Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.

„Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Dietrich Bonhoeffer
Es gibt ein erfülltes Leben, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein deutscher Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christen, und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Was verstand Bonhoeffer als erfülltes Leben?

Bonhoeffer wirft eine Frage auf, die sich sehr viele Menschen mehr oder weniger bewusst stellen: Was ist ein erfülltes Leben? Um seine Aussage – gleichzeitig ist es eine These – besser verstehen zu können, ist ein Blick auf seine Lebensgeschichte unerlässlich.

Eine große Zeitspanne im Leben Bonhoeffers war dem Kampf gegen das NS-Regime gewidmet. Schon zu Beginn der NS-Zeit stellte er sich klar gegen den sogenannten Arierparagraphen. Fortan engagierte er sich in der Bekennenden Kirche und übernahm unter Anderem die Ausbildung angehender Pastoren. Später wurde er durch Rede- und Schreibverbot (ab August 1940 bzw. März 1941) in seiner beruflichen Tätigkeit gehemmt.

1938 schloss er sich der Widerstandsgruppe um Admiral Canaris gegen Hitler an und bezahlte für sein Engagement schließlich mit Verhaftung (1943) und anschließendem Gefängnisaufenthalt. Im April 1945 wurde Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

Seine Zeit im Gefängnis begann nur wenige Monate nach seiner Verlobung mit Maria von Wedemeyer. Seine Verlobte konnte er nicht mehr heiraten und die Gründung einer Familie blieb ihm verwehrt.

Bonhoeffers Aussage stammt aus einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge vom 19. März 1944, wurde also aus dem Gefängnis geschrieben. Es kann davon ausgegangen werden, dass Bonhoeffer seine eigene Lebenssituation reflektierte. Und sicherlich schaute er auch auf sein bisheriges Leben zurück.

Seine Lebensumstände sind ohne Zweifel als schwierig zu bezeichnen. Er konnte seine Potenziale nicht vollständig entfalten. Er nahm es bewusst in Kauf. Sein Leben wäre vermutlich völlig anders verlaufen, hätte er sich nicht gegen das Regime gestellt. Vielleicht wäre er in den 1970er, 1980er oder 1990er Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Und vielleicht hätte er eine erfolgreiche Berufslaufbahn hinter sich gehabt, hätte Nachkommen und ein umfangreiches schriftstellerisches Werk hinterlassen.

Bonhoeffer hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, sich den schwierigen Verhältnissen in Deutschland zu entziehen. Im Juni 1939 wurde ihm während einer USA-Reise die Übernahme eines Lehrstuhls in Harlem angeboten. Er hätte sich in den USA ins Exil begeben können. Er lehnte jedoch ab und kehrte wieder nach Deutschland zurück. Selbst 1941 und 1942 hätte ihm sicherlich noch die Möglichkeit offen gestanden, sich bei Auslandsreisen ein sicheres Exil zu suchen. Er hätte das Ende des Zweiten Weltkriegs abwarten und dann zu gegebener Zeit nach Deutschland zurückkehren können.

In Übereinstimmung mit seinen persönlichen Überzeugungen handeln, den persönlichen Lebenssinn ausfüllen – dies war es wohl, was Dietrich Bonhoeffer unter einem erfüllten Leben verstand. Das Bewusstsein (s)einer Lebensaufgabe und das Umsetzen dieser Lebensaufgabe brachten ihm wohl Lebenserfüllung. Er starb im Alter von gerade einmal 39 Jahren.

Wie kann man zu einem erfüllten Leben gelangen?

Der Lebensweg Dietrich Bonhoeffers ist einzigartig. Gleichwohl stellt sich wohl für jeden Menschen ganz individuell die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht und wie man zu einem erfüllten Leben gelangen kann.

Es gibt keine Norm, was ein erfülltes Leben ausmacht und wie der Weg dorthin aussieht. Eine allgemeinverbindliche Antwort kann es deshalb nicht geben. Der individuellen Antwort kann man sich von verschiedenen Seiten nähern.

