Depression ist die Belohnung fürs Bravsein.

„Depression ist die Belohnung fürs Bravsein.“

Marshall B. Rosenberg
Depression ist die Belohnung, M. Rosenberg - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Marshall B. Rosenberg (1934-2015) war ein US-amerikanischer Psychologe. Er entwickelte das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), englisch: Nonviolent Communication (NVC). Dieses soll Menschen ermöglichen, dergestalt miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss auf Grundlage wertschätzender Beziehung zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. 1984 gründete Rosenberg das gemeinnützige Center for Nonviolent Communication. Als Mediator war er international tätig.

Depression durch Bravsein?

Marion (*) ist schon mehrere Jahre mit Rudi (*) verheiratet. Sie erlebt Rudi als herrisch, mürrisch und sie wenig wertschätzend. Vor einigen Jahren hatte Rudi vorübergehend eine außereheliche Beziehung. Marion kam dahinter und forderte von Rudi, diese Beziehung zu beenden. Das tat er dann auch, aber nicht sofort.

Für Marion ist die Stimmung in ihrer Beziehung belastend. Es ist keine eheliche Beziehung auf Augenhöhe. Ihre depressive Stimmung verwundert nicht. Es ist eine dauerhafte depressive Stimmung. Darüber hinaus sind bei ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen beeinträchtigt. Nach den Kriterien der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wäre nach eingehender weiterer Klärung von Haupt- und Nebensymptomen möglicherweise eine Depression zu diagnostizieren.

In all den Jahren ihrer Ehe hat sich Marion immer zurückgenommen. Selbst während Rudis außerehelichen Beziehung wollte sie sich nicht von ihm trennen. Für sie spielte immer auch eine Rolle, was denn die Leute sagen würden. Also blieb es dabei, dass nur sie von dieser Beziehung wusste und die Fassade nach außen gewahrt blieb.

Natürlich hatte ihre eigene Erziehung durch ihre Eltern einen prägenden Einfluss auf ihr Denken und Verhalten. Marion war zum „Bravsein“ oder „Gutsein“ (im englischen Originaltext lautet das Zitat: „Depression is the reward we get for being ‚good‘“) erzogen worden. Ihr war unter anderem mitgegeben worden, nicht in erster Linie an sich zu denken.

Marion hat sich für das „Dauerleiden“ entschieden. Vor einer wirklichen Trennung von Rudi scheute sie immer zurück. Den Gedanken spielte sie wohl durch, aber es blieb eben beim Gedanken.

Wie hätte Marion handeln können, um zu einer Beziehung auf Augenhöhe zu gelangen? Der Weg hätte über ihre Bedürfnisse geführt. Was sind ihre Bedürfnisse in der Beziehung? Wenn sie sich darüber klargeworden ist, weiß sie auch konkret, was sie braucht, was sie möchte und was sie sich wünscht.

Wie würde Rudi reagieren?

Und Rudi? Er ist derselbe geblieben. Ihn kümmert nicht so sehr, was Marion möchte. Und er weiß es auch nicht, zumindest nicht klar und deutlich, weil sie es ihm (noch) nicht gesagt hat. Was würde geschehen, wenn Marion mit Rudi über ihre Bedürfnisse spricht?

Rudi könnte spontan (an)erkennen, dass ihre Bedürfnisse berechtigt sind, und er könnte sich ändern. Beide würden fortan zusammen glücklich und in Frieden bis an das Lebensende leben. Das wäre das optimale, aber leider unwahrscheinliche Szenario.

Wahrscheinlicher ist, dass Rudi den eingefahrenen Kurs des Ehelebens nicht verlassen und sich nicht ändern möchte. Jahrelang hat er schließlich die Erfahrung gemacht, dass sich Marion immer wieder zurücknimmt.

Wie kann Marion damit umgehen, wenn sie gegenüber Rudi ihre Bedürfnisse zwar benennt, sie jedoch bei ihm nicht durchdringt und er nicht darauf eingeht? Natürlich könnte sie Rudi zu einer Eheberatung bewegen. Wenn er sich darauf aber nicht einlässt und lieber alles so weiterlaufen lässt wie bisher? Wie kann Marion dann gut für sich sorgen?

Möchte Marion ihr „Dauerleiden“ beenden und sich trennen? Dies wäre für sie eine Zäsur und würde ihr viel Kraft und Energie abverlangen. Oder möchte sie dann doch lieber „brav“ bleiben? Dann könnte sie weiterhin im bisherigen Umfeld leben. Ihre Ehe mit Rudi würde sich vermutlich mehr in Richtung Wohngemeinschaft entwickeln und sie würde mehr oder weniger ihr eigenes Leben leben.

Vielleicht hat Marion auch einfach Angst vor der eigenen Courage. Wenn sie ihre Bedürfnisse benennt, ist dies auch mit einer Konsequenz verbunden. Jetzt, da sie gegenüber sich selbst ihre Bedürfnisse klargemacht hat, kann es nicht mehr so bleiben wie es ist.

Wenn sich Marion für das „Weiterleiden“ entscheidet, leidet sie noch mehr, da sie von jetzt ab gewissermaßen bewusster leidet. Und wenn sie sich gegen das „Weiterleiden“ entscheidet, Rudi sich aber nicht ändern möchte, müsste sie sich konsequenterweise von ihm trennen. Oder gibt es vielleicht doch irgendeinen Weg dazwischen?

Depression als Belohnung fürs Bravsein? Marion kennt diese These Rosenbergs nicht. Aber wenn sie sie denn kennen würde, würde sie sie in ihrer Situation vielleicht als etwas zynisch empfinden.

* Name(n) geändert

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Wie ich entscheide, eine Situation zu betrachten, M. Rosenberg - Gestaltung: privat
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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.