Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, dass …

„Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, dass tüchtige Menschen undankbar gewesen wären.“

Johann Wolfgang von Goethe
Der Undank ist immer eine Art Schwäche, J.W. v. Goethe - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war ein deutscher Dichter, Naturforscher und Politiker. Nicht nur in Deutschland gilt er als einer der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Dichtung.

Was bedeutet Undankbarkeit?

Maria (nicht der wirkliche Name) unterstützte bei der Pflege ihres Vaters. Sie entlastete ihre Mutter und auch ihre Geschwister. Damit sie ihren Vater pflegen konnte, nahm sie sogar unbezahlten Urlaub und verzichtete damit auf Einkommen.

Leider erntete Maria nicht den Dank und die Anerkennung, die sie sich gewünscht hatte. Sie nahm wahr, dass ihr Einsatz nicht wertgeschätzt wurde. Dabei war es schließlich überhaupt nicht selbstverständlich, dass sie unbezahlten Urlaub nahm und sich so sehr einsetzte.

Undankbarkeit offenbart fehlende Wertschätzung. Etwas, was nicht selbstverständlich ist, wird nicht wertgeschätzt. Wenn man näher hinschaut, ist vieles, was wir für gegeben halten, in Wirklichkeit nicht selbstverständlich. Wie etwa die Coronavirus-Pandemie im Jahr 2020, aber auch sehr viele Großereignisse in der Vergangenheit, sehr drastisch vor Augen geführt haben, können sich die Verhältnisse innerhalb kürzester Zeit drastisch verändern.

Was ist eigentlich selbstverständlich und was ist nicht selbstverständlich?

  • Gesundheit: nicht selbstverständlich, man kann jederzeit und ganz plötzlich an einer schweren Krankheit erkranken,
  • Körperliche Unversehrtheit: nicht selbstverständlich, man kann die körperliche Unversehrtheit ganz plötzlich durch Eigen- oder Fremdverschulden verlieren,
  • Sicherheit, politische Stabilität: nicht selbstverständlich, Sicherheitslage und politische Stabilität können sich durch unvorhergesehene Ereignisse gewissermaßen über Nacht zum Negativen hin verändern,
  • Haus oder Wohnung: nicht selbstverständlich, man kann Einkommensquellen verlieren, die zur Finanzierung des „Dachs über dem Kopf“ erforderlich sind,
  • Nahrung: nicht selbstverständlich, Missernten und/oder Inflation können viele Nahrungsmittel plötzlich nahezu unerschwinglich machen,
  • Arbeitsstelle: nicht selbstverständlich, plötzliche Umsatzeinbrüche können drastische Arbeitsplatzverluste nach sich ziehen (Beispiel: die Reisebranche während der Coronavirus-Pandemie),
  • Zwischenmenschliche Beziehungen: nicht selbstverständlich, Beziehungen mit Partner(in), Familie, Freunden und Bekannten können zerbrechen, durch Trennung, Tod, …,

Wie diese kurze und unvollständige Aufzählung schon nahelegt, ist eigentlich nichts wirklich selbstverständlich. Was nicht selbstverständlich ist, verdient wertgeschätzt zu werden. Wenn man etwas Wertzuschätzendes hat, kann man auch dankbar dafür sein. Wenn diese Wertschätzung fehlt, ist man undankbar.

Der spanische Philosoph José Ortega Y Gasset bringt Undankbarkeit mit Vergessen in Verbindung. Er schreibt: „Der Undankbare vergisst, dass das meiste von dem, was er besitzt, nicht sein Werk ist, sondern dass es ihm von anderen geschenkt wurde, die sich bemühten, es zu schaffen und zu erhalten.“.

Undankbarkeit oder Unzufriedenheit – oder beides?

Manchmal ist man unzufrieden. Die bedeutet aber nicht, dass man zwangsläufig auch undankbar ist. Undankbarkeit und Unzufriedenheit sind nicht dasselbe. Man kann mit allem möglichen unzufrieden sein. Beispielsweise mag es sein, dass man sich an seiner Arbeitsstelle unzufrieden fühlt, weil man nicht die Karrieremöglichkeiten für sich sieht, die man sich so sehr wünscht. Gleichzeitig mag man dankbar dafür sein, dass man die Arbeitsstelle hat.

