Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als …

„Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können. Daher geht es für sie nur darum, wie man es erreicht, geliebt zu werden, wie man liebenswert wird.“

Erich Fromm
Die meisten Menschen sehen das Problem, E. Fromm - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Erich Fromm (1900-1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe. Er versuchte, psychologisches und soziologisches Denken zu verbinden. Für Fromm ist die Freiheit zentrales Kriterium der menschlichen Natur.

Sein Hauptinteresse galt der Erforschung der psychischen Voraussetzungen für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben. Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben ihn als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert.

Lieben und geliebt werden – ein Spannungsfeld?

Was würde Erich Fromm wohl heute im Zeitalter der sozialen Medien sagen oder schreiben? Hat sich seit dem Jahr 1956, als sein Buch „Die Kunst des Liebens“* erschien, etwas Grundsätzliches an dem geändert, was er als Problem der Liebe ansah?

Seither haben sich Gesellschaft und soziales Zusammenleben sehr gewandelt, vor allem auch getrieben durch den technischen Fortschritt. Im Lauf der Zeit kamen immer neue Kommunikationsmöglichkeiten und ‑plattformen hinzu. Heute sind beispielsweise die modernen sozialen Medien bei vielen Menschen aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Nicht wenige Menschen verbringen mehrere Stunden am Tag mit Apps, wie beispielsweise WhatsApp und Facebook, um mit anderen zu kommunizieren.

Haben sich die Bedürfnisse der Menschen seither ebenso stark gewandelt? Wohl kaum! „Ich möchte geliebt werden“ – an diesem natürlichen Bedürfnis hat sich im Grunde nichts geändert. Wo ist das Problem der Liebe?

Um liebenswert zu erscheinen, wird man aktiv. Man pflegt sein Äußeres, kleidet sich attraktiv, achtet auf sein Verhalten usw., um anziehend zu wirken. Dann findet man vielleicht eine Partnerin bzw. einen Partner. Man verliebt sich, spürt die sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch. Wie geht es dann weiter? Möchte man nur geliebt werden oder will man auch selbst lieben?

Was geschieht, wenn man geliebt werden möchte, jedoch nicht selbst lieben will? Dann wäre eine Beziehung von Vornherein keine Beziehung auf Augenhöhe. Eine(r) würde nur geben, der bzw. die Andere würde nur nehmen. Eine solche Beziehung hätte auf Dauer keine Chance, denn der oder die Gebende würde sich mit der Zeit überlasten. Sie würde die Verliebtheitsphase, die im Allgemeinen etwa 18 Monate anhält, nicht überdauern. Die Verliebtheit würde nicht in eine reife Liebe übergehen.

Was macht wahre und reife Liebe aus?

Für Erich Fromm sind wahre und reife Liebe mehr ein Geben als ein Nehmen. Geben bedeutet auch, sich für die seelischen Bedürfnisse der Partnerin bzw. des Partners verantwortlich zu fühlen. Dabei darf es jedoch nicht darum gehen, den Anderen zu besitzen oder gar beherrschen zu wollen. Der Andere muss seinen Freiraum behalten dürfen, damit er sich frei entfalten und entwickeln kann und so sein darf, wie er wirklich ist. Der Andere verdient Achtung und wird geachtet, seine Grenzen werden respektiert.

Im Endeffekt ist für Erich Fromm Lieben wichtiger als selbst geliebt zu werden. Und Geben ist wichtiger als Empfangen. Trotzdem führt das Geben nicht zur Überlastung.

Kann man den Anderen lieben, ohne sich selbst zu lieben? Wenn man sich selbst nicht lieben kann, legt man unausgesprochen dem Anderen den Wunsch auf, dieses Vakuum zu füllen. Dies wird die Beziehung belasten. Kann man sich jedoch selbst lieben, entlastet man den Anderen von einer letztlich nicht erfüllbaren Aufgabe. Für Erich Fromm ist deshalb die Liebe zu sich selbst eine Voraussetzung für die reife und erfüllende Liebesbeziehung.

Erich Fromm spiegelt in diesem Werk auch eigene Erfahrungen. Als dieses Buch erschien, war Erich Fromm bereits in dritter Ehe verheiratet. Von seiner ersten Ehefrau, der Psychoanalytikerin Frieda Reichmann, trennte er sich nach fünf Jahren, blieb ihr jedoch weiterhin freundschaftlich verbunden. Nach der Scheidung heiratete er die deutsch-jüdische Emigrantin Henny Gurland. Nach dem Tod seiner zweiten Frau heiratete er die US-Amerikanerin Annis Freeman.

* „Die Kunst des Liebens“, ein gesellschaftskritisches Werk von Erich Fromm, erschien 1956 in der Erstauflage. Seitdem wurde es in 50 Sprachen übersetzt und zählt mit mehr als 25 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Sachbüchern aller Zeiten.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.