. Man hat vielleicht Schlimmes erlebt, aber es gab auch Menschen, die einem beigestanden sind. Und so konnte man die heutige Stärke entwickeln. Der Weg war schwer, aber er wurde bisher bewältigt.

Dankbaren Menschen fällt es leichter, Glück und Zufriedenheit zu empfinden. Und sie haben eine Ausstrahlung.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.