Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es …

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„Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.“

Johann Wolfgang von Goethe
Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch, J.W. v. Goethe - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war ein deutscher Dichter, Naturforscher und Politiker. Nicht nur in Deutschland gilt er als einer der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Dichtung.

Widerspruch – Kritik am Bestehenden

Wenn man immer das Gleiche macht, wenn man sich immer nur mit den Menschen trifft, mit denen man einer Meinung ist, wenn man sich von Veränderungen abschottet, dann, ja dann lebt man in relativer Ruhe und ziemlich konfliktfrei. Aber andererseits ist man auch in seinem Denken ziemlich festgefahren und im Handeln nicht sonderlich produktiv. Man bringt nur relativ wenig Neues hervor.

Jede Veränderung im Denken und Handeln ist im Prinzip ein Widerspruch, ein Gegensatz zum Bisherigen. Man stellt etwas infrage. Dem „So ist es und so muss es sein und bleiben“ stellt man ein „Es kann auch anders gehen“ entgegen. Schon dadurch wird man produktiv, denn man muss sich Gedanken darüber machen, wie es denn anders gehen könnte oder sollte.

Widerspruch bedeutet Kritik am Bestehenden und verursacht Reibung und Spannung. Deshalb wird Widerspruch Konflikte hervorrufen, die Zeit, Energie und wertvolle Ressourcen kosten. Aber Widerspruch führt auch zu einem produktiven, einem etwas hervorbringenden Leben.

Widerspruch – wie reagiert man darauf?

Kritik an Bestehendem ist oft unbequem, manchmal schwer auszuhalten, stellt den Status Quo infrage. Sie regt dazu an, sich geistig und/oder körperlich in Bewegung zu setzen. Doch wie reagiert man darauf, wenn etwas infrage gestellt wird? Sieht man nur die Kritik, den Widerspruch, als solches und betrachtet ihn als Angriff auf etwas oder gar auf sich selbst? Oder achtet man auf den Inhalt des Widerspruchs und setzt sich dann mit ihm auseinander?

Kritik mag nicht jeder. Manche Menschen, darunter oft auch Personen in Führungspositionen, neigen dazu, sich mit „Ja-Sagern“ zu umgeben. So entziehen sie sich der Kritik, weil sie Kritik nicht aushalten wollen. Aber wenn Widerspruch als Angriff betrachtet und unterdrückt wird, geht zwangsläufig auch Produktivität verloren.

Wie viele sinnvolle und hilfreiche Erfindungen sind wohl schon unterdrückt worden? Wie viele soziale Konflikte konnten sich schon ungebremst verschärfen? Oder wie viele …? – weil man in Ruhe gelassen werden oder ganz einfach recht behalten wollte.

Wenn man Kritik nicht aushalten kann und als Angriff betrachtet, ist dies keinesfalls ein Zeichen der Stärke. Ganz im Gegenteil: es ist ein Zeichen der Schwäche. Wenn man sich nicht mit dem Inhalt des Widerspruchs beschäftigen und sich mit ihm auseinandersetzen möchte, gibt man damit im Kern zu verstehen, dass man sich der Kritik nicht gewachsen fühlt. Oder man ist zu faul dazu oder gedanklich schon so sehr verhärtet, dass man geistig gewissermaßen immobil geworden ist.

Achtet man jedoch auf den Inhalt des Widerspruchs und beschäftigt sich damit, eröffnen sich neue Perspektiven. Alternative Lösungsmöglichkeiten können angedacht und bewertet werden. Am Ende ergibt sich vielleicht, dass die bestehende Lösung oder der bestehende Zustand unter Berücksichtigung aller Umstände immer noch zu bevorzugen ist. Aber man hat sich mit der Kritik beschäftigt und den Status Quo bewusst bestätigt. Und es gibt im Grunde zwei Gewinner: den Kritiker und den Kritisierten.