Erlebnisorientierung

Ein Weg zu einem erfüllten Leben könnte darin bestehen, das Leben mit Erlebnissen gewissermaßen vollzupacken. Möglichst viel erleben, alles mitnehmen und nichts auslassen, nichts anbrennen lassen, sind einige der Stichworte.

Doch wäre es ein erfülltes Leben? Sicherlich wäre es ein rastloses Leben. Man wäre immer auf der Jagd nach dem nächsten Erlebnis. Aber könnte man alle diese Erlebnisse wirklich genießen? Würde sich vielleicht sogar irgendwann Überdruss einstellen? Es ist zur Gewohnheit geworden und der Anreizfaktor ist nur noch sehr gering.

Was geschieht, wenn man das erlebnisorientierte Leben, die Reisen in entfernte Länder, die besonderen Hobbies oder den aufwändigen Lebensstil nicht mehr finanzieren kann? Und was geschieht bei einem Schicksalsschlag? Angenommen, man wäre wegen einer Krankheit an Bett gefesselt – ist dann kein erfülltes Leben mehr möglich?

Orientierung am persönlichen Wachstum

Ein zweiter Weg wäre die Orientierung am persönlichen Wachstum. Persönlich weiter wachsen, sich entfalten, Neues entdecken, wären die Maximen. In die eigene Bildung investieren, bereichernde Beziehungen aufbauen und pflegen, sich in der Gesellschaft einbringen und Aufgaben übernehmen – dies wären einige der Ausprägungen, wie diese Wachstumsorientierung sichtbar werden kann.

Man möchte persönlich wachsen, hat aber keine konkreten Ziele vor Augen und will sich auch nicht unbedingt langfristig festlegen. Das Wachstum erfolgt gewissermaßen ungerichtet. Man nutzt die Gelegenheiten, die sich im Leben ergeben. Und man ist bereit, eine neue Richtung einzuschlagen, wenn es sich anbietet oder reizvoll erscheint.

Ein derart wachstumsorientiertes Leben, wenn man es konsequent durchhält, kann als erfülltes Leben empfunden werden. Es ist nicht auf den eigenen „Genuss“ fixiert und die eigenen finanziellen Ressourcen wirken nicht einschränkend. Und es lässt sich bis hinein in das hohe Alter führen.

Orientierung an Berufung und Lebensaufgabe

Schließlich ist auch ein dritter Weg denkbar: die Orientierung an der persönlichen Berufung und der Lebensaufgabe, die man sich selbst gegeben hat. Die Lebensaufgabe ist auch mit dem persönlichen Lebenssinn, über den man sich klar geworden ist, eng verknüpft.

Ein derart zielgerichtetes und zugleich auf Erfüllung ausgerichtetes Leben ist stets auch ein wachstumsorientiertes Leben. Man hat ein Ziel vor Augen, und man kann es nur erreichen, wenn man persönlich weiter wächst, sich entfaltet und Neues entdeckt.

Bedeutet das Verknüpfen von erfülltem Leben und Lebensaufgabe, dass erst dann von einem erfüllten Leben zu sprechen wäre, wenn auch die Lebensaufgabe erfüllt ist? Keineswegs, denn das Leben ist in jedem einzelnen Moment erfüllt. Man arbeitet an seiner Lebensaufgabe, und alles, was dazu dient und womit man sich beschäftigt, wirkt erfüllend. Es ist ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt.

Wann kann ein Leben als erfüllt gelten?

Auch diese Frage beschäftigt Menschen schon seit jeher. Sie hat nichts mit dem Zeitgeist zu tun. Und es ist eine sehr wichtige Frage, denn das Leben ist begrenzt.

Wie schon erwähnt, gibt es keine allgemeine Norm für ein erfülltes Leben. Was für einen selbst ein erfülltes Leben ausmacht, kann man nur selbst und individuell beantworten. Man mag vielleicht das eigene Leben selbst als erfüllt empfinden, aber andere Menschen sehen dies nicht so. Ebenso mögen andere an ein erfülltes Leben denken, wenn sie von einem sprechen. Aber selbst empfindet man es jedoch nicht so.

