Haben andere Menschen die Aufgabe, dich zu mögen?

„Haben andere Menschen die Aufgabe, dich zu mögen? Nein! Dafür bist du selbst zuständig!“

Dieter Jenz
Haben andere Menschen die Aufgabe, D. Jenz - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Von allen gemocht werden – ein Ding der Unmöglichkeit?

Leonie (Name geändert) ist eine harmoniebedürftige junge Frau. Sie führt ein weitgehend angepasstes Leben und richtet sich sehr danach, was andere von ihr erwarten. Sie versucht, nicht anzuecken. Deshalb hält sie sich beispielsweise in den sozialen Medien mit ihrer eigenen Meinung zurück. Ihre Postings sind ziemlich neutral gehalten, denn sie will sich nicht angreifbar machen. Sie achtet darauf, was anderen gefallen könnte. Und dahinter steckt auch die Absicht, von anderen anerkannt und positiv bewertet zu werden (z. B. in Form von „Likes“).

Verwundert es, dass Leonie leidet? Sie hat sich selbst eine Art Gefängnis gebaut, hat Grenzen gezogen, die sie jetzt einschränken. Leonie kann ihre Potenziale nicht so entfalten, wie sie das eigentlich möchte. Sie könnte ja eigentlich so viel mehr, aber sie begrenzt sich selbst. Darunter leidet sie.

Es ist Leonies Wunsch und Bedürfnis, gemocht zu werden, möglichst von allen. Steht Leonie in unserer Gesellschaft mit diesem Bedürfnis alleine? Keineswegs! Jeder Mensch hat das natürliche Bedürfnis, gemocht zu werden. Und wenn man diesem Bedürfnis folgt, ist man zutiefst authentisch.

Lässt sich dieses Bedürfnis erfüllen? Ist es überhaupt möglich, von allen gemocht zu werden? Es wäre möglich, wenn man jedem beliebigen Mitmenschen, bildlich gesprochen, eine Fassade bieten könnte, die dieser attraktiv findet. Wenn man dies wirklich versuchen würde, würde man sich jedoch dazu zwingen, eine Art Chamäleon zu sein. Jedes Mal, wenn man einem Menschen begegnet, würde man gewissermaßen seine Fassade anpassen. Dabei ginge unweigerlich der Bezug zum eigenen Selbst verloren. Man wäre nicht mehr echt. Nein, es ist schlichtweg unmöglich! Man kann nicht allen Menschen gefallen und von allen gemocht werden!

Wie würde es sich auswirken, wenn man von allen gemocht werden möchte?

Man muss also damit leben, dass einen eben nicht alle Menschen mögen und einem die gewünschte Anerkennung geben. Trotzdem ist dieses Bedürfnis da. Die Frage ist dann, wie sehr einen dieses Bedürfnis beherrscht.

Wenn dieses Bedürfnis, gemocht zu werden, das Leben dominiert, stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Konsequenzen. Was würde passieren, wie würde sich das Leben gestalten, wenn man wirklich von allen gemocht werden wollte? Die Antworten auf diese Frage müssen einen schlicht ernüchtern und erschrecken.

Man macht sich selbst zur Ware

Von allen gemocht zu werden, führt zur Trennung vom eigenen Selbst. Dann erscheint man nach außen als eine Art seelenlose Ware. Wenn man selbst die Einstellung hat „Ich bin so, wie du mich haben möchtest“ und wenn Zuneigung und Anerkennung weitgehend davon abhängen, wie man sich selbst anbietet, macht man sich gewissermaßen selbst zur Ware. Diese Ware bekommt dann Zuneigung und Anerkennung über „Likes“ oder ähnliches. Damit drückt man unbewusst auch aus: andere Menschen sollen mögen, was man macht und tut, und es geht nicht mehr wirklich darum, dass man als Mensch gemocht wird.

Man bietet sich ohne seine Originalität an, reduziert sich dadurch selbst und macht sich in der Konsequenz dadurch auch selbst austauschbar. Es ist wie bei einer Ware: wenn einer Ware die Einzigartigkeit fehlt, ist sie austauschbar.

Man beschränkt sich auf Mittelmäßigkeit

Man verzichtet darauf, das eigene Profil zu zeigen und die eigenen Potenziale auszuschöpfen. Vielleicht hat man besonderes Wissen oder besondere Fähigkeiten, aber man schränkt sich selbst ein, weil man ja nicht anecken will. Man könnte sich ja Widerspruch und Gegenargumente einhandeln. Zwar könnte man im Diskurs seine Argumente faktensicher vertreten, aber man scheut davor zurück.

