Die infantile Liebe folgt dem Prinzip: ‚Ich liebe, weil ich geliebt werde …

„Die infantile Liebe folgt dem Prinzip: ‚Ich liebe, weil ich geliebt werde.‘ Die reife Liebe folgt dem Prinzip: ‚Ich werde geliebt, weil ich liebe.‘ Die unreife Liebe sagt: ‚Ich liebe dich, weil ich dich brauche.‘ Die reife Liebe sagt: ‚Ich brauche dich, weil ich dich liebe.‘“

Erich Fromm
Die infantile Liebe folgt dem Prinzip, E. Fromm - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Erich Fromm (1900-1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe. Er versuchte, psychologisches und soziologisches Denken zu verbinden. Für Fromm ist die Freiheit zentrales Kriterium der menschlichen Natur.

Sein Hauptinteresse galt der Erforschung der psychischen Voraussetzungen für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben. Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben ihn als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert.

Infantile, unreife oder reife Liebe?

Lisa (*) und Dirk (*) lebten zusammen in Dirks Wohnung in einer Beziehung. Dirk hatte längere Zeit kein regelmäßiges Einkommen. Lisa übernahm von sich aus und freiwillig einen erheblichen Teil der laufenden Kosten. Und sie zeigte sich auch ansonsten recht großzügig. Gemeinsame Unternehmungen finanzierte sie meist aus ihrer Tasche. Dirk ließ es sich also auf Lisas Kosten gutgehen.

Schließlich gelang es Dirk, ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen. Bald gab er Lisa zu verstehen, dass er die Beziehung beenden wolle und gab ihr den sprichwörtlichen Laufpass. Für Lisa kam dies sehr überraschend. Sie musste kurzfristig aus seiner Wohnung ausziehen. Verständlicherweise war sie sehr davon enttäuscht, wie Dirk gehandelt und dass er sie so einfach abserviert hatte.

Ermutigung und Inspiration: Übersicht aufrufen

Von außen betrachtet stellt sich die Frage, was die Beziehung eigentlich zusammenhielt. War es ein Verliebtsein? War es die Möglichkeit, Bedürfnisse zu befriedigen? Oder war es die Möglichkeit, dem Alleinsein zu entgehen? Oder …? Eine reife Liebe war es jedenfalls sicher nicht, was die beiden miteinander verband.

Es drängt sich die Vermutung auf, dass Dirk sich unterschwellig von so etwas wie „Ich liebe dich, weil ich dich brauche“ leiten ließ. Wenn sich Lisa eine reife Liebe wünschte, sie aber nicht erleben konnte, bedeutet dies auch, dass sie nicht wirklich auf sich und ihre Bedürfnisse achtete. Sie nahm sich gewissermaßen selbst nicht ernst. Und in der Konsequenz übernahm sie auch keine Verantwortung für sich.

So blieb die Beziehung ziemlich an der Oberfläche. Sehr wahrscheinlich wäre die Beziehung irgendwann ohnehin zerbrochen, wenn auch aus einem anderen Grund. Wenn der eine nur überwiegend konsumiert, der andere nur überwiegend gibt, entsteht eine dauerhafte Unwucht. Es ist keine Beziehung auf Augenhöhe. Eine solche Beziehung wird auf Dauer nicht die geringste Chance haben, ohne dass einer der Partner in der Beziehung dauerhaft leidet, es sei denn, ein Partner lässt sich bewusst darauf ein.

Konsumieren oder investieren?

Für Erich Fromm ist Liebe eine Kunst, die man erlernen muss. Und wenn man etwas erlernen muss, beispielsweise ein Handwerk, das Musizieren mit einem Instrument, oder das Behandeln von Erkrankungen als Arzt, muss zwingend investiert werden. Zumindest müssen Zeit und Aufmerksamkeit investiert werden. In der Konsequenz ist Liebe sinnentsprechend nichts Passives und hat mit Konsumieren nichts zu tun.

Das Erlernen der Liebe ist und bleibt eine stetige Herausforderung. Der Paartherapeut Roland Weber unterscheidet fünf Phasen einer Beziehung. Die erste Phase, die Verliebtheitsphase, dauert etwa 3 bis 18 Monate. Es ist die Zeit, in der man gewissermaßen blind vor Liebe ist. Die Partnerin bzw. der Partner wird durch die sprichwörtliche rosarote Brille gesehen. Die Schattenseiten des Anderen werden mehr oder weniger ausgeblendet und nicht gesehen.

In den weiteren Beziehungsphasen einer Partnerschaft werden die Schattenseiten des Anderen bewusst. Enttäuschungen im Sinne von Ent-täuschungen werden erlebt und durchlebt, d. h. Täuschungen werden aufgedeckt. Die Partnerin bzw. der Partner wird ohne Maske erlebt, und Masken würden auch nichts mehr nützen. Die Stärken und Schwächen des Anderen lernt man kennen, letztere vielleicht auch schmerzhaft. Gegenseitige Akzeptanz erwächst. Auch Abgrenzung erfolgt und eigene Räume außerhalb des „Wir“ werden wieder besetzt.

Während einer Beziehung werden mancherlei Höhen und Tiefen erlebt. Viele Dinge geschehen, die in der Beziehung ausgehalten werden. Sie treiben nicht auseinander, sondern schweißen zusammen – oder besser ausgedrückt – die Partner lassen sich nicht auseinandertreiben. Sie arbeiten an ihrer Beziehung, weil sie einander wichtig sind. Und dann gilt auch das „Ich brauche dich, weil ich dich liebe“.

Für die Partner ergibt sich dann auch Raum, gemeinsam neue Ziele zu finden, neue Vorhaben zu beginnen. Der Beziehung wird vor dem Hintergrund gewachsener Vertrautheit ein gemeinsamer tieferer Sinn geschenkt.

Liebe kann nichts Passives sein

Die Liebe muss in einem selbst entwickelt werden, damit eine reife Liebe entstehen kann. Auch aus diesem Blickwinkel ist Liebe nichts Passives, sondern sie wird aktiv. Wenn es denn eine reife Liebe sein oder werden soll, die Menschen miteinander verbindet, kann die Frage nicht lauten: „Was kann der andere für mich tun und sein?“. Sie lautet vielmehr: „Was kann ich für den anderen tun und sein?“

Eine infantile, d. h. eine auf kindlicher Entwicklungsstufe stehengebliebene, und eine unreife Liebe tragen demgegenüber immer den Gedanken eines Handels in sich. Bei diesem Handel werden ständig Plus und Minus gegeneinander abgewogen und aufgerechnet. Emma Goldman brachte es so auf den Punkt: „Wenn man Liebe nicht bedingungslos geben und nehmen kann, ist es keine Liebe, sondern ein Handel, in dem ständig Plus und Minus gegeneinander abgewogen werden.“. Insofern hat eine reife Liebe auch den Charakter einer bedingungslosen Liebe.

Auf die eigenen Bedürfnisse achten

Lisa hätte sich sehr wahrscheinlich einiges erspart, wenn sie auf sich und ihre Bedürfnisse geachtet hätte. Sicherlich wurden einige ihrer Bedürfnisse erfüllt, beispielsweise das Bedürfnis, nicht alleine zu sein. Aber andere Bedürfnisse blieben auf der Strecke, beispielsweise das Bedürfnis, um ihrer selbst willen geliebt zu werden.

Hätte Lisa die Beziehung von sich aus beendet, wenn sie auf sich geachtet hätte? Wahrscheinlich schon. Sie hätte sich eine Enttäuschung erspart.

* Name geändert

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.