Mit den Jahren runzelt die Haut. Die Seele aber runzelt … Begeisterung

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„Mit den Jahren runzelt die Haut. Die Seele aber runzelt mit dem Verzicht auf Begeisterung.“

Albert Schweitzer
Mit den Jahren runzelt die Haut, A. Schweitzer - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Albert Schweitzer (1875-1965) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Pazifist. Schweitzer, der „Urwaldarzt“, gründete 1913 ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften.

Wie sieht eine runzelige Seele aus?

Natürlich kann eine auf einem Röntgenbild oder mit sonstigen bildgebenden Verfahren nicht sichtbare Seele keine Runzeln haben. Bekannt sind Runzeln vor allem als Alterserscheinungen der Haut. Deren Alterungsprozess lässt sich nicht aufhalten, lediglich etwas verzögern. In höherem Alter bekommt die Haut mehr oder weniger tiefe Falten und Runzeln, da die Muskelspannkraft nachlässt und die Haut an Elastizität einbüßt.

Gibt es im übertragenen Sinne einen Alterungsprozess der Seele? Gibt es auch bei der Seele so etwas ähnliches wie einen Verlust an Spannkraft und Elastizität? Wie könnte man sich eine runzelige Seele vorstellen? Und an welchen Symptomen ließe sich erkennen, dass die Seele, bildlich gesprochen, runzelig ist?

Wenn etwas runzelig wird, weist dies, wie am Beispiel der Haut kurz veranschaulicht, auf einen Mangel hin. Im Hinblick auf die Seele sind es im Wesentlichen drei Mangelerscheinungen: Sinninsuffizienz, Beziehungsinsuffizienz und Dankbarkeitsinsuffizienz.

Sinninsuffizienz

Wie kann sich Sinninsuffizienz, der Mangel oder vielleicht sogar das nahezu gänzliche Fehlen von Sinn im Leben, zeigen? Vielleicht so: man lebt sein Alltagsleben antriebslos dahin. Man tut was zu tun ist, weil es halt getan werden muss. Das Leben wird als öde, vielleicht sogar als eine Art Pflicht empfunden. Im Leben gibt es keine Aufgabe, der man sich verschrieben hat und auch kein „großes“ Ziel, das man erreichen möchte. Das Leben hat deshalb keinen wirklichen Lebensinhalt. Es gibt keine Werte, für die es sich wirklich lohnt zu leben.

Viktor Frankl, Neurologe und Psychiater, kam zu dem Schluss, dass der Mensch über einen „Willen zum Sinn“ verfügt. Er erkrankt seelisch, wenn sein Sinnbedürfnis enttäuscht wird. Viktor Frankl drückte es so aus: „Was wir wollen, was wir brauchen, ist nicht nur das Geld, von dem wir leben können, sondern in erster Linie etwas, für das wir leben können – etwas, was unserem Leben Sinn gibt! Es gibt also nicht nur einen Hunger nach Brot, sondern auch einen Hunger nach Sinn!“.

Sinninsuffizienz wäre demnach ein Indikator, dass man sich um seinen Hunger nach Sinn nicht hinreichend gekümmert hat. Wem sollte man dieses Versäumnis anlasten außer sich selbst? Es ist ein selbstverantwortetes Versäumnis.

Beziehungsinsuffizienz

Woran kann man Beziehungsinsuffizienz erkennen? Diese Frage lässt sich leicht beantworten: man hat niemand, mit dem man mehr als oberflächliche Beziehungen pflegt. Und wenn man soziale Beziehungen hat, sind sie nicht wirklich lebendig.

Vielleicht lebt man in einer Partnerschaft. Aber eigentlich lebt man nebeneinander her. Man erledigt, was erledigt werden muss (Hausarbeit usw.), und unterhält sich über Dinge, die miteinander abgestimmt werden müssen. Doch zu tiefergehenden Unterhaltungen mit etwas anspruchsvolleren Themen kommt es so gut wie nie.