Sicherlich ist es nicht verkehrt, mit dem Status Quo nicht zufrieden zu sein und sich mehr zu wünschen. Aber die Paarung von Unzufriedenheit mit Undankbarkeit wirkt sich oft unheilvoll aus. Man steht in der Gefahr, das Maß zu verlieren und in Habsucht und Gier zu verfallen.

Das Märchen „Von dem Fischer un syner Frau“ veranschaulicht die Folgen von Habsucht und Gier sehr plastisch. Das Märchen ist ein plattdeutsches Märchen von Philipp Otto Runge, das von den Brüdern Grimm in ihre Sammlung der Kinder- und Hausmärchen aufgenommen wurde.

Es war einmal ein Fischer und seine Frau, die wohnten zusammen in einem alten Topfe, dicht an der See, und der Fischer ging alle Tage hin und angelte; und er angelte und angelte. So saß er auch einst bei der Angel und sah immer in das klare Wasser hinein; und er saß und saß.

Da ging die Angel auf den Grund, tief hinunter, und als er sie heraufholte, zog er einen großen Butt heraus. Da sagte der Fisch zu ihm: „Hör‘ einmal, Fischer, ich bitte dich, lass mich leben, ich bin kein rechter Fisch, ich bin ein verwünschter Prinz. Was hilft es dir, wenn du mich totmachst? Ich würde dir doch nicht recht schmecken; setze mich wieder ins Wasser und lass mich schwimmen.“ – „Nun“, sagte der Mann, „du brauchst nicht so viele Worte zu machen; einen Fisch, der sprechen kann, hätte ich so schon schwimmen lassen.“ Damit setzte er ihn wieder ins klare Wasser; da ging der Fisch auf den Grund und zog einen langen Streifen Blut nach sich.

Nun stand der Fischer auf und ging zu seiner Frau in den Topf. „Mann“, sagte die Frau, „hast du heute nichts gefangen?“ – „Nein“, sagte der Mann, „ich fing einen Fisch, der sagte, er wäre ein verwünschter Prinz, da hab‘ ich ihn wieder schwimmen lassen.“ – „Hast du dir denn nichts gewünscht?“ fragte die Frau. „Nein“, sagte der Mann, „was sollt‘ ich mir wünschen?“ – „Ach“, sagte die Frau, „das ist doch schlimm, hier immer so im Topfe zu wohnen; es ist eklig und stinkt. Du hättest uns doch eine kleine Hütte wünschen können. Geh‘ noch einmal hin und rufe ihn; sag‘ ihm, wir möchten gern eine kleine Hütte haben, er tut es gewiss.“ – „Ach“, sagte der Mann, „was sollt‘ ich noch einmal hingehen?“ – „Ei“, sagte die Frau, „du hattest ihn doch gefangen und hast ihn wieder schwimmen lassen, er tut es gewiss. Geh‘ gleich. hin.“

Der Mann wollte noch nicht recht, wollte aber seiner Frau nicht zuwider sein und ging hin an die See. – Als er dort ankam, war die See ganz grün und gelb und gar nicht mehr so klar. So stellte er sich hin und sagte:

„Manntje‘ Manntje, Timpe Te,

Buttje‘ Buttje in der See,

Meine Frau, die Ilsebill,

Will nicht so, wie ich gern will.“

Da kam der Fisch angeschwommen und sagte: „Na, was will sie denn?“ – „Ach“, sagte der Mann, „ich hatte dich doch gefangen gehabt, und meine Frau sagt, ich hätte mir auch etwas wünschen sollen. Sie mag nicht mehr in einem Topfe wohnen, sie möchte gern eine Hütte haben.“ – „Geh‘ nur hin“, sagte der Fisch, „sie hat sie schon.“

Da ging der Mann hin, und seine Frau saß nicht mehr in einem Topfe, aber eine kleine Hütte stand da, und seine Frau saß vor der Tür auf einer Bank. Da nahm ihn seine Frau bei der Hand und sagte zu ihm: „Komm nur herein, sieh, nun ist’s doch viel besser.“ Da gingen sie hinein, und in der Hütte war ein kleiner Vorplatz und eine herrliche Stube und Kammer, wo für jeden ein Bett stand, und Küche und Speisekammer, alles aufs Beste mit Gerätschaften und aufs Schönste aufgeputzt, Zinnzeug und Messing, was da hineingehört. Hinten war auch ein kleiner Hof mit Hühnern und Enten und ein kleiner Garten mit Gemüse und Obst. „Sieh“, sagte die Frau, „ist das nicht nett?“ – „Ja“, sagte der Mann, „so soll’s bleiben, nun wollen wir recht vergnügt leben“ – „Das wollen wir uns bedenken“, sagte die Frau. Und dann aßen sie und gingen zu Bett.