Einschätzungen und Bewertungen anderer Menschen können nicht maßgebend sein. Andererseits müssen auch die eigene Einschätzung und Bewertung möglichst objektiv sein. Doch wie kommt man zu einer zu einer möglichst objektiven Sicht auf sich selbst? Selbstabwertung auf der einen, Selbstüberhöhung auf der anderen Seite verfälschen den Blick.

Das Konzept des Kohärenzgefühls, entwickelt von Aaron Antonovsky, kann einen Weg zur individuellen Antwort weisen. Das Kohärenzgefühl verkörpert eine Grundüberzeugung, dass das Leben sinnvoll ist und man es erfolgreich meistern kann, selbst wenn man immer wieder kurzfristig vor Problemen steht und diese bewältigen muss. Antonovsky zufolge hat Kohärenz, drei Aspekte: das Gefühl

  • der Verstehbarkeit (comprehensibility) – die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen,
  • der Machbarkeit oder Bewältigbarkeit (manageability) – die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können,
  • der Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit (meaningfulness) – der Glaube bzw. das Vertrauen darauf, dass das Leben einen Sinn hat.

Antonovsky stellte die Einflussfaktoren Verstehbarkeit, Machbarkeit und Sinnhaftigkeit als Kohärenzgefühle in den Mittelpunkt der Entstehung von Gesundheit (Salutogenese). Das Konzept des Kohärenzgefühls lässt sich um weitere Aspekte ergänzen, um zu einer Vorstellung eines erfüllten Lebens zu gelangen:

  • die Überzeugung, im Leben das Richtige für sich zu tun, gut für sich zu sorgen,
  • der Wille, Denken, Tun und Handeln in Übereinstimmung zu bringen, nach seinen Überzeugungen und Werten zu handeln,
  • die Bereitschaft, bereichernde Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen und in sie zu investieren.

Erfülltes Leben oder „bewirtschaftetes“ Leben?

Ein erfülltes Leben ist ohne Vitalität und Lebensfreude nicht denkbar. Und es ist auch nicht ohne ein persönliches Glücksempfinden denkbar. Schließlich bedeutet ein erfülltes Leben auch, dass man sich selbst gefunden hat.

Wird ein erfülltes Leben als anstrengend empfunden? Menschen, denen ein erfülltes Leben zugesprochen wird, wie beispielsweise der „Urwaldarzt“ Albert Schweitzer, erlebten durchaus viele anstrengende Situationen und Zeiten. Manchmal schienen Situationen auch nahezu aussichtslos und Probleme fast unlösbar. Dennoch behielt die Überzeugung, ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen, die Oberhand und trug durch schwierige Situationen und Zeiten.

Der Gegenpol zum erfüllten Leben wäre das „bewirtschaftete“ Leben. Es wird gelebt, um die Bedürfnisse des Lebens zu erfüllen, aber ihm fehlt die Ausrichtung. Man tut das, was man als notwendig erachtet. Und man versucht, etwas Lebensglück zu erhaschen.

Wenn viele Wünsche unerfüllt bleiben

Auch ein erfülltes Leben bedeutet nicht, dass alle Wünsche erfüllt werden. Vielleicht bleiben sogar sehr viele und wesentliche Wünsche unerfüllt. Es mag sein, dass man nicht den Lebenspartner findet, den man sich so sehr wünscht. Oder die berufliche Karriere verläuft nicht so, wie man sich das vorstellt.

Die Lebenserfüllung wäre gefährdet, wenn man sich von anderen Menschen oder von Umständen abhängig machen würde. Die Erfüllung muss man wohl in und bei sich selbst finden können.

Wirklich schlimm wäre die Kombination von unerfülltem Leben und unerfüllten Wünschen. Es wäre nicht nur ein „bewirtschaftetes“ Leben, es wäre auch ein Leben, das hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Aber es gibt im Leben immer die Möglichkeit eines Kurswechsels, um seinem Leben eine andere Richtung zu geben.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.