Wenn man Freunde hat, dann haben sie eigentlich eher den Charakter von Bekannten. Sie sind nicht das, was man sich unter einem Freund vorstellt. Man hat kein tiefes Vertrauen zu ihnen und kann sich nicht wirklich mit ihnen darüber unterhalten, was einen selbst zutiefst bewegt. Wenn man sich die Frage stellt, wen man morgens um vier Uhr anrufen könnte, wenn man in großen Schwierigkeiten steckt, würde einem niemand einfallen.

Man kann durchaus viele Menschen um sich haben. Man kann viele Bekannte haben, insbesondere in den sozialen Netzwerken (dort oft als „Freunde“ bezeichnet). Doch nicht die Zahl ist entscheidend, sondern die Beziehungstiefe, die Beziehungsqualität.

Fehlende Beziehungsqualität ist ein Indikator für Beziehungsinsuffizienz. Auch Beziehungsinsuffizienz ist eine Mangelerscheinung, die man – zumindest in den meisten Fällen – selbst verantwortet.

Dankbarkeitsinsuffizienz

Das dritte Hauptmerkmal einer runzeligen Seele ist die Dankbarkeitsinsuffizienz. Man meint, dass es im Leben wenig gibt, für das man dankbar sein könnte oder sollte. Das Meiste, wenn auch nicht absolut alles, hat man sich mehr oder weniger selbst erarbeitet oder es zuwege gebracht. Wofür also sollte man dankbar sein?

Wenn Dankbarkeit eine Mangelerscheinung im Leben ist, wird man nahezu zwangsläufig eine chronifizierte Unzufriedenheit entwickeln, verbunden mit fehlender Lebensfreude. Wenn man immer dazu neigt, das sprichwörtliche Haar in der Suppe zu suchen, wie will man dann Lebensfülle erleben können? Die Aufmerksamkeit ist schließlich fast immer nur auf das gerichtet, wo ein Mangel erkennbar ist.

Dauerhafte Unzufriedenheit ist ein Indikator für Dankbarkeitsinsuffizienz. Damit entzieht man sich selbst auch das Glücksempfinden, macht sich unglücklich. David Steindl-Rast, Benediktinermönch und Autor brachte es so zum Ausdruck: „Schau genau hin und du wirst feststellen, dass die Menschen glücklich sind, weil sie dankbar sind. Das Gegenteil von Dankbarkeit ist alles selbstverständlich nehmen.“.

Zur Dankbarkeitsinsuffizienz ist man nicht durch seine Erbanlagen verurteilt. Wen wollte man dafür verantwortlich machen außer sich selbst, wenn es an emotionaler Fähigkeit mangelt, Dankbarkeit zu empfinden?

Wie sieht eine Anti-Aging-Strategie für die Seele aus?

Wenn man einen Mangel empfindet, liegt nichts näher als sich Gedanken darüber zu machen, wie man den Mangel beheben könnte. Man möchte jedoch, bildlich gesprochen, nicht nur ein Pflaster auf den Mangel kleben, sondern ihn nachhaltig beheben. Dazu ist eine Strategie notwendig: eine Anti-Aging-Strategie für die Seele.

Sinninsuffizienz, Beziehungsinsuffizienz und Dankbarkeitsinsuffizienz lassen sich natürlich nicht medikamentös behandeln. Sie lassen sich auch nicht durch einmalige Erlebnisse behandeln, wie beispielsweise ein Wellness-Wochenende (natürlich kann ein solches dem Wohlbefinden sehr guttun). In der Konsequenz kann man ein nachhaltiges Anti-Aging für die Seele nicht kaufen. Vielmehr ist in der eigenen Person eine „Tiefenbehandlung“ erforderlich, die zu einer dauerhaften Veränderung der Einstellungen und des Verhaltens führt. Anti-Aging für die Seele muss zu einem Lebensstil werden.

