Je weniger der Mensch um ein Ziel seines Lebens weiß …Lesezeit: 9 Min.

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„Je weniger der Mensch um ein Ziel seines Lebens weiß, desto mehr beschleunigt er auf seinem Lebensweg das Tempo.“

Viktor Frankl
Je weniger der Mensch um ein Ziel, V. Frankl - Gestaltung: privat
Gestaltung: privat

Viktor Frankl (1905-1997) war ein österreichischer Neurologe und Psychiater. Er begründete die Logotherapie und Existenzanalyse, die vielfach auch als die „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ bezeichnet wird.

Orientierungslos im Leben unterwegs?

Sandra (Name geändert) steckte in einer Lebenskrise. Sie hatte ein Studium erfolgreich abgeschlossen. Eine vielversprechende berufliche Laufbahn stand ihr offen. Es gab eine Beziehung, die jedoch in die Brüche ging. In ihrem Leben kam einiges zusammen, was bei ihr schließlich eine Depression auslöste. Außerdem trank sie zu viel.

In gewisser Weise war Sandra im Leben orientierungslos unterwegs. Es gab kein Ziel in ihrem Leben, an dem sie sich hätte orientieren können. Auch auf die mit dem Lebensziel eng verwandte Sinnfrage hatte sie noch keine Antwort gefunden. Ein Lebensziel ist schließlich nur dann erstrebenswert, wenn es sich mit dem Lebenssinn vereinbaren lässt.

Wenn Sandra kein sinnstiftendes Ziel im Leben hat, geht sie dann nicht in der Konsequenz sich selbst aus dem Weg? Und verbaut sie sich dann nicht auch selbst den Weg zu ihrer inneren Kraftquelle?

Welche Konsequenzen hat Orientierungslosigkeit?

Angenommen, man will eine Reise unternehmen. Man fährt einfach los, ohne ein Ziel zu haben. Würde nicht von Vornherein jegliche Orientierung fehlen? Würde man nach der Rückkehr sagen können: „Ich habe das gesehen, was ich sehen wollte, und das erlebt, was ich erleben wollte“? Sicherlich nicht!

Vielleicht fühlte man sich selbst schon einmal an einem fremden Ort orientierungslos. Wie hat man in einer solchen Situation reagiert? Hat man versucht, klare Gedanken zu fassen und überlegt zu handeln? Oder hat man hektisch und konfus reagiert? Wie hat man sich konkret gefühlt?

In gewisser Weise gleicht Orientierungslosigkeit einem Vakuum, verstanden als leerer Raum, der gefüllt werden kann. Auch wenn Sinn und Ziel des Lebens nicht geklärt sind, besteht im übertragenen Sinn ein Vakuum. Wie wird es gefüllt? Drei der Möglichkeiten seien an dieser Stelle kurz skizziert.

Flucht in die Betäubung

Menschen, die wie Sandra an einer Depression leiden, empfinden sich oft als mutlos, antrieblos, ohne Energie, überfordert, innerlich unruhig. Sie wirken teilnahmslos, interesselos, niedergeschlagen, weinerlich. Sie können sich schlecht konzentrieren, grübeln häufig, empfinden Gleichgültigkeit, eine tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Das Leben kann sinnlos erscheinen und schließlich den resignierenden Gedanken auslösen, dem Leben durch Selbstmord ein Ende zu setzen. Die Symptome sind je nach Grad der Depression (leicht, mittelgradig, schwer) unterschiedlich ausgeprägt.

Sandras Leben scheint sich eher dem Stillstand anzunähern. Sie zieht sich in sich zurück. Ihre sozialen Kontakte werden immer weniger. Wie ist vor diesem Hintergrund vorstellbar, dass Sandra auf ihrem Lebensweg das Tempo sogar beschleunigt?

So paradox es klingt: Sandra beschleunigt das Tempo tatsächlich, und zwar das Tempo in Richtung Selbstzerstörung. Wenn sie in ihrem Leben nichts ändert, werden sich Depressionen und Verdrängung durch Alkohol gegenseitig verstärken.

Die Frage stellt sich ganz allgemein: trinkt man, weil man depressiv ist oder wird man andererseits depressiv, weil man trinkt? Beides trifft zu. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und der Entwicklung einer Depression. Meistens ist jedoch erhöhter Alkoholkonsum die Folge der Depression. Alkohol wird als das geeignete Mittel betrachtet, um die Symptome der Depression zu dämpfen. Wenn jedoch nicht frühzeitig gegengesteuert wird, kann sich eine Alkoholabhängigkeit mit allen ihren Begleiterscheinungen und Folgen entwickeln.

