Wirklich oben bist du niemals – Endpunkt oder Übergang?

„Wirklich oben bist du niemals.“ Reinhard Karl

Wirklich oben bist du niemals, R. Karl - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Reinhard Karl (1946-1982), war ein deutscher Alpinist, Fotograf und Schriftsteller. Er durchkletterte 1969 zusammen mit Hermann Kühn die Eiger-Nordwand in damals sehr guten anderthalb Tagen. 1978 bestieg er als erster Deutscher den Mount Everest in einer Seilschaft mit Oswald Oelz. Er hatte sich der österreichischen Expedition angeschlossen, mit der Reinhold Messner und Peter Habeler den Berg erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. 1982 kam er im Alter von 35 Jahren am Cho Oyu, einem Achttausender im Himalaya, in einer Eislawine ums Leben.

Die Frage nach dem Gipfel

Schon bei seiner Besteigung des Mount Everest schlug Reinhard Karl nachdenkliche Töne an. Er schreibt: „Wir machen Gipfelfotos für das Familienalbum: Ich, der Gipfelsieger. Ich, der Übermensch. Ich, das atemlose Wesen. Ich, der Reinhard auf einem Schneehaufen. Langsam kommen mir die Kälte, der Wind und meine Erschöpfung zu Bewusstsein. Langsam kommt nach der Freude die Traurigkeit, ein Gefühl der Leere: Eine Utopie ist Wirklichkeit geworden. Ich ahne, dass auch der Everest nur ein Vorgipfel ist, den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.“

Reinhard Karl bewegt sich in seinen Gedanken nicht mehr in der realen Welt. Der Mount Everest ist schließlich der höchste Berg der Erde. Höher kann es nicht mehr gehen. Wer den Mount Everest bestiegen hat, der hat alles erreicht. Mehr gibt es nicht.

Doch Reinhard Karl befindet sich gedanklich auf einer philosophischen Ebene. In seinem Buch “Erlebnis Berg: Zeit zum Atmen” stößt der Leser auf den Abschnitt „Unterwegs nach Hause“. Er schreibt von Türen, die sich in den Bergen öffnen. Sein Bergsteigen war eine Suche. Es war eine Suche nach der Erfahrung, wirklich angekommen zu sein, nicht mehr weiter wollen zu müssen, am Ende der Sehnsucht angelangt zu sein, in einem Frieden, der bleibt.

Auf Gipfeln spürte er immer, dass er nicht bleiben kann. Und er spürte, dass sich die Augenblicke dort nicht konservieren lassen. Diese Erfahrung fasste er in einem prägnanten Satz zusammen: „Wirklich oben bist du niemals“.

Gipfeljagd – etwas für Jeden

Nur sehr wenige Menschen sind als Bergsteiger zu hohen Gipfeln unterwegs. Sehr viel mehr sind es jedoch, die nach anderen Gipfeln streben: Gipfeln des beruflichen Erfolgs, Gipfeln sportlicher Höchstleistungen, Gipfeln der gesellschaftlichen Bedeutung und Anerkennung, oder welche Gipfel es auch sein mögen. Daran ist nichts Verkehrtes.

Wohl jeder Mensch möchten in seinem Leben Gipfel erklimmen, kleine oder große. Das Leben soll nicht einfach so dahingelebt werden. Es soll Spuren hinterlassen. Und wenn es Spuren hinterlassen soll, dann ist Anstrengung notwendig. Zu einem Gipfel unterwegs sein bedeutet zwangsläufig Anstrengung.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie anstrengend für Reinhard Karl etwa der Aufstieg zum Mount Everest war. Da waren die Kälte, der geringe Sauerstoffgehalt der Luft, der schneidende Wind, die schwindenden Kräfte. Und da war wahrscheinlich auch die Angst vor einem Fehltritt, der trotz üblicher Sicherungen zu einem möglicherweise tödlichen Absturz führen könnte.

Für andere Menschen bedeutet Aufstieg zum Gipfel vielleicht enormen Zeit- und Krafteinsatz. Man arbeitet den ganzen Tag intensiv, nützt jede Minute und geht schließlich doch als letzter aus dem Büro nach Hause. Auch in der Freizeit arbeitet man weiter und ist für andere erreichbar. Man leistet überaus viel auf dem Weg nach oben. Und man spürt Widrigkeiten. Der Kälte des Mount Everest entspricht vielleicht der wahrnehmbare Neid der Kolleginnen und Kollegen. Und der geringe Sauerstoffgehalt der Luft entspricht vielleicht der geringen Anzahl wirklicher Freunde, die ein Top-Manager typischerweise hat, je höher er auf der Karriereleiter vorankommt. Und die Angst ist auch da, die Angst, dass ein kleiner Fehltritt einen beruflichen wie sozialen Absturz auslösen kann. Oder es mag die Angst sein, es trotz aller Anstrengung nicht bis zum beruflichen Gipfel zu schaffen.

Und wenn man dann auf dem Gipfel angekommen ist, dann machen wir wie Reinhard Karl die Erfahrung, dass wir auf einem Gipfel nicht bleiben können. Immer wieder müssen wir uns von Gipfeln verabschieden und weiterziehen. Ob wir wollen oder nicht – wir werden nicht gefragt.

Keine berufliche Karriere ist von Dauer. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, der letzte Arbeitstag, an dem die privaten Sachen in eine Kiste gepackt werden und man sich zum letzten Mal auf den Heimweg macht.

Was geschieht, wenn man sich gegen das Karriereende stemmt? Da sind beispielsweise die Unternehmenslenker, die ihr Unternehmen mit viel Herzblut und Krafteinsatz aufgebaut haben und die meinen, ohne sie ginge es nicht. Sie arbeiten weiter, auch wenn sie schon längst in ihren Siebzigern sind. Sie bekommen aber meist nicht mit, dass sie geschickt umgangen und die wirklich wichtigen Entscheidungen längst von anderen getroffen werden. Sie haben den Gipfel verlassen, zwar nicht in der eigenen Wahrnehmung, aber in der Wahrnehmung anderer.

Ein anderes Beispiel: das Zeitfenster für sportliche Höchstleistungen ist relativ gering. Beispielsweise schaffen es die wenigsten Profi-Fußballspieler in ihrer Karriere, über das 37. Lebensjahr hinaus Spitzenleistungen zu erbringen. Wenn keine Spitzenleistung mehr möglich ist, wird ein Fußballspieler nicht mehr aufgestellt oder kommt nur noch als Einwechselspieler zum Zug. Die Entscheidung, wann der Leistungsgipfel verlassen wurde, liegt in der Hand des Trainers.

Manchmal können wir selbst bestimmen, wann wir einen Gipfel wieder verlassen. Manchmal bestimmen es andere.

Gipfel sind nur Übergänge

Auch Gipfel, so Reinhard Karls Erkenntnis, sind nur Übergänge. Türen, Schwellen, an denen sich manchmal Wege öffnen, in unbekannte Räume. Und Blicke ins Weite können und dabei neues, bisher Ungesehenes ins Blickfeld holen. Ein Horizont, jenseits des gewohnten, tut sich auf.

Reinhard Karl beschreibt es so: „Die Berge scheinen unzählige Türen zu haben. Wenn man eine Tür öffnet, steht man unzählige weitere. Es ist unmöglich, alle Türen zu öffnen. Doch hinter jeder Tür vermutet man etwas Neues. Früher dachte ich, wenn du diesen Berg bestiegen hast, das muss das Höchste, das Größte sein, da oben auf deinem Traumberg zu sein, das Bergglück. Bei dieser immer länger dauernden Suche habe ich nur den Endpunkt im Auge gehalten. Das war die Jagd nach den schwierigsten Kletterrouten und den höchsten Bergen. Danach gab ich es auf. Das, was ich suchte, war so unantastbar wie ein Regenbogen.“

So ergibt „Wirklich oben bist du niemals“ oder, etwas umformuliert: „Wirklich auf dem Gipfel bist du nie“, einen tiefen Sinn. Man kann zwar physisch oben bzw. auf dem Gipfel sein, aber es ist nur eine Teilwahrheit. Eigentlich steht man vor einer Tür zu etwas neuem.

Und nun?

Wenn man einen Gipfel erklimmen, aber dort nicht bleiben kann, was könnte dann die Konsequenz für das Leben sein? Wäre es sinnlos, sich Gipfel vorzunehmen? Wäre es besser, in den Niederungen zu bleiben, auf Anstrengungen zu verzichten und ein unauffälliges, profilloses Leben zu führen? Nein, das kann es wohl auch nicht sein!

Eine Fokusänderung – Gipfel als Übergang, nicht als Endpunkt

Weshalb sollte man nicht nach dem oder den Gipfeln streben? Auf einem Gipfel zu sein ist ja gerade etwas Wunderschönes. Die Sicht auf den Gipfel, sie ist entscheidend.

Wenn ein Gipfel als Übergang und nicht als Endpunkt verstanden wird, verändert sich alles. Wir sprechen dann nicht mehr von „dem einen Gipfel“, sondern von „einem Gipfel.“ Das Leben ist schließlich so viel mehr als ein einziger Gipfel. Wir ordnen ein und weiten den Blick. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir für einen Gipfel, den wir erklimmen wollen, nicht alles geben. Wir machen uns lediglich bewusst: „Du steuerst auf einen Übergang zu, nicht auf einen Endpunkt“.

Gipfelerlebnisse sind Glückserlebnisse, zumindest in den allermeisten Fällen. Man macht sich bewusst: „Du hast es geschafft!“ und man genießt das Erreichte. Vielleicht stößt man einen Jubelschrei aus. Es wäre schließlich unsinnig, unter höchster Anstrengung einen Gipfel zu besteigen und dann nicht innezuhalten und die Aussicht zu genießen.

Transformation in den Alltag

Glückserlebnisse prägen sich im Gedächtnis ein. Man erinnert sich gerne an sie. Situationen werden wieder präsent. Man kann beispielsweise wieder nachspüren, wie die Oberschenkelmuskulatur beim Aufstieg schmerzte, wie sich das klatschnasse Hemd anfühlte, wie … und dass das alles die Anstrengung wert war. Und Bilder vom Gipfel schieben sich wieder vor das geistige Auge.

Jeden Tag kann es Gipfelerlebnisse geben. Man erklimmt zwar nicht jeden Tag einen Berggipfel, aber es gibt immer wieder Gelegenheiten, zu sich selbst zu sagen: „Du hast es geschafft!“ oder „Mir ist etwas gelungen“. Man kann den Moment genießen und sich dann auf den Weg zum nächsten Gipfel machen. Meistens sind es kleine Gipfelerlebnisse, aber sie sind nicht weniger wert als große.

Vielleicht ist beispielsweise die abgegebene Steuererklärung eines dieser Gipfelerlebnisse im Alltag. Man hat stunden-, vielleicht tagelang, die ganzen Belege gesammelt und erfasst. Man hat alles geprüft und schließlich die Steuererklärung abgegeben. Jetzt ist für dieses Jahr geschafft, was getan werden musste, und Zeit, es sich bewusst zu machen.

Diese kleinen Gipfelerlebnisse oder Glücksmomente bereichern den Tag. Im Leben „hier und jetzt“ lassen sie sich bewusst machen.

Den Blick weiten – weg vom Leistungsgedanken

Gibt es Momente, wo man zu sich selbst sagen kann: „Jetzt gerade fehlt nichts!“? Ja, solche Momente kann es geben und es gibt sie. Da ist vielleicht die Zeit, die man mit einem geliebten Menschen verbringt. Man empfindet, dass im Moment nichts fehlt, rein gar nichts. Alles andere ist ausgeblendet. Da bestehen vielleicht gerade finanzielle Engpässe oder es läuft im Beruf nicht so gut, aber all dies ist im Moment nicht wichtig. Im Moment fehlt nichts, denn die geliebte Person ist ja da.

Es wird bewusst, dass man ja selbst keine „Leistung“ eingebracht hat, dass es in einer Beziehung nicht um Leistung geht. In der zwischenmenschlichen Begegnung wird einem etwas geschenkt. Zuneigung lässt sich nicht erzwingen, sie ist ein Geschenk.

Intensiv leben

Gipfelerlebnisse und Glücksmomente machen das Leben zu einem intensiven Leben. Je mehr wir im „hier und jetzt leben“ und unsere Gipfelerlebnisse und Glücksmomente auskosten, desto intensiver leben wir. Und „intensiv leben“ war auch, so wird ihm nachgesagt, eine Maxime von Reinhard Karl.

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Dieter Jenz
Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.