Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich …

„Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist.“

Johann Wolfgang von Goethe
Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, J.W. v. Goethe - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war ein deutscher Dichter, Naturforscher und Politiker. Nicht nur in Deutschland gilt er als einer der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Dichtung.

Die Erfahrung, entbehrlich zu sein – heilsam oder nicht?

Sandra (nicht der wirkliche Name) gibt an ihrer Arbeitsstelle alles. Sie setzt sich derart ein, dass sie in Zeiten überaus starken Arbeitsanfalls bei ihrem Arbeitgeber auch ihre Wochenenden opfert. Sogar sonntags ist sie an ihrem Arbeitsplatz und bearbeitet dringende Angelegenheiten.

Ihre Tätigkeit ist wichtig. Manche Aufgaben in ihrer Abteilung müssen unbedingt innerhalb eines bestimmten Zeitfensters erledigt werden. Sie sieht für sich selbst eine Verantwortung, die Arbeit nicht einfach liegen zu lassen und den Kolleginnen und Kollegen aufzubürden, wenn diese am Montag wieder zur Arbeit erscheinen. Objektiv gesehen müsste Sandra jedoch nicht Wochenende für Wochenende opfern. Sie könnte sich mehr mit Kolleginnen und Kollegen abwechseln. Aber das tut sie nicht.

Sandras Einsatz bleibt nicht unbemerkt. Sie erhält Anerkennung, ehrliche wie unehrliche. „Wenn sie die Arbeit für mich mit erledigt, soll es mir recht sein“, so oder ähnlich mag die oder der eine oder andere aus dem Kollegenkreis insgeheim denken.

Wie lange mag das gutgehen? Irgendwann wird Sandra, wenn sie einfach so weitermacht, diese andauernde Überlastung zu spüren bekommen. Ihr Körper und ihre Seele werden sich bemerkbar machen und Symptome zeigen, beispielsweise Schlafstörungen, Muskelverspannungen, erhöhte Anfälligkeit für Infektionen oder das Gefühl tiefer Erschöpfung. Die möglichen Symptome sind bei jedem Menschen verschieden.

Sandra möchte bedeutend sein und Spuren hinterlassen. Aber sie verengt sich selbst auf ihre Arbeitskraft. Und wenn sie sich so verengt, reduziert sie dafür ihre Bedeutung in anderen Bereichen. Sie kann beispielsweise für andere Menschen in ihrem sozialen Umfeld nicht mehr so da sein wie bisher. Ihr fehlen ganz einfach die Zeit und der Antrieb, ihr soziales Netzwerk zu pflegen. Bildlich gesprochen gerät ein Mobile in Schieflage.

Was passiert, wenn Sandra eines Tages einfach nicht mehr kann, wenn sie gar in eine schwere Depression abgleitet und für einige Zeit überhaupt nicht mehr arbeiten kann? Dann wird ihr Arbeitgeber notgedrungen ihre Arbeitsstelle vorübergehend anders besetzen. Er erklärt Sandra damit stillschweigend für entbehrlich.

Für Sandra wird die Erfahrung der Entbehrlichkeit heilsam sein. Sie wird wieder zu sich selbst finden können. Dafür hatte sie bisher keine Zeit und auch nicht den Blick.

Wie wirkt es sich aus, wenn man sich als entbehrlich akzeptiert hat?

Sandra wird auch für sich selbst zu der Erkenntnis gelangen müssen, dass sie an ihrer Arbeitsstelle entbehrlich ist. Sie nimmt es ohnehin wahr, weil jetzt eine andere Person ihre Arbeit erledigt und der „Laden“ auch ohne sie weiterläuft. Jetzt muss sich diese Beobachtung noch als Erkenntnis in ihr verankern.

Die Erkenntnis und Erfahrung, entbehrlich zu sein, ist oft sehr schmerzhaft. Man hat sich so sehr eingesetzt und sich dabei letzten Endes selbst geschadet. Man hat einen hohen Preis gezahlt und erkennt, dass man die Lebenszeit auch anders hätte einsetzen können.

Andererseits ist es, wie schon erwähnt, eine heilsame Erfahrung. Wenn man sich als für andere entbehrlich erachtet, fühlt man sich von einem Rucksack an vermeintlichen Verpflichtungen entlastet. Wenn Sandra später wieder einmal vor der Frage steht, ob sie an einem Wochenende arbeiten soll, kann sie zu sich selbst sagen: „Ich bin entbehrlich. Eine Kollegin oder ein Kollege können dieses Wochenende übernehmen.“. Die Erfahrung der Entbehrlichkeit befreit, nicht nur im Hinblick auf das Arbeitsleben, sondern in allen Lebensbereichen.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.