In der Konsequenz beschränkt man sich selbst auf Mittelmäßigkeit. Der frühere US-Außenminister Colin Powell brachte es treffend auf den Punkt: „Der Versuch, von jedem gemocht zu werden, ist ein Zeichen für Mittelmäßigkeit.“.

Man gibt Macht über sich ab

Wenn man an andere Menschen den Anspruch stellt, dass sie einen mögen, oder dies sogar einfordert, macht man sich abhängig. Und wenn man sich abhängig macht, gibt man freiwillig Macht über sich ab. Man drückt, bildlich gesprochen, anderen die Fernbedienung zum Auslösen von Gefühlen in die Hand, denn wenn man beispielsweise die gewünschte Anerkennung nicht bekommt, fühlt man sich enttäuscht und unglücklich.

Außerdem macht man sich verletzlich und manipulierbar. Andere Menschen finden sehr schnell heraus, welchen „Knopf“ sie drücken müssen, um einen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen.

Man verliert die Achtung anderer Menschen

Wenn man seine Originalität preisgibt und sich selbst reduziert und beschränkt, verliert man auch Achtung und Wertschätzung. Paulo Coelho drückte es so aus: „Versuche nie, allen zu gefallen, oder du wirst die Achtung aller verlieren.“.

Lässt man Selbstabwertung zu?

Man erfährt tagtäglich den Unterschied zwischen Wunsch und Realität. Wie geht man damit um, wenn andere keine Zuneigung und/oder Anerkennung ausdrücken? Folgert man daraus „ich bin nichts wert“? Wenn man sich an Zuneigung und Anerkennung anderer bindet, liegt diese Folgerung tatsächlich nahe. Aber dann wertet man sich selbst ab.

Man bestraft sich durch die Abwertung letztlich selbst. Aber so muss es nicht bleiben. Die Frage „Ändert das, was der Andere mir gegenüber ausdrückt, etwas an dem, wer ich bin oder an dem, was mir persönlich wichtig ist?“ kann einen Impuls zu einer Richtungsänderung im eigenen Denken geben. Wenn sie mit einem klaren „Nein“ beantwortet wird, ist der erste Schritt schon gemacht. Jetzt kann man darangehen, einen neuen Kurs einzuschlagen, um sich aus seinem Gefängnis zu befreien.

Wie kann man sich aus seinem Gefängnis befreien?

Was kann man tun, wie kann man vorgehen, um mehr bei sich selbst zu sein und zu bleiben? Bei sich selbst sein bedeutet auch, weniger von Zuneigung und Anerkennung anderer Menschen abhängig sein. Die Betonung liegt auf „weniger“, denn das menschliche Grundbedürfnis ist ja immer noch da.

Die eigene Zuständigkeit akzeptieren

Es ist nicht die Aufgabe anderer Menschen, einen zu mögen. Weshalb auch sollte es deren Aufgabe sein? Dann bleibt nur, die Zuständigkeit für sich selbst zu akzeptieren.

Davon abgesehen, wurde noch nie jemand von allen Menschen gemocht. Keinem einzigen Menschen ist es bisher gelungen, Zuneigung und Anerkennung all seiner Mitmenschen zu finden. Selbst Wohltäter der Menschheit, wie beispielsweise Albert Schweitzer, Mutter Teresa oder Henri Dunant – um nur einige wenige zu nennen – wurden zuweilen angefeindet. Weshalb sollte man der erste sein, dem das Einzigartige gelingt, von allen gemocht zu werden? Deshalb kann es nur konsequent sein, nicht (mehr) zu erwarten oder gar einzufordern, dass man von allen gemocht wird.

Wenn man seine eigene Zuständigkeit akzeptiert, fällt es leichter, sich von anderen unabhängiger zu machen. Und man ist bereit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Die Umstände berücksichtigen

Wenn man nicht die gewünschte Zuneigung und Anerkennung erfährt, ist dies keinesfalls gleichbedeutend mit einer objektiven Sichtweise. Es ist seine subjektive Sicht, die einen anderen Menschen dazu bringt, einen nicht zu mögen. Man darf es keinesfalls als Urteil auffassen, dass man als Person nicht in Ordnung ist.

