Immer wird uns das Vertrauen … – größtes Geschenk

„Immer wird uns das Vertrauen eines der größten und beglückendsten Geschenke menschlichen Zusammenlebens bleiben.“ Dietrich Bonhoeffer.

Immer wird uns das Vertrauen, D. Bonhoeffer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein deutscher Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christen, und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Vertrauen ist verletzlich

Ein Szenario: Carola hat ein richtig gutes Verhältnis zu ihrer Arbeitskollegin Birgit. Sie kennen sich schon jahrelang und im Lauf der Zeit hat sich eine Freundschaft entwickelt. Auch in der Freizeit treffen sie sich öfters.

Beide arbeiteten für unterschiedliche Vorgesetzte. Carola bekommt mit, wie ihr Chef zu unlauteren Mitteln greift, als es um die Berufung auf einen Vorstandsposten geht. Sie erzählt es Birgit im Vertrauen, als sie wieder einmal in der Kantine beim Mittagessen zusammensitzen. Sie macht Birgit klar, dass sie das nur ihr erzählt, weil sie selbst unsicher ist, wie sie mit dem Verhalten ihres Chefs umgehen soll. Soll sie etwas tun, muss sie sogar etwas tun? Und wenn ja, was? Sie erhofft sich von Birgit einen Rat. Keinesfalls dürfen andere etwas davon erfahren. Erst muss Birgit für sich klären, wie sie damit umgehen soll.

Einige Tage später wird Carola von ihrem Chef zur Rede gestellt. Worüber sie mit Birgit sprach war zu anderem durchgedrungen und hatte zu einem Eklat im Unternehmen geführt. Die Pläne ihres Chefs waren durchkreuzt. Für Carola war klar: Birgit hatte nicht „dichtgehalten“. Weil sich Birgit für sich selbst einen Vorteil versprach, hatte sie Informationen aus dem Gespräch mit Carola weitergegeben.

In der Konsequenz war eine Freundschaft zerbrochen. Die Indiskretion hatte fatale Folgen. Über Jahre hinweg erworbenes Vertrauen wurde in einem Augenblick zerstört. Für Carola war durch den Vertrauensbruch eine Welt zerbrochen. Sie litt sehr darunter. Die Vertrauensbasis war dahin, sie konnte Birgit nicht mehr vertrauen.

Es gibt nichts Mächtigeres als Vertrauen

Prof. Dr. Niels Birbaumer, Neurowissenschaftler und Psychologe, ist, zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Wertheimer, Autor des Buchs „Vertrauen. Ein riskantes Gefühl“. Eine seiner Thesen lautet: Es gibt nichts Mächtigeres als Vertrauen, nichts, was zu mehr Harmonie beiträgt.

Wohl jeder wünscht sich in seinem Umfeld einen oder mehrere absolut vertrauenswürdige Menschen. Leider haben aber viele Menschen keine einzige Person, der sie rückhaltlos vertrauen können.

Wenn wir jemandem unser Vertrauen schenken, dann machen wir uns verletzlich. Es könnte ja sein, dass das Vertrauen verletzt und man belogen, betrogen oder verraten wird. Wir geben ein Stück weit Kontrolle an eine andere Person ab. Man hofft, dass diese Person ein Vertrauensträger ist, also eine Person, die unser Vertrauen tragen kann. Aber man geht ein Risiko ein.

Vertrauen bezeichnet nicht nur ein Gefühl, sondern auch einen Zustand. Es ist ein Zustand zwischen den Polen zwischen „Wissen“ und „Nicht-Wissen“. Vertrauen ist riskant. Wenn Vertrauen enttäuscht wird, können negative Konsequenzen auf der persönlichen Ebene die Folge sein.

Vertrauen – für Bonhoeffer lebenskritisch

Für Dietrich Bonhoeffer hatte das Wort „Vertrauen“ eine lebenskritische Bedeutung. Er erlebte die Nazi-Diktatur von Beginn an und stellte sich bereits im September 1933 als Mitgründer des Pfarrernotbundes gegen das Regime. Anlass war der kirchliche Arierparagraph, dessen Unvereinbarkeit mit dem christlichen Glaubensbekenntnis deutlich gemacht werden sollte. Dietrich Bonhoeffer wurde in der Folge zu einem profilierten Vertreter der Bekennenden Kirche, die im Pfarrernotbund eine ihrer Wurzeln hatte.

Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs schloss er sich dem Widerstand unter Canaris an. Er stand unter ständiger Beobachtung der damaligen Sicherheitsorgane. 1940 erhielt er Redeverbot, 1941 Schreibverbot. 1943 wurde er verhaftet und kurz vor Kriegsende als einer der letzten Regimegegner, die mit dem Attentat gegen Hitler vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

Für Bonhoeffers Leben hatte es unmittelbare Bedeutung, wem er Vertrauen schenkte. Er musste sich zwangsläufig verletzbar machen, denn anders war es nicht möglich, mit anderen Menschen im Widerstand zu kommunizieren und die Kreise des Widerstands auszudehnen. Bonhoeffer musste Denunziation fürchten, mit der Folge der Gefahr für Leib und Leben. Würde er den damaligen Verhörmethoden standhalten können? Würde er unter körperlichen Qualen vielleicht sogar selbst zum Verräter, zum Vertrauensbrecher, werden?

Wenn das Vertrauen unter den gegebenen Lebensumständen eine derart überragende Bedeutung hat, dann ist verständlich, dass Bonhoeffer das Vertrauen als eines der größten und beglückendsten Geschenke menschlichen Zusammenlebens empfand.

Vertrauensträger – verzweifelt gesucht!

Vertrauenswürdige Menschen, Vertrauensträger, werden verzweifelt gesucht. Wohl jeder wünscht sich Menschen, denen sie/er gewissermaßen blind vertrauen kann.

Vertrauen ist sogar lebensnotwendig, denn ohne Vertrauen ist eine tiefreichende menschliche Beziehung nicht möglich. Und Vertrauen ermöglicht es dem Einzelnen, so Prof. Dr. Birbaumer, stärker zu sein als er es alleine wäre. Vertrauen hat eine integrierende Kraft. Es führt Menschen zusammen.

In der Konsequenz führt Vertrauenslosigkeit zum Gegenteil: Vertrauenslosigkeit macht einsam. Wer sich nicht verletzlich machen und Vertrauensbruch von vornherein ausschließen will, kann mit Anderen nur über unverfängliche Themen reden, wie beispielsweise über das Wetter.

Die meisten Menschen können die Menschen, denen sie auch sehr persönliche Dinge anvertrauen, an einer Hand abzählen. Und wie vielen Menschen bringt man blindes Vertrauen entgegen? Vertrauen ist ein knappes und kostbares Gut, ein Schatz. Wenn man jemandem vertrauen kann, ist man wirklich glücklich zu schätzen.

Wenn man durch Vertrauensbruch verletzt worden ist, bringt es nicht weiter, einfach stehen zu bleiben. Doch wie kann man wieder in die „Vertrauensspur“ zurückfinden? Wie kann man Vertrauen wieder als großes und beglückendes Geschenk empfinden?

Wie kann Carola mit der Verletzung umgehen?

Carola ist sehr verletzt. Für sie liegt es nahe, erst einmal auf Abstand zu gehen und äußerst zurückhaltend zu sein. Im schlimmsten Fall könnte der Vertrauensbruch zu anhaltender Verbitterung und allgemeinem Misstrauen führen. Ihr Misstrauen würde nicht nur Birgit treffen, sondern alle Menschen. Carola würde einen Schutzschild um sich herum aufbauen, um sich vor weiteren schlechten Erfahrungen und Verletzungen zu schützen. Und sie würde ihre eigenen Erwartungen kräftig herunterschrauben. „Wenn ich niemand mehr mein Vertrauen schenke, dann kann ich auch nicht mehr enttäuscht werden.“, so könnte ihr Credo lauten.

Dem Ziel, nicht mehr enttäuscht werden zu können, käme sie wohl näher. Aber sie würde sich selbst Steine in den Weg legen, mit anderen Menschen wieder positive und befriedigende Erfahrungen zu machen.

Wie könnte Carola mit diesem tiefen Vertrauensbruch umgehen? Angenommen, Birgit entschuldigt sich. Wenn Carola ihr noch nicht verzeihen kann, ist es am besten, dies klar zu sagen, etwa so: „Du hast mich sehr verletzt. Ich kann dir jetzt erst einmal nicht vertrauen. Da muss erst etwas heilen, und dafür brauche ich Zeit.“.