Ist dies nicht ein Idealbild? Schließlich gibt es auch die gewohnheitsmäßigen und sogar die pathologischen Kritiker. Sie kritisieren, widersprechen, haben jedoch oft keine wirkliche Verbesserung oder Lösung anzubieten. Wenn man jedoch seine Kritik nicht inhaltlich untermauern kann oder möchte, verhindert man damit auch, dass sich der Kritisierte damit auseinandersetzen kann.

Wie kann Widerspruch produktiv machen?

Was nützt Kritik an Bestehendem, wenn sie nicht sachlich begründet wird? Wenn man sich mit dem Status Quo unwohl fühlt, ist es dann nicht gerechtfertigt, das „warum“ zu formulieren und zu begründen?

Ein nächster folgerichtiger Schritt wäre, nicht bei der Kritik zu bleiben, sondern Verbesserungen und Alternativen aufzuzeigen. Intensives Nachdenken, vielleicht auch Tüfteln, sind notwendig. Aber dadurch wird man produktiv und erlebt Fortschritt. Dieser Fortschritt lässt sich auf die Kritik, den Widerspruch, zurückführen. Anders formuliert: die Beschäftigung mit der Kritik durch intensives Nachdenken macht produktiv und führt zu Fortschritt.

Im Lauf der Geschichte haben unzählige Menschen Bestehendem widersprochen. Manche haben durch ihren Widerspruch sehr viel Mut bewiesen, denn sie trafen auf vorgefasste Ansichten, die nicht wissenschaftlich begründet waren. Manche mussten sogar persönliche Nachteile in Kauf nehmen, wie beispielsweise der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei hinsichtlich seines Eintretens für das kopernikanische bzw. heliozentrische Weltbild. Die katholische Kirche verurteilte ihn, weil einige seiner Theorien der damaligen Weltsicht widersprachen.

Widerspruch macht produktiv, sogar unabhängig davon, ob er sachlich begründet ist. Beispielhaft seien der Astronom Nikolaus Kopernikus und das Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe genannt.

Nikolaus Kopernikus

Zu Lebzeiten des Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473-1543) glaubte man, dass sich die Sonne, der Mond und alle Planeten um die Erde drehen. Dies entsprach dem geozentrischen Weltbild der griechischen Philosophen Aristoteles und Ptolemäus. Demzufolge steht die Erde fest an ihrem Platz und bewegt sich nicht. Sie stellt das unbewegte Zentrum dar, um das sich Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne drehen.

Kopernikus beschrieb hingegen auf Grundlage seiner Beobachtungen ein heliozentrisches Weltbild. Gemäß diesem ist die Erde ein Planet, dreht sich um ihre eigene Achse und bewegt sich zudem wie die anderen Planeten um die Sonne. Sein in seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ (1543) beschriebenes Kosmos-Modell stellte in der Konsequenz vieles auf den Kopf, was in der damaligen Wissenschaft für richtig gehalten wurde. Es verwundert nicht, dass es mehrheitlich übergangen, ignoriert oder gar als Hirngespinst angesehen wurde.

Erst Johannes Kepler erkannte, dass sich Planeten nicht in kreisförmigen, sondern in ellipsenförmigen Planetenbahnen bewegen. Diese Erkenntnisse beschrieb er in seinen drei Gesetzen. Ende des 17. Jahrhunderts lieferte Isaac Newton schließlich mit dem Gravitationsgesetz die physikalische Begründung der Keplerschen Gesetze.

Der Widerspruch gegen das geozentrische Weltbild führte schließlich zu dem Umbruch, der als „Kopernikanische Wende“ bezeichnet wird. In der Geschichtswissenschaft stellt er eine der Zäsuren dar, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markieren.

Es mag seine Zeit brauchen, bis ein Widerspruch Früchte trägt. So lehnte die Kirche das heliozentrische Weltbild zunächst ab. Erst 1757, mehr als zweihundert Jahre nach Erscheinen von Kopernikus‘ Hauptwerk, wurde vonseiten der Katholischen Kirche der Bann gegen Werke, die das heliozentrische Weltbild stützten, aufgehoben. Auch wenn es sehr lange dauerte, Nikolaus Kopernikus setzte sich mit seinem Widerspruch posthum durch.