Folgt man diesem Gedanken, wirkt ein Anti-Aging für die Seele nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen. Mit anderen Worten: das Anti-Aging setzt an der Seele selbst an. Doch wie kann man die wesentlichen Insuffizienzen angehen?

Begeisterung für eine Aufgabe

Wie denkt man darüber, eine Aufgabe im Leben zu haben, die dem Leben Inhalt und Struktur gibt? Diese Aufgabe könnte das Leben ausfüllen, erfüllen, und zur Lebensaufgabe werden.

Muss man diese Aufgabe krampfhaft suchen? Muss man mühevoll in sich selbst graben, um schließlich etwas zu finden, was einen erfüllt und dann auch begeistert? Oder fliegt einem seine Aufgabe gewissermaßen zu?

Viktor Frankl vertrat die Ansicht – gestützt auf seine eigenen Erfahrungen im Leben, aber auch auf seine beruflichen Erfahrungen -, dass der persönliche Auftrag schon im Menschen liege. Er formulierte es so: „Wir erfinden unseren Auftrag in dieser Welt nicht, sondern wir ent-decken ihn. Er liegt in uns und wartet darauf, verwirklicht zu werden. Jede/r hat eine persönliche Berufung oder Mission im Leben; jede/r muss einer bestimmten Aufgabe nachkommen, die auf Erfüllung drängt. Der Auftrag jedes Menschen ist genauso einzigartig wie die Chance, ihn zu erfüllen.“.

Der persönlichen Aufgabe kann man oft näherkommen, wenn man sich in seine Kindheit zurückversetzt. Was war es, was man sich damals in seiner Phantasie ausmalte? Wovon träumte man? Was wollte man gerne sein? Diese und ähnliche Fragen lassen sich bis in die Gegenwart hinein verlängern und etwas anders formulieren. „Was ist die tiefste Sehnsucht?“, „Was berührt mich zutiefst?“ oder „Was begeistert mich zutiefst?“ sind Beispiele für etwas konkreter formulierte Fragen, die den Klärungsprozess unterstützen.

Ist eine Aufgabe, die das Leben durchzieht, ohne Begeisterung denkbar? Wohl kaum! Begeisterung muss echt sein und tief aus einem selbst kommen. Wenn eine Sache es nicht wert ist, dass man sich für sie begeistern kann, dann wird Begeisterung ein kurzes Strohfeuer sein. Dann wird Begeisterung in „Ja, aber …“-Sätzen ertränkt. Doch wer seine Begeisterung lebt, dessen Seele wird garantiert nicht runzlig. Begeisterung spürt man einem Menschen ab.

Begeisterte Menschen scheinen nicht aufzuhalten zu sein. Sie brennen für etwas, das sie als für sich persönlich sinnstiftend erkannt haben. Bei ihnen sind emotionale Zentren im Gehirn aktiviert und neuroplastische Botenstoffe werden ausgeschüttet. Das sogenannte Belohnungssystem ist aktiv und motiviert zum Handeln.

Begeisterung produziert positive Bilder vor dem inneren Auge. Diese Bilder verlöschen nicht, auch dann nicht, wenn viele Hindernisse im Weg liegen. Auch Albert Schweitzer erfuhr viele Widrigkeiten, aber seine Begeisterung für seine Sache blieb erhalten. Er ließ sich nicht unterkriegen.

Dankbarkeit für erfüllende Beziehungen

Wenn man an zwischenmenschliche Beziehungen denkt, woran denkt man dann als Erstes? Denkt man an Verletzungen und Enttäuschungen, die man schon erlebt hat? Vielleicht ist es so, dass man von Mitmenschen schon schwer enttäuscht wurde. Dann ist man in bester Gesellschaft. Es scheint in der Tat völlig unmöglich zu sein, durch das Leben zu gehen ohne von Mitmenschen enttäuscht und verletzt zu werden.