Nach einigen Tagen wurde der Frau des Fischers die Hütte zu klein. Jetzt wollte sie in einem Schloss wohnen. Ihr Mann musste wieder zum Teich gehen und den Fisch darum bitten. Auch dieser Wunsch wurde erfüllt. Jetzt hatten der Fischer und seine Frau ein Schloss mit Bediensteten und Ländereien.

Bald war seiner Frau auch das Schloss nicht mehr genug. Sie wollte König sein und wurde König. Dann genügte auch das nicht mehr. Sie wollte Kaiser werden und wurde Kaiser. Auch dies genügte ihr nicht mehr. Jetzt wollte sie Papst werden und wurde Papst. Selbst dies genügte ihr nicht mehr. Sie wollte werden wie Gott.

Das Märchen endet so: „Nun, was will sie denn?“ fragte der Fisch. „Ach“, sagte der Mann, „sie will werden wie der liebe Gott.“ „Geh‘ nur hin, sie sitzt schon wieder im alten Topfe.“ Dort sitzen sie noch beide bis auf den heutigen Tag.

Wie wirkt sich Undankbarkeit im realen Leben aus?

Sind vom Wesen her undankbare Menschen positiv gestimmte Menschen? Eigentlich eine rhetorische Frage. Sie sind es nicht. Übellaunigkeit, Unzufriedenheit und Missmut sind es, die einen undankbaren Menschen charakterisieren.

Es verwundert keineswegs, dass Undankbarkeit in soziale Ausgrenzung und Isolation führt. Wer möchte schon gerne andauernd mit undankbaren Menschen zusammen sein? Man fühlt sich als Abfallhaufen für ihre Übellaunigkeit, Unzufriedenheit und Missmut. Somit führen sich undankbare Menschen schnurstracks in die Selbstausgrenzung und ‑isolation.

Undankbarkeit zählt laut der „Karrierebibel“ übrigens auch zu den Karrierekillern. Ein funktionierendes Beziehungsnetz, so ist dort zu lesen, wirken wie ein Karriereturbo. Wer einfach vergisst, wer einem schon mit Rat und Tat zur Seite stand und von dem man bisher in irgendeiner Form profitiert hat, wer dies nicht wertschätzt, betreibt im Grunde Selbstsabotage erster Güte.

Wie kann man mit undankbaren Menschen umgehen?

Immer wieder wird man undankbaren Menschen begegnen. Wie kann man mit ihnen umgehen? Wie könnte Maria mit den Menschen umgehen, die ihr keine Wertschätzung zeigen?

Eine Möglichkeit besteht darin, Maria mit allem Einfühlungsvermögen und aller Wertschätzung zu sagen, dass sie sich freiwillig so einsetzt. Und weil sie es freiwillig tut, darf sie nur auf Dank hoffen, ihn aber nicht erwarten oder gar einfordern. Wenn Maria keine Dankbarkeit erwartet, kann sie auch nicht enttäuscht werden.

All dies ändert nichts daran, dass Undankbarkeit eine Schwäche bzw. Unvermögen ist. Man will andere oder etwas nicht wertschätzen. In Marias Fall betrifft dies die Angehörigen, die etwas nicht Selbstverständliches nicht wertschätzen.

Verdienen undankbare Menschen Mitleid? Sie würden Mitleid verdienen, wenn sie an ihrer Undankbarkeit nichts ändern könnten. Sie können aber etwas daran ändern, wenn sie denn wollen. Wenn sie es aber nicht wollen, weshalb sollte man sie in ihrer Selbstausgrenzung und ‑isolation bemitleiden?

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.