Natürlich ist auch Sandra klar, dass Alkohol in Wirklichkeit nicht hilft. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954) drückte es treffend aus: „Ich trank, weil ich meine Sorgen ertränken wollte, aber jetzt haben die verdammten Dinge gelernt zu schwimmen.“ Alkohol kann nur eine Zeit lang betäuben, aber kein einziges Problem lösen, und sei es auch noch so klein. Trotzdem trinkt Sandra.

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Flucht in Aktivitäten

Litte Sandra nicht unter einer Depression, würde sie vielleicht durch Flucht in Aktivitäten das Tempo auf ihrem Lebensweg beschleunigen. Bedürfnisse, insbesondere das Bedürfnis, sich selbst zu spüren, aber auch das Bedürfnis, Anerkennung von anderen zu erlangen, würde sie in Aktivitäten treiben.

Vielleicht würde Sandra eine Liste mit Dingen (Bucket List) erstellen, die sie im restlichen Leben gerne noch tun, erleben oder erreichen möchte. Diese Liste könnte sie dann mehr oder weniger systematisch abarbeiten. Wenn sie beispielsweise einen Fallschirmsprung aus großer Höhe absolviert, wird sie sich intensiv spüren und sie wird sich auch der Anerkennung im Kreis der ihr nahestehenden Personen sicher sein können.

Möglicherweise würde Sandra intensiv reisen und so viele Aktivitäten wie nur möglich in einen Tag packen. Sie wäre von morgens bis spätabends unterwegs, würde viel erleben.

An Möglichkeiten, das Leben mit Aktivitäten auszufüllen, besteht heute keinerlei Mangel. Es gibt sogar ein deutliches Überangebot. Auch Sandra müsste aus den vielerlei Möglichkeiten auswählen. Doch in Wirklichkeit würde sie sich ablenken und die Aufgabe vernachlässigen, ihrem Leben Orientierung zu geben.

Hinnahme von Fremdbestimmung

Natürlich möchte Sandra, wie jeder andere Mensch auch, ihr Leben selbst bestimmen. Doch auch Mitmenschen wollen beeinflussen und für ihre Ziele instrumentalisieren. Da ist beispielsweise der Verein, in dem man Mitglied ist. Es gibt Aufgaben zu erledigen und meist zu wenige Mitglieder, die diese Aufgaben übernehmen wollen.

Sandra übernimmt möglicherweise Aufgaben, obwohl sie dies eigentlich nicht will. Doch sie lässt sich dafür vereinnahmen. Da sie im Leben kein Ziel hat, kann sie keine klaren Grenzen ziehen. Hätte sie ein klares Ziel, wüsste sie, ob die Aufgabe im Verein zu ihrem Lebensziel passt oder nicht.

Immerhin gewinnt Sandra durch die Übernahme der Aufgabe Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung. In jedem Fall wird sich ihr Lebenstempo erhöhen, es sei denn sie kompensiert die Mehrbelastung an anderer Stelle.

Wo ist das Ziel zu suchen und zu finden?

Wenn man eine Reise plant, sucht man sich ein Ziel aus einer endlichen Menge möglicher Ziele aus. Doch wie sucht man, um im Bild zu bleiben, das Ziel seines Lebens aus? Es gibt keinen Atlas, keinen Globus. Oder doch?

Es gibt durchaus viele Ideengeber für Lebensziele. Beispielhaft und stellvertretend sei das Ziel des materiellen Wohlstands genannt. Demnach wäre es das Lebensziel, möglichst viel Geld zu verdienen. Dann könnte man sich Wünsche erfüllen, sich möglicherweise sogar frühzeitig aus dem Berufsleben zurückziehen, und dann ein angenehmes Leben führen.

Erkenntnisse verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, insbesondere der Psychologie, aber auch der Neurobiologie, deuten klar in eine andere Richtung! Ein Mensch benötigt andere Menschen, für die er Bedeutung hat. Dann erlebt er Sinn in den zwischenmenschlichen Beziehungen und Bindungen. Konkret auf Sandra bezogen: sie braucht andere Menschen, für die sie Bedeutung hat. Sie braucht in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen Anerkennung, Zuwendung und Sympathie. So wird auch ihr Bedürfnis nach Wertschätzung befriedigt.

Vor diesem Hintergrund leidet Sandra nur vordergründig an einer Depression und einer sich entwickelnden Sucht. In Wirklichkeit leidet sie an einem Mangel an Sinn. Wollte man einen Begriff für diese Art von Mangel finden, würde „Sinninsuffizienz“ wohl am ehesten passen.

Über sich selbst hinaussehen

Viktor Frankl war überzeugt, dass der Mensch ganz wesentlich von einem Willen zum Sinn angetrieben wird. Gegen Ende seines Lebens diagnostizierte er, dass die Menschen an einem „fundamentalen Sinnlosigkeitsgefühl“ leiden, deren Hauptsymptome Depression, Aggression und Sucht sind. Der nicht wie Tiere instinktgebundene und nicht mehr wie früher in Traditionen verhaftete Mensch steckt nach seiner Ansicht in einem existenziellen Vakuum. Weder wissend, was er muss (wie das Tier) noch wissend, was er soll (Tradition), scheint nicht mehr so recht zu wissen, was er überhaupt will. Wenn er nur noch das will, was die anderen tun, dann verliert er sich in Konformismus. Und wenn er dann auch nur das tut, was die anderen wollen, dann landet er im Totalitarismus.

Menschen haben, im Vergleich zu früheren Zeiten und zumindest in den Ländern Westeuropas, eine enorme Freiheit, sich unabhängig von äußeren Einflüssen entscheiden zu können. Diese individuelle Freiheit führt jedoch zu Ratlosigkeit. Je zahlreicher die Wahlmöglichkeiten sind und je weniger sich etwas Gewähltes aus dem Alltäglichen heraushebt, desto hektischer verläuft die Sinnsuche, was sich in diesem Zitat ausdrückt.

Alles Streben nach Glück, so Viktor Frankl, Selbstverwirklichung, Erfüllung, bleibt erfolglos, wenn es dem Menschen nicht gelingt, seinen ganz individuellen, eindeutigen Sinn zu finden. Damit ihm dies gelingt, muss er dazu in der Lage sein, über sich selbst hinauszusehen. „Das Menschsein weist immer über sich selbst hinaus, auf etwas oder jemanden hin, auf eine Sache, in deren Dienst man sich stellt, oder auf einen Mitmenschen, dem man sich liebend hingibt. Nur im Dienst einer Sache und in der Liebe zu einer Person wird der Mensch ganz er selbst, ist er ganz Mensch.“

Gutes und Sinnvolles tun – ganz praktisch

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Sandras weiterer Weg

Sinn und Ziel sind eng miteinander verwoben. Sandra wurde bewusst, dass sie sich bisher um Sinn und Ziel ihres Lebens zu wenig gekümmert hatte. Die Perspektive, ihren individuellen Lebenssinn und ihr individuelles Lebensziel finden zu können, löste bei ihr selbst in ihrer Depression Optimismus aus.

Sandra wird sich die Zeit zugestehen, die sie für diesen Findungsprozess braucht. Ihr ist bewusst, dass sie Sinn und Ziel selbst finden muss. Niemand kann diese Aufgabe für sie übernehmen. Viktor Frankl drückte es so aus: „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.“.

Wenn Sandra Sinn und Ziel gefunden hat, beides für sie stimmig ist und sie selbst zutiefst überzeugt ist, wird sich dies auf ihr gesamtes Leben auswirken. Sehr wahrscheinlich wird sie ihre Depression mit professioneller Unterstützung durch eine psychologische Fachperson überwinden können. Auch die Gefahr, in eine Sucht zu flüchten, wird nicht mehr bestehen.

Dank der lebensfördernden Kraft, freigesetzt durch den gefundenen Sinn, wird Sandra ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Sie muss nicht (mehr) etwas hinterherrennen, was nicht zu ihrem Lebenssinn passt. Auch die Anfälligkeit, sich das Lebenstempo von anderen erhöhen zu lassen, ist nicht (mehr) gegeben.

Sandra wird (wieder) über sich selbst hinaussehen können. Sie wird zwischenmenschliche Beziehungen wieder stärken und neue Kontakte knüpfen. Der Weg zu einem erfüllten Leben ist für Sandra vorgezeichnet.

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Ich bin Dieter Jenz, Begleiter, Berater und Coach mit Leidenschaft. Über viele Jahre hinweg habe ich einen reichen Schatz an Kompetenz und Erfahrung erworben. Meine Themen sind die "4L": Lebensaufgabe, Lebensplanung, Lebensnavigation und Lebensqualität.