Davon abgesehen kann es sich auch um eine momentane Abneigung handeln. Vielleicht ist dem Anderen gerade die sprichwörtliche „Laus über die Leber gelaufen“, vielleicht hat er soeben selbst Zurückweisung erlebt und gibt sie einfach weiter. Dann ist es eine Art Momentaufnahme der Abneigung. Aber Gefühle können sich auch schnell wieder verflüchtigen.

Sich auf sich selbst konzentrieren

Wenn man ständig darauf achtet, was andere Menschen über einen denken und wie man bei ihnen ankommt, steht man in der Versuchung, sich als „Ware“ anzubieten. Man will ja gefallen. Aber wie will man dann bei sich selbst bleiben?

Es wird sehr viel besser gelingen, bei sich selbst zu bleiben, wenn man sich auf die eigenen Werte und Ziele konzentriert. Dann kann man seine Neigungen, Fähigkeiten und Kompetenzen sehr viel besser zur Entfaltung bringen und hemmt sich nicht selbst. Man ist schließlich ein einzigartiges, unverwechselbares Individuum und kann in der Welt seinen ganz individuellen Beitrag leisten.

Sich selbst annehmen und lieben

Wenn man sich selbst nicht annehmen kann, dann wird es sehr schwerfallen, sich selbst zu lieben. Deshalb ist es zunächst wichtig, ein uneingeschränktes „Ja“ zu sich selbst mit allen Stärken und Schwächen, Sonnen- und Schattenseiten, zu finden.

Von der Selbstannahme zur Selbstliebe ist es nur ein kurzer Weg. Selbstliebe bedeutet, sich nicht nur selbst allumfassend anzunehmen, sondern sich auch selbst bedingungslos und uneingeschränkt zu lieben. Selbstliebe ist auch eine Voraussetzung, um andere lieben zu können. Wenn man sich selbst nicht lieben kann, dann ist es praktisch unmöglich, andere zu lieben. Man leidet an einem Mangel an Freude und Interesse an sich selbst, der die Liebe zu anderen nahezu unmöglich macht.

Wie verhält es sich jedoch, wenn man nur andere lieben kann, sich selbst jedoch nicht? Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm gibt in seinem sehr bekannten Werk „Die Kunst des Liebens“ darauf eine klare Antwort: Wenn der Mensch nur andere lieben kann, dann kann er überhaupt nicht lieben.

Wenn man sich selbst nicht lieben kann, dann kann man sich auch selbst nicht erkennen. „Nur die Liebe lässt uns tiefer in uns eindringen und erkennen, wer wir in Wahrheit sind. Sich selbst zu lieben ist etwas anderes, als um sich selbst zu kreisen.“, so beschreibt es Pater Anselm Grün.

Selbstliebe ist nicht gleichbedeutend mit Selbstsucht. Man wendet sich liebevoll sich selbst zu, aber dies bedeutet keineswegs, dass man wie ein selbstsüchtiger Mensch immer nur den eigenen Vorteil im Blick hat.

Das Selbstwertgefühl stärken

Selbstannahme und Selbstliebe bilden ein solides Fundament für das Selbstwertgefühl, die Bewertung, die man an sich selbst vorgenommen hat. Eine positive Bewertung seiner selbst, ein positives Selbstwertgefühl, stärkt das seelische Rückgrat. Man schätzt sich selbst wert. Die Auswirkungen sind spürbar. Einige davon sind: Man

  • kann souveräner damit umgehen, wenn einen andere Menschen nicht mögen, einem nicht die gewünschte Zuneigung und Anerkennung gewähren;
  • wertet andere Meinungen oder Kritik nicht gleich als persönlichen Angriff auf sich;
  • kann auch der Versuchung widerstehen, sich ständig mit anderen zu vergleichen.

Verantwortung für sich übernehmen       

Kann man aus vollem Herzen zustimmen, dass man selbst dafür zuständig ist, sich zu mögen? Und möchte man Verantwortung für sich übernehmen? Ist man dazu bereit? Dann wird man selbst aktiv, getragen von Selbstannahme, Selbstliebe und einer gesunden Selbstwertschätzung. Und dann werden auch die Türen eines selbstgebauten Gefängnisses bald aufgehen.

Auch ein weiterer Aspekt ist wichtig: der Aspekt der Selbstheilung. Durch die liebevolle Zuwendung zu sich selbst entdeckt man die eigenen Ressourcen und Potenziale wieder neu. Und man gewinnt innere Stärke und auch an Ausstrahlung. Letzten Endes heilt man sich selbst.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.