Johann Wolfgang von Goethe

Goethe widmete sich als Universalgelehrter auch dem Malen und dem Zeichnen. In diesem Zusammenhang beschäftigte er sich intensiv und systematisch mit den Wirkungen und Eigenschaften von Farben. Dafür nutzte er auch komplizierte optische Instrumente und Apparate. Seine Versuche hatten das Ziel, mehr über das Wesen von Farbe und auch das Zusammenspiel von Licht und Farben herauszufinden. So wollte er unter Anderem durch Versuche mit Prismen experimentell herausfinden, aus welchen Elementen sich weißes Licht zusammensetzt und in wie viele Farbnuancen eingestrahltes Licht gebrochen wird.

Im Jahr 1810 veröffentlichte Goethe seine Erkenntnisse in seiner dreiteiligen Schrift „Zur Farbenlehre“. In dieser Schrift stellte er sich gegen Isaac Newton und widersprach dessen Erkenntnissen. Newton hatte schon 1671 nachgewiesen, dass sich das weiße Licht aus allen Spektralfarben zusammensetzt, und dies in seinem Werk „Opticks“ beschrieben. Die verschiedenen Farben lassen sich durch ein Prisma trennen und auch wieder zu weißem Licht zusammenführen. Seine Versuche und Berechnungen ermöglichten es Newton beispielsweise auch, die Entstehung eines Regenbogens zu erklären.

Goethe, der die Arbeiten Newtons kannte, war hingegen überzeugt, dass das weiße Licht nicht zusammengesetzt ist und sich Farben aus einer Wechselwirkung von Licht und Finsternis ergeben. Aus seinen Beobachtungen glaubte er, schließen zu können, „dass das Licht eine unteilbare Einheit sei und die Farben aus dem Zusammenwirken von Hellem und Dunklem, Licht und Finsternis entstünden, und zwar durch die Vermittlung eines ‚trüben‘ Mediums“. Deshalb erscheine beispielsweise die Sonne rötlich, wenn sich eine trübe Dunstschicht vor ihr ausbreitet und sie abdunkelt.

Goethes Farbenlehre erntete vonseiten der Fachwelt Widerspruch und wurde in ihrem Kern von dieser schon bald zurückgewiesen. Seine physikalische Beschreibung des Lichts und der Farben und ihrer Entstehung war unzulänglich, ja sogar falsch. Goethe beschränkte sich jedoch nicht auf die rein physikalische Betrachtung, sondern verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung. Er beschrieb auch psychologische Wirkungen der Farben auf den Menschen und entwickelte damit eine Art Farbpsychologie. Den Farben schrieb er übergeordnete Eigenschaften zu. Beispielsweise verband er Blau mit Verstand, Grün mit Sinnlichkeit, Rot mit Phantasie und Gelb mit Vernunft.

Schlussendlich lag Goethe mit seinem Widerspruch gegenüber Newtons Erkenntnissen, was die physikalische Betrachtung anbelangt, falsch. Aber der Widerspruch setzte auch andere Menschen in Bewegung, sich mit den widerstreitenden Positionen zu befassen.

Sich selbst widersprechen, um produktiv zu werden?

Kann man sich selbst widersprechen in dem Sinne, dass man Althergebrachtes und Gewohntes infragestellt, dass man sich immer wieder fragt, wie es auch anders gehen kann? Man kann! Man kann der Unzufriedenheit mit dem Status Quo Raum geben. Und man kann sich anregen lassen, sich geistig in Bewegung setzen, um schöpferisch zu werden, etwas hervorzubringen – um produktiv zu werden. Widerspruch ist in der Konsequenz auch Persönlichkeitsentwicklung.

Vielleicht muss man sich überwinden, um produktiv zu werden. Die Beharrungskräfte scheinen zu stark zu sein, der Veränderungsdruck zu gering. „Das Bisherige tut es doch auch“, mag man sich vielleicht sagen. Doch die Überwindung lohnt sich. Man gewinnt und entwickelt sich weiter.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.