Wenn Carola wieder vertrauensvolle Beziehungen aufbauen will, kommt sie nicht umhin, anderen Menschen wieder einen Vertrauensvorschuss zu geben. Dies kann in kleinen Schritten, gewissermaßen „häppchenweise“, geschehen.

Es ist eine bewusste Entscheidung, anderen Menschen immer wieder einen Vertrauensvorschuss zu geben. Birgit sorgt in dieser Weise für sich selbst und stellt sich bewusst gegen Einsamkeit. Sie gibt anderen Menschen eine Chance und schafft für sich mehr Gelegenheiten, wieder schöne Erfahrungen zu machen. Sie kann die Nähe zu anderen Menschen erleben und nach und nach wieder vertrauensvolle Beziehungen aufbauen.

Enttäuschungen muss sie einkalkulieren. Es mag sein, dass ihr Vertrauen wieder missbraucht wird. Dann kann sie, sofern sie die Möglichkeit dazu hat, der jeweiligen Person ihre Enttäuschung klar kommunizieren. Sie kann deutlich machen, was sie erwartet und sich gewünscht hätte.

Mit einer bewussten Entscheidung, anderen Menschen eine Chance zu geben, gibt sich auch sich selbst eine Chance. Sie gibt sich die Chance, selbst zum Vertrauensträger für andere zu werden.

Selbst zum Vertrauensträger werden

Vertrauensträger sind äußerst wertvolle Menschen. Und die gute Nachricht: es ist einfach, sich zu einem Vertrauensträger zu entwickeln.

Vertrauen setzt eine intakte Beziehung voraus. Wenn eine Beziehung belastet ist, fällt Vertrauen naturgemäß schwer. Es gibt ja schließlich einen Grund, weshalb die Beziehung belastet ist. Und dieser Grund besteht immer noch, zumindest aus Sicht einer der beteiligten Personen.

Und wie kann man zum Vertrauensträger werden? Einige Eigenschaften gehören unbedingt zu einem Vertrauensträger: Authentizität, Ehrlichkeit, Offenheit gegenüber eigenen Fehlern und Diskretion.

Authentizität bedeutet Echtheit, die Übereinstimmung von Anschein und Sein. Wenn das, was ein Mensch sagt, glaubt und fühlt mit dem übereinstimmt, was er im täglichen Leben tut, wird er als authentisch empfunden. Authentische Menschen werden zudem als verlässlich wahrgenommen.

„Lügen haben kurze Beine“, so lautet ein altes Sprichwort. Man kann mit einer Lüge zwar kurzfristig etwas vortäuschen, aber meist wird die Lüge schnell aufgedeckt und fällt auf den Lügner zurück. Ehrlichkeit ist langfristig der erwiesenermaßen bessere Weg. Manchmal ist Ehrlichkeit jedoch nicht angebracht, beispielsweise wenn es um Geheimnisse anderer geht. Dann ist es besser, zu schweigen und zu sagen: „Darüber kann ich nicht sprechen.“.

Jeder macht im Leben Fehler. Anstatt eigene Fehler krampfhaft unter den Teppich zu kehren und möglicherweise Anderen die Verantwortung zuzuschieben, ist es besser, zu seinen Fehlern offen zu stehen. Es ist schließlich keine Schande, einen Fehler zu machen. Man kann daraus lernen. Der offene Umgang mit eigenen Fehlern wirkt vertrauensbildend. Und man muss ja eigene Fehler nicht mit allen Details ausbreiten.

Diskretion oder Verschwiegenheit sind eine wesentliche Voraussetzung für Vertrauenswürdigkeit. Man kann nur einer Person vertrauen, die Informationen nicht an andere Personen weitergibt, für die diese nicht bestimmt sind. Indiskretion fällt auf die Person zurück. Ein deutsches Sprichwort drückt es treffend aus: „Der König liebt den Verrat, nicht den Verräter.“.

Vertrauen lässt sich nicht in einem kurzen Augenblick schaffen und dann ist es da. Es braucht Zeit, bis die Vertrauensbasis solide ist. Vertrauen reift langsam. Diese Zeit muss man sich und anderen geben. Wenn man Vertrauensträger ist, darf man dies zurecht als Ehrentitel bezeichnen.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.