Sind Enttäuschungen Grund genug, sich zurückzuziehen und niemand mehr an sich heranzulassen? Schließlich gibt es auch die andere Seite der Medaille. Beziehungen können sehr erfüllend sein. Man erfährt Zuneigung und Wertschätzung von Mitmenschen. Man erlebt, dass Mitmenschen einem ihr Vertrauen schenken.

In einer Partnerschaft, in einer Freundschaft öffnen sich Menschen füreinander, geben viel voneinander preis. Man weiß um die Stärken, Schwächen, Unvollkommenheiten des Anderen und liebt ihn trotzdem. Der Schriftsteller und Philosoph Elbert Hubbard fand in Bezug auf Freundschaft folgende Worte: „Der Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt.“.

Antoine de Saint-Exupéry, Pilot und Schriftsteller, formulierte es noch umfassender: „Ich erkenne die Freundschaft daran, dass sie sich nicht enttäuschen lässt, und ich erkenne die wahre Liebe daran, dass sie nicht gekränkt werden kann.“. Sind nicht erfüllende Beziehungen ein veritabler Grund für Dankbarkeit und sogar Begeisterung?

Dankbarkeit für das Sein

Kann man für das Sein, das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen, dankbar sein? Viele Menschen können es nicht. Doch ändert diese Haltung etwas an der unumstrittenen Tatsache, dass Dankbarkeit das Leben langfristig glücklicher macht?

Wenn man dankbar ist, kann man positive Erlebnisse und Erfahrungen intensiver genießen. Man erlebt weniger negative Gefühle, wie beispielsweise Ärger, Wut, Neid, Eifersucht, Angst und Schuld. Ein wesentlicher Grund dafür ist eine gesteigerte Selbstwertschätzung, die einem auch dabei hilft, mit Belastungen leichter und besser umzugehen. Eine Grundhaltung der Dankbarkeit führt indirekt auch dazu, dass man sich hilfsbereiter verhält. Dadurch wird wiederum die soziale Verbundenheit gestärkt und man kann leichter Beziehungen knüpfen.

Dass Dankbarkeit das Leben bereichert, erfahren unzählige Menschen tagtäglich und immer wieder aufs Neue. Selbst in schweren Zeiten kann Dankbarkeit dazu beitragen, das Leben besser zu bewältigen. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hielt während seiner Haftzeit fest: „Dankbarkeit macht das Leben erst reich.“. Und auch der Theologe Friedrich von Bodelschwingh machte die Erfahrung, dass Dankbarkeit das Leben in schwierigen Zeiten erhellen kann. Er kleidete es in folgende Worte: „Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste danken lernt.“.

Es verwundert nicht, dass dankbare Menschen hilfsbereiter, einfühlsamer, optimistischer und glücklicher sind. Sie erleben mehr positive Gefühle, wie beispielsweise Freude, Begeisterung, Zufriedenheit, Hoffnung und Inspiration. Daraus wiederum folgt auch ein Zusammenhang zwischen Dankbarkeit und Glücksempfinden. Der Benediktinermönch David Steindl-Rast betrachtet Dankbarkeit gewissermaßen als das Tor zum Glück. Eine dankbare Haltung verleiht jedem schönen Erlebnis, jeder schönen Erfahrung, jedem Geschenk und jeder Begegnung eine neue Bedeutung.

Anti-Aging für die Seele wirkt nach außen

Was ist zu erwarten, wenn man sich in seinem Leben um ein konsequentes und nachhaltiges Anti-Aging für die Seele kümmert? Zweifellos wird man eine positive Lebenseinstellung entwickeln, die immer wieder zu Begeisterungsmomenten führen wird. Immer wieder wird man Glück und Zufriedenheit empfinden. Dies wird sich wiederum unweigerlich auf die eigene Ausstrahlung auswirken. Die Seele strahlt nach außen.

Auch wenn die Seele nicht runzelig ist, lässt sich der natürliche Alterungsprozess des Körpers nicht verhindern. Doch selbst eine runzelige Haut kann eine Schönheit ausstrahlen, wenn die Seele positiv erfüllt ist.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.