Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen …

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„Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen, und wo die Macht den Vorrang hat, da fehlt die Liebe. Das eine ist der Schatten des andern.“

Carl Gustav Jung
Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen, C.G. Jung - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Carl Gustav Jung (1875-1961), war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie. In dieser von ihm begründeten analytischen Psychotherapie ist die Auseinandersetzung mit unbewussten Aspekten der Psyche, wie sie z. B. in den psychischen und somatischen Krankheitssymptomen, in Träumen, Fantasien und Symbolen zum Ausdruck kommen, ein wichtiger Bestandteil.

Machtspiele oder Machtwille?

Kein unbekanntes Szenario: Saskia und Thomas (Namen geändert) streiten sich. Saskia fühlt sich als Verliererin, denn es gelingt ihr nach ihrem Empfinden nicht, mit ihren Argumenten durchzudringen. Zudem fühlt sie sich von Thomas nicht ernst genommen und respektlos behandelt. Als Thomas das nächste Mal Sex mit ihr haben möchte, weist Saskia ihn ab. Sie wehrt sich auf diese Weise gegen ihn und zahlt ihm etwas heim. Sie demonstriert ihm ihre Macht.

Macht bezeichnet die Fähigkeit, auf das Denken und Verhalten anderer so einzuwirken, dass sich diese den eigenen Ansichten oder Wünschen unterordnen und sich entsprechend verhalten. Der Machtwille bezeichnet den Willen, Macht zu besitzen und auszuüben.

Was treibt Saskia an? Möchte sie Machtwillen demonstrieren oder spielt sie eher mit Macht? Möchte sie gewissermaßen gewohnheitsmäßig Macht ausüben oder will sie in einer bestimmten Situation zeigen, dass sie eben auch etwas tun kann, um sich als die Überlegene zu fühlen?

Saskia hat Thomas ihre Macht auf eine Weise gezeigt, gegen die er machtlos ist. Wenn sich beide wieder versöhnen, hat Saskia keinen Anlass mehr, sich zu verweigern. Saskia ist nicht von einem Machtwillen getrieben, der sich ständig durchsetzen will. Es ist ein Machtspiel mit dem Saskia beweisen kann, dass sie in bestimmten Lebenssituationen mehr Macht hat als Thomas. Saskia kann sich ihm entziehen und demonstriert gewissermaßen „Macht durch Bestrafung“.

Machtwille – welche Konsequenzen hat er?

Macht und Machtwille spielen in sämtlichen Formen des menschlichen Zusammenlebens eine Rolle. Die Politik, das Wirtschaftsleben, die Kirchen, das gesellschaftliche Leben mit allen seinen unterschiedlichen Beziehungsformen, sind Felder, auf denen Machtprozesse ablaufen. Ohne den Willen zur Macht gelingt es beispielsweise keinem Politiker, in ein hohes Amt zu gelangen und sich dort über längere Zeit zu halten.

Der Machtwille manifestiert sich in Machtprozessen, die ihre jeweils eigenen Ziele verfolgen. Handlungen in Machtprozessen können durchaus positive Ergebnisse anstreben, beispielsweise Machtzuwachs durch Sachkenntnis oder Überzeugungskraft. Aber natürlich gibt es auch die missbräuchlichen Handlungen, beispielsweise Intrigen, willkürliche Belohnung oder Bestrafung.

In zwischenmenschlichen Beziehungen zielt der Machtwille, allgemein ausgedrückt, darauf ab, den Persönlichkeitsbereich des Mitmenschen zu verengen. In der Konsequenz wird der Mitmensch zu einem „seelenlosen Ding“, einer „seelenlosen Sache“, herabgewürdigt. Begegnung und Beziehung auf Augenhöhe sind nicht mehr möglich.

In weiterer Konsequenz führt der Machtwille zur Verschlossenheit. Wenn man sich vom Machtwillen treiben lässt, kann man seinen Mitmenschen gegenüber nicht mehr offen sein. Man würde seine Machtziele offenbaren. Also muss man sich zumindest im Hinblick auf diese verschließen.

Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers sieht einen Gegensatz zwischen Wahrheits- und Machtwillen und stellt beides einander gegenüber: „Der Wahrheitswille drängt zur Offenheit, der Machtwille zur Verschlossenheit. Würden wir den Machtwillen zum Erlöschen bringen, dann würde die Verschlossenheit sich lösen.“.

Passen Liebe und Machtwille zusammen?

Jeder Mensch hat einen Machtwillen, wie schwach oder stark auch immer dieser ausgeprägt sein mag. Deshalb sind in jeder Partnerschaft Machtkonflikte unvermeidlich, weil zwei Individuen mit Machtwillen einander begegnen, jeden Tag aufs Neue.

Wie gehen die Partner mit ihren Machtkonflikten um? Erkennen sie sie rechtzeitig? Wenn Machtkonflikte nicht rechtzeitig erkannt werden, könnte ein ständiger Kampf um Überlegenheit die Beziehung bestimmen. Wenn ein „Sieger“ hervorgeht, kann sich ein dauerhaftes Dominanzverhalten entwickeln.

Eine Beziehung, in der einer der Partner dauerhaft seinen Machtwillen demonstriert, ist in der Konsequenz von einer starken Unwucht gekennzeichnet. Ständig werden Grenzen des Anderen missachtet und überschritten. Ständig meint einer zu wissen, was für den Partner richtig und wichtig ist. Und ständig … Wenn der Persönlichkeitsbereich eines der Partner dergestalt verengt wird, können sich die Beiden nicht auf Augenhöhe begegnen. Die Beziehung ist längerfristig zum Scheitern verurteilt. Wenn Liebe da ist, dann erkaltet sie. Bleiben die Partner dennoch zusammen, leben sie in einer Art geschäftsmäßiger Beziehung zusammen.

Im Gegensatz zum Machtwillen ist die Liebe uneigennützig. Ihr geht es nicht um den eigenen Vorteil. Und es geht ihr mehr um das Geben als um das Nehmen. Charles de Foucauld drückte es so aus: „Die Liebe ist bereitwillig, aufrichtig, sanft, klug, stark, geduldig, treu, beständig, hochherzig, uneigennützig. Von dem Augenblick an, wo man damit anfängt, für sich selbst etwas herausholen zu wollen, hört man auf zu lieben.“. Jorge Bucay hebt hervor, dass die Liebe Raum schafft: „Wahre Liebe ist die uneigennützige Aufgabe, Raum zu schaffen, damit der andere sein kann, wer er ist.“. Und Dietrich Bonhoeffer lenkt schließlich den Blick darauf: „Die Liebe will nichts von dem anderen, sie will alles für den anderen.“.

„Liebe gibt, Machtwille nimmt“ – so ließe sich der Gegensatz zwischen Liebe und Machtwille auf einen kurzen Nenner bringen. Oder, um ein anderes Bild zu verwenden: Liebe und Machtwille sind wie Feuer und Wasser.

Saskia und Thomas können ihren Konflikt lösen. Sie versöhnen sich wieder. Sie können sich immer mehr zur reifen Liebe und Beziehung hin entwickeln, bei der der Wahrheitswille zur Offenheit drängt und jeder Partner die eigene Integrität und Individualität bewahren kann.

Wie kann man Machtwillen frühzeitig erkennen?

Wenn Liebe und Machtwille miteinander unvereinbar sind, dann wäre es durchaus wichtig, den Machtwillen des Anderen einschätzen zu können, bevor man eine ernsthafte Beziehung beginnt. Liebesgefühle können durchaus den realistischen Blick auf den Machtwillen des Anderen vernebeln. Wenn man jedoch den ungesunden und vielleicht sogar pathologischen Machtwillen des Anderen rechtzeitig entlarvt, kann man sich selbst vor viel Leid bewahren.

Gibt es Indikatoren, mit deren Hilfe man den Machtwillen eines anderen Menschen einigermaßen treffsicher einschätzen kann? In der Tat gibt es einige Anzeichen, die man am Anderen erkennen kann und die in ihrer Gesamtheit eine Einschätzung ermöglichen.

Verhalten im Straßenverkehr

Es sind eher Männer, die durch eine aggressive Fahrweise auffallen. Da ist beispielsweise der Autofahrer, der sich gewissermaßen als Kämpfer im Straßenverkehr sieht. Er überholt rücksichtslos, schneidet andere Autofahrer, fährt bei Rot über die Ampel, nimmt anderen die Vorfahrt, regt sich ständig über die Fahrweise anderer Autofahrer auf, scheucht Fußgänger vom Zebrastreifen.

Auf Grundlage einer über zwei Jahre hinweg durchgeführten Studie gelangte der Psychologe Cris Burgess (Universität Exeter) zu der These, dass aggressive Autofahrer eher schlechte Liebhaber sind. Aggressive Autofahrer würden dazu neigen, sich auch in der Partnerschaft ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen können, verlören sie das Interesse und gäben sich keine Mühe mehr. Ihr psychologisches Profil habe auffällige Ähnlichkeiten mit dem eines zur Liebe unfähigen Menschen.

Insofern wäre es eine Möglichkeit, eine gemeinsame Fahrt mit dem Auto – mit ihm am Steuer – zu unternehmen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er am Steuer unbewusst verrät, was für ein Mensch er ist.

Verhalten in der Kommunikation

Menschen kommunizieren ständig verbal und nonverbal. Manche zeigen ein ausgeprägtes Dominanzverhalten, das der Demonstration von Überlegenheit dienen soll.

Die Körpersprache wird beim Dominanzverhalten eingesetzt, um andere einzuschüchtern. Dies äußert sich beispielsweise durch Unterschreiten der als tolerierbar empfundenen Distanz. Der Andere kommt einem körperlich zu nahe und löst dadurch ein unangenehmes Gefühl aus. Oder der Andere berührt einen in einer Weise, die man als unangenehm empfindet.

Das Dominanzverhalten in der verbalen Kommunikation kann sich in einem erzwungen größeren Sprechanteil zeigen. Da gibt es beispielsweise den Typus des dominanten Kunden. Ständig unterbricht er den Verkäufer und will das Gespräch dominieren. Er bringt vorgeblich komplexes Fachwissen ein, um dem Verkäufer zu zeigen, dass er mit der Materie wesentlich besser vertraut ist als dieser. Der Machtwille wird sichtbar, da es ihm um die Beherrschung des Gesprächs geht, weniger um inhaltliche Aspekte.

Um mögliches Dominanzverhalten zu erkennen, wäre ein Einkaufsbummel eine gute Gelegenheit. Bei einem Besuch eines Fachgeschäfts, das keine fachliche Berührung mit dem Beruf des Partners hat, ließe sich herausfinden, ob er ein Dominanzverhalten zeigt.

Verhalten im gewohnten Umfeld

Nahezu jeder Mensch hat ein familiäres Umfeld. Da gibt es die Eltern und vielleicht auch Geschwister. Wäre es nicht hilfreich, das familiäre Umfeld des Partners schon möglichst frühzeitig kennenzulernen? Dann könnte man sich ein Bild davon machen, wie er mit den Familienmitgliedern umgeht. Wie behandelt er sie? Respektiert er andere Ansichten? Oder bringt er immer seine eigenen Ansichten ins Spiel, will sie durchsetzen und spielt sich gar als „Hüter der Wahrheit“ auf? Wird er schnell aggressiv und greift zu unfairen Mitteln? Dies hat oft seinen Grund in einem Gefühl der Unterlegenheit, denn dieses Gefühl lässt einen Menschen gern zu unfairen Mitteln greifen.

Im familiären Umfeld hat der Partner als erstes Machtprozesse erlebt. Verhaltensmuster anderer im Umfeld, in dem der Partner aufgewachsen ist, haben sich unbewusst eingeprägt. Deshalb laufen die meisten Machtprozesse auch unbewusst ab. Der Umgang des Partners mit Menschen in seinem engeren wie weiteren familiären Umfeld kann einen guten Eindruck vermitteln, ob und wie er Macht ausüben will.

Wie verhält sich der Partner gegenüber seinen Freunden? Hat er überhaupt welche? Sind es Freundschaften auf Augenhöhe, bei denen sich die Freunde gegenseitig achten? Oder zeigt der Partner ein Dominanzverhalten und haben Freundschaften für ihn lediglich den Zweck, Freunde zum eigenen Vorteil zu „benutzen“? Das Bild, das der Partner im Umgang mit seinen Freunden vermittelt, lässt Rückschlüsse auf einen möglichen ungesunden Machtwillen zu.

Wo die Macht den Vorrang hat …

Wo die Macht den Vorrang hat, da fehlt die Liebe. Leider bestätigen unzählige Beziehungen, dass Jungs Feststellung zutrifft. In einer Beziehung kann das Leben, bildlich gesprochen, blühen, wenn Liebe gegenwärtig ist. Fehlt sie, kann nicht nur die Beziehung, sondern das ganze Leben schwer erträglich werden.

Wie kann man damit umgehen, wenn in der Beziehung die Macht den Vorrang hat und die Liebe fehlt? Trennt man sich oder bleibt man trotzdem zusammen? Es mag eine Reihe von ganz pragmatischen Gründen geben, wie beispielsweise wirtschaftliche Abhängigkeit, die vordergründig gegen eine Trennung sprechen. Doch letzten Endes kann diese Frage nur individuell beantwortet werden.

Zumindest wenn sich eine Beziehung anbahnt, kann man rechtzeitig ausloten, wie stark der Machtwille beim Anderen ausgeprägt ist. Liebe und Machtwille vertragen sich nicht, sie sind, wie schon erwähnt, wie Feuer und Wasser. Wenn man wahrnimmt, dass Macht den Vorrang hat, wird man sich sehr wahrscheinlich viel Leid ersparen, wenn man die Beziehung nicht beginnt oder gleich wieder beendet. Die kostbare Lebenszeit wäre besser investiert, nach einem Partner Ausschau zu halten, bei und mit dem das eigene Leben blühen kann.

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt. Dies ist nicht geschlechtsspezifisch